{"id":46011,"date":"2018-09-15T10:00:50","date_gmt":"2018-09-15T08:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46011"},"modified":"2018-12-30T14:11:01","modified_gmt":"2018-12-30T13:11:01","slug":"brasilien-lulas-stellvertreter-fernando-haddad-und-der-rechtsradikale-hinterhalt-gegen-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46011","title":{"rendered":"Brasilien \u2013 Lulas \u201cStellvertreter\u201d Fernando Haddad und der rechtsradikale Hinterhalt gegen die Demokratie"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180915-Brasilien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Eine derart groteske Wahlkampagne haben Brasilien und die Welt selten gesehen. Die Pointe: Mit 41 Prozent der W&auml;hlerintentionen f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahlen vom kommenden 7. Oktober sitzt der landesweite Favorit als Opfer einer weltweit angeprangerten Justiz-Intrige seit f&uuml;nf Monaten hinter Gittern. Seinen Anh&auml;ngern wurde gar die Erw&auml;hnung seines Namens unter Androhung drakonischer Geldstrafen gerichtlich untersagt. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Rede ist vom versuchten Comeback Luiz In&aacute;cio Lula da Silvas, dem popul&auml;rsten Pr&auml;sidenten Brasiliens aller Zeiten, der mit der Zustimmung von 87 Prozent seiner Landsleute im 200 Millionen Menschen z&auml;hlenden s&uuml;damerikanischen Land mit der sechstgr&ouml;&szlig;ten Wirtschaft der Welt die Amtsgesch&auml;fte 2011 an seine Nachfolgerin Dilma Rousseff abtrat. Das Justiz-Mobbing lie&szlig; allerdings seit geraumer Zeit die Konturen eines fl&auml;chendeckenderen Anti-Lula-Pakts der Konservativen erkennen.<\/p><p><strong>Politische Falle begr&auml;bt exzessiven Glauben an die &bdquo;Justiz&ldquo;<\/strong><\/p><p>Als der Altpr&auml;sident vor einem knappen Jahr sein Interesse an einer neuen Pr&auml;sidentschaft best&auml;tigte, schaltete das in Brasilien sp&ouml;ttisch so genannte &bdquo;Putsch-Konsortium&rdquo; (Justiz, Medien und Milit&auml;r) bereits auf Warnstufe Gelb. Als er schlie&szlig;lich am vergangenen 15. August seine Kandidatur beim Obersten Wahlgericht (TSE) offiziell anmeldete, brach ein rechtsradikaler Sturm der Emp&ouml;rung aus. Generalstaatsanw&auml;ltin Raquel Dodge reichte in weniger als 24 Stunden nach der Registrierung <a href=\"https:\/\/www.correiobraziliense.com.br\/app\/noticia\/politica\/2018\/08\/15\/interna_politica,700506\/raquel-dodge-impugna-a-candidatura-de-lula-a-presidente-da-republica.shtml\">ihre Anfechtung<\/a> ein, gefolgt von Jair Bolsonaro und faschistoiden NGOs, wie die von den USA finanzierte Gruppe &ldquo;Movimento Brasil Livre&rdquo;.<\/p><p>Im Vorfeld der offiziellen Wahlkampagne waren Lula bereits Mitte Juli <a href=\"https:\/\/www.terra.com.br\/noticias\/eleicoes\/mpf-quer-proibir-lula-de-usar-cela-como-comite-de-campanha,bba376b93b9024fca83c426a6bc3e68dw5lg2mys.html\">Interviews f&uuml;r Medien untersagt worden<\/a>. Die Entscheidung kam aus dem Umfeld von &bdquo;Scharfrichter&ldquo; S&eacute;rgio Moro, der sich &ouml;ffentlich dar&uuml;ber mokierte, &bdquo;eine Gefangenenzelle ist kein Wahlkomitee&ldquo;. Das Verbot <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45628\">rief Mitte August den UN-Menschenrechts-Ausschuss (OHCHR) auf den Plan<\/a>. Mit einer Einstweiligen rechtsverbindlichen Verf&uuml;gung wies das Human Rights Committee die brasilianische Regierung dazu an, sie solle die mediale Beteiligung Lulas an der Pr&auml;sidentschaftskampagne sicherstellen.