{"id":4611,"date":"2010-02-26T14:38:54","date_gmt":"2010-02-26T13:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4611"},"modified":"2014-08-06T15:22:28","modified_gmt":"2014-08-06T13:22:28","slug":"hochschule-in-gesellschaftlicher-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4611","title":{"rendered":"Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Am 24. und 25. Februar fand in Berlin das <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/v_2010_02_24_programm.pdf\">3. Hochschulpolitische Forum der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung [PDF &ndash; 271 KB]<\/a> statt. Am runden Tisch wurden zun&auml;chst die f&uuml;r Bildung zust&auml;ndigen Vorstandsmitglieder von DGB, ver.di, IG Metall, GEW und IB BCE nach ihrer Einsch&auml;tzung zu dem von der Hans B&ouml;ckler Stiftung getragenen Projekt und in Kooperation mit dem DGB und seinen Mitgliedsgewerkschaften erarbeiteten <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/stuf_proj_leitbild_2010.pdf\">&bdquo;Leitbild Demokratische und Soziale Hochschulen&ldquo; [PDF &ndash; 788 KB]<\/a> befragt. In 8 Foren wurden danach die einzelnen Kapitel des Leitbildes zur Diskussion gestellt und Vorschl&auml;ge zur Umsetzung erarbeitet. Die f&uuml;r die Hochschulen in ihren L&auml;ndern zust&auml;ndigen Minister Wolfgang Heubisch (Bayern), Jan-Hendrik Olbertz (Sachsen-Anhalt) und J&uuml;rgen Z&ouml;llner (Berlin) nahmen in Kurzreferaten Stellung und stellten ihre Positionen zur Diskussion.<br>\nWir dokumentieren das <strong>Grundsatzreferat des DGB-Vorsitzenden Michel Sommer<\/strong> auf diesem Forum (I.). Leider stehen mir die Statements aus den Foren nicht zur Verf&uuml;gung, so dass ich Ihnen nur mein eigenes anbieten kann (II.). Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"text-align: center;\"><strong>I.<\/strong><\/div><p><strong>&bdquo;Gewerkschaft und Hochschule&rdquo;<\/strong><\/p><p><strong>Grundsatzreferat des DGB-Vorsitzenden Michel Sommer<br>\nauf dem Hochschulpolitischen Forum der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung<br>\nam 25. Februar 2010 in Berlin<\/strong><\/p><p><strong>Es gilt das gesprochene Wort<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,<\/p><p>wer sich die Sonntagsreden in Parlamenten und auf Parteitagen anh&ouml;rt, wer die Leitartikel in den gro&szlig;en deutschen Tageszeitungen liest, muss zu dem Ergebnis kommen: Es steht gut um die deutschen Hochschulen. Wissen ist der wichtigste Rohstoff in unserem Land. Gute Bildung ist die entscheidende Stellschraube f&uuml;r einen gerechten Sozialstaat. Die Bundeskanzlerin ruft gar die Bildungsrepublik Deutschland aus. Soweit die frommen Worte.<\/p><p>Die Wirklichkeit im deutschen Bildungswesen &ndash; nicht nur an den Hochschulen &ndash; ist von diesen hehren Anspr&uuml;chen weit entfernt. Ein Blick in den Nationalen Bildungsbericht zeigt das:<\/p><ul>\n<li>Noch immer muss man Arbeiterkinder an den deutschen Hochschulen mit der Lupe suchen: Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks untermauert diesen Befund. Von 100 Kindern, die nicht aus Akademiker-Familien stammen, schaffen es nur 23 an die Hochschule. Bei Kindern aus Akademiker-Familien sind es 83.<\/li>\n<li>Noch immer finden Menschen ohne Abitur kaum den Weg an unsere Hochschulen. Gerade einmal ein Prozent der Studierenden ist ohne Abitur an die Hochschulen gelangt.