{"id":45869,"date":"2018-09-07T09:00:02","date_gmt":"2018-09-07T07:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45869"},"modified":"2018-09-07T09:35:05","modified_gmt":"2018-09-07T07:35:05","slug":"die-groesste-luege-jeder-ist-seines-glueckes-schmied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45869","title":{"rendered":"Die gr\u00f6\u00dfte L\u00fcge: Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied"},"content":{"rendered":"<p>Ein Leser aus einer Nachbargemeinde hat mir eine Mail geschickt, die ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gesondert zur Kenntnis gebe, weil er interessante Details &uuml;ber den Umgang miteinander aufgeschrieben hat. Das ist ein Thema, das uns alle sehr interessieren muss. Denn wie wir leben, was wir vom Leben haben, h&auml;ngt ganz wesentlich vom Umgang miteinander ab. Nat&uuml;rlich auch von unserer beruflichen, gesundheitlichen und famili&auml;ren Situation. Hier ist die Mail von Andre L&ouml;sing. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>A.L.:<\/strong><br>\nDie NachDenkSeiten haben mir klar gemacht, dass die Verwahrlosung auf manigfaltige Art, die der Neoliberalismus verursacht, nicht blo&szlig;e Spinnerei ist, sondern f&uuml;rwahr tagt&auml;glich geschieht: in unseren Schulen, auf unserer Stra&szlig;e, in unserer Gesellschaft&hellip; &ndash; Mittlerweile finde ich, dass wir in post-neoliberalen Zeiten leben.<br>\nDieses menschenfeindliche System wird immer schlimmer. <\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te post-neoliberale L&uuml;ge ist die, die ich w&auml;hrend meiner Schulzeit beigebracht bekam. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Heute frage ich mich, wie ich diesem Irrglauben anheimfallen konnte, denn: ist es nicht das gr&ouml;&szlig;te Bed&uuml;rfnis jedes Menschen anderen Menschen zu helfen? Mit anderen Menschen etwas zu schaffen?<br>\nOder eben menschlich zu sein? <\/p><p>Der Post-Neoliberalismus hat die Menschen in Deutschland in ein sozial erfrorenes Kastensystem hineingedr&auml;ngt. Heutzutage geht es im Kennenlerngespr&auml;ch nicht mehr darum, was die Hobbies des anderen sind oder wo seine Interessen liegen, sondern es wird der &bdquo;Wert&ldquo; eines Menschen daran festgemacht, womit er beruflich seine Existenz sichert. Und in solchen Gespr&auml;chen f&auml;llt mir in sehr schmerzlicher Art auf, wie sehr dieses System in andere schon verankert ist. <\/p><p>Ich bin selbst Teil der Dienstleistungskaste und das seit 8 Jahren.<br>\nUm es genauer zu fassen: ich arbeite in der Sicherheitsdienstbranche. W&uuml;rde man ausblenden, dass ich fast t&auml;glich weit mehr als 11 Stunden arbeite, k&ouml;nnte man oberfl&auml;chlich behaupten, dass es mir finanziell gut geht. Den Preis, den ich allerdings zahle, ist ein massiver Schwund von Lebensqualit&auml;t und ,-zeit. Dazu m&ouml;chte ich noch anmerken, dass ich nur Nachtdienste verrichte. Ich tue dies nicht, weil ich es so m&ouml;chte. Vielmehr habe ich in all den Jahren keinen Notausgang heraus aus dieser brenzligen Lage gefunden. Trost finde ich in der Kunst und in der Philosophie.<br>\nJa, ich lieb&auml;ugle selber mit dem Gedanken mich als Liedermacher zu t&auml;tigen. Ganz im Geiste von Konstantin Wecker und Reinhard Mey. <\/p><p>Diese prek&auml;re Situation hat mich aber gleichsam aufmerksam gemacht f&uuml;r das soziale Gef&uuml;ge in Deutschland. Wenn ich beispielsweise bei Subway an der Kasse stehe und beobachte, auf welche Art und Weise die Menschen mit den Verk&auml;ufern reden, erkenne ich die gelebte Abf&auml;lligkeit.<br>\nNicht nur, dass es heute scheinbar normal ist, dass man weder &bdquo;Bitte&ldquo; noch &bdquo;Danke&ldquo; sagt; es wird sich heute auch nicht mehr in die Augen geschaut, geschweigedenn ist es m&ouml;glich sich ein L&auml;cheln abzuringen, um damit dem Gegen&uuml;ber wenigstens etwas w&uuml;rdige Wertsch&auml;tzung entgegenzubringen. Dazu kommt, dass ich beobachte, wie die Augen w&auml;hrend des Bestellens immer mehr Richtung Smartphone gerichtet sind. Man kann das also im wahrsten Sinne des Wortes schon gar nicht mehr ein Gespr&auml;ch &bdquo;auf Augenh&ouml;he&ldquo; bezeichnen.<br>\nDaf&uuml;r gebe ich den Menschen aber nicht&nbsp; die Schuld, sondern eher dem Pflegen des Post-Neoliberalismus.<br>\nIch versuche jeden Tag selbst meine Menschlichkeit zu wahren, aber das wird immer schwerer. <\/p><p>Diese abf&auml;llige Arroganz spiegelt sich nicht nur bei einem Gro&szlig;teil der Menschen wider.