<\/p><p>Obwohl der Internationale Pakt &uuml;ber b&uuml;rgerliche und politische Rechte im Jahr 2009 vom brasilianischen Staat mit der Gesetzesverordnung Nr. 311\/09 rechtskr&auml;ftig unterzeichnet wurde, reagierten Regierung und Justiz mit zynischem Schulterzucken. Heereskommandant Eduardo Villas-B&ocirc;as verstieg sich gar zur <a href=\"https:\/\/nossapolitica.net\/2018\/09\/general-onu-lula-invasao-soberania\/\">bewusst gew&auml;hlten, unredlichen Behauptung<\/a>, &bdquo;die Anweisung ist ein Angriff auf die brasilianische Souver&auml;nit&auml;t!&rdquo;. Die UN-Anordnung wurde nicht befolgt, drei Revisionsantr&auml;gen von Lulas Anw&auml;lten folgten drei Niederlagen.<\/p><p>Es dauerte keine zwei Wochen, da wurde am 1. September Lulas Kandidatur vom Obersten Wahlgericht (TSE) abgelehnt, die der Wahlpropaganda der Arbeiterpartei (PT) immerhin bis zu 20 Sekunden lange Auftritte Lulas in Bild und Ton erlaubt. Doch schon wenige Tage sp&auml;ter revidierte TSE-Richter S&eacute;rgio Banhos diese Entscheidung. Er unterbrach Wahlwerbespots der PT im &Auml;ther, verordnete die komplette Zensur von Lulas Auftritten und verh&auml;ngte eine Geldstrafe von umgerechnet 108.000 Euro f&uuml;r Zuwiderhandlungen. Die juristische Einkesselung machte der PT, insbesondere Lula, einen Strich durch die Rechnung.<\/p><p>Am vergangenen 5. August hatten der Ex-Pr&auml;sident und der PT-Vorstand den ehemaligen B&uuml;rgermeister S&atilde;o Paulos und Lulas sowie Dilma Rousseffs Bildungsminister (2005-2012) Fernando Haddad zum Vize auf Lulas Liste und &ndash; f&uuml;r den Fall eines Kandidatur-Verbots Lulas &ndash; zu Haddads Vize wiederum die popul&auml;re Abgeordnete Manuela D&acute;&Aacute;vila von der Kommunistischen Partei (PCdoB) benannt. Die verst&auml;ndliche, jedoch auch halsbrecherische Taktik Lulas und seiner Anw&auml;lte besagte w&ouml;rtlich, zur Sicherstellung seiner Kandidatur &bdquo;alle Rechtsmittel bis zur letzten Minute&rdquo; auszusch&ouml;pfen. Mit &bdquo;letzter Minute&rdquo; in diesem Tauziehen war der 17. September als wahlrechtliche Frist f&uuml;r den Austausch von Kandidaten der Listenf&uuml;hrungen gemeint. Kernst&uuml;ck dieser Taktik war der Glaube an eine &ndash; allerdings unwahrscheinliche &ndash; Umstimmung des Wahlgerichts und des Obersten Gerichtshofs (STF) zugunsten der Kandidatur Lulas.<\/p><p>In seiner promisken und lukrativen Doppelrolle als Vorsitzender des Wahlgerichts und gleichzeitiges Mitglied des Obersten Gerichtshofs &ndash; eine der zum Himmel schreienden Anomalien des brasilianischen Justizapparates &ndash; hatte jedoch der konservative Magistrat Roberto Barroso in einer &uuml;berst&uuml;rzten &Auml;nderung der Tagesordnung vom 31. August Lula das Ultimatum gestellt (Barroso nega registro de Lula e veta campanha do petista na TV at&eacute; troca na chapa &ndash; O Estado de S&atilde;o Paulo, 31. August 2018), bis zum vergangenen 11. September einen Stellvertreter zu benennen, andernfalls der PT die Teilnahme an den Pr&auml;sidentschaftswahlen untersagt w&uuml;rde. Dass Barroso und der STF sich mit einer rechtlich umstrittenen Vorverlegung einen feuchten Dreck um die legale Fristenbestimmung scherten, machte unmissverst&auml;ndlich deutlich, dass Lula in keine juristische, sondern in eine von langem Arm vorbereitete politische Falle zur Verhinderung seiner Kandidatur getappt war.<\/p><p>Gleichwohl zum lausigen Nachteil des zweiten Teils der Taktik von der &bdquo;letzten Minute&rdquo;, n&auml;mlich der Logik und Erwartung, Lulas 41-prozentige W&auml;hlerzustimmung w&uuml;rde &bdquo;automatisch und 100-prozentig&rdquo; auf Stellvertreter Fernando Haddad &uuml;bertragen. Was nicht zutraf, denn in jenen drei Wochen des juristischen Tauziehens war ein erheblicher Anteil der verunsicherten W&auml;hler zu den konkurrierenden Zentrumskandidaten und ehemaligen Lula-Ministern Ciro Gomes und Marina Silva migriert. Allein Gomes erzielte einen Anstieg seiner seit Monaten stagnierenden Zustimmung von kaum 5 Prozent auf sprunghafte 13 Prozent.