{"id":46147,"date":"2018-09-22T11:45:24","date_gmt":"2018-09-22T09:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46147"},"modified":"2026-01-27T11:29:54","modified_gmt":"2026-01-27T10:29:54","slug":"michael-hartmann-die-medien-sind-teil-des-problems-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46147","title":{"rendered":"Michael Hartmann: \u201eDie Medien sind Teil des Problems geworden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;&Uuml;ber drei Viertel der Herausgeber und Chefredakteure in den gro&szlig;en privaten Medien kommen aus den oberen vier Prozent der Bev&ouml;lkerung&ldquo;, sagt <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39443\">Michael Hartmann<\/a><\/strong>. Der Eliteforscher, der die These vertritt, dass die Eliten in Deutschland &bdquo;abgehoben&ldquo; sind, also sich weit von der Lebenswirklichkeit der breiten Bev&ouml;lkerung entfernt haben, verweist im NachDenkSeiten-Interview darauf, dass dieses Abgehoben-Sein genauso auf die journalistische Elite zutrifft. &bdquo;Ihr Spitzenpersonal&ldquo;, so der Soziologe weiter, &bdquo;nimmt die gesellschaftliche Realit&auml;t mindestens genauso verzerrt wahr, wie es bei der Politik-Elite der Fall ist&ldquo;. Ein Interview &uuml;ber die Filterblase der Medien, die Spaltung in unserer Gesellschaft und die M&ouml;glichkeiten, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse &auml;ndern lassen. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7551\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46147-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46147-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180924_Michael_Hartmann_Die_Medien_sind_Teil_des_Problems_geworden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Hartmann, &uuml;ber das Thema Eliten wird seit geraumer Zeit viel geredet. Aber eine echte Verkn&uuml;pfung zwischen den Problemen, die es in Deutschland und Europa gibt, und dem Elitenthema findet nicht statt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber Eliten wird tats&auml;chlich viel geredet und dabei lassen sich zwei Hauptrichtungen erkennen. Von Anh&auml;ngern der AfD, aber auch aus der Mitte der Bev&ouml;lkerung ist h&auml;ufig eine pauschale Elitenkritik zu h&ouml;ren. Man kritisiert &bdquo;die da oben&ldquo; oder &bdquo;die Reichen&ldquo;. Auf der anderen Seite sagen diejenigen, die selbst zur Elite geh&ouml;ren bzw. irgendwie mit ihr sympathisieren, dass ein Eliten-Bashing betrieben wird.<\/p><p><strong>Und?<\/strong><\/p><p>An beiden Aussagen ist etwas richtig. Aber in dieser Ausschlie&szlig;lichkeit sind sie beide falsch.<\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Beiden Sto&szlig;richtungen fehlt in ihrer Argumentation die inhaltliche Substanz. Wer nicht bereit ist, in der Elitendiskussion &uuml;ber Inhalte zu reden, bleibt im luftleeren Raum. Ohne dass man auf einen genauen Inhalt zu sprechen kommt, gibt es keine vern&uuml;nftige politische Diskussion und keine Aufkl&auml;rung. Die, die die Eliten verteidigen, reden nicht &uuml;ber die Eliten als Problemverursacher und die, die die Eliten von rechts kritisieren, raunen, aber reden auch nicht &uuml;ber die wirklich entscheidenden politischen Inhalte.<\/p><p><strong>Gut, lassen Sie uns Inhalt in die Diskussion &uuml;ber die Eliten bringen. Worauf sollte sich konzentriert werden?<\/strong><\/p><p>Die Eliten sind aufgrund einer bestimmten Politik, die sie in den letzten Jahrzehnten betrieben und unterst&uuml;tzt haben, in die Kritik geraten.<\/p><p><strong>Sie sprechen von der neoliberalen Politik?<\/strong><\/p><p>Ja, einer Politik, die zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft gef&uuml;hrt hat. Eine Politik, die enorme Einkommens- und Verm&ouml;gensdifferenzen hat entstehen lassen, indem sie auf der einen Seite viele Bereiche dereguliert und die Wohlhabenden und Reichen steuerlich massiv entlastet hat. Auf der anderen Seite hat sie gleichzeitig durch die Agenda 2010 die Lage der Arbeitslosen enorm versch&auml;rft und einen gro&szlig;en Niedriglohnsektor geschaffen. Allein in den letzten 15 Jahren hat das obere Zehntel sein Einkommen real um 17 Prozent steigern k&ouml;nnen, w&auml;hrend zeitgleich das untere Zehntel 14 Prozent verloren hat.