{"id":46054,"date":"2018-09-18T08:40:34","date_gmt":"2018-09-18T06:40:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46054"},"modified":"2018-09-18T14:33:01","modified_gmt":"2018-09-18T12:33:01","slug":"was-starautor-bob-woodward-so-alles-nicht-ueber-seinen-praesidenten-donald-trump-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46054","title":{"rendered":"Was Starautor Bob Woodward so alles nicht \u00fcber seinen Pr\u00e4sidenten Donald Trump verr\u00e4t."},"content":{"rendered":"<p>Am 11. September erschien das Buch &ldquo;Fear &ndash; Trump in the White House&ldquo; auf Deutsch. Es gab freundliche, sehr freundliche Besprechungen &ndash; typisch <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/bob-woodward-fear-trump-in-the-white-house-das-weisse-haus.2165.de.html?dram:article_id=427760\">die Besprechung im Deutschlandfunk hier<\/a>. Wir haben den langj&auml;hrigen Korrespondenten und B&uuml;roleiter des &bdquo;Spiegel&ldquo; in Washington, Siegesmund von Ilsemann, daf&uuml;r gewonnen, dieses Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten zu besprechen. Seine Besprechung ist so ganz anders ausgefallen als zum Beispiel im &bdquo;Deutschlandfunkkultur&ldquo;. Die NachDenkSeiten w&uuml;rden ihren selbstgesteckten Auftrag verfehlen, w&uuml;rden sie Ihnen nicht eine kritische, eigenst&auml;ndige Sicht der Dinge bieten. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5525\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46054-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46054-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180918_Was_Bob_Woodward_so_alles_nicht_ueber_Donald_Trump_verraet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>M&auml;nner machen Geschichte<\/strong><br>\n<em>Was Starautor Bob Woodward so alles nicht &uuml;ber seinen Pr&auml;sidenten Donald Trump verr&auml;t.<\/em><br>\n<em>Von Siegesmund von Ilsemann (fast drei Jahrzehnte SPIEGEL-Redakteur und von 1990 bis 1998 Korrespondent und B&uuml;roleiter des Magazins in Washington)<\/em><\/p><p>Bob Woodward ist angekommen. Seit Deep Throat ihm und seinem Washington-Post-Kollegen Carl Bernstein die finstersten Geheimnisse aus Nixons White House anvertraut hatte und es den beiden daraufhin 1974 gelang, zum ersten Mal in der US-Geschichte  einen Pr&auml;sidenten an den Rand einer Amtsenthebung und damit zum R&uuml;cktritt zu bringen, thront Woodward im Olymp des investigativen Journalismus der USA.<\/p><p>Kein Wunder, dass Amerika Kopf steht, als ausgerechnet am 11. September, dem Jahrestag der schlimmsten Dem&uuml;tigung der Nation, die sich so gern als gottgew&auml;hlt bezeichnet, Woodwards neuester Bestseller auf den Markt geworfen wird. Auf 420 Seiten entsteht in &ldquo;Fear &ndash; Trump in the White House&rdquo; ein ersch&uuml;tterndes Bild der  Chaostage im Wei&szlig;en Haus. Auf eine Million Exemplare hatte der Verlag Simon &amp; Schuster&nbsp; die geplante Erstauflage bereits versiebenfacht, noch ehe das Opus &uuml;berhaupt seinen Weg in die Buchl&auml;den gefunden hatte.<\/p><p>Vielleicht, so barmt das wachsende Anti-Trump-Lager in Washington, gelingt dem Meister ein zweiter Pr&auml;sidentensturz.