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.redebrasilatual.com.br\/politica\/2018\/09\/datafolha-transferencia-de-votos-de-lula-para-haddad-segue-em-alta\">Nach j&uuml;ngsten Umfragen<\/a> vom vergangenen 10. September des Datafolha-Instituts im Besitz der liberal-konservativen Tageszeitung Folha de S. Paulo erkl&auml;rten immerhin 33 Prozent der Befragten, dass sie &bdquo;mit Sicherheit&rdquo; Haddad anstelle Lulas w&auml;hlen, weitere 16 Prozent gaben an, &bdquo;es k&ouml;nnte sein&rdquo;, dass sie einen vom Ex-Pr&auml;sidenten empfohlenen Stellvertreter unterst&uuml;tzen w&uuml;rden. Zu &auml;hnlichen Ergebnissen gelangte eine Studie des Ibope-Instituts vom 11. September, die Haddad ein Stimmenpotenzial mit oberer Grenze von 38 Prozent einr&auml;umt.<\/p><p>F&uuml;r die PT-Anh&auml;nger eine klare Rechnung: &bdquo;49 Prozent werden Haddad w&auml;hlen, Haddad wird die Wahl gewinnen!&rdquo;. So unmissverst&auml;ndlich und ungetr&uuml;bt ist der Stimmentransfer jedoch l&auml;ngst nicht, was Haddads Kampagnen-Leitung zu einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PFH1roP5ftQ\">didaktischen und am&uuml;santen Video<\/a> veranlasste.<\/p><p><strong>Wer ist Fernando Haddad?<\/strong><\/p><p>Der Jurist und promovierte Philosoph Fernando Haddad (Doktorarbeit: &ldquo;Von Marx zu Habermas &ndash; Historischer Materialismus und sein geeignetes Paradigma&rdquo;) ist der zweit&auml;lteste Sohn eines Ehepaars mit libanesischen Wurzeln. Khalil Haddad, sein Vater, verlie&szlig; 1947 im Alter von 24 Jahren den Libanon und etablierte sich als Textil-Gro&szlig;h&auml;ndler in Brasilien. Sowohl seine Mutter &ndash; die Lehrerin Norma Teresa Goussain &ndash; als auch seine Ehefrau &ndash; die promovierte Zahn&auml;rztin und Hochschullehrerin Ana Estela Haddad &ndash; entstammen ebenfalls der tausendfachen libanesischen Diaspora in Brasilien.<\/p><p>Haddads Familie pflegt ein besonderes Verm&auml;chtnis, n&auml;mlich vom anti-kolonialen Widerstand. Als Cury Habib Haddad, Fernandos Gro&szlig;vater v&auml;terlicherseits, Witwer wurde, trat er im Jahrtausende alten Antiochia der griechisch-orthodoxen Kirche als Priester bei. Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte er dort Ansehen als Anf&uuml;hrer im Kampf gegen die franz&ouml;sische Herrschaft. Er starb 1961 in Brasilien. Enkel Fernando, der seinen legend&auml;ren Gro&szlig;vater zu Lebzeiten nicht kennenlernte, tr&auml;gt seitdem dessen Foto in seiner Brieftasche.<\/p><p>Haddad geh&ouml;rt wie so viele brasilianische Intellektuelle zur &bdquo;Werte-Reserve&rdquo; der Arbeiterpartei. Intellektueller, ja &ndash; aber ein &ldquo;Macher&rdquo;.<\/p><p>Von 2005 bis 2012 war er Bildungsminister der Regierungen Lula und Dilma Rousseff, von 2013 bis 2016 B&uuml;rgermeister der Stadt S&atilde;o Paulo. Und er schrieb in beiden &Auml;mtern als Ideenformer Geschichte. Dem heute gerade 55-j&auml;hrigen Ex-Bildungsminister der Regierung Lula verdankt Brasilien Meilensteine in der Geschichte seines Bildungssystems. Mit einem weitsichtigen Projekt aus dem Jahr 2007, genannt Plan zur Bildungs-Entwicklung (PED), gelang Haddad von der Grundschule zum Postgraduierten-Studium eine Strukturver&auml;nderung des staatlichen, kostenlosen Bildungssystems.<\/p><p>Mit seinem Index f&uuml;r Grundschulbildungs-Entwicklung (IDEB) wurde zum ersten Mal die Qualit&auml;t der Primar- und Sekundarschulbildung bemessen und j&auml;hrliche Leistungsziele f&uuml;r Schulen, Gemeinden und Bundesstaaten mit dem Ziel zugrunde gelegt, M&auml;ngel zu beheben und die bessere Ressourcen-Verteilung sicherzustellen. Damit wurden allein 2008 rund 5 Milliarden Reais (damals ca. 2 Milliarden Euro) vom Bund an die L&auml;nder und Kommunen zur Qualit&auml;tssteigerung der Grundschulausbildung und der Lehrer-Geh&auml;lter transferiert.