<\/li>\n<li>Das BAf&ouml;G war einst die Strickleiter des sozialen Aufstiegs. In den vergangenen Jahren wurde es systematisch geschw&auml;cht. Lag die Zahl der BAf&ouml;G-Empf&auml;nger in den 70er Jahren noch bei knapp 50 Prozent, ist sie heute auf unter 20 Prozent gesunken. Allein im vergangenen Jahrzehnt hat man den BAf&ouml;G-Beziehern sieben Nullrunden zugemutet.<\/li>\n<li>Die Studienanf&auml;ngerquote liegt mit 40 Prozent noch immer weit unter dem Durchschnitt anderer Industriel&auml;nder.<\/li>\n<\/ul><p>Kurzum: Der Weg in die Bildungsrepublik Deutschland ist sehr weit. In kaum einem anderen Land h&auml;ngen die Bildungschancen der Kinder so sehr vom Geldbeutel ihrer Eltern ab wie in Deutschland. Bildung und eben auch Hochschulbildung ist und bleibt ein Erb-Privileg der h&ouml;heren Schichten!<\/p><p>Anrede,<\/p><p>dieser Befund muss eigentlich &uuml;berraschen. Denn es gibt kaum eine politische Kraft im Land, die ernsthaft bestreitet, dass Bildung ein Menschenrecht ist. Selbst die FDP plakatierte im Bundestagwahlkampf &bdquo;Bildung ist ein B&uuml;rgerrecht&rdquo;. Und trotzdem ist das deutsche Bildungswesen Weltmeister in sozialer Ausgrenzung. Die Gesellschaft geht mit diesem Befund erstaunlich gelassen um.<\/p><p>Mehr noch: Alle Regierungen versprechen, dass bei ihnen Bildung oberste Priorit&auml;t genie&szlig;e. Den vollmundigen Versprechen folgen selten Taten. So war es &uuml;berf&auml;llig, dass Bund und<br>\nL&auml;nder beim Dresdner Bildungsgipfel vor mehr als einem Jahr verabredet haben, die Investitionen f&uuml;r Bildung und Forschung auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Nimmt man die Zahlen der OECD m&uuml;ssten mehr als 32 Milliarden Euro zus&auml;tzlich in das deutsche Bildungswesen flie&szlig;en.<\/p><p>Doch die Regierungschefs setzten auf kreative Buchhaltung. Sie verbuchten ganz neue Posten im Bildungsbudget. Die Pensionen f&uuml;r Lehrer und Professoren, die Sanierung von Geb&auml;uden. &Uuml;ber Nacht hat sich der Investitionsbedarf im Bildungswesen in Deutschland mehr als halbiert. Versprachen die Regierungschefs beim Bildungsgipfel l noch 30 Milliarden, reden sie nach dem Bildungsgipfel II nur noch von zus&auml;tzlichen 13 Milliarden Euro. Setzt sich dieser Trend fort, darf man f&uuml;r den dritten Gipfel, der am 10. Juni ansteht, nichts Gutes erwarten.<\/p><p>Gute Bildung und gute Hochschulen sind aber kein Luxus, den man sich in guten Zeiten g&ouml;nnen kann. Regina G&ouml;rner hat es auf dem letzten Hochschulpolitischen Forum der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung treffend gesagt: &bdquo;Bildung ist kein Sahneh&auml;ubchen. Sie ist nicht die Butter auf dem Brot. Sie <strong>ist<\/strong> das <strong>Brot<\/strong>.&rdquo; Zitat Ende. Dabei geht es nicht nur darum, dass in der modernen Arbeitswelt der Bedarf an Hochqualifizierten w&auml;chst. Bildung hat l&auml;ngst eine weitere Funktion &uuml;bernommen. Gute Bildung und Bildungsabschl&uuml;sse sind die Platzanweiser in unserer Gesellschaft. Die Zeugnisse unsere Schulen und Hochschulen entscheiden &uuml;ber die Berufsperspektiven und damit auch Lebensperspektiven der Menschen. Bildungsfragen sind deshalb Machtfragen.<\/p><p>Die Menschen sp&uuml;ren das. In unserer Gesellschaft ist l&auml;ngst ein Verteilungskampf entbrannt. &bdquo;Deutschland ist auf dem Weg in eine neue Art der Klassengesellschaft.