{"id":4608,"date":"2010-02-26T11:51:25","date_gmt":"2010-02-26T10:51:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4608"},"modified":"2014-08-06T15:21:29","modified_gmt":"2014-08-06T13:21:29","slug":"kapitalismus-marktwirtschaft-und-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4608","title":{"rendered":"Kapitalismus, Marktwirtschaft und Staat"},"content":{"rendered":"<p>Ein anregender Beitrag von Dr. Hans Bleibinhaus, M&uuml;nchen. Er ist Diplom-Volkswirt und hat vielerlei Erfahrungen als Mitarbeiter der Stadt M&uuml;nchen gesammelt. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kapitalismus<\/strong><br>\nDas besondere am kapitalistischen System ist seine eindeutige und rechenbare Zielsetzung: die Maximierung des Gewinns in einer bestimmten Periode. Je nach Gesch&auml;ftsgrundlage ist diese mal l&auml;nger, mal k&uuml;rzer: Gesch&auml;fte und Gewinne, die umfangreiche Investitionen, etwa den Bau von Fabriken, zur Voraussetzung haben, werden in der Regel langfristig geplant. Wertpapierspekulationen sind oft Tages-, ja Minutengesch&auml;fte.<br>\nDiese eindeutige und in Rechengr&ouml;&szlig;en ausdr&uuml;ckbare Zielsetzung ist ein gro&szlig;er Vorteil gegen&uuml;ber anderen Wirtschaftssystemen, in deren vergleichsweise komplexen Zielsetzungen ethische und soziale Wertungen, in Sonderheit Vorstellungen von einem &bdquo;Allgemeinwohl&ldquo; enthalten sind.<br>\nEntscheidend ist, dass im Kapitalismus neben der Gewinnmaximierung kein anderes, auch nicht als Nebenziel gilt.  Das ist kein Widerspruch zu der Tatsache, dass Kapitalisten als Personen  alle m&ouml;glichen guten oder schlechten Eigenschaften aufweisen k&ouml;nnen: Ihre pers&ouml;nliche Variante von Gewinnmaximierung hat nichts mit dem System an sich zu tun.<br>\nDies zeigt sich vor allem dann, wenn es darum geht, den Rahmen der Gewinnmaximierung in der Auseinandersetzung mit Gewerkschaften, Konkurrenten, Kunden und dem Staat zu erweitern. Da wird auch der fr&ouml;mmste Kapitalist einen niedrigeren Lohnsatz einem h&ouml;heren vorziehen und weniger Konkurrenz, weniger kritische Kunden und geringe Steuerlasten mehr sch&auml;tzen als das jeweilige Gegenteil.<br>\nDie Tendenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist eindeutig: Die dem Maximalgewinn Grenzen setzenden Gegenkr&auml;fte werden nicht einfach hingenommen, sondern in aller Regel auf rationale Weise, d.h. mit verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Mitteln bedr&auml;ngt, bek&auml;mpft und aus dem Weg ger&auml;umt. Kommt der Kapitalist mit Glac&eacute;handschuhen zurecht, er&uuml;brigen sich gr&ouml;bere Methoden.<br>\nHumanistische und sozialethische Normen sind systemfremde Begriffe:<br>\nIn Demokratien mit gefestigter Rechtsstaatlichkeit werden Tarife vereinbart, wo nicht, werden Gewerkschafter schon mal erschossen.<br>\nDie Konkurrenz wird je nach Lage der Dinge durch Innovationen in Technik, Organisation und Marketing bek&auml;mpft oder vermittels gr&ouml;berer Ma&szlig;nahmen bis hin zu Korruption und Gewalt drangsaliert, bis sie auf der Strecke bleibt oder aufgesogen werden kann.<br>\nDie Kunden werden so lange mit allerlei Vorspiegelungen und Versprechen gek&ouml;dert, bis eine entsprechend starke Marktstellung erreicht ist und dann nach allen Regeln der Kunst ausgepl&uuml;ndert.<br>\nDer Staatsmacht wird durch Lobbyismus, Parteien- und Abgeordnetenfinanzierung,  Medienkampagnen und Korruption so lange zugesetzt, bis sie vollkommen von Kapitalinteressen durchdrungen ist und die Gesetzgebung ausschlie&szlig;lich nach deren Interessen erfolgt.<\/p><p>In einer funktionierenden Demokratie, mit einer souver&auml;nen, dem Allgemeinwohl dienenden Staatsmacht und ann&auml;hernd gleichrangigen Gegenkr&auml;ften auf der Seite der Gewerkschaften, der Konkurrenten und der Konsumenten ist der Kapitalismus darauf angewiesen, seine Produktivkr&auml;fte im wesentlichen nur mit Hilfe st&auml;ndiger Erneuerungen und Verbesserungen zu entwickeln und kann unter diesen Umst&auml;nden wie kein anderes Wirtschaftsystem ungeahntes, auch nachhaltiges Wachstum und breit gestreuten Wohlstand hervorbringen.