<\/p><p>Als Haddad als Minister aus der Regierung ausschied, hatte Brasilien die &ouml;ffentlichen Bildungsinvestitionen von 3,9 Prozent auf 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erh&ouml;ht. Zum Bildungs-Engagement der Regierungen Lula und Dilma Rousseff geh&ouml;rte die vorschriftsm&auml;&szlig;ige Einf&uuml;hrung der 9-j&auml;hrigen Grundschulausbildung, ferner die Einweihung von 14 neuen Bundes-Universit&auml;ten, der Ausbau von 100 Campussen, die Einf&uuml;hrung der Quotenbestimmung f&uuml;r Arme und Afrobrasilianer und der Ausbau der Studienplatz-Zahlen, die allein zwischen 2007 und 2010 von 139.000 auf 218.000 angestiegen waren.<\/p><p><strong>Haddad, der Exotische<\/strong><\/p><p>Lulas Stellvertreter tritt unter der bew&auml;hrten PT-Listennummer 13 auf. In der Zahlenmystik steht die 13 f&uuml;r Wandel und Umbruch. Ihre Schwingungen seien Hinweise f&uuml;r Loslassen, Abschiede, Neubeginn, Transformation, Wachstum und Weiterentwicklung; Attribute, die ma&szlig;geschneidert Haddads Pers&ouml;nlichkeit kleiden.<\/p><p>Sein konzilianter Auftritt ist meilenweit von einem &ndash; mit Verlaub &ndash; schrillen Umgangston &agrave; la Nicol&aacute;s Maduro entfernt, sein ideologisches Profil k&ouml;nnte man als links-sozialdemokratisch-humanistisch umschreiben, doch gerade deshalb unter Brasiliens 20 Prozent erzkonservativen bis faschistisch motivierten Law&amp;Order-Krakeelern aus zwei skurrilen Gr&uuml;nden verhasst. Zum einen wegen seines Programms &ldquo;Brasilien frei von Homophobie&rdquo;, zum anderen seinem Versuch geschuldet, als B&uuml;rgermeister S&atilde;o Paulos die 20-Millionen-Megalopole mit Samthandschuhen zu humanisieren.<\/p><p>Best&auml;rkt von einer Initiative des brasilianischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2004 zur Bek&auml;mpfung sexueller Diskriminierung, vor allem der grassierenden Homophobie, gab im Jahr 2008 das von Haddad geleitete Bildungsministerium in Zusammenarbeit mit der NGO Pathfinder eine Reihe Aufkl&auml;rungsvideos zur Verteilung an brasilianischen Mittelschulen in Auftrag. Die unerlaubte Verbreitung der Videos im Internet, l&auml;ngst bevor die Unterrichtsmaterialien mit p&auml;dagogischen Gutachten ausgestattet waren, rief im Handumdrehen die Parlamentsfraktionen der Evangelikalen, pensionierten Polizisten und Milit&auml;rs auf den Plan &ndash; allen voran den faschistischen Abgeordneten und Pr&auml;sidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro &ndash; die den Regierungen Lula und Dilma Rousseff &bdquo;homosexuelle Indoktrinierung&ldquo; und &bdquo;Verbreitung homosexuellen Lebensstils&rdquo; vorwarfen. Dieser konservative Kreuzzug bildete eine der Speerspitzen in den Aufm&auml;rschen zum Sturz von Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff.<\/p><p>Mit dem Titel &ldquo;Gegen Widerst&auml;nde k&auml;mpft ein B&uuml;rgermeister f&uuml;r die Entstopfung des Verkehrs in einer brasilianischen Mega-Stadt&rdquo; (Fighting Resistance, a Mayor Strives to Ease Gridlock in a Brazilian Megacity) wurde Haddad 2015 f&uuml;r sein Mobilit&auml;tsprogramm sowohl vom Wall Street Journal als auch von der New York Times &uuml;ber den Klee gelobt. Von New York, Bogot&aacute;, Paris und anderen Stadt-Experimenten inspiriert, habe Haddad hunderte von Meilen Radwege und Busspuren gebaut, B&uuml;rgersteige verbreitert, Tempolimits eingef&uuml;hrt, &ouml;ffentliche Parkpl&auml;tze begrenzt und prominente Alleen &ndash; wie die Avenida Paulista &ndash; f&uuml;r Radfahrer, Fu&szlig;g&auml;nger und ihre Freizeitgestaltung freigegeben &ndash; Ma&szlig;nahmen, die allesamt den Autoverkehr in der Megalopole unter Kontrolle zu bringen versuchten, die umgekehrt vom Autoverkehr beherrscht war.