{"id":4586,"date":"2010-02-24T18:26:56","date_gmt":"2010-02-24T17:26:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4586"},"modified":"2020-02-18T18:48:29","modified_gmt":"2020-02-18T17:48:29","slug":"die-seltsamen-bevoelkerungs-prognosen-des-statistischen-bundesamtes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4586","title":{"rendered":"Die seltsamen \u201eBev\u00f6lkerungs-Prognosen\u201c des Statistischen Bundesamtes."},"content":{"rendered":"<p>Am 23.2. &uuml;bermittelte das ZDF-heutejournal absolut treuherzig die neuesten Bev&ouml;lkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes. Man gewann den Eindruck, die wissen bis hinter das Komma, wie vielen Menschen in 50 Jahren im Osten oder im Westen leben werden. Ich dachte, die Quelle dieses Abenteuers sei das ZDF. Eine T&auml;uschung. Das Statistische Bundesamt kann es nicht lassen. Dazu ein Beitrag des NachDenkSeiten-Freundes Gerd Bosbach. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Uuml;berraschende Hintergr&uuml;nde zur aktuellen Bev&ouml;lkerungsdiskussion<\/strong><\/p><p>In regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden schockiert uns das Statistische Bundesamt (StaBu) mit seinem Blick in die Zukunft. Letzte Bl&uuml;te sind die Vorhersagen f&uuml;r das Jahr 2060: &bdquo;Bev&ouml;lkerung im Osten wird besonders schnell zur&uuml;ckgehen und altern.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2010\/02\/PD10__060__12421,templateId=renderPrint.psml\">Pressemitteilung vom 23.2.2010<\/a>)<br>\nIm Detail wei&szlig; das Statistische Bundesamt dann beispielsweise, dass die Bev&ouml;lkerung in Sachsen-Anhalt von 2,352 Millionen Einwohnern im Jahre 2009 auf 1,347 Millionen im Jahre 2060 &bdquo;schrumpft&ldquo;. Angaben auf Tausend Einwohner genau gaukeln dabei eine scheinbare Sicherheit vor &ndash; oder mit Walter Kr&auml;mer zu sprechen &bdquo;Die Illusion der Pr&auml;zision&ldquo;.<\/p><p>&Uuml;ber den Irrglauben irgend eine gesellschaftliche Entwicklung 50 Jahre vorher sagen zu k&ouml;nnen, habe ich schon viel geschrieben. Deshalb hier nur zwei Hinweise:<br>\nWas konnte man 1960 f&uuml;r heute &ndash; 50 Jahre sp&auml;ter &ndash; prognostizieren? Au&szlig;er der Jahreszahl wohl eher nichts. Und die Bev&ouml;lkerungs-Modellrechnungen des StaBu selbst aus dem Jahre 2003 haben sich schon heute als falsch erwiesen.<\/p><p>Dass mit Bev&ouml;lkerungsprognosen Politik gemacht wird, haben wir bei der Privatisierung in der Rentenversicherung und &auml;hnlichen Ans&auml;tzen f&uuml;r die Pflege schon schmerzlich erfahren. Neben der Globalisierung ist die Demografie meist ein Hauptargument, wenn der Sozialstaat beschnitten wird.<\/p><p>Heute muss ich Ihren Blick auf ein anderes sehr wichtiges Ph&auml;nomen lenken:<br>\nSelbst die ver&ouml;ffentlichten Bev&ouml;lkerungszahlen f&uuml;r heute sind falsch. Und dabei geht es nicht um 10 oder 10 Tausend, sondern um Millionen! Und noch schlimmer das Statistische Bundesamt wei&szlig; davon seit sp&auml;testens 2003!!!<br>\nUm nicht sofort als Miesmacher abgestempelt zu werden, zitiere ich mal das Amt selbst:<\/p><p>&bdquo;Bev&ouml;lkerungszahl vermutlich um 1,3 Millionen zu hoch&ldquo;, lautet es in einer Pressemitteilung am 22.7.2008. Aber schon 2004 wird in der Fachzeitschrift des Amtes darauf hingewiesen: &bdquo;Gemessen an den Ergebnissen der Haushaltsbefragung weisen die unbereinigten Melderegister &hellip; eine Karteileichenrate von knapp 4,1% auf.