{"id":457,"date":"2005-02-06T17:08:04","date_gmt":"2005-02-06T15:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=457"},"modified":"2016-03-20T10:26:44","modified_gmt":"2016-03-20T09:26:44","slug":"uber-den-zusammenhang-von-wirtschaftskrise-und-npd-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=457","title":{"rendered":"\u00dcber den Zusammenhang von Wirtschaftskrise und NPD-Erfolg"},"content":{"rendered":"<p>In allen Bl&auml;ttern heute: der Vorwurf Stoibers (WamS vom 6.2.) an Schr&ouml;der, letzterer sei wegen der hohen Arbeitslosigkeit verantwortlich f&uuml;r das Erstarken der NPD, und die Gegenwehr von Bundesregierung und SPD, Stoiber habe &bdquo;unterstes Niveau&ldquo; erreicht. Das zwingt zu einigen Anmerkungen. Stoiber hat mit seiner Analyse vermutlich recht, mit seiner Schuldzuweisung allein an die jetzige Regierung nicht.<br>\n<!--more--><br>\nWenn man mit dem Finger auf jemanden zeigt, dann weisen 4 Finger auf den Ankl&auml;ger zur&uuml;ck: Mit ihrem de facto seit der Wende von 1982 betriebenen neoliberalen Kurs und vor allem mit der prozyklischen Politik Anfangs der 90er-Jahre haben Union und FDP ganz wesentlich die miserable wirtschaftliche Lage verursacht. Seit sie in der Opposition sind, fordern sie st&auml;ndig noch mehr Reformen in diese Richtung und haben sich auch gegen jeden Versuch Schr&ouml;ders gewandt, mit einer etwas expansiveren Politik gegen Arbeitslosigkeit und Depression anzugehen. Sie haben als Opposition die Regierung immer wieder in die falsche Richtung getrieben. Sie haben auch systematisch unser Land und seine Qualit&auml;t miesgemacht, CDU, CSU und FDP haben immer wieder das herrschende &bdquo;System&ldquo; miesgemacht und Strukturreformen bis hin zum Systemwechsel gefordert.<br>\nStoiber war und ist zudem als Miesmacher in den vorderen Linien t&auml;tig. Ein bisschen von dem, was Strau&szlig; 1975 in seiner ber&uuml;hmten Sonthofener Rede vertrat (es m&uuml;sse immer tiefer sinken, um das Volk zur politischen Wende zu gewinnen) klingt auch bei Stoiber und seinen Partnern an. Sie spekulieren auf den weiteren wirtschaftlichen Niedergang, um dar&uuml;ber an die Macht zu kommen. Dass eben dieser Niedergang auch den Rechtsradikalen hilft, st&ouml;rt in bi&szlig;chen <\/p><p>Dieser Niedergang und die mit der Reformpolitik und Miesmacherei verbundene Verachtung und Aggression gegen den bisherigen Sozialstaat sind kr&auml;ftige Wasser auf die M&uuml;hlen der Rechten. Wenn Stoiber sagt: &ldquo;Das &ouml;konomische Versagen der Regierung Schr&ouml;der, dieses Ausma&szlig; an Arbeitslosigkeit, bildet den N&auml;hrboden f&uuml;r Extremisten, die letztlich die Perspektivlosigkeit der Menschen ausnutzen und damit die Demokratie in unserem Land gef&auml;hrden&rdquo;, dann hat er mit Ausnahme der alleinigen Schuldzuweisung an die Regierung Schr&ouml;der recht.<br>\nWenn der SPD-Vorsitzende M&uuml;ntefering dem entgegen h&auml;lt, es seien nicht die Arbeitslosen, sondern Leute &ldquo;mit Anzug und Krawatte und viel Geld&rdquo;, die den Aufstieg der NPD bewirken, dann hat er die Zusammenh&auml;nge nicht verstanden. Es mag ja richtig sein, dass Wohlbestallte mit viel Geld das rechtsradikale Rad drehen. Aber wie in Weimar finden sie Zulauf von Arbeitslosen und Arbeitnehmern, die Angst haben um ihren Arbeitsplatz und st&auml;ndig unter Druck stehen, und aus den Reihen des Mittelstands, der von der miserablen Auftragslage in der aktuellen Wirtschaftskrise und von den vielen Insolvenzen gebeutelt ist. Diesen Zusammenhang zu leugnen ist dumm und gef&auml;hrlich. Gef&auml;hrlich deshalb, weil offenbar nicht verstanden wird, dass eine Kurskorrektur dringend geboten ist. <\/p><p>Daf&uuml;r, dass hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit politische Reaktionen bis hin zur Wahl von Rechtsradikalen ausl&ouml;sen, gibt es eine Reihe von Belegen:<\/p><ul>\n<li>Die Erfahrungen in der Weimarer Republik.