{"id":45875,"date":"2018-09-07T10:00:27","date_gmt":"2018-09-07T08:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45875"},"modified":"2022-04-19T11:29:53","modified_gmt":"2022-04-19T09:29:53","slug":"chemnitz-ist-das-punktuelle-brennglas-wilhelm-heitmeyer-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45875","title":{"rendered":"\u201eChemnitz ist das punktuelle Brennglas\u201c &#8211; Wilhelm Heitmeyer im Interview"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180907_heitmeyer.jpg\" alt=\"Wilhelm Heitmeyer\" title=\"Wilhelm Heitmeyer\"><\/div><p>Die Eruptionen von Chemnitz haben sich lange angek&uuml;ndigt, sagt der Soziologe und Erziehungswissenschaftler <strong><a href=\"http:\/\/www.uni-bielefeld.de\/ikg\/personen\/wilhelm_heitmeyer.html\">Wilhelm Heitmeyer<\/a><\/strong> im Interview. Die Rufe nach einer &bdquo;klaren Kante&ldquo; gegen &bdquo;Nazis&ldquo; bezeichnet er ebenso als &bdquo;leere Eliten-Rituale&ldquo; wie die aktuelle &bdquo;Emp&ouml;rung&ldquo; weiter Teile der Politik. In Chemnitz &auml;u&szlig;ere sich dieser Tage eine explosive Mischung aus kulturellen und sozialen Problemen &ndash; fr&uuml;he Warnungen seien als &bdquo;Alarmismus&ldquo; abgetan worden. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9736\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-45875-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=45875-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180907_Chemnitz_ist_das_punktuelle_Brennglas_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Als Sie letzte Woche die Bilder der Demonstrationen in Chemnitz gesehen haben &ndash; haben Sie sich da im Stillen gedacht: &bdquo;Ich habe es schon immer gesagt&ldquo;? Schlie&szlig;lich stellen Sie &ndash; basierend auf Ihren anerkannten Langzeitstudien &ndash; seit den 90er Jahren die nun aufbrechende Problementwicklung dar.<\/strong><\/p><p>Die Ereignisse von Chemnitz sind ja nicht pl&ouml;tzlich vom Himmel gest&uuml;rzt. Insofern sind auch manche &Auml;u&szlig;erungen und Verwunderungen insbesondere von politischen Eliten selbst verwunderlich. Au&szlig;erdem muss man die Analyse breiter anlegen. In 2001 habe ich einen Aufsatz  ver&ouml;ffentlicht mit dem Titel &bdquo;Autorit&auml;rer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus&ldquo;. Die These war, dass der globale Kapitalismus immer mehr Kontrollgewinne erzielt, w&auml;hrend die nationalstaatliche Politik immer mehr Kontrollverluste erf&auml;hrt. Daraus entstehen auch soziale Desintegrationserfahrungen bzw. &Auml;ngste in Teilen der Bev&ouml;lkerung mit Gef&uuml;hlen der individuellen Kontrollverluste &uuml;ber das eigene Leben. Damit geht eine Demokratieentleerung einher, dass Teile der Gesellschaft nicht mehr das Gef&uuml;hl haben, dass die regierende Politik die sozialen und auch kulturellen Probleme l&ouml;sen kann. Am Ende habe ich 2001 behauptet, dass ein rabiater Rechtspopulismus der Gewinner sein wird. Die These war wohl nicht v&ouml;llig falsch.   <\/p><p><strong>Sie bezeichnen die Phrasen von der &bdquo;klaren Kante&ldquo; gegen &bdquo;Nazis&ldquo; als leere Eliten-Rituale. Wie beurteilen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45813\">aktuelle Aufrufe<\/a> von an der sozialen Fehlentwicklung mitverantwortlichen Politikern, die B&uuml;rger sollten mehr Engagement gegen Rechts zeigen? Ist das Heuchelei? Oder wichtige Handlungsanweisung? Oder beides?<\/strong><\/p><p>Das mit der &bdquo;klaren Kante&ldquo; ist wie das Pfeifen im Walde. Selbstverst&auml;ndlich m&uuml;ssen sich mehr Menschen in der &Ouml;ffentlichkeit und vor allem im privaten Rahmen quasi als Basisarbeit engagieren. Gerade der private Rahmen in der Verwandtschaft, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, im Sportverein, in der Kirchengemeinde etc. ist aber ein viel h&auml;rterer &bdquo;Kampfplatz&ldquo; um Deutungen, als etwa durch das Teilnehmen an einer &ouml;ffentlichen Demonstration. Auf diesem &bdquo;Kampfplatz&ldquo; will man seine Verwandtschaft nicht vergr&auml;tzen, die Freunde will man nicht verlieren und man m&ouml;chte Mitglied in der Sportmannschaft bleiben. In diesen nahen Umfeldern die Grenzen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu setzen, erfordert viel Mut und Training.