{"id":45919,"date":"2018-09-10T09:12:31","date_gmt":"2018-09-10T07:12:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45919"},"modified":"2019-04-27T15:02:20","modified_gmt":"2019-04-27T13:02:20","slug":"alte-freunde-neue-feinde-die-tuerkei-am-geopolitischen-scheideweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45919","title":{"rendered":"Alte Freunde, neue Feinde \u2013 Die T\u00fcrkei am geopolitischen Scheideweg"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814-tuerkei-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p> Die Beziehungen zwischen den USA und der T&uuml;rkei sind in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten. Ein t&uuml;rkischer Geistlicher im amerikanischen Exil, ein amerikanischer Geistlicher unter t&uuml;rkischem Hausarrest &ndash; in Ankaras Augen beides Terroristen. Ein gescheiterter Putschversuch, die Erdo&#287;an-Regierung fordert Loyalit&auml;t vom Westen; und bekommt sie nicht. Washington unterst&uuml;tzt jene Kurden, gegen die Ankara Krieg f&uuml;hrt. Sanktionierung von Ministern, Strafz&ouml;lle, Drohgeb&auml;rden, Sanktionen und Gegensanktionen, die t&uuml;rkische Lira bricht ein, Twitter-Attacken, eine medienwirksame Schlammschlacht und nationalistisches Get&ouml;se &ndash; die T&uuml;rkei-Krise als Paradebeispiel einer wild rotierenden Eskalationsspirale. Von <strong>Jakob Reimann<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45919#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nGern wird die gegenw&auml;rtige Krise auf einen Faustkampf seiner zwei Populisten an der Spitze reduziert, w&auml;hrend der geopolitische Kontext einer aufstrebenden T&uuml;rkei vernachl&auml;ssigt wird. Denn angesichts eines Wirtschaftswachstums in Rekordh&ouml;he in den letzten anderthalb Jahrzehnten strebt Ankara weiter danach, diesen Wirtschaftsboom derart in politische und milit&auml;rische Macht zu &uuml;bersetzen, dass im Nahen und Mittleren Osten keine Politik mehr an der T&uuml;rkei vorbei implementiert werden kann.<\/p><p>Und so will sich die T&uuml;rkei mehr und mehr als globalen Player positionieren und strebt daf&uuml;r etwa die Aufnahme in die Gemeinschaft der BRICS-Staaten an &ndash; Erdo&#287;an hat mit <a href=\"http:\/\/www.atimes.com\/explaining-turkeys-interest-in-brics\/\">BRICST<\/a> bereits das Update des Akronyms parat. Doch anders als etwa Griechenland, oder auch Irland und Portugal, die unter Preisgabe ihrer Souver&auml;nit&auml;t unter den Europ&auml;ischen Rettungsschirm gezw&auml;ngt wurden, verf&uuml;gt die T&uuml;rkei &uuml;ber keine finanzstarken Akteure hinter sich, die den Fall der Lira ernsthaft aufhalten wollten &ndash; und ein dem&uuml;tiger Gang zum IWF k&auml;me politischem Selbstmord Erdo&#287;ans gleich. So bleibt es unwahrscheinlich, dass trotz gewisser Ann&auml;herungen kurzfristig substanzielle Hilfen aus den BRICS-Staaten zu erwarten w&auml;ren. Gewiss nicht aus Moskau. Und auch wenn Peking zwar entsprechende M&ouml;glichkeiten durchspielt, w&uuml;rde es sich bei eventuellen Hilfszahlungen &bdquo;eher um eine politische Geste handeln als um eine fundamentale Unterst&uuml;tzung der Lira&ldquo;, wie chinesische Medien <a href=\"https:\/\/www.scmp.com\/business\/banking-finance\/article\/2159507\/china-may-well-offer-financial-help-turkey-it-will-not-turn\">analysieren<\/a>.