<\/p><p>Ein Grund f&uuml;r diesen Hype: Robert Upshur &bdquo;Bob&ldquo; Woodward wird verehrt, verg&ouml;ttert in jenem Amerika, das noch immer glaubt, mit den freiesten, den kritischsten, den furchtlosesten Journalisten der Welt die eigene Regierung und die vieler anderer Nationen unbestechlich &uuml;berwachen zu k&ouml;nnen. Woodward ist einer, der diesen Mythos n&auml;hrt, auch wenn der l&auml;ngst nur noch als M&auml;rchen aus den Es-war-einmal-Tagen durchs amerikanische Nationalepos geistert.<\/p><p>Starautor Woodward kennt sie alle, die Granden der politischen Hautevolee Washingtons. Noch wichtiger aber &ndash; alle, wirklich alle kennen den inoffiziellen Historiographen der US-Pr&auml;sidenten oder gieren danach, ihn kennenzulernen.<\/p><p>Kaum jemand verweigert sich der Einladung zum T&ecirc;te-&agrave;-t&ecirc;te mit Woodward. Denn wer vom Doyen des investigativen Journalismus der  USA zum Gespr&auml;ch gebeten wird, darf glauben, dass er wom&ouml;glich Bedeutendes beizutragen hat zu Woodwards Berichten &uuml;ber Macht und M&auml;chtige am Potomac. Sogar sein j&uuml;ngstes &ldquo;Opfer&rdquo; wollte schlie&szlig;lich doch noch sein Scherflein beitragen zum Polit-Bestseller der Saison. Aber als der amtierende Pr&auml;sident beim Autor anrief, um seine Sicht zum &ldquo;richtig schlechten Buch &uuml;ber mich&rdquo; (Trump) beizusteuern, befand sich das Manuskript bereits auf dem Weg zur Druckerei.<\/p><p>Wie viel ist eine Biographie wert, die auskommt ohne ausf&uuml;hrliche Gespr&auml;che mit dem Portraitierten? Was bedeutet es, wenn nur &uuml;ber, nie mit ihm geredet wird?<\/p><p>Nun, man darf schon darauf bauen, dass all die Skandale und Skand&auml;lchen, Anekdoten und Enth&uuml;llungen, die Woodward f&uuml;r sein j&uuml;ngstes Werk zusammengetragen hat, aus irgendwelchen Quellen sprudelten. Akribisch, wie stets, wird der Autor auch diesmal jede Begegnung, jedes Gespr&auml;ch wortw&ouml;rtlich aufgezeichnet haben. Hunderte Tondokumente liegen in seinem Archiv &ndash; mit allem, was ihm seine Informanten zugetragen haben. Man kann ihm glauben, was er schreibt.<\/p><p>Fatal nur &ndash; man muss es ihm auch glauben, denn Woodward zitiert (auch das wie immer) oft sogar seine wichtigsten Quellen anonym. Vieles bleibt unkontrollierbar, gesagt von ungenannten Mitarbeitern, namenlosen Insidern oder stammt aus den omin&ouml;sen &ldquo;einflussreichen Kreisen&rdquo;, ohne dass der Leser je erf&auml;hrt, wer diese Menschen sind, die mit ihrem Wissen &uuml;ber den amtierenden Pr&auml;sidenten hausieren gehen. <\/p><p>Werden da alte Rechnungen beglichen, pers&ouml;nliche Verletzungen nachgetragen? Und wie soll angeblich Erlebtes von nur Geh&ouml;rtem oder Gerauntem unterschieden, wie gewichtet werden? Derlei Fragen verschwinden nur allzu oft unter dem Teppich des Glaubens, dem Mantel des Vertrauens, die Woodward seinen Lesern ausbreitet. <\/p><p>Anonyme Zitate sind zwar nichts Ungew&ouml;hnliches f&uuml;r die Journaille.<br>\nAber mit steigender Zahl ger&auml;t selbst die Trump-Biographie der Edelfeder zur Glaubensfrage. <\/p><p>All die Verbalinjurien, Schimpfw&ouml;rter und Beleidigungen, mit denen Protagonisten im Wei&szlig;en Haus fortw&auml;hrend von Washingtons Starautor zitiert werden, passen zwar wunderbar zum erratischen Agieren der Regierung eines irrlichternden Pr&auml;sidenten, wie es uns tagt&auml;glich vorgef&uuml;hrt wird. Aber da allzu oft &ndash; gerade, wenn es wirklich spannend wird, &ndash; Ross und Reiter ungenannt bleiben bei den Attacken gegen Trump, strapaziert Woodward den Vertrauensvorschuss seiner Gl&auml;ubigen allzu sehr.