<br>\nUnd gesellschaftlich ist es wichtig, dass nicht die &bdquo;Schweigespirale&ldquo; greift. Sie besagt, dass immer dann, wenn Menschen glauben, sie seien mit ihren menschenfeindlichen Einstellungen in der Minderheit, sie sehr zur&uuml;ckhaltend sind mit der &Auml;u&szlig;erung ihrer Positionen in der &Ouml;ffentlichkeit. Sie bleiben damit hinter den privaten Gardinen. Haben Sie aber den Eindruck, sie seien Teile einer Mehrheitsmeinung, dann &bdquo;hauen&ldquo; sie ihre Positionen vehement in der &Ouml;ffentlichkeit heraus. Und dann gibt es nicht selten den Anpassungseffekt durch Politikerinnen und Politiker.   <\/p><p><strong>Sie kritisieren ein falsches Bild von einer &bdquo;zweigeteilten&ldquo; Gesellschaft: Hier die Nazis, dort die guten B&uuml;rger. Was ist an diesem Bild unrealistisch?<\/strong><\/p><p>Dieses Bild wurde direkt nach den NSU-Morden von ma&szlig;geblichen Politikern gemalt, um eine gesellschaftliche Selbstentlastung zu fabrizieren, also eine gesellschaftliche Selbstt&auml;uschung zu entwerfen durch diese dichotomische Beschreibung. Tats&auml;chlich haben wir es mit einem Eskalationskontinuum zu tun. Dies kann man sich als &bdquo;Zwiebelmuster&ldquo; vorstellen. Die &auml;u&szlig;ere, gro&szlig;e Schale stellt die Einstellungsmuster zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in der Bev&ouml;lkerung dar. Sie liefern damit Legitimationen f&uuml;r die Aktivit&auml;ten des autorit&auml;r-nationalradikalen Milieus und der AfD. Diese wiederum ist Stichwortgeber (bei gleichzeitig formaler Distanz) f&uuml;r systemfeindliche Milieus und rechtsextreme Akteure, die z.T. schon mit Gewalt hantieren. Dort gibt es dann &Uuml;bergangslinien zu neonazistischen, gewaltt&auml;tigen Freien Kameradschaften, die wiederum als Unterst&uuml;tzer des Nationalsozialistischen Untergrund als Terrorzelle gewirkt haben. Der NSU hatte in Chemnitz offensichtlich ein breites Netzwerk zur Verf&uuml;gung.<br>\nDas Wichtigste ist in diesem Eskalationskontinuum: &bdquo;Wir&ldquo;, die Bev&ouml;lkerung, k&ouml;nnen uns nicht einfach &bdquo;vom Acker&ldquo; machen. Es ist ein Leichtes, sich von den extremen Formen zu distanzieren, aber das Destruktive in unserer Normalit&auml;t zu entdecken, ist au&szlig;erordentlich schwer. Und: Alles was als normal gilt, kann man zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr problematisieren. Deshalb ist auch die Aufforderung &bdquo;Wehret den Anf&auml;ngen&ldquo; blo&szlig; noch eine &uuml;berholte Formel. Es geht um &bdquo;Wehret der Normalisierung&ldquo;.<\/p><p><strong>Kann man Rechtsextreme mit sozialen Investitionen in ihre Nachbarschaften &bdquo;bestechen&ldquo; und sie so aus diesen Zusammenh&auml;ngen l&ouml;sen? Welchen Anteil hat die soziale Spaltung am Rechtsruck? Welche Aspekte befeuern ihn noch?<\/strong><\/p><p>Wir haben es mit einer Mischung aus kulturellen und sozialen Problemen zu tun. Allein Hartz IV und eine m&ouml;gliche finanzielle Aufstockung wird das Problem nicht wesentlich ver&auml;ndern. Die kulturellen Probleme rund um die Fl&uuml;chtlingsbewegung, um &bdquo;den&ldquo; Islam etc. sind besonders schwerwiegend, weil sie die eigene kollektive Identit&auml;t als &bdquo;Deutsche&ldquo; ber&uuml;hren. Und drittens kommt die politische Komponente hinzu, d.h. das Gef&uuml;hl, von der etablierten bzw. regierenden Politik nicht wahrgenommen zu werden. Es ist doch klar: Wer nicht wahrgenommen wird, der ist ein Nichts. Daraus entsteht ein weiterer Faktor, n&auml;mlich die Anerkennungsdefizite, die dann dazu f&uuml;hren, dass sich die Menschen &bdquo;alternative&ldquo; Anerkennungsquellen suchen. <\/p><p><strong>Sie