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.statistik-portal.de\/Statistik-Portal\/Zensus\/2004_11_WiSta.pdf\">Wirtschaft und Statistik 8\/2004 [PDF &ndash; 242 KB]<\/a>)<br>\nDa die ver&ouml;ffentlichten Bev&ouml;lkerungsdaten aus den Fortschreibungen mit Hilfe der Melderegister kommen, l&auml;sst die Fehlerquote von 4,1% auf einen noch h&ouml;heren, als den zugegebenen Irrtum bei den Bev&ouml;lkerungsdaten schlie&szlig;en. Vielleicht waren die 1,3 Millionen weniger eher eine Untertreibung und der Pr&auml;sident des Hessischen Statistischen Landesamts lag mit seiner Sch&auml;tzung n&auml;her an der Wirklichkeit: &bdquo;Die Gr&ouml;&szlig;enordnung k&ouml;nne bis zu 5 Prozent betragen, das w&auml;ren gut vier Millionen Menschen.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/article2198344\/Deutschland_hat_weniger_Einwohner_als_vermutet.html\">Zitiert nach Welt Online, 10.7.2008<\/a>)<\/p><p>Angesichts dieser Fakten m&uuml;ssen Mitteilungen wie &bdquo;Im ersten Quartal 2009 ist die Zahl der Einwohner im wiedervereinigten Deutschland erstmals unter die 82-Millionen-Grenze gefallen.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2009\/11\/PD09__417__12411,templateId=renderPrint.psml\">Pressemitteilung StaBu vom 4.11.2009<\/a>) schon als bewusste Irref&uuml;hrung aufgefasst werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das StaBu normalerweise nur die Jahresergebnisse zum 31.12. gro&szlig; in die Presse bringt. Warum dann pl&ouml;tzlich die (falschen) Quartalsdaten?<\/p><p><strong>Aber es kommt noch toller.<\/strong><\/p><p>Nicht nur die reine Anzahl ist falsch, sondern in der Folge auch die berechneten Lebenserwartungen! Vor der knappen Erkl&auml;rung zwei bezeichnende Zitate des Rostocker Max-Planck-Instituts f&uuml;r demografische Forschung:<br>\nUnter der &Uuml;berschrift &bdquo;Weniger Hochbetagte als gedacht&ldquo; hei&szlig;t es:<br>\n&bdquo;Die Fortschreibung in der amtlichen Statistik &uuml;bersch&auml;tzt die Bev&ouml;lkerung, insbesondere im Alter 90 Jahre und &auml;lter. In den alten Bundesl&auml;ndern liegen die offiziellen Zahlen zum Ende 2004 bei M&auml;nnern um rund 40 Prozent zu hoch.&ldquo; !!! (<a href=\"http:\/\/www.zdwa.de\/zdwa\/artikel\/20081023_64854802W3DnavidW2628.php\">Demografische Forschung Nr. 1\/2008<\/a>)<br>\nUnd schon fast lustig mutet die aus den Bev&ouml;lkerungsdaten ermittelte Lang&shy;lebigkeit von Ausl&auml;ndern in Deutschland an: &bdquo;Diese Sch&auml;tzungen zeigten eine au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohe Lebenserwartung der Ausl&auml;nder. Sie &uuml;berstieg sogar die Weltrekordwerte japanischer Frauen.&ldquo; !!! (<a href=\"http:\/\/www.demografische-forschung.org\/archiv\/defo0803.pdf\">Demografische Forschung Nr. 3\/2008 [PDF &ndash; 666 KB]<\/a>) <\/p><p>Auch hierf&uuml;r sind die Gr&uuml;nde bekannt: Melderegisterleichen sterben nicht. Ist die reale Person schon lange tot, kann der Eintrag im falschen Melderegister noch lange weiter leben!