<\/p><p>Mit der Geschwindigkeits-Begrenzung auf 70 Stundenkilometer auf dem Autobahnring durfte sich S&atilde;o Paulo bereits nach eineinhalb Jahren &uuml;ber den rasanten Abbau der Verkehrsunf&auml;lle &ndash; insbesondere mit Todesf&auml;llen &ndash; um 23 Prozent erfreuen. Auch darauf, dass zwischen 2014 und 2015 die Zahl der von PKWs angefahrenen Fu&szlig;g&auml;nger um rund 19 Prozent schrumpfte. F&uuml;r europ&auml;ische Gem&uuml;ter unbegreiflich bis emp&ouml;rend, zollte die Stadt-Humanisierung S&atilde;o Paulos Haddad keinen Dank, sondern bescherte ihm umgekehrt einen Hagel von Gerichtsklagen, unter anderem der Staatsanwaltschaft, die in ihren Begr&uuml;ndungen doch tats&auml;chlich behauptete, dass Fu&szlig;g&auml;nger, die von Autos auf Schnellwegen &uuml;berrascht wurden, &bdquo;gesetzesbrecherische Selbstm&ouml;rder&rdquo; seien.<\/p><p><strong>Ausblick: die Messerattacke auf Bolsonaro und die Drohungen der Gener&auml;le<\/strong><\/p><p>Nach dem Attentat vom 7. September auf den rechtsextremistischen Pr&auml;sidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro verbreitete einer seiner S&ouml;hne einen Tweet mit dem tr&ouml;stlichen Hinweis &bdquo;au&szlig;er Hautabsch&uuml;rfungen nichts Ernsthaftes gewesen&rdquo;, der jedoch bald gel&ouml;scht wurde. Darauf folgte die Verbreitung einer Reihe angeblich authentischer Fotos, die Bolsonaro ohne Blutflecken auf seinem T-Shirt, die angeblichen Chirurgen im Operationssaal ohne Gummihandschuhe abbildeten und somit das Attentat zun&auml;chst als Inszenierung verd&auml;chtigten.<\/p><p>Allem Anschein nach war der Anschlag jedoch ernsthafter als vermutet. Bolsonaro erlitt schwere Darmschnittverletzungen und musste einer Reihe chirurgischer Eingriffe unterzogen werden. Spekuliert wird in brasilianischen Medien, er laufe Gefahr, von seiner Wahlkampagne Abschied nehmen zu m&uuml;ssen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180915-Brasilien-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Das Attentat &ndash; das die Bundespolizei zun&auml;chst einem geistesgest&ouml;rten Einzelt&auml;ter zuschrieb und als &bdquo;nicht politisch motiviert&rdquo; definierte &ndash; hatte jedoch erwartungsgem&auml;&szlig;e Folgen. Vom gesamten demokratischen Spektrum zwar kleingeredet, beschenkte die mediale Viktimisierung Bolsonaro mit mindestens 5 Prozent neuem W&auml;hlerzulauf. Mit angeblichen 26 Prozent der Wahlintentionen f&uuml;hrt nun der rechtsextreme Hauptmann a.D. das brasilianische Pr&auml;sidentschaftsrennen an.<\/p><p>Das ist jedoch nicht die eigentliche schlechte Nachricht f&uuml;r die Zukunft der Demokratie im tonangebenden Land s&uuml;dlich von Miami. Kann der gegenw&auml;rtige Zustand in Brasilien mit den treffenden Worten Boaventura Sousa Santos&lsquo; als &ldquo;Demokratie niedriger Intensit&auml;t&rdquo; (finanzkapitalistische Herrschaft mit Destabilisierung der Staatsorgane und wachsendem Abbau demokratischer Grundrechte) umschrieben werden, so treibt das Land einer neuartigen, schleichenden Milit&auml;rdiktatur entgegen.<\/p><p>&bdquo;Der Tanz der Milit&auml;rs um Bolsonaro ist intensiv&rdquo;, warnte der brasilianische Kolumnist Mauro Lopes mit Hinweis auf eine Ereigniskette zur Veranschaulichung des bedrohlichen Protagonismus f&uuml;hrender Gener&auml;le (As nuvens est&atilde;o ficando mais carregadas no horizonte &ndash; Brasil 247, 12. September 2018), dem man nur zustimmen kann. Erster Hinweis ist die erstmalige Besetzung des Verteidigungsministeriums mit einem Milit&auml;r seit 25 Jahren. Die Militarisierung wurde intensiviert mit der Ernennung des rechtsradikalen Generals Sergio Etchegoyen zum Geheimdienstchef.