<\/p><p><strong>Katar und die t&uuml;rkische Lira<\/strong><\/p><p>Erste Finanzspritzen kamen daher auch nicht aus den zumindest auf dem Papier noch immer befreundeten NATO-Staaten oder der EU, sondern aus Katar &ndash; einem Land, das wie die T&uuml;rkei selbst im Zentrum sich verschiebender B&uuml;ndnisse und Allianzen im Nahen Osten steht.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte auch: Jens Berger &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45456\">Die T&uuml;rkei-Krise ist Erdogans und Trumps Werk, aber unser Problem<\/a><\/em><\/p><p>Seit Juni 2017 wird die kleine, ultrareiche Golfmonarchie wegen ihrer guten Beziehungen sowohl zum Iran als auch zu den Muslimbr&uuml;dern von Saudi-Arabien, den Emiraten, Bahrain und &Auml;gypten mit einem umfassenden Embargo belegt &ndash; Stichwort: <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2017-06-12\/die-katar-krise-saudi-arabien-trump-und-der-krieg-gegen-den-iran\/\">Katar-Krise<\/a> &ndash; welches soweit geht, dass Riad als Strafma&szlig;nahme mittels eines <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2018-08-08\/saudi-arabien-will-katar-vom-festland-abschneiden\/\">200 Meter breiten Kanals<\/a> Katar vom Festland abschneidet und effektiv in eine Insel verwandelt. Katar wurde ohne Anlass vom pro-westlichen Lager der arabischen Golfmonarchien weiter ins pro-iranische Lager gedr&auml;ngt. Die T&uuml;rkei war daraufhin das erste Land, das Katar im Sommer 2017 &ouml;ffentlich seine Solidarit&auml;t bekundete und diplomatisch beistand. Die einzigen zwei L&auml;nder, die Katar mit <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/t%C3%BCrkei-und-iran-helfen-katar-mit-obst-und-gem%C3%BCse\/a-39370460\">Lebensmittelsoforthilfen<\/a> unter die Arme griffen &ndash; um nach dem Abriegeln der einzigen Landgrenze durch die Saudis die Nahrungsmittelsicherheit der katarischen Bev&ouml;lkerung sicherzustellen &ndash; waren der Iran und die T&uuml;rkei.<\/p><p>Diesen Freundschaftsdienst erwidert Katar nun. Emir Tamim Bin Hamad Al Thani war der erste Staatschef, der Ankara nach Beginn der t&uuml;rkischen Finanzkrise Anfang August <a href=\"https:\/\/twitter.com\/tcbestepe\/status\/1029703043946823681\">besuchte<\/a> &ndash; im Gep&auml;ck ein Hilfspaket in H&ouml;he von <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/08\/15\/world\/europe\/turkey-andrew-brunson-tariffs.html\">15 Milliarden US-Dollar<\/a> f&uuml;r &bdquo;eine Reihe von Wirtschaftsprojekten, Investitionen und Einlagen&ldquo;. Die blo&szlig;e Ank&uuml;ndigung dieses Hilfspakets f&uuml;hrte nur einen Tag sp&auml;ter zu einer <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/turkish-lira-rebounds-after-qatar-pledges-15-billion\/\">sofortigen Erholung<\/a> der t&uuml;rkischen Lira, die sich auf einen Kurs von 5,85 zum US-Dollar im Vergleich zu 7,24 einige Tage zuvor leicht stabilisierte. Die von Washington vollkommen grundlos vom Zaun gebrochene T&uuml;rkei-Krise f&uuml;hrt somit zu einer weiteren Verbesserung der ohnehin bereits <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2017\/10\/turkey-qatar-strategic-alliance-171024133518768.html\">sehr guten T&uuml;rkei-Katar-Beziehungen<\/a> auf wirtschaftlichem, politischem, diplomatischem und milit&auml;rischem Terrain. Um diese zu verstehen, ist ein kurzer Blick auf den Arabischen Fr&uuml;hling vonn&ouml;ten.