haben empirisch belegt, dass Rechtsextremismus auch in der Mitte der Gesellschaft  verwurzelt ist. Muss man das akzeptieren und lernen, damit zu leben, und also dieses &bdquo;feste&ldquo; Potenzial m&ouml;glichst ruhig (ohne einzul&ouml;sende &bdquo;radikale Postulate&ldquo;) zu halten? <\/strong><\/p><p>Man muss schon unterscheiden zwischen rechtsextremistischen Einstellungen in Teilen der Bev&ouml;lkerung, die wir vor allem &uuml;ber das Ausma&szlig; und die Ursachen der &bdquo;gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit&ldquo; in unseren Langzeitstudien durch repr&auml;sentative Bev&ouml;lkerungsbefragungen untersucht und in zehn B&auml;nden &bdquo;Deutsche Zust&auml;nde&ldquo; publiziert  haben.  Davon abzugrenzen sind die rechtsextremen Organisationsformen sowohl in Parteiform als auch in den bewegungsf&ouml;rmigen Auspr&auml;gungen etwa der &bdquo;Freien Kameradschaften&ldquo; etc. Dabei haben sich die etablierten Parteien vor allem auf die Parteiform, vornehmlich die NPD fokussiert, obwohl diese Partei schon lange wirkungslos ist. Demgegen&uuml;ber ist der bewegungsf&ouml;rmige Rechtsextremismus v&ouml;llig vernachl&auml;ssigt worden. Das liegt auch daran, dass mit dem politischen &bdquo;Werkzeugkasten&ldquo;, d.h. Gesetze, Appelle und Geld, diese Form nur schwerlich zur&uuml;ckzudr&auml;ngen ist. Und die latenten Einstellungsmuster, die wir seit 2002 j&auml;hrlich publiziert haben, haben nicht sonderlich interessiert, obwohl wir z.B. 2002 schon rechtspopulistische Einstellungen von 20 Prozent der Bev&ouml;lkerung auf der Basis eines Musters von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und autorit&auml;rer Aggression ermittelt haben. Das wurde vielfach als Bielefelder &bdquo;Alarmismus&ldquo; abgetan, insbesondere von den konservativen Parteien.<\/p><p><strong>Schon vor &uuml;ber zehn Jahren haben Sie prophezeit, dass Wahrnehmungen kultureller &Uuml;berfremdung zunehmen w&uuml;rden sowie das Gef&uuml;hl einer politischen Entfremdung, was in die bereits erw&auml;hnte &bdquo;Demokratieentleerung&ldquo; m&uuml;nden w&uuml;rde. Erleben wir das gerade exemplarisch in Chemnitz?<\/strong><\/p><p>Chemnitz ist jetzt das punktuelle Brennglas, weil f&uuml;nf Faktoren zusammengekommen sind. Erstens das emotional ausbeutbare Signalereignis des Totschlags oder Mordes, mutma&szlig;lich durch Asylbewerber, zweitens die au&szlig;erordentliche Gewaltbereitschaft rechtsextremer Netzwerke und die Instrumentalisierungsf&auml;higkeit der AfD und Pegida, drittens die effektive und professionelle Mobilisierungsf&auml;higkeit dieser Netzwerke und viertens die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Teilen der sogenannten normalen Bev&ouml;lkerung. Und f&uuml;nftens schlie&szlig;lich die Untersch&auml;tzung der kritischen Masse durch die politische und polizeiliche F&uuml;hrung.<br>\nDie seit langem vorhandene Latenz von Feindseligkeit wurde durch das Zusammenwirken dieser Faktoren dann manifest. Es ist diesen Akteuren gelungen, aus individuellen Ohnmachtsgef&uuml;hlen dann kollektive Machtfantasien zu machen.<\/p><p><strong>Sie haben Begriffe wie die gerade erw&auml;hnte &ldquo;gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit&ldquo; und &bdquo;rohe B&uuml;rgerlichkeit&ldquo; gepr&auml;gt. Wie genau stehen diese in Zusammenhang mit den Vorg&auml;ngen in Chemnitz?<\/strong><\/p><p>Mit &bdquo;gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit&ldquo; sind Abwertungen und Diskriminierungen von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugeh&ouml;rigkeit und unabh&auml;ngig von ihrem individuellen Verhalten gemeint. Es geht also nicht nur um Rassismus, sondern auch um Antisemitismus, Abwertung und Diskriminierung von Homosexuellen, Obdachlosen, Behinderten, Fl&uuml;chtlingen, Islamfeindlichkeit. Auch Sexismus und Etabliertenvorrechte geh&ouml;ren dazu. Dahinter steckt eine Ideologie der Ungleichwertigkeit als gemeinsamer Kern. Diese Abwertungen haben die Funktion, sich selbst aufzuwerten und &Uuml;berlegenheit zu demonstrieren. Solche Auspr&auml;gungen finden wir aktuell in dem  Kontext von Chemnitz im Zusammenwirken mit den schon erw&auml;hnten Faktoren, die auf der Stra&szlig;e sichtbar geworden sind. Aber die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Einstellungsmuster ist weit verbreitet in Deutschland.