<br>\nEin deregulierter Kapitalismus hingegen entwickelt eine ebenso ungeahnte Zerst&ouml;rungskraft und f&uuml;hrt &uuml;ber menschenunw&uuml;rdige Arbeitsverh&auml;ltnisse, Lohndumping, Steuerverweigerung und Umweltzerst&ouml;rung zu einem politischen Regime, das &bdquo;zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung&ldquo; alle Mittel einsetzt, um die Bev&ouml;lkerung ruhig zu stellen. Beispiele hierf&uuml;r gibt es nicht nur in der Vergangenheit und nicht nur in so genannten Drittl&auml;ndern mehr als genug: autorit&auml;re Pr&auml;sidialregime, Einparteienregierungen, Milit&auml;rdiktaturen und Faschismus. Ihr Ende ist stets die wirtschaftliche Katastrophe &ndash; h&auml;ufig erst nach Krieg oder B&uuml;rgerkrieg<br>\nGelingt es dem globalisierten Kapital, seine eigenen Regeln der Ausbeutung von Mensch und Natur weltweit durchzusetzen, ist die Zerst&ouml;rung der Lebensgrundlagen einer menschlichen Zivilgesellschaft nicht mehr aufzuhalten.<\/p><p><strong>Marktwirtschaft<\/strong><br>\nEine funktionierende Marktwirtschaft ist ein geradezu geniales System der Steuerung der Produktion, Verwendung und Verteilung von G&uuml;tern und Dienstleistungen.<br>\nIn der Theorie sorgt eine Vielzahl von  ann&auml;hernd gleichstarken Anbietern, dass man prinzipiell nur durch Neuerungen und Verbesserungen des Angebots auf Dauer Gewinn erzielen kann. Auf der Gegenseite gibt es so viele Nachfrager ann&auml;hernd gleicher Kaufkraft, dass keiner seinen Kunden oder Lieferanten erpressen kann. Der Zustand vollst&auml;ndiger Information aller Marktteilnehmer sorgt daf&uuml;r, dass niemand irrt&uuml;mlich handelt oder &uuml;bervorteilt werden kann.<br>\nDas Problem ist leider, dass selbst dann, wenn die Welt nur aus gutwilligen und fairen Partnern bestehen w&uuml;rde, dieser Idealzustand niemals erreicht werden kann. Es handelt sich um ein rein theoretisches Modell, tauglich allerdings f&uuml;r Feststellungen &uuml;ber den Grad der Abweichungen einer real existierenden Marktwirtschaft vom Idealfall und f&uuml;r Hinweise zu ihrer st&auml;ndigen Verbesserung.<br>\nDie Aufrechterhaltung eines optimalen Zustandes der Marktwirtschaft ist Aufgabe des Staates. Gesetze sind notwendig, um den Drang des Kapitals nach marktbeherrschenden Stellungen, nach Lohndumping, nach Verbrauchert&auml;uschung, Steuerhinterziehung und hemmungsloser Ausbeutung der nat&uuml;rlichen Ressourcen in Grenzen zu halten.<br>\nDer erste Theoretiker der Marktwirtschaft, Adam Smith, hat bereits 1776 erkannt und beschrieben, dass es keine gr&ouml;&szlig;eren Gegner des marktwirtschaftlichen Systems gibt, als die Unternehmer. &bdquo;Leute aus demselben Gewerbe&ldquo;, schreibt er, &bdquo;treffen selten zusammen &ndash; und sei es zum Frohsinn und zur Erholung &ndash; ohne dass die Unterhaltung mit einem Komplott gegen die Allgemeinheit oder mit einem Plan zur Erh&ouml;hung der Preise endet.&ldquo;<br>\nJe mehr sich ein Staat auf moralische Appelle, freiwillige &bdquo;compliance&ldquo;-Regeln verl&auml;sst und  auf Selbstbeschr&auml;nkung und Selbstregulierung hinausredet, um so mehr wird offenbar, wie abh&auml;ngig er bereits vom Kapital ist.<\/p><p><strong>Staat<\/strong><br>\nDem Kapitalismus soziale Schranken zu setzen und eine funktionierende Marktwirtschaft zu sichern, ist Aufgabe des Staates. Nicht etwa ein linker &Ouml;konom, sondern der erzliberale Alexander R&uuml;stow fordert &bdquo;einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingeh&ouml;rt.&ldquo;<br>\nEin solcher Staat soll daf&uuml;r sorgen, dass Gewinnmaximierung im Rahmen rechtsstaatlicher und sozialvertr&auml;glicher Grenzen m&ouml;glich ist und die Funktionsf&auml;higkeit der M&auml;rkte soweit als irgend m&ouml;glich gew&auml;hrleistet oder durch staatliche Organisationen (z.B. des Gesundheitswesens, des Bildungssystems, der Arbeitslosigkeits- und Altersvorsorge usw.) substituiert wird.<br>\nLenin hat dar&uuml;ber gelacht, und wie Karl Marx den b&uuml;rgerlich-demokratischen Staat als dazu unf&auml;hig, weil schieres Werkzeug der Kapitalisten angesehen und den Weg der Revolution gew&auml;hlt. (Das Ergebnis ist bekannt, wobei allerdings nicht zu &uuml;bersehen ist, dass auch eine urspr&uuml;nglich kommunistische, autorit&auml;re Staatsmacht in der Lage ist, f&uuml;r eine ph&auml;nomenale &ouml;konomische und soziale Entwicklung zu sorgen.)