<\/p><p>Zu diesem historiographischen Manko gesellt sich ein zweites. Der Beichtvater der M&auml;chtigen und ihrer Taschentr&auml;ger hebt die Personen seines Interesses, diesmal Donald Trump, auf Sockel. Egal, welche Legende er um sie strickt, ob positiv, ob negativ, alles tr&auml;gt bei zur Denkmalsbildung. In dem Ma&szlig;, wie er die Macht, die Mittel und die M&ouml;glichkeiten der Portraitierten und deren Umgang damit &uuml;berh&ouml;ht, verleiht er seinen Biographien Wucht, Wichtigkeit und manchmal schon fast einen Anstrich des Seherischen.<\/p><p>Damit stellt Woodward sich in die unselige Tradition einer Geschichtsschreibung, die der deutsche Historikerpapst Heinrich von Treitschke bereits in der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts in das Dogma goss: &ldquo;Personen, M&auml;nner sind es, welche die Geschichte machen.&rdquo;<\/p><p>Es ist die gnadenlose Personalisierung von Politik, die den Blick daf&uuml;r verstellt und meist auch verstellen soll, welches die gesellschaftlichen Ursachen sind f&uuml;r den Aufstieg der &ldquo;M&auml;chtigen&rdquo; und deren Taten.<\/p><p>Kaum ein Wort bei Woodward &uuml;ber jene, auf deren Schultern Trump ins Wei&szlig;e Haus getragen wurde, keines &uuml;ber die gesellschaftlichen Str&ouml;me in dieser Nation der Auserw&auml;hlten, die ausgerechnet ihn, diesen narzisstischen &ldquo;Moron&rdquo;, ins m&auml;chtigste Amt der freien Welt gesp&uuml;lt haben, in dem er nun dargestellt wird wie ein Usurpator.<\/p><p>Dabei h&auml;tte Woodward nur 100 Meilen westw&auml;rts der Route 66 folgen m&uuml;ssen, um im Shenandoah Valley jene &ldquo;White Trash&rdquo; gescholtene Unterschicht zu finden, auf der Trumps Pr&auml;sidentschaft nicht unwesentlich gr&uuml;ndet. Ein Besuch im &ldquo;bible belt&rdquo; der S&uuml;dstaaten h&auml;tte Augen &ouml;ffnen und der Analyse Tiefe verleihen k&ouml;nnen &ndash; dort wo die Menschen in der wortw&ouml;rtlichen Auslegung der Heiligen Schrift jene Zuversicht suchen, die ihnen Gesellschaft und Politik schon seit Jahrzehnten verweigern. Oder eine Fahrt durch den &ldquo;rust belt&rdquo;, den ver&ouml;deten Industrieg&uuml;rtel weiter im Norden der USA, wo der amerikanische Traum nur noch wie ein Zombie aus den leeren Fensterh&ouml;hlen schier endloser Fabrikruinen glotzt.<\/p><p>Der Autor h&auml;tte sich der Frage stellen m&uuml;ssen, warum seit Jahrzehnten die Pr&auml;sidenten des selbsterkl&auml;rten Musterlands der Demokratie von kaum mehr als einem Viertel der Wahlberechtigten ins Amt gehoben werden. Die Frage, was aus jener H&auml;lfte der Wahlberechtigten wird, die l&auml;ngst von institutionalisierter Politik Abschied genommen haben, lie&szlig; die Eliten unber&uuml;hrt, die sich in sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit an den Machthebeln vom Kongress und im Wei&szlig;en Haus abgewechselt haben.<\/p><p>Dabei h&auml;tte jedermann sie sehen k&ouml;nnen &ndash; die schwer bewaffneten Gruppen, die sich an Wochenenden in die W&auml;lder schlagen, um die Verteidigung ihrer wei&szlig;en Traum-Welt zu &uuml;ben. Milizen, Nationalisten und arische Frontk&auml;mpfer r&uuml;sten sich &uuml;berall im Land zum Endkampf gegen mehr oder weniger imagin&auml;re Feinde: Aus dem S&uuml;den sehen sie ein Millionenheer ausgehungerter Hispanics anr&uuml;cken, das die Wohlfahrt im Land der Guten und Gerechten bedroht (ein Hoch auf Trumps Mauer); aus Norden schweben angeblich schwarze Hubschrauber der UN alln&auml;chtlich aus, um die Macht&uuml;bernahme in den USA vorzubereiten.