<\/p><p>Beim Verm&ouml;gen z&auml;hlt Deutschland international sogar zu den L&auml;ndern mit der gr&ouml;&szlig;ten Konzentration. Ein Drittel des Gesamtverm&ouml;gens geh&ouml;rt dem obersten Prozent. In Deutschland haben Eliten &ndash; wohlgemerkt nicht nur die politischen Eliten, sondern Spitzen aus allen wichtigen Gesellschaftsbereichen &ndash; die neoliberale Politik ab etwa der Jahrtausendwende betrieben. In Gro&szlig;britannien und den USA seit den 80-er Jahren. Doch &uuml;ber diese Politik scheut sich gerade das rechte Lager bzw. die AfD zu reden.<\/p><p><strong>F&uuml;r das Verhalten der AfD gibt es einen guten Grund, oder?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Dann w&uuml;rde rauskommen, dass erhebliche Teile der AfD im Wesentlichen dasselbe Konzept weiterf&uuml;hren wollen, wie es die von ihnen kritisierten Eliten in den letzten Jahrzehnten umgesetzt haben. Das sehen wir deutlich in &Ouml;sterreich, wo die neue Regierung einen 12-Stunden-Arbeitstag erlaubt. Das sehen wir deutlich bei Trump mit den enormen Steuersenkungen f&uuml;r die Reichen. Allerdings muss man auch erw&auml;hnen, dass es bei der AfD zwei Fl&uuml;gel gibt, n&auml;mlich: Einen Westfl&uuml;gel, der die neoliberale Politik fortsetzen will und es gibt einen Ostfl&uuml;gel, der das zwar nicht m&ouml;chte, aber der dann eine Sozialpolitik nur f&uuml;r &bdquo;echte&ldquo; Deutsche vorschl&auml;gt.<\/p><p><strong>Reden wir weiter &uuml;ber Inhalte. Wie sieht denn ein tragbares Fundament f&uuml;r eine Elitenkritik aus?<\/strong><\/p><p>Wir m&uuml;ssen das Verhalten der Eliten betrachten und uns fragen: Wie agieren die Eliten? Warum agieren sie so? Dann stellen wir zun&auml;chst fest: Wir haben es mit Eliten zu tun, die zum gr&ouml;&szlig;ten Teil abgehoben sind.<\/p><p><strong>Damit w&auml;ren wir beim Titel Ihres Buches: &bdquo;Die Abgehobenen&ldquo;. Sind die Eliten wirklich abgehoben?<\/strong><\/p><p>Ja. Damit meine ich, dass viele Elitenmitglieder den Kontakt zu Masse der Bev&ouml;lkerung verloren haben und zwar aufgrund ihrer Herkunft und aufgrund ihrer realen Lebenssituation. Sie stammen zu fast zwei Dritteln aus den oberen gut vier Prozent der Bev&ouml;lkerung und geh&ouml;ren mit einem monatlichen Einkommen von mindestens 10.000 Euro zum obersten Prozent der Einkommensbezieher. Das hei&szlig;t, sie nehmen die Wirklichkeit auf eine andere Weise wahr als ein gro&szlig;er Teil der B&uuml;rger. Sie nehmen sie gefiltert wahr, haben bei der Beurteilung der Verh&auml;ltnisse in unserer Gesellschaft gro&szlig;e Leerstellen.<\/p><p>Ein Beispiel: Wenn Sie nie wegen Eigenbedarf aus einer Wohnung mussten oder bei der Wohnungssuche nie in einer Schlange mit 100 Mitbewerbern gestanden haben, dann haben Sie keine wirkliche Vorstellung von der Wohnungssituation in den Ballungszentren. Und wenn Sie noch nie Probleme hatten, Ihre Miete zu zahlen, dann fehlt es Ihnen an dem Bewusstsein, wie dringend notwendig sozialer Wohnungsbau ist. Wenn Sie nie gesetzlich krankenversichert waren, dann nehmen Sie das Gesundheitssystem anders wahr als die meisten B&uuml;rger.<\/p><p>Wie stark die eigene Situation das Denken und Handeln pr&auml;gt, zeigt auch ein aktuelles Beispiel: Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich, kaum im Amt, f&uuml;r die Kosten&uuml;bernahme der Aids-Prophylaxe durch die Krankenkassen eingesetzt. Was meinen Sie: H&auml;tte ein konservativer Gesundheitsminister, der nicht homosexuell ist, sich daf&uuml;r eingesetzt? Wohl kaum. F&uuml;r Spahn ist die Aids-Prophylaxe ein wichtiges Thema, weil er selbst zu der Gruppe der am meisten Betroffenen geh&ouml;rt. Die eigene Betroffenheit pr&auml;gt hier seine Problemwahrnehmung.