<\/p><p><strong>Gemeinsame Feinde stiften Identit&auml;t<\/strong><\/p><p>2011 unterst&uuml;tzten sowohl Ankara als auch Doha in verschiedenen arabischen L&auml;ndern Gruppierungen der Muslimbr&uuml;derschaft in der Rebellion gegen die jahrzehntelangen Diktatoren der Region. Es mag in westlichen Ohren sonderbar klingen, doch vertreten die Muslimbr&uuml;der ein <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/international\/archive\/2011\/02\/how-secular-is-the-muslim-brotherhood\/342270\/\">verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig s&auml;kulares Demokratieverst&auml;ndnis<\/a>, das in der arabischen Welt seinesgleichen sucht, und stellen als <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/articles\/2007-03-01\/moderate-muslim-brotherhood\">gem&auml;&szlig;igtere Form des politischen Islams<\/a> eine ideologische Bedrohung f&uuml;r den puristischen, proto-faschistischen Wahhabismus Saudi-Arabiens und anderer Golfmonarchien dar. W&auml;hrend die vom Westen und seinen Alliierten unterst&uuml;tzten, teils offen faschistischen oder dschihadistischen Kr&auml;fte im Zuge des Arabischen Fr&uuml;hlings fl&auml;chendeckend obsiegten &ndash; Milit&auml;rputschist al-Sisi in &Auml;gypten etwa oder die <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2017-05-21\/die-illegalen-kriege-der-nato\/\">Al-Qaida in Libyen<\/a> &ndash;, wurden Ankaras und Dohas Proteg&eacute;s vernichtend geschlagen.<\/p><p>In den Folgejahren zementierte daraufhin ein anderes Alleinstellungsmerkmal die t&uuml;rkisch-katarischen Beziehungen: die <a href=\"http:\/\/time.com\/3033681\/hamas-gaza-palestine-israel-egypt\/\">massive Unterst&uuml;tzung<\/a> des Ablegers der Muslimbr&uuml;der im Gazastreifen &ndash; der Hamas. Denn nachdem die historisch enge Partnerschaft zwischen dem Iran und Gaza mit Beginn des Syrienkriegs 2011 &ndash; zum Missfallen Teherans stellte sich die Hamas gegen ihren ehemaligen G&ouml;nner Assad &ndash; auf Eis gelegt wurde, waren die T&uuml;rkei und Katar die einzigen L&auml;nder der islamischen Welt, die Gaza &uuml;berhaupt unterst&uuml;tzten und dies <a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/hamas-is-not-a-terrorist-group-president-erdogan-131933\">bis heute<\/a> tun. Die Hamas verlegte 2012 gar ihr langj&auml;hriges <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/international\/archive\/2013\/06\/how-hamas-lost-the-arab-spring\/277102\/\">Auslandsb&uuml;ro<\/a> von Damaskus nach Doha.<\/p><p>Seit wenigen Wochen ist auch der Iran wieder im gro&szlig;en Stile zur&uuml;ck im Hamas-Business &ndash; Gaza-seitig aus <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/gazas-financial-crisis-is-sending-hamas-back-into-the-arms-of-iran\/\">finanzieller Not<\/a> geboren, von Seiten Teherans gewiss als Trotzreaktion gegen US-amerikanisch-israelisches S&auml;belrasseln zu interpretieren &ndash; und ist <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-palestinians-hamas-iran\/after-syria-fall-out-hamas-ties-with-iran-restored-hamas-chief-idUSKCN1B81KC\">laut Hamas-F&uuml;hrung<\/a> &bdquo;mit Geld und Waffen [unser] gr&ouml;&szlig;ter Unterst&uuml;tzer&ldquo;. Und so wurde bizarrerweise die Unterst&uuml;tzung der Hamas im Gazastreifen ein zentrales Element, das die drei von den USA und seinen Golf-Verb&uuml;ndeten grundlos losgetretenen Krisen &ndash; die Katar-Krise, die Iran-Krise und die T&uuml;rkei-Krise &ndash; eint und als nicht zu untersch&auml;tzendes, identit&auml;tsstiftendes Moment zur Blockbildung und weiteren Verschiebung von Allianzen im Nahen und Mittleren Osten beitr&auml;gt.