<\/p><p>&Uuml;ber die neuen Wege direkter Kommunikation entwickelten sich solche Zellen von Verirrten und Verwirrten immer &ouml;fter zu Kristallisationskernen in einem sich rasch verdichtenden Netz der Staatsverdrossenen, Verschw&ouml;rungsgl&auml;ubigen und Hoffnungslosen. Seit die Immobilienkrise und die Folgen der Globalisierung auch in der Mittelschicht den Glauben an den amerikanischen Traum millionenfach zerst&ouml;rten, hat sich die Zahl derer vervielfacht, die sich von der Politik verlassen und verraten f&uuml;hlen. Sie alle warteten nur darauf, dass sich jemand, irgendjemand ihrer annimmt, ihnen das verspricht, an das sie schon lange nicht mehr glauben, aber dennoch h&ouml;ren wollen.<\/p><p>Es ist dieses Reservoir von &uuml;ber 100 Millionen amerikanischen Nichtw&auml;hlern, denen der Politikbetrieb in Washington vermutlich weniger bedeutet als jede Doku-Soap im Fernsehen, das jemand wie Trump mobilisieren konnte. Es ist das andere Amerika jenseits der Aufmerksamkeitsspanne von Parteipolitik, unbeobachtet von den meisten Medien, unbeachtet in internationalen Diskussionszirkeln, Talkshows und Expertenrunden, unberichtet von Tagesschau und Heute. Es ist das unbekannte Amerika, das pl&ouml;tzlich ins Scheinwerferlicht tritt &ndash;  und uns erschreckt.<\/p><p>F&uuml;r die Trumpisten sch&uuml;rt all das, wor&uuml;ber die Rechtgl&auml;ubigen der institutionalisierten amerikanischen Politik ihre Nasen r&uuml;mpfen, das Feuer unter ihrem Kessel, erh&ouml;ht den Druck, den ihr Triumphator mit einem einzigen Tweet entfesseln kann. Sie werden angetrieben, nicht entmutigt von allem, was ihrem Wortf&uuml;hrer an Ungeh&ouml;rigem und Sch&auml;ndlichkeiten nachgesagt wird. Es ist genau das, was sie h&ouml;ren wollen in ihrer Wut auf eine Politik, die schon so lange nicht mehr die ihre ist.<\/p><p>Doch weder davon noch von der Art und Weise, wie Donald Trump sich dieses Potential erschlie&szlig;en konnte, verr&auml;t uns Bob Woodward auch nur ein Sterbensw&ouml;rtchen. Geht es nach ihm, delektieren wir uns lieber pharis&auml;erhaft an den Absonderlichkeiten und Absurdit&auml;ten eines Pr&auml;sidenten, wie er in unserer (der besseren) Alten Welt angeblich kaum vorstellbar scheint.<\/p><p>Wenn wir da nur nicht &ndash; erneut &ndash; einem folgenschweren Irrtum aufsitzen. Aber dar&uuml;ber kann dann ja Bob Woodward oder ein anderer Autor s&uuml;ffige B&uuml;cher schreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. September erschien das Buch &ldquo;Fear &ndash; Trump in the White House&ldquo; auf Deutsch. Es gab freundliche, sehr freundliche Besprechungen &ndash; typisch <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/bob-woodward-fear-trump-in-the-white-house-das-weisse-haus.2165.de.html?dram:article_id=427760\">die Besprechung im Deutschlandfunk hier<\/a>. Wir haben den langj&auml;hrigen Korrespondenten und B&uuml;roleiter des &bdquo;Spiegel&ldquo; in Washington, Siegesmund von Ilsemann, daf&uuml;r gewonnen, dieses Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten zu besprechen. 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