<br>\nMit gro&szlig;en Datenmengen konnten wir auch L&auml;ndervergleiche anstellen, bei denen sich zeigte, dass die ostdeutschen L&auml;nder immer die h&ouml;chsten Abwertungsquoten hatten. Diese Ergebnisse wurden insbesondere von ostdeutschen Politikern immer wieder bestritten. Und ein weiterer sozialgeografischer Faktor wird immer noch politisch untersch&auml;tzt. Es ist die Siedlungsgeographie. Ostdeutschland  &ndash; mit Ausnahme von Dresden und Leipzig &ndash; ist gekennzeichnet von kleinen D&ouml;rfern und kleinen St&auml;dten. In diesen Kontexten existiert ein besonderes Problem des Nicht- Wahrgenommen&ndash;Werdens, der sozialen Homogenit&auml;t und des Konformit&auml;tsdrucks.<br>\nSieht man sich die sozialen Gruppen an, so sind die Zustimmenden nicht ausschlie&szlig;lich in den unteren sozialen Lagen zu finden, sondern es gibt diese &bdquo;rohe B&uuml;rgerlichkeit&ldquo;. Damit ist nicht B&uuml;rgertum als Stand oder Klasse gemeint, sondern eine bestimmte Attit&uuml;de, in der hinter einer glatten Fassade und gew&auml;hlter Sprache eine Rohheit im Sinne eines Jargons der Verachtung existiert, insbesondere auch in Westdeutschland.   <\/p><p><strong>Was bedeutet in diesem Zusammenhang Ihre Theorie von der &bdquo;sozialen Desintegration&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Diese Theorie haben wir in Bielefeld entwickelt, um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und auch Jugendgewalt etc. zu erkl&auml;ren. Dabei reservieren wir den Integrationsbegriff nicht  f&uuml;r Migranten oder Fl&uuml;chtlinge, weil wir davon ausgehen, dass ein Teil der urspr&uuml;nglichen Deutschen auch nicht integriert ist. Dabei geht es um drei Dimensionen. Erstens die sozialstrukturelle Dimension der Teilhabe an den materiellen und kulturellen G&uuml;tern dieser Gesellschaft, insbesondere &uuml;ber Arbeit. Dies ist eine besonders wichtige Quelle f&uuml;r die positionale Anerkennung von Status etc. Anerkennung ist der ganz zentrale Begriff, weil niemand auf Dauer ohne Anerkennung leben kann. Zweitens geht es politische Partizipation. Habe ich oder hat meine Gruppe eine Stimme, die wahrgenommen und geh&ouml;rt wird in der Auseinandersetzung z.B. um Fairness, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t? Erst wenn das geschieht, erhalte ich moralische Anerkennung. Drittens geht es um Vergemeinschaftungen, d. h. kann ich meine Identit&auml;t entwickeln und es wird die Identit&auml;t meiner Gruppe akzeptiert. Erst dann erhalte ich emotionale Anerkennung.<br>\n&Uuml;berall dort, wo es erhebliche Anerkennungsdefizite gibt, geht die Suche nach alternativen Anerkennungen los (z.B. im Kontext des &bdquo;Autorit&auml;ren Nationalradikalismus&ldquo; der AfD) und mitsamt der Abwertung und Diskriminierung im Sinne der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, um  &ndash; wie schon gesagt &ndash; sich selbst aufzuwerten.  <\/p><p><strong>Sie erkl&auml;ren, staatliche Repression f&uuml;hre bei Rechtsextremen zu Innovation. Wie meinen Sie das? Welche Rolle weisen Sie im Fall Chemnitz staatlicher H&auml;rte zu? Und welche &ndash; als Gegenpol zur Repression &ndash; der &bdquo;vorbeugenden Sozialarbeit&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Neben z.T. halbherzigen oder zur&uuml;ckhaltenden Interventionen und viel zu sp&auml;ten sozialen Ans&auml;tzen einer vorbeugenden Sozialarbeit, die ich schon Ende der 80er Jahre nach meiner Untersuchung zu rechtsextremistischen Orientierungen bei Jugendlichen in Westdeutschland immer wieder gefordert habe, setzen die