<\/p><p>W&auml;hrend die Beziehungen der USA zu Katar trotz Embargo des Saudi-Blocks weiter gut sind &ndash; aktuell wird der <a href=\"https:\/\/www.alaraby.co.uk\/english\/news\/2018\/1\/30\/qatar-plans-massive-expansion-of-us-military-base\">massive Ausbau<\/a> der bereits heute gr&ouml;&szlig;ten US-Basis im Nahen Osten nahe Doha geplant &ndash; verst&auml;rken die beiden anderen Krisen sich wechselseitig in ihrer Opposition zur beinahe dogmatischen Konfrontationspolitik aus Washington. Das t&uuml;rkisch-iranische Verh&auml;ltnis ist ohnehin seit Jahrhunderten von gegenseitigem Respekt gepr&auml;gt, Konflikte werden pragmatisch angegangen. Allen voran Trumps Drohung an die Welt, jedes Land mit Sanktionen zu belegen, das mit Stichtag 4. November seine Importe iranischen &Ouml;ls nicht auf <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/us-demands-world-halt-iranian-oil-imports-by-november-4\/\">Zero<\/a> herunterf&auml;hrt, st&auml;rkt die Bande zwischen Ankara und Teheran weiter. Denn w&auml;hrend die US-Verb&uuml;ndeten <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-india-usa-iran\/us-india-in-very-detailed-talks-about-halting-iran-oil-imports-state-department-official-idUSKCN1LM0FW\">Indien<\/a> und S&uuml;dkorea als zweit- und drittgr&ouml;&szlig;te K&auml;ufer iranischen &Ouml;ls ihre Importmengen massiv drosseln &ndash; S&uuml;dkorea importierte im Juli tats&auml;chlich <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-southkorea-iran-oil\/south-korea-suspends-iranian-oil-loading-in-july-for-first-time-since-2012-sources-idUSKBN1JW07R\">Zero<\/a> &ndash; machte die T&uuml;rkei als Nummer vier unmissverst&auml;ndlich klar, dass es <a href=\"https:\/\/www.rferl.org\/a\/turkey-says-wont-honor-us-demand-stop-buying-iranian-oil-haley-india-modi\/29324777.html\">nicht vorhabe<\/a>, dem Druck Washingtons kleinbeizugeben, sondern weiter an der Seite des Iran zu stehen. Auch f&uuml;r China als mit Abstand gr&ouml;&szlig;tem Eink&auml;ufer iranischen &Ouml;ls kommt eine Unterwerfung unter Trumps Forderungen nat&uuml;rlich <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2018-08-03\/china-is-said-to-reject-u-s-request-to-cut-iran-oil-imports\">nicht in Frage<\/a>. Angesichts der regelrechten Obsession des Trumpschen White House auf das Feindbild Iran fungieren daher sowohl der eskalierende Wirtschaftskrieg gegen China als auch der Angriff auf die t&uuml;rkische Wirtschaft auch als Strafma&szlig;nahme f&uuml;r die Weigerung beider L&auml;nder, Washingtons Forderung nach hermetischer Isolation des Iran mitzutragen.<\/p><p>Die T&uuml;rkei-Krise f&uuml;hrt &ndash; gewiss gegen die Intention des Wei&szlig;en Hauses &ndash; zu einer St&auml;rkung des teils grundlos in diese Rolle gezw&auml;ngten anti-westlichen Blocks Moskau-Teheran-Ankara: Dieser Tage treffen sich Putin, Erdo&#287;an und Rouhani in Teheran zum dritten <a href=\"https:\/\/www.dailysabah.com\/economy\/2018\/09\/06\/turkey-russia-iran-to-hash-out-ways-to-fight-against-us-sanctions-in-tehran-summit\">trilateralen Gipfel<\/a> dieser Art in den letzten zehn Monaten und diskutieren dort neben dem Konfliktfeld Syrien vor allem auch Strategien zum koordinierten Vorgehen gegen Washingtons Sanktionsregime.