<\/li>\n<li>Der Anstieg der NPD in Baden-W&uuml;rttemberg auf &uuml;ber 10% in der Folge der ersten Rezession von 1965\/66\/67.<\/li>\n<li>Der Niedergang der politischen Beteiligung in der letzten Zeit &ndash; sichtbar in deutlich sinkender Wahlbeteiligung und dem Austritt vieler Mitglieder aus allen Parteien.<\/li>\n<\/ul><p>Noch eine paar Hinweise auf Zusammenh&auml;nge, die heute wenig zu wenig beachtet werden:<\/p><ol>\n<li>Wenn es keine Alternativen mehr im Parlament gibt, wenn alle Parteien die gleiche Glaubenslehre verk&uuml;nden und darnach handeln, was sollen die W&auml;hler machen? Enthaltung, Protest &ndash; und auch rechts.<\/li>\n<li>Die &uuml;blich gewordene Kritik und Polemik gegen solidarische Sicherungssysteme f&uuml;hrt zur Abwertung von Solidari&auml;t und letztlich auch zur Entsolidarisierung selbst. Mit dieser Politik und der begleitenden Propaganda wird der gesellschaftliche Zusammenhang gef&auml;hrdet, wie einer unserer Leser treffend schreibt. Das ist Wasser auf die M&uuml;hlen rechtsradikaler Denkweisen.<\/li>\n<li>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Verg&ouml;tzung des &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo;. Der Neoliberalismus und seine Glaubensbr&uuml;der setzen auf Egoismus. Der Schritt hin zur rechten Philosophie und Menschenverachtung ist klein.<\/li>\n<li>Die Deklassierung breiter Gruppen bei gleichzeitiger Zurschaustellung des gro&szlig;en Reichtums auf der andren Seite f&uuml;hrt zu Frust, Unmut und Protest &ndash; je nach dem. In diesen Kontext geh&ouml;rt eine Einlassung des Bundeskanzlers beim Kongress der Weltelite in Davos. Er r&uuml;hmte sich gegen&uuml;ber den Wirtschaftsbossen dessen, seine Regierung habe in Deutschland einen Niedriglohnsektor eingef&uuml;hrt. Ich stelle mir vor, was eine solche Bemerkung bei Menschen ausl&ouml;st, die in finanzieller Not sind, weil sie mit Niedrigl&ouml;hnen auskommen m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Das rechtsradikale Denken ist auf mehreren Feldern schon seit l&auml;ngerem vorbereitet worden. Ich erinnere an die Asylanten-Kampagne von CDU, CSU und in einigen Medien wie BILD und Bayerischem Rundfunk zu Beginn der 90e Jahre und an die Anti-Sozialstaatskampagne, die z.B. der SPIEGEL seit l&auml;ngerem schon betreibt. Auf Seite 381 meines Buches &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; sind 9 Spiegel-Titel abgebildet. Die meisten liegen auf rechtspopulistischer Linie. Es klingt wie b ei wie bei Poujade und Glistrup vor &uuml;ber 30 Jahren, damals allerdings wurde derartiges als undemokratisch ge&auml;chtet.<\/li>\n<li>Auch die weit verbreitete Anti-Gewerkschaftskampagne zahlt bei den Rechtsradikalen ein.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In allen Bl&auml;ttern heute: der Vorwurf Stoibers (WamS vom 6.2.) an Schr&ouml;der, letzterer sei wegen der hohen Arbeitslosigkeit verantwortlich f&uuml;r das Erstarken der NPD, und die Gegenwehr von Bundesregierung und SPD, Stoiber habe &bdquo;unterstes Niveau&ldquo; erreicht. Das zwingt zu einigen Anmerkungen. 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