&rdquo; Dieses Zitat stammt nicht von mir. Es steht in einer Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Unter dem Titel &bdquo;Eltern unter Druck&rdquo; beschreiben die Wissenschaftler die Flucht der Oberschicht in ein abgeschottetes privates Bildungssystem. Das reicht von der Luxus-Kita bis zur privaten Hochschule.<\/p><p>Die Gewerkschaften werden diesem Verteilungskampf nicht tatenlos zu sehen. Wir verstehen Bildung als soziale Frage. Wir k&ouml;nnen die Interessen unserer Kolleginnen und Kollegen nur machtvoll vertreten, wenn wir uns um Bildungsfragen k&uuml;mmern. Es ist kein Zufall, dass am Anfang der Gewerkschaftsbewegung gerade Arbeiterbildungsvereine standen.<\/p><p>Und deshalb k&auml;mpfen wir auch heute f&uuml;r Chancengleichheit im Bildungswesen. Wir k&auml;mpfen f&uuml;r das Recht auf einen Kita-Platz &ndash; und gegen die soziale Auslese im gegliederten Schulsystem. Wir streiten gegen kurze Schmalspurausbildungen, die junge Menschen zu Handlangern in Betrieben degradieren. Wir streiten gegen soziale Barrieren auf dem Weg in die Hochschulen &ndash; sei es durch Studiengeb&uuml;hren, die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen oder eine schlecht gemachte Bologna-Reform. Wir k&auml;mpfen auch gegen soziale Spaltung bei der Beteiligung an wissenschaftlicher Weiterbildung. Dieser Trend wird sich versch&auml;rfen, wenn der berufsbegleitende Master auch noch privat bezahlt werden muss.<\/p><p>Wenn heute fast 40 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschule wechseln, dann sind eben auch die Hochschulen ein wesentlicher Teil des Verteilungskampfes. Und deshalb muss die Hochschulpolitik einen &auml;hnlichen Stellenwert bei den Gewerkschaften haben wie die berufliche Bildung.<\/p><p>Anrede,<\/p><p>ich freue mich deshalb, dass wir heute mit dem Leitbild &bdquo;Demokratische und Soziale Hochschule&rdquo; einen gewerkschaftlichen Vorschlag f&uuml;r eine Zukunft der Hochschulen diskutieren. Ich danke der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung und allen, die daran mitgearbeitet haben. Wir werden Eure Thesen im DGB-Bundesvorstand diskutieren.<\/p><p>Wir wollen eine breite Diskussion im DGB, in den Mitgliedsgewerkschaften und an den Hochschulen beginnen. Das Leitbild bietet hierf&uuml;r eine umfassende Grundlage. Ich will f&uuml;nf Punkte hervorheben.<\/p><p>Erstens: Es geht um den freien Zugang zu den Hochschulen. Und dazu geh&ouml;rt f&uuml;r uns ganz klar die Abschaffung der Studiengeb&uuml;hren. Wer Facharbeitern und Kleinverdienern mehr Bildung erm&ouml;glichen will, muss Bildungsgeb&uuml;hren vom Kindergarten bis zur Hochschule abschaffen. Eine aktuelle Studie des Hochschul-lnformationssystems (HIS) hat gefragt, warum rund 86.000 potenzielle Studierende nach dem Abitur kein Studium beginnen. Ein Drittel dieser jungen Menschen gab an, dass ihnen schlicht das Geld daf&uuml;r fehlt. Der Ansturm deutscher Studierender auf &Ouml;sterreich, das gerade seine Studiengeb&uuml;hren gestrichen hat, zeigt, wie abschreckend Geb&uuml;hren wirken.<\/p><p>Zweitens: Die neue Regierung will ein Stipendienprogramm f&uuml;r Begabte auflegen. Das ist der falsche Weg. Das Herzst&uuml;ck einer staatlichen Studienfinanzierung muss das BAf&ouml;G sein. Es bietet den Studierenden einen klaren Rechtsanspruch, w&auml;hrend sie beim Stipendium auf das Wohlwollen der Geldgeber angewiesen sind. Das BAf&ouml;G ist seit den 70er Jahren besonders f&uuml;r &auml;rmere Familien die Strickleiter f&uuml;r den sozialen Aufstieg. Deshalb: Wir haben nichts gegen Stipendien. Sie k&ouml;nnen aber ein starkes BAf&ouml;G nur erg&auml;nzen.