staatlichen Verfolgungsbeh&ouml;rden unverdrossen vorrangig auf Repression, vor allem auf das Verbot von Organisationen. Diese Strategie hat enge Erfolgschancen. Es sind inzwischen unz&auml;hlige Gruppen verboten worden. Wenn dieses Instrument wirksam w&auml;re, dann d&uuml;rften wir die heutigen Probleme gar nicht haben. Nat&uuml;rlich muss der Staat solche Markierungen setzen, um die geltenden Normen deutlich zu machen. Aber man darf keine durchschlagende Erfolge erwarten, weil insbesondere der bewegungsf&ouml;rmige Rechtsextremismus sehr erfindungsreich ist, da er keine formal-juristischen Strukturen aufweist &ndash; oder wenn etwa die Gruppe der &bdquo;Autonomen Nationalisten&ldquo; in Dortmund verboten wird, dann fl&uuml;chtet sie unter das sch&uuml;tzende Dach der neuen Mini-Partei &bdquo;Die Rechte&ldquo; und macht weiter wie bisher.<br>\nDer Erfindungsgeist betrifft auch die Mobilisierungsstrategien, die bereits vor einigen Jahren durch die Hogesa-Demonstration (Hooligans gegen Salafisten) in K&ouml;ln die Polizei v&ouml;llig &uuml;berrascht hat mit ihrer kritischen Masse zur gewaltsamen Aktion. All dies m&uuml;sste doch in Polizeistrategien einflie&szlig;en &ndash; oder ben&ouml;tigt etwa sowohl die politische F&uuml;hrung ebenso wie die Polizeif&uuml;hrung verst&auml;rkte politische Bildung, um die Prozesse und Mechanismen zu erkennen?  <\/p><p><strong>Sind Sie also entt&auml;uscht von den aktuellen Reaktionen der offiziellen Politik auf Chemnitz?<\/strong><\/p><p>Nach 30 Jahren der Forschung zu diesen Problemen bin ich der Emp&ouml;rungsrituale &uuml;berdr&uuml;ssig. Ich stelle dann immer den Fernsehapparat aus.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong><a href=\"http:\/\/www.uni-bielefeld.de\/ikg\/personen\/wilhelm_heitmeyer.html\">Wilhelm Heitmeyer<\/a><\/strong> ist Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor f&uuml;r Sozialisation am Institut f&uuml;r interdisziplin&auml;re Konflikt- und Gewaltforschung der Universit&auml;t Bielefeld, dessen Gr&uuml;ndungsdirektor er von 1996 bis 2013 war. <\/em><br>\n<em>Im Oktober erscheint sein neues Buch &bdquo;Autorit&auml;re Versuchungen. Bedrohungen der offenen Gesellschaft und liberaler Demokratie&ldquo; bei Suhrkamp.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180907_heitmeyer.jpg\" alt=\"Wilhelm Heitmeyer\" title=\"Wilhelm Heitmeyer\"\/><\/div>\n<p>Die Eruptionen von Chemnitz haben sich lange angek&uuml;ndigt, sagt der Soziologe und Erziehungswissenschaftler <strong><a href=\"http:\/\/www.uni-bielefeld.de\/ikg\/personen\/wilhelm_heitmeyer.html\">Wilhelm Heitmeyer<\/a><\/strong> im Interview. Die Rufe nach einer &bdquo;klaren Kante&ldquo; gegen &bdquo;Nazis&ldquo; bezeichnet er ebenso als &bdquo;leere Eliten-Rituale&ldquo; wie die aktuelle &bdquo;Emp&ouml;rung&ldquo; weiter Teile der Politik. In Chemnitz<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45875\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,159,209,125],"tags":[282,339,1055,2460,634,753,955,575,1352,218,2422],"class_list":["post-45875","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-interviews","category-rechte-gefahr","tag-buergerproteste","tag-chauvinismus","tag-fluechtlinge","tag-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit","tag-heitmeyer-wilhelm","tag-integration","tag-neonazismus","tag-ostdeutschland","tag-rechtsruck","tag-teilhabe","tag-verrohung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45875","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45875"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45875\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45907,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45875\/revisions\/45907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45875"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45875"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45875"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}