<\/p><p>Wenn jedoch &ndash; im Gegensatz und als Widerlegung der pessimistischen Einsch&auml;tzung von Marx und Lenin &ndash; der Staat in einer freiheitlichen und sozialen Demokratie seinen &ouml;konomischen  Aufgaben gerecht werden will, muss er unabh&auml;ngig und bereit sein, rational im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln.<br>\nEr muss entscheiden k&ouml;nnen, wie &ndash; grosso modo &ndash; das wirtschaftliche Ergebnis zustande kommen und zwischen Investition und Konsumtion aufgeteilt werden soll. Das eine wirkt sofort auf Wachstum und Ressourcenverbrauch und das andere auf dem Umweg &uuml;ber steigende Kaufkraft. Man nennt das makro&ouml;konomische Steuerung.<br>\nDie fortw&auml;hrende Kampagne der Unternehmer, L&ouml;hne, Steuern und Abgaben ausschlie&szlig;lich als Produktionskosten zu sehen und ihre Einkommen, d.h. Nachfrage generierende Wirkung zu ignorieren, ist kurzsichtig und f&uuml;hrt zu wirtschaftlichen Krisen, ausgel&ouml;st durch ein Missverh&auml;ltnis zwischen den vorhandenen Produktionskapazit&auml;ten und der wirksamen, mit hinreichend Kaufkraft ausgestatten Nachfrage des Staates und der privaten Haushalte. &Uuml;ber kurze Phasen hinweg kann der Au&szlig;enhandel &uuml;ber die Schw&auml;chen der Binnennachfrage hinweg helfen. Eine Wirtschaftspolitik zur dauerhaften Erringung der &bdquo;Exportweltmeisterschaft&ldquo; durch Kostensenkungen im Bereich der L&ouml;hne und Steuern freut zwar nicht nur die Exportindustrie, sondern alle davon profitierenden Unternehmen, f&uuml;hrt jedoch durch die wachsende Verarmung privater Haushalte und des Staates  auch ohne Spekulations- und Bankencrash zwangsl&auml;ufig zur Krise des gesamten Systems.<\/p><p>Die Situation in Deutschland ist seit der &bdquo;Agenda 2010&ldquo; der Regierung Schr&ouml;der und erst recht seit dem Antritt der schwarz-gelben Regierung gekennzeichnet durch eine nahezu grenzenlose Willf&auml;hrigkeit gegen&uuml;ber kurzsichtigen Kapitalinteressen und deren Kostensenkungs- und Deregulierungskampagnen. Nationalstaat und Europ&auml;ische Union schieben sich wechselseitig die Verantwortung f&uuml;r die &bdquo;Alternativlosigkeit&ldquo; einer solchen Wirtschaftspolitik zu: Auf der einen Seite wird behauptet, nationale Regelungen seien wirkungslos, auf der anderen Seite kann man sich leider nur im Grundsatz, nie aber im Detail einigen. Da hier wie dort die Kapitalinteressen dominieren, ist es keine &Uuml;bertreibung, hierin ein abgekartetes Spiel zu sehen.<br>\nWeder die Gewerkschaften noch die politische Linke haben es bisher vermocht, den positiven Wirtschaftseffekt h&ouml;herer L&ouml;hne und angemessener Steuern &uuml;berzeugend darzustellen. Der dominierende rechte Fl&uuml;gel innerhalb der SPD hat eine solche Diskussion gar nicht erst aufkommen lassen.<br>\nDas Heil des kapitalistischen Deutschland wird unver&auml;ndert darin gesehen,  den Export&uuml;berschuss auf Kosten einer zunehmenden Verarmung privater Haushalte und steigender Staatsverschuldung in immer gr&ouml;&szlig;ere H&ouml;hen zu treiben.<br>\nDen Gipfel des &ouml;konomischen Irrsinns und der sozialen Unmoral stellt derzeit das so genannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz dar, womit Steuergeschenke durch h&ouml;here Staatsschulden kompensiert werden.<br>\nEin Ausweg ist vorl&auml;ufig nicht abzusehen.<br>\nDer Kapitalismus dominiert. Die H&ouml;rigen der Finanzwirtschaft, der Konzerne und Verb&auml;nde haben in allen Parlamenten die Mehrheit.<\/p><p><em>P.S. Die Zitate von Adam Smith und Alexander R&uuml;stow finden sich bei:<br>\nAdam Smith, Eine Untersuchung &uuml;ber das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen, Berlin 1976, Band. I, S. 168<br>\nAlexander R&uuml;stow in: Schriften des Vereins f&uuml;r Socialpolitik, Band 187, S. 69 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein anregender Beitrag von Dr. Hans Bleibinhaus, M&uuml;nchen. Er ist Diplom-Volkswirt und hat vielerlei Erfahrungen als Mitarbeiter der Stadt M&uuml;nchen gesammelt. 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