<\/p><p>Drittens: Die Machtfrage stellt sich auch innerhalb der Hochschulen. Unter dem Schlagwort der Autonomie wird die Demokratie an den Hochschulen Schritt f&uuml;r Schritt abgebaut. Die Mitbestimmung in Senaten und Fachbeiratsr&auml;ten wird auf unverbindliche Stellungnahmen und Empfehlungen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Nahezu alle wichtigen Entscheidungen liegen beim Pr&auml;sidium oder dem Dekan. Die Hochschulen werden dem Kuratel der Hochschulr&auml;te unterworfen. Diese R&auml;te wachen &uuml;ber Wirtschaftsplan und Hochschulentwicklungsplan. Vielerorts werden sie weitgehend von externen Mitgliedern best&uuml;ckt. Das alles passt nicht zu einer demokratischen Hochschule, die ja noch immer in &ouml;ffentlicher Verantwortung steht. Wir wollen echte Mitbestimmung an den Hochschulen &ndash; auch f&uuml;r die Besch&auml;ftigten und die Studierenden. Ich f&uuml;ge aber hinzu: Es geht nicht ausschlie&szlig;lich um Demokratie in den Hochschulen. Selbst wenn die Hochschulen vollst&auml;ndig demokratisiert sind &ndash; die letzte Verantwortung liegt bei den Parlamenten. Autonomie darf eben nicht, wie es im Leitbild treffend formuliert ist, mit dem R&uuml;ckzug staatlicher Verantwortung gleichgesetzt werden.<\/p><p>Viertens: Wir brauchen ein Umsteuern beim Bologna-Prozess. Das Ziel klang ja verlockend: Junge Studierende beginnen ihr Studium in Aachen, setzen es in Stockholm fort, um dann in Rom ihren Master zu machen. Das war die Vision der europ&auml;ischen Bildungsminister, als sie den Bologna-Prozess starteten. Und auch die Gewerkschaften haben dieses Vorhaben unterst&uuml;tzt. Sie versprachen sich mehr Mobilit&auml;t in Europa und eine qualitative Studienreform.<\/p><p>Heute, im Jahr 11 nach Bologna, ist die Bilanz ern&uuml;chternd: &Uuml;berfrachtete Stundenpl&auml;ne, teils gestiegenen Abbrecherquoten und hohe H&uuml;rden auf dem Weg ins Ausland kennzeichnen den Alltag an den Hochschulen. Und auch hier sind Studierende aus weniger betuchten Familien besonders betroffen. Nur ein Schlaglicht: Die Universit&auml;t K&ouml;ln r&auml;t in einem Merkblatt vom Juli 2008 potenziellen Studierenden vom Biologie-Studium ab, wenn sie mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten m&uuml;ssen. Das kompakte Studium sei mit Nebenjobs nicht zu bew&auml;ltigen. Auch so funktioniert soziale Auslese.<\/p><p>Wir brauchen deshalb einen neuen Kurs f&uuml;r Bologna. Beim nationalen Bildungsgipfel am 17. Mai in Berlin darf es nicht bei kleinen Nachbesserungen bleiben, wir brauchen eine tiefgreifende Korrektur. Es ist falsch ganze Diplom-Studieng&auml;nge in einen sechssemestrigen Bachelor zu pressen. Wir wollen keinen Turbo-Bachelor. Wir brauchen mehr Zeit f&uuml;r Bildung und einen freien Zugang zum Master. Und nat&uuml;rlich muss auch die Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen beendet werden. Die Gewerkschaften fordern deshalb einen Hochschulpakt III, der insbesondere die Lehre an den Hochschulen verbessert.