<\/p><p>Dritter im Bunde ist Bolsonaros Vize, General a.D. Hamilton Mour&atilde;o. Der beeilte sich, mit unverantwortlicher, krimineller Attit&uuml;de, der PT die Verantwortung f&uuml;r die Messerattacke in die Schuhe zu schieben. &bdquo;Davon bin ich hundertprozentig &uuml;berzeugt&rdquo;, keifte der rechtsradikale Uniformierte. Nicht den blassesten Schimmer von Wahrheit und Beweisf&uuml;hrung hatte die Anschuldigung, sie sollte jedoch signalisieren, die &bdquo;Jagdsaison&rdquo; auf die Linke ist er&ouml;ffnet. Damit nicht genug, wendete sich Mour&atilde;o an das Wahlgericht mit dem Antrag, den behinderten Bolsonaro als Spitzenkandidat abzul&ouml;sen und die Wahlkampagne in die eigenen H&auml;nde zu nehmen &ndash; ein &bdquo;Putsch&rdquo; in den eigenen Reihen?<\/p><p>Dem folgte die nicht weniger provokative Drohung des amtierenden Heereschefs, General Eduardo Villas B&ocirc;as, <a href=\"https:\/\/politica.estadao.com.br\/noticias\/eleicoes,legitimidade-de-novo-governo-pode-ate-ser-questionada-diz-general-villas-boas,70002493813\">in einem Interview<\/a> vom 9. September mit der Tageszeitung O Estado de S&atilde;o Paulo. Falls Bolsonaro die Wahl verliere, &bdquo;kann die Legitimit&auml;t der neuen Regierung sogar in Frage gestellt werden&rdquo;, wagte der Milit&auml;r durch die Blume an die Adresse der beiden demokratischen Pr&auml;sidentschaftsbewerber, Fernando Haddad und Ciro Gomes, auszuposaunen. Wie die meisten seiner Kameraden ist Villas B&ocirc;as Wiederholungst&auml;ter. Er fiel des &Ouml;fteren durch Spr&uuml;che gegen die erwartete Bestrafung von Uniformierten auf, die Verbrechen gegen die Menschenrechte begangen haben.<\/p><p>&bdquo;Die Lage ist mehr als angespannt&rdquo;, kommentierte Lopes. &bdquo;Am Horizont braut sich ein Sturm zusammen. Mag sein, dass er von den Winden der Demokratie zerstreut wird, doch die Wolken sind tief grau und beladen&rdquo;. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180915-Brasilien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Eine derart groteske Wahlkampagne haben Brasilien und die Welt selten gesehen. Die Pointe: Mit 41 Prozent der W&auml;hlerintentionen f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahlen vom kommenden 7. Oktober sitzt der landesweite Favorit als Opfer einer weltweit angeprangerten Justiz-Intrige seit f&uuml;nf Monaten hinter Gittern. Seinen Anh&auml;ngern wurde gar<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46011\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,126,20,190],"tags":[1276,1112,2454,1613,2163,2463,1256,930,2056,1943,639,1347],"class_list":["post-46011","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-wahlen","tag-attentat","tag-buergerrechte","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-gefaengnis","tag-haddad-fernando","tag-homosexualitaet","tag-justiz","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-rousseff-dilma","tag-uno","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46011","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46011"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46011\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48064,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46011\/revisions\/48064"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46011"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46011"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46011"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}