<\/p><p><strong>Syrien, Rojava und Erdo&#287;ans russisches Dilemma<\/strong><\/p><p>Ein weiterer zentraler Aspekt, in dessen Rahmen die gegenw&auml;rtige Eskalation der USA-T&uuml;rkei-Beziehungen analysiert werden muss, ist die Frage der Kurden in Nordsyrien, die in Rojava versuchen, einen auf radikaler Geschlechter- und sozialer Gleichheit beruhenden, graswurzeldemokratischen Gesellschaftsentwurf zu implementieren und die am Boden de facto die einzigen Kr&auml;fte waren, die in Syrien effektiv den IS bek&auml;mpften. W&auml;hrend Erdo&#287;an die Rojava-Kurden als existenzielle Bedrohung der nationalen Sicherheit einstuft und als &bdquo;Terroristen&ldquo; &ndash; <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2018-03-01\/erdogans-krieg-in-afrin\/\">zuletzt in Afrin<\/a> &ndash; gegen sie Krieg f&uuml;hrt, werden sie von den USA als eigene &bdquo;Ersatzbodentruppen&ldquo; in Syrien instrumentalisiert und gro&szlig;z&uuml;gig unterst&uuml;tzt. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45809\">R&uuml;diger G&ouml;bel &ndash; Demokratie wagen in Kurdistan<\/a><\/em><\/p><p>Neben weiterer Entfremdung zwischen der USA und der T&uuml;rkei in anderen Konfliktherden der Region ist es insbesondere diese zunehmende Unterst&uuml;tzung der Rojava-Kurden, wegen derer sich Erdo&#287;an in einem Schritt der Ausweglosigkeit um eine Ann&auml;herung an Putin bem&uuml;hte &ndash; obwohl auch deren Beziehung am Boden war, nachdem das t&uuml;rkische Milit&auml;r Ende 2015 einen russischen Kampfjet <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2015-11-28\/ankaras-spiel-mit-dem-feuer\/\">vom Himmel holte<\/a>. W&auml;hrend Moskaus Beziehungen zu den Rojava-Kurden zwar <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2017-11-21\/russland-spielt-guter-bulle-boeser-bulle-mit-den-syrischen-kurden\/\">&auml;u&szlig;erst ambivalent<\/a> &ndash; jedoch keineswegs feindselig &ndash; sind, stellte die fortw&auml;hrende Unterst&uuml;tzung der Kurden durch Ankaras westliche NATO-Verb&uuml;ndete eine derartige Bedrohung dar, dass Erdo&#287;an fast zwangsl&auml;ufig in den Block Moskau-Teheran-Damaskus hineingetrieben wurde, der ihn bereitwillig in seinen Reihen aufnahm.<\/p><p>Als Demonstration dieser neuen t&uuml;rkisch-russischen Ann&auml;herung entschied sich Ankara, statt des US-amerikanischen Patriot-Raketenabwehrschirms das nicht-NATO-kompatible <a href=\"https:\/\/www.rt.com\/news\/437433-erdogan-s400-permission-anyone\/\">S-400-System<\/a> aus Russland zu erwerben, was Washington wie zu erwarten in Rage versetzte. Das Pentagon als globaler Waffenh&auml;ndler <a href=\"https:\/\/www.military.com\/defensetech\/2018\/07\/16\/us-still-hopes-sway-turkey-buy-patriot-missiles-over-s-400.html\">hofft weiterhin<\/a> auf den Patriot-Deal, j&uuml;ngst wurden als Druckmittel Lieferungen von F-35-Kampfjets in die T&uuml;rkei <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2018-08-15\/die-spannungen-zwischen-trump-und-erdogan-eskalieren\/\">ausgesetzt<\/a>. &bdquo;Wir brauchen von niemandem die Erlaubnis&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.rt.com\/news\/437433-erdogan-s400-permission-anyone\/\">poltert<\/a> Erdo&#287;an in Richtung Wei&szlig;es Haus in Hinblick auf den S-400-Deal mit Russland. Auch nach Trumps j&uuml;ngsten Attacken auf die t&uuml;rkische Lira wandte sich Erdo&#287;an an Putin und <a href=\"https:\/\/www.middleeasteye.net\/columns\/has-trumps-attack-lira-unlocked-syria-deal-1104169770\">lobte<\/a> auf dem Gebiet des Handels &bdquo;die Fortschritte in unseren Beziehungen zu Russland&ldquo; und pries &bdquo;gemeinsame Vorteile und Interessen&ldquo;. Doch diese in gemeinsamer Opposition zur USA demonstrative Zurschaustellung von t&uuml;rkisch-russischer Einigkeit kann nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass die Etablierung einer dauerhaften, engen Partnerschaft zwischen Ankara und Moskau keineswegs zwangsl&auml;ufig ist.