<br>\nAber nicht nur die zu viel gez&auml;hlten &Auml;ltereen ergeben die Fehler. Auch f&uuml;r die j&uuml;ngeren Gruppen gilt: Wenn die Bev&ouml;lkerungszahl &uuml;bersch&auml;tzt wird, wird die Sterberate zu niedrig berechnet. Denn diese ergibt sich aus dem Verh&auml;ltnis reale Tote der Altersgruppe zur entsprechenden Bev&ouml;lkerungszahl. Und wenn der Nenner real kleiner ist, wird die tats&auml;chliche Sterberate h&ouml;her. Das ist bei jungen Gruppen kein gro&szlig;er Effekt, aber es f&uuml;hrt auch dort zu einer &Uuml;bersch&auml;tzung der Lebenserwartung. Insider vermuten deshalb notwendige Korrekturen an der Lebenserwartung von bis zu drei Jahren! (Die Quelle kann zum Schutz der Personen hier leider nicht benannt werden.)<\/p><p>Auch diese Zusammenh&auml;nge sind den Fachleuten des StaBu bekannt. Deshalb wird auch an einem neuen Zensus im Jahre 2011 gearbeitet, um dann die Statistik wieder auf solide F&uuml;&szlig;e zu stellen. Das ist gut so.<br>\nAber warum wird in der Zwischenzeit mit wissentlich falschen Daten st&auml;ndig in die &Ouml;ffentlichkeit gegangen? Warum werden Hochrechnungen f&uuml;r das Jahr 2060 wie Fakten herausgegeben, wo man doch wei&szlig;, dass die Basis der Rechnung, die heutige Bev&ouml;lkerungsstruktur und die Lebenserwartung massiv falsch ist?<\/p><p>Leider passt das auch in das Bild der Pressekonferenz zur letzten Bev&ouml;lkerungs&shy;modellrechnung im November 2009. Dort hat der Pr&auml;sident bewusst mit absoluten Daten Panik gemacht, obwohl diese &uuml;berhaupt <a href=\"?p=4347#h01\">keine Aussagekraft besa&szlig;en<\/a>. Und die Pressemitteilung vom Dienstag dieser Woche wiederholt diesen Fehler, angereichert mit zwei weiteren Irref&uuml;hrungen!<\/p><p>F&uuml;r ausgeschlossen halte ich jetzt nichts mehr. Auch nicht, dass die h&auml;ufigen Meldungen &uuml;ber die stark angestiegene Zahl von Fortz&uuml;gen aus Deutschland ein statistischer Artefakt ist, &auml;hnlich wie bei der angeblichen Langlebigkeit von  Ausl&auml;ndern. Beim Versenden der Steuer-Identifikationsnummer fallen n&auml;mlich fr&uuml;her Fortgezogene auf und werden jetzt eventuell bequem als aktuelle Fortz&uuml;ge vermeldet. Wenn diese Bef&uuml;rchtung stimmt, basiert die aktuelle Diskussion auf nicht zugegebenen alten Fehler in den Bev&ouml;lkerungsdaten.<\/p><p>In diesem Artikel wurden zur besseren  Lesbarkeit einige Argumente nur angedeutet. Daraus sollte von interessierter Seite aber keine Oberfl&auml;chlichkeit der Beweisf&uuml;hrung hergeleitet werden. In der hoffentlich folgenden Fachdiskussion werden die Fakten tiefer gehend vorgestellt.<\/p><p>K&ouml;ln, den 24.2.2010<\/p><p>Prof. Dr. Gerd Bosbach<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23.2. &uuml;bermittelte das ZDF-heutejournal absolut treuherzig die neuesten Bev&ouml;lkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes. Man gewann den Eindruck, die wissen bis hinter das Komma, wie vielen Menschen in 50 Jahren im Osten oder im Westen leben werden. Ich dachte, die Quelle dieses Abenteuers sei das ZDF. Eine T&auml;uschung. Das Statistische Bundesamt kann es nicht lassen. Dazu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4586\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,11],"tags":[343,405,1540,1005],"class_list":["post-4586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-strategien-der-meinungsmache","tag-luegen-mit-zahlen","tag-statistisches-bundesamt","tag-zdf","tag-zensus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4586"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58608,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions\/58608"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}