<\/p><p>F&uuml;nftens: Ein Machtgef&auml;lle gibt es noch immer zwischen Hochschulen und beruflicher Bildung. Hier sind nicht die Arbeitgeber die Bremser. Viele Hochschulen mauern, wenn es um die Aufnahme von Menschen ohne Abitur geht. Wenn wirklich alle Menschen ihre Begabungen entfalten sollen, m&uuml;ssen die Barrieren zwischen Hochschule und beruflicher Bildung eingerissen werden. Grunds&auml;tzlich muss eine abgeschlossene Berufsausbildung den Zugang zur Hochschule &ouml;ffnen. Es reicht aber nicht aus, nur den Zugang zu regeln. Wenn wir mehr Menschen, die im Berufsleben stehen, an die Hochschulen bringen wollen, brauchen wir auch mehr berufsbegleitende Studieng&auml;nge, eine bessere Anerkennung beruflicher Leistungen, ver&auml;nderte Curricula und eine bessere Studienf&ouml;rderung. Dabei geht es an diesem Punkt nicht zuerst um eine soziale &Ouml;ffnung der Hochschulen. Es geht vielmehr um die Gleichwertigkeit beruflicher und hochschulischer Bildung! Wir wollen beide Systeme gezielt in einem Dritten Bildungsweg zusammenf&uuml;hren.<\/p><p>Anrede,<\/p><p>dieses sind f&uuml;nf konkrete Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine demokratische und soziale Hochschule. Oft werden wir dann gefragt, wie wir diese Bildungsreformen bezahlen wollen. Letztlich ist alles eine Frage der Priorit&auml;ten. Union und FDP m&uuml;ssen sich entscheiden: Wollen sie kostspielige Steuersenkungen f&uuml;r reiche Erben und Firmen? Wollen sie 35 Milliarden in eine Kopfpauschale im Gesundheitswesen stecken? Oder wollen sie mehr Geld in ein gutes Bildungswesen investieren?<\/p><p>Und nat&uuml;rlich gibt es auch Spielraum zur Umverteilung im System: Warum finanziert der Staat mit Milliarden handverlesene Exzellenz-Universit&auml;ten, w&auml;hrend in den H&ouml;rs&auml;len der Putz von den W&auml;nden br&ouml;ckelt, Studierende wie bei einer Tombola aus den Seminaren gelost werden und viele Hochschulen junge Menschen mit lokalen NCs vom Studium ausgrenzen? Die Gewerkschaften wollen keine Leuchtt&uuml;rme in der W&uuml;ste. Wir wollen fl&auml;chendeckend gute und gut ausgestattete Hochschulen.<\/p><p>Anrede,<\/p><p>wer kennt sie nicht die ZVS, die Zentrale Vergabestelle von Studienpl&auml;tzen in Dortmund. Jahrelang organisierte sich die Verteilung von Studienbewerbern in vielen Numerus-Clausus-F&auml;chern. Wirtschaftsliberale Politiker brandmarkten sie als b&uuml;rokratisches Monstrum. Bis vor sieben Jahren die ZVS entmachtet und den Hochschulen immer mehr Eigenverantwortung gegeben wurde.<\/p><p>Das Ergebnis ist das blanke Chaos. Viele Bewerber erhalten keinen Studienplatz oder bekommen ihn erst lange nach Semesterbeginn. Gleichzeitig bleiben tausende Studienpl&auml;tze unbesetzt. In ihrer Verzweifelung bewerben sich viele angehende Studierende an zehn oder mehr Unis gleichzeitig. Das zeigt: Nicht nur im Finanzsystem, auch an den Hochschulen sind Deregulierung und ungez&uuml;gelte M&auml;rkte kein Allheilmittel. Sie stiften vielmehr Chaos.<\/p><p>Wir Gewerkschaften waren von dem naiven Glauben an freie M&auml;rke nie infiziert. Wir haben auch im Bildungssystem vor Marktradikalismus gewarnt. Auch deshalb k&ouml;nnen wir uns selbstbewusst der aktuellen Bildungsdebatte stellen. Das &bdquo;Leitbild Demokratische und Soziale Hochschule&rdquo; ist hierf&uuml;r eine gute Grundlage.<\/p><p>Vielen Dank<\/p><div style=\"text-align: center;\"><strong>II.