<\/p><p>Dies offenbart sich aktuell an der sich anbahnenden Gro&szlig;offensive der Assad-Regierung auf die letzte syrische Rebellen-\/Terroristenhochburg in Idlib. Russland &ndash; genau wie der Iran &ndash; steht hier eng an der Seite Assads; Moskau flog bereits <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/russia-relaunches-idlib-bombing-campaign\/a-45347799\">erste Bombardements<\/a> auf die Stadt, in der sich laut UN zwischen 3 und 4 Millionen Menschen aufhalten, ein Gro&szlig;teil Menschen, die aus anderen syrischen Regionen geflohen sind. Die T&uuml;rkei zieht aktuell hingegen massiv <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/PRESSTV\/videos\/231892230837049\/\">schweres Ger&auml;t<\/a> an den Grenzen zusammen und hat selbst eine enorme Milit&auml;rpr&auml;senz in der Region: zw&ouml;lf als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.middleeasteye.net\/columns\/has-trumps-attack-lira-unlocked-syria-deal-1104169770\">Beobachtungsposten<\/a>&ldquo; euphemisierte Milit&auml;rbasen rund um Idlib beheimaten sowohl regul&auml;re t&uuml;rkische Truppen, befehligen jedoch auch Tausende K&auml;mpfer verschiedenster Rebellen-\/Terrormilizen &ndash; darunter diverse Al-Qaida-Ableger &ndash;, die Ankara haupts&auml;chlich im Zuge seiner illegalen Angriffskriege gegen die syrischen Kurdenprovinzen <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2018-03-01\/erdogans-krieg-in-afrin\/\">Koban&ecirc;<\/a> im Herbst 2016 sowie <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2018-03-01\/erdogans-krieg-in-afrin\/\">Afrin im Fr&uuml;hjahr 2018<\/a> rekrutierte. Die T&uuml;rkei kontrolliert in Idlib damit ein hochger&uuml;stetes Heer unz&auml;hliger Gruppen, das zusammen <a href=\"https:\/\/www.al-monitor.com\/pulse\/originals\/2018\/08\/turkey-syria-ankara-moves-to-form-joint-army-in-idlib.html\">bis zu 100.000 K&auml;mpfer<\/a> stellt &ndash; ein Gro&szlig;teil darunter exakt jene &bdquo;Terroristen&ldquo;, die Assad und Putin nun vernichten wollen, woraus ein potentiell hochexplosives Setting resultiert.<\/p><p>Doch neben diesen kaum vereinbaren Gegens&auml;tzen in den jeweiligen Syrien-Strategien w&uuml;rde eine dauerhafte t&uuml;rkisch-russische Allianz wom&ouml;glich ebenso an innert&uuml;rkischen Widerspr&uuml;chen scheitern &ndash; allen voran am Widerstand der traditionell russlandfeindlichen, rechtsextremen &bdquo;Partei der Nationalistischen Bewegung&ldquo; (MHP), die in der Breite des t&uuml;rkischen Staatsapparates &auml;u&szlig;erst m&auml;chtig ist und von deren Gunst Erdo&#287;ans Machterhalt abh&auml;ngt. &bdquo;Diese rechten t&uuml;rkischen Nationalisten&ldquo;, <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2018\/08\/29\/the-myth-of-erdogans-power\/\">schreibt<\/a> T&uuml;rkeiwissenschaftler Halil Karaveli in Foreign Policy &uuml;ber die MHP, &bdquo;sehen Russland als Erzfeind des Osmanischen Reiches und als den Versklaver der t&uuml;rkischen V&ouml;lker&ldquo;. Entgegen den oft kolportierten &bdquo;Mythos von Erdo&#287;ans Macht&ldquo; ist dieser keineswegs &bdquo;der neue Sultan&ldquo;, sondern im hohen Ma&szlig;e politisch abh&auml;ngig von den Nationalisten der MHP, so Karaveli weiter.