<br>\nAuch unserer &bdquo;Volkspolitiker&ldquo; haben den realen Bezug zu ihrem W&auml;hler verloren.<br>\nSo macht mich momentan auch der Umgang mit dem folgenden Thema w&uuml;tend. <\/p><p>Was in Chemnitz passiert ist, kann ich verstehen. Das bedeutet nicht, dass ich es guthei&szlig;e.<br>\nIn all der hysterischen Berichtserstattung, die lediglich darauf zielt, m&ouml;glichst viel Aufmerksamkeit zu erhaschen, um m&ouml;glichst viel Umsatz zu machen, f&auml;llt mir zunehmend auf, dass im selben Atemzug der historische Werdegang der Stadt Chemnitz unter dem Teppich gekehrt wird.<br>\nChemnitz war einst eine bl&uuml;hende und bedeutende Stadt. Diese Stadt ist nach und nach dabei auszusterben, und das ist Tatsache: viele junge Menschen sehen keine Bleibeperspektive mehr in dieser Stadt und ziehen weg. Meist in den Westen Deutschlands. <\/p><p>Au&szlig;erdem wird nicht oft genug gesagt, dass Daniel H. (das Opfer) selbst Teil der &bdquo;linken Szene&ldquo; war. Sein Vater ist kubanischer Abstammung. Somit wird, in meinen Augen, nicht deutlich gemacht, dass dieser ganze Aufmarsch eine reine Instrumentalisierung der rechten Szene ist. <\/p><p>Wenn ich mir ansehe, in welch arroganten Ton die Medien &uuml;ber die sozial mutierten Symptome in dieser Stadt sprechen, wird mir spei&uuml;bel. Diesen Zustand hat nicht nur das Scheitern der Bundesregierung zu verantworten (denn sie k&ouml;nnte diese Stadt attraktiver machen, indem sie darin investiert), nein; es sind auch unsere Leitmedien, die einen sehr gro&szlig;en Teil der Mitschuld tragen.<br>\nPauschalisierung ist der Favorit bei der Wahl der journalistischen Instrumente geworden &ndash; so scheint es mir. <\/p><p>Ich finde es gut, dass auf kultureller Seite aus ein Zeichen gesetzt wird mit dem Konzert #wirsindmehr. Nur helfen uns Konzerte nicht im Kampf gegen menschenfeindliche Konzerne. <\/p><p>Es wird Zeit, dass wir #aufstehen! <\/p><p>Durch meine Arbeit im Nachtdienst habe ich viele Menschen kennengelernt, welche die meiste Zeit ihres Lebens in kleinen Fahrerh&auml;usern von 40-Tonnern verbringen. Ich bin ganz ehrlich: die meisten unter ihnen kommen aus Rum&auml;nien oder Russland, und das sind die herzlichsten Menschen, die ich kenne. Insofern hege ich allein deshalb schon eine russophile und auch europ&auml;ische Sicht, da es mir pers&ouml;nlich in der Seele weh tut, wie noch heute &uuml;ber diese Menschen berichtet wird. Und ich sage bewu&szlig;t &uuml;ber diese Menschen. Auf der einen Seite wird immerzu gesagt, dass die westliche Welt eine so eingeschwei&szlig;te Gemeinschaft sei.<br>\nAuf der anderen Seite blendet man mit &uuml;bergro&szlig;en Eifer aus, dass Moskau die gr&ouml;&szlig;te Hauptstadt Europas ist, dass Osteurop&auml;er weniger wert seien, als andere Europ&auml;er, und wenn ich dann noch einmal lese, wie man eigentlich mit Griechenland, dem eigentlichen Mythos Europas, umgeht, dann sch&auml;me ich mich zutiefst, was aus diesem vermeintlich so aufgekl&auml;rten und empathischen Europa eigentlich geworden ist. Ich will dann kein Europ&auml;er sein&hellip; <\/p><p>Daher m&ouml;chte ich nochmals sagen: es wird Zeit, dass wir #aufstehen! <\/p><p>Die Sammelbewegung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, und ich werde sie genauso unterst&uuml;tzen, wie ich ihre Seite unterst&uuml;tze. Ich finde es gut, dass sie Werbung f&uuml;r dieses Projekt machen, denn es bietet das, was die Menschen suchen: Hoffnung! <\/p><p>Ich k&ouml;nnte nun noch weiter ins Detail gehen, was Ihre Arbeit jeden Tag positiv f&uuml;r mich bewirkt, aber dann w&uuml;rde ich das Wichtigste meiner E-Mail vergessen. <\/p><p>Ich danke Ihnen vielmals, dass Sie dieses Projekt damals ins Leben gerufen haben und noch heute aufrechterhalten.<br>\nIch w&uuml;nsche Ihnen viel Kraft und Mut! <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nAus G&ouml;cklingen <\/p><p>Andre L&ouml;sing<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leser aus einer Nachbargemeinde hat mir eine Mail geschickt, die ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gesondert zur Kenntnis gebe, weil er interessante Details &uuml;ber den Umgang miteinander aufgeschrieben hat. Das ist ein Thema, das uns alle sehr interessieren muss. 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