<\/strong><\/div><p><strong>3. Hochschulpolitisches Forum<br>\nStatement f&uuml;r das Forum &bdquo;Das Verh&auml;ltnis von Hochschule &ndash; Staat &ndash; Gesellschaft<br>\nWolfgang Lieb<\/strong><\/p><p>Der bei allen Hochschulangeh&ouml;rigen auf gro&szlig;e Sympathie sto&szlig;ende Begriff &bdquo;Autonomie&ldquo; &ndash; oder noch allgemeiner, der Begriff &bdquo;Hochschulfreiheit&ldquo; &ndash; wurde in der zur&uuml;ckliegenden Dekade von den Hochschulreformern als strategischer Hebel f&uuml;r den gr&ouml;&szlig;ten Umbruch der Hochschulstrukturen seit den preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreformen eingesetzt. Das aufkl&auml;rerische Leitbild Humboldts, das Bild einer staatlich verantworteten und sich selbst verwaltenden Hochschule wurde durch das wirtschaftsliberale Paradigma der vom Staat &bdquo;entfesselten&ldquo; &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo;, gesteuert durch den der Wettbewerb auf dem Ausbildungs- und Forschungsmarkt, abgel&ouml;st.<\/p><p>In der Konzeption der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; wird allerdings &bdquo;Autonomie&ldquo; verengt auf die Institution bzw. auf das &bdquo;Unternehmen&ldquo; Hochschule. Ja noch mehr: Autonom sind vor allem die unternehmerischen Leitungsgremien und die einer Aktiengesellschaft nachempfunden Hochschulr&auml;te mit weitgehenden Entscheidungskompetenzen.<\/p><p>Die Projektgruppe, die den Vorschlag f&uuml;r ein Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule erarbeitet hat, sieht in der vom Staat entlassenen, funktionell privatisierten Hochschule eine unzul&auml;ssige Umdeutung des von der Rechtsprechung ausgepr&auml;gten Autonomiebegriffs, eine Umdeutung n&auml;mlich, die das individuelle Freiheitsgrundrecht der Hochschulangeh&ouml;rigen unangemessen einschr&auml;nkt. <\/p><p>Nach kontinuierlicher Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gew&auml;hrt Art. 5 Abs. 3 des GG zum einen jedem, der wissenschaftlich t&auml;tig ist (also jedem Wissenschaftler) oder werden will (also auch jedem Studierende), ein individuelles Freiheits- und Teilhaberecht. Zum anderen leitet das Gericht aus diesem (individuellen) Grundrecht eine &bdquo;institutionelle&ldquo; Garantie der Hochschule ab. Die &bdquo;Institution&ldquo; Hochschule selbst ist nach der Rechtsprechung wohlgemerkt nicht unmittelbarer Grundrechtstr&auml;ger!<\/p><p>Diesem &bdquo;Doppelcharakter&ldquo; der Wissenschaftsfreiheit liegt der Gedanke zu Grunde, dass (Zitat) &ldquo;gerade eine von gesellschaftlichen N&uuml;tzlichkeits- und politischen Zweckm&auml;&szlig;igkeitsvorstellungen befreite Wissenschaft <strong>dem Staat und der Gesellschaft am besten dient<\/strong>&rdquo; (BVerfGE 47, 327 (370)).<\/p><p>Dieser Freiraum ist also nach der Wertung des Grundgesetzes nicht f&uuml;r eine vom Staat und der Gesellschaft nischenhaft (in Einsamkeit und Freiheit) isolierte, sondern f&uuml;r &bdquo;eine letztlich dem Wohle des einzelnen und der ganzen Gesellschaft <strong>dienende<\/strong> Wissenschaft verfassungsrechtlich garantiert&ldquo;. Der (&bdquo;Kultur&ldquo;-) Staat hat eine F&ouml;rder- und Schutzaufgabe, ihm ist deshalb auf dem Feld der Hochschulen weder Unt&auml;tigkeit gestattet, noch darf er sich damit begn&uuml;gen, sie zu finanzieren und sie im &Uuml;brigen sich selbst zu &uuml;berlassen oder sie gar gesellschaftlichen Einzelinteressen auszuliefern. <\/p><p>Die individuelle und die institutionelle Freiheit verlangt deshalb z.B. eine aufgabengerechte und wissenschaftsad&auml;quate Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Staat. In der Einwerbung von die staatliche Finanzierung aufstockenden Mitteln auf dem Forschungs- und Ausbildungs-&bdquo;Markt&ldquo; sieht unser Leitbild jedenfalls kein dieser Ausformung des Grundrechts durch das Bundesverfassungsgericht ad&auml;quates Steuerungsinstrument f&uuml;r die Hochschul- und Wissenschaftsentwicklung.