<\/p><p>Bei all seiner Megalomanie ist sich auch Erdo&#287;an dieser inneren Zw&auml;nge nat&uuml;rlich bewusst, weshalb dessen martialische Rhetorik und sein &ndash; oft pragmatisches &ndash; Handeln streng getrennt voneinander analysiert werden sollten. Die gegenw&auml;rtige St&auml;rkung der russisch-t&uuml;rkischen Beziehungen kann nicht au&szlig;erhalb des Kontexts der sich in den letzten zwei bis drei Jahren verschlechternden US-T&uuml;rkei-Beziehungen gesehen werden &ndash; sowie insbesondere im aktuellen Kontext des gemeinsamen Vorgehens gegen den wild um sich schlagenden Narzissten im Wei&szlig;en Haus. Ein gest&auml;rkter Block Russland-Iran-Syrien-T&uuml;rkei wird zusammen mit einem weiterhin Trump Contra gebenden Erdo&#287;an gewiss die n&auml;chsten Monate und Jahre Geopolitik im Nahen und Mittleren Osten signifikant pr&auml;gen. Dennoch ist es wenig wahrscheinlich, dass Ankaras sich verbessernde Beziehungen zu Moskau auf Dauer jene zu Washington &ndash; und dar&uuml;ber hinaus zu den anderen NATO-Staaten &ndash; ersetzen werden. Durch die bin&auml;re US-Russland-Brille betrachtet, erleben wir im Nahen und Mittleren Osten aktuell gewiss eine Machtverschiebung in Richtung des russischen Blocks, doch ist weder die politische noch die &ouml;konomische Sprengkraft der T&uuml;rkei-Krise explosiv genug, um Ankara dauerhaft aus dem westlichen B&uuml;ndnis herauszubrechen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Jakob Reimann<\/strong> bloggt auf <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/\">JusticeNow!<\/a> Er hat im Sommer 2014 sein Masterstudium in Biochemie in Dresden absolviert und arbeitet mittlerweile an der naturwissenschaftlichen Fakult&auml;t der An-Najah National University in Nablus, Pal&auml;stina. Er forscht &uuml;ber die Auswirkungen chemischer Industrieanlagen auf Umwelt und Gesundheit der Menschen in der Westbank. Er ist zudem freiwillig f&uuml;r die Fl&uuml;chtlingsorganisation PICUM t&auml;tig.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814-tuerkei-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p> Die Beziehungen zwischen den USA und der T&uuml;rkei sind in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten. Ein t&uuml;rkischer Geistlicher im amerikanischen Exil, ein amerikanischer Geistlicher unter t&uuml;rkischem Hausarrest &ndash; in Ankaras Augen beides Terroristen. Ein gescheiterter Putschversuch, die Erdo&#287;an-Regierung fordert Loyalit&auml;t vom Westen; und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45919\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,134,178],"tags":[947,1980,379,1334,999,302,2102,822,951,1479,1529,2338,1878,2146,259,1553,950,1800,1556,1085,1019],"class_list":["post-45919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-finanzen-und-waehrung","category-ressourcen","tag-arabellion","tag-brics","tag-china","tag-erdoel","tag-erdogan-recep-tayyip","tag-gaza","tag-geostrategie","tag-hamas","tag-iran","tag-katar","tag-kurden","tag-mittlerer-osten","tag-naher-osten","tag-raketenabwehrschirm","tag-russland","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-trump-donald","tag-usa","tag-wechselkurse","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45919"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51246,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45919\/revisions\/51246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}