<\/p><p>&bdquo;Autonomie&ldquo; der Hochschule bedeutet nach unserem Leitbild deshalb nicht den R&uuml;ckzug der staatlichen Verantwortung zugunsten einer unternehmerischen Autonomie der Hochschule im Sinne einer funktionellen Privatisierung  und zugunsten einer der einzelunternehmerischen Wettbewerbslogik unterworfenen autokratischen Leitungsstruktur.<\/p><p>Unser Leitbild bestreitet, dass sich wissenschaftliche Qualit&auml;t, Effizienz und Effektivit&auml;t von Forschung und Lehre oder die Identifikation der Hochschulangeh&ouml;rigen mit den Zielen ihrer Hochschule durch ein Top-Down-Management mit einem CEO an der Spitze hinreichend herstellen lassen.<\/p><p>Autonomie hei&szlig;t f&uuml;r uns vielmehr die gesetzliche Gew&auml;hrleistung der Freiheit der Wissenschaft in einer demokratischen Hochschule zum Nutzen und Fortschritt der gesamten Gesellschaft und nicht nur von wirtschaftlichen Einzelinteressen. <\/p><p>&bdquo;Autonomie&ldquo; der Hochschule hei&szlig;t f&uuml;r uns aber auch weder R&uuml;ckzug der Hochschule in den &bdquo;Elfenbeinturm&ldquo; noch die Verlagerung der Verantwortung des Staates auf Aufsichtsr&auml;te mit unklarer demokratischer Legitimation (wie sie von Art. 20 Abs. 1 GG verlangt wird) und fehlender Rechenschaftspflicht. Geboten w&auml;re vielmehr ein demokratisch anschlussf&auml;higes Autonomieverst&auml;ndnis, das die Selbstbestimmung der Grundrechtstr&auml;ger der Wissenschaftsfreiheit und die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschule miteinander vermittelt. Mitbestimmung und Partizipation der Wissenschaftler (und auch der Studierenden) als Grundrechtstr&auml;ger ist aus unserer Sicht ein unverzichtbarer Bestandteil einer autonomen Hochschule.<\/p><p>Die neu eingef&uuml;hrten &bdquo;Kommandostrukturen&ldquo; (bzw. die innere Hierarchisierung) werden im &Uuml;brigen selbst modernen Formen einer  betrieblichen Mitbestimmung nicht gerecht und sie gef&auml;hrden deshalb auf Dauer sowohl die Qualit&auml;t von Wissenschaft als auch die Kreativit&auml;t (Innovation) in Forschung und Lehre. <\/p><p>Demokratisierung der Hochschule spricht nicht keineswegs gegen eine Professionalisierung des Hochschulmanagements im Sinne effektiver (auch betriebswirtschaftlicher) Strukturen bei gleichzeitiger Wahrung bzw. R&uuml;ckgewinnung von institutionellen und informellen Selbst- und Mitbestimmungsm&ouml;glichkeiten aller an der Hochschule t&auml;tigen Gruppen. Statt einer weiteren Hierarchisierung w&auml;re umgekehrt vielmehr eine Demokratisierung der Hochschulorganisation erforderlich. <\/p><p>Gerade die staatliche gew&auml;hrte Freiheitsgarantie und nicht zuletzt die ganz &uuml;berwiegende Finanzierung durch die Allgemeinheit begr&uuml;nden nicht nur die Verantwortung der Hochschulen gegen&uuml;ber der Gesellschaft, sondern auch eine Pflicht der Wissenschaftler &uuml;ber die Ziele, Inhalte, Ergebnisse und die Folgen von Forschung und Lehre selbstkritisch gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit Rechenschaft abzulegen. Die Hochschule in der Demokratie ist zu Transparenz und Kommunikation verpflichtet (Stichwort: &bdquo;Open Access&ldquo;). <\/p><p>Allenfalls f&uuml;r diese &ouml;ffentliche Rechenschaftslegung k&ouml;nnten dann auch demokratisch legitimierte, die gesellschaftlichen Gruppen repr&auml;sentierende Hochschulbeir&auml;te ihre Funktion haben, indem sie die Hochschulen bei ihrer Entwicklung beraten und unterst&uuml;tzen, Rechenschaft abverlangen k&ouml;nnen, aber keine ma&szlig;geblichen Entscheidungskompetenzen haben. <\/p><p>Nach unserer Auffassung sollte die Verbindung von Wissenschaft z.B. zur Arbeitswelt den gleichen Stellenwert haben wie die Kooperation mit der Wirtschaft. Forschung sollte ihren Nutzen nicht nur f&uuml;r die wirtschaftliche Verwertbarkeit haben sondern auch M&ouml;glichkeiten zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Gruppen der Gesellschaft aufzeigen.<\/p><p>Der aufkl&auml;rerische Kern der Wissenschaftsfreiheit liegt  in ihrem Beitrag zu einer humanen, toleranten und vernunftgeleiteten sozial gerechten und friedlichen Welt. <\/p><p>Aus der Schl&uuml;sselfunktion, die einer freien Wissenschaft und dem Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit f&uuml;r die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zukommt, folgt nach unserem Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule, dass (Hochschul-)Bildung als ein &bdquo;&ouml;ffentliches Gut&ldquo; eingeordnet wird, das sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger eines demokrati&shy;schen Sozialstaates als B&uuml;rgerrecht frei, also auch geb&uuml;hrenfrei aneignen k&ouml;nnen sollen. Die f&uuml;r Forschung und Lehre erforderlichen Mittel m&uuml;ssen statt &uuml;ber eine Geb&uuml;hren-Flatrate, die nur diejenigen belastet, die selbst (noch) kein Einkommen beziehen, durch eine sozial gerechtere Steuergesetzgebung aufgebracht werden.<\/p><p>Lesen Sie auch die bisher ins Netz eingestellten <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/8014.html\">Expertisen zu den Themen des &bdquo;Leitbildes&ldquo;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. und 25. Februar fand in Berlin das <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/v_2010_02_24_programm.pdf\">3. Hochschulpolitische Forum der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung [PDF &ndash; 271 KB]<\/a> statt. Am runden Tisch wurden zun&auml;chst die f&uuml;r Bildung zust&auml;ndigen Vorstandsmitglieder von DGB, ver.di, IG Metall, GEW und IB BCE nach ihrer Einsch&auml;tzung zu dem von der Hans B&ouml;ckler Stiftung getragenen Projekt und in Kooperation mit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4611\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[109,17,146],"tags":[409,396,453,315,1007,408],"class_list":["post-4611","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gewerkschaften","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-soziale-gerechtigkeit","tag-bildungschancen","tag-bildungsrepublik-deutschland","tag-hans-boeckler-stiftung","tag-merkel-angela","tag-sommer-michael","tag-soziale-herkunft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4611"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4614,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4611\/revisions\/4614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}