<\/p><p>Bei Hartz IV spricht er dagegen davon, dass damit jeder das habe, was man zum Leben brauche. Als Sohn eines mittelst&auml;ndischen Unternehmers gibt er damit die Position wieder, die in diesen Kreisen vorherrscht. Die Beispiele k&ouml;nnte man weiterf&uuml;hren. Um es auf den Punkt zu bringen: Je abgehobener die Eliten sind, umso weniger ber&uuml;cksichtigen ihre L&ouml;sungskonzepte die Interessen der breiten Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><strong>Welche Auswirkungen ergeben sich aus dieser Situation? Was bedeutet es, wenn die Eliten so funktionieren, wie Sie es beschreiben?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Gesellschaft als Ganzes bedeutet es, dass in einem deutlich st&auml;rkeren Ma&szlig;e, als es vor 30, 40 Jahren der Fall war, die Eliten sich nur noch an den Interessen eines &uuml;berschaubaren Teils der Bev&ouml;lkerung orientieren &ndash; n&auml;mlich an den Interessen, die in ihrer eigenen Bev&ouml;lkerungsschicht dominieren. Diese Entfernung der Eliten von den &bdquo;normalen&ldquo; B&uuml;rgern ist in allen Bereichen zu beobachten, wo Eliten vertreten sind. Politik, Wirtschaft, Medien, Justiz etc. Und dieser Prozess setzt sich weiter fort, das hei&szlig;t die Entfremdung zur Masse der Bev&ouml;lkerung schreitet immer weiter voran. Das spiegelt sich, wie schon angesprochen, dann eben auch in einer Politik wider, die zu einer weiteren Vergr&ouml;&szlig;erung der Kluft zwischen Arm und Reich f&uuml;hrt.<\/p><p>Die politische Reaktion auf diese Politik ist, dass viele B&uuml;rger nicht mehr w&auml;hlen gehen. Dieses klare Signal wurde &uuml;ber viele Jahre ausgesandt und es war deutlich zu sehen. Aber haben die Nichtw&auml;hler wirklich jemanden interessiert? Gab es eine aufgeregte Medienberichterstattung? Nein. Man muss feststellen: Im Prinzip waren die Nichtw&auml;hler den Eliten ziemlich egal. Und so haben sich viele Menschen gedanklich immer weiter von den Parteien entfernt.<\/p><p>Dann ist die AfD aufgetaucht und pl&ouml;tzlich hat sich ein erheblicher Teil der Nichtw&auml;hler, vor allem fr&uuml;here SPD-W&auml;hler, gesagt: Wir w&auml;hlen! Und zwar: die AfD! Die Tatsache, dass eine Partei wie die AfD existiert und mittlerweile in manchen Umfragen zweitst&auml;rkste Partei ist, muss als ein letztes Signal dieser Menschen betrachtet werden. Sie haben die AfD erst wirklich stark gemacht. Dazu h&auml;tten die traditionell rechts eingestellten W&auml;hler nicht ausgereicht. Anders als diese lassen sich die Protestw&auml;hler auch wieder f&uuml;r eine linke Politik zur&uuml;ckholen, wenn man auf ihre Interessen wirklich eingeht. Das hat sich im letzten Jahr gezeigt, als die SPD mit dem Kanzlerkandidaten Schulz kurzzeitig den Eindruck erweckte, den neoliberalen Pfad tats&auml;chlich verlassen zu wollen.<\/p><p><strong>Sie haben es gerade angesprochen: Die Abgehobenheit der Eliten trifft nicht nur auf die politische Elite zu. Sie haben auch die Medienelite angef&uuml;hrt.<\/strong><\/p><p>Ja, nat&uuml;rlich. Die Medien sind mittlerweile zu einem Teil des Problems geworden. Ihr Spitzenpersonal nimmt die gesellschaftliche Realit&auml;t mindestens genauso verzerrt wahr, wie es bei der Politik-Elite der Fall ist. Und daf&uuml;r gibt es gute Gr&uuml;nde. Die Rekrutierung der Medienelite ist sozial noch weniger repr&auml;sentativ. &Uuml;ber drei Viertel der Herausgeber und Chefredakteure in den gro&szlig;en privaten Medien kommen aus den oberen vier Prozent der Bev&ouml;lkerung. N&auml;hme man die Eigent&uuml;mer und Vorstandschefs noch hinzu, w&auml;ren es &uuml;ber vier F&uuml;nftel. Dann w&auml;re die private Medienelite sogar die exklusivste von allen Eliten. Im &ouml;ffentlich-rechtlichen Sektor sieht es etwas besser aus. Dort besetzen Personen, die aus der breiten Bev&ouml;lkerung stammen, wenigstens knapp die H&auml;lfte der Spitzenpositionen. Aber repr&auml;sentativ ist das auch nicht einmal ann&auml;hernd.<\/p><p><strong>Nehmen wir doch als Beispiel mal die Journalistenschulen.<\/strong><\/p><p>Eine ehemalige Doktorandin von mir, Klarissa Lueg, hat sich Anfang des Jahrzehnts mit der sozialen Herkunft der Journalistensch&uuml;ler an den drei wichtigsten Journalistenschulen in Hamburg, K&ouml;ln und M&uuml;nchen auseinandergesetzt. Ihr Ergebnis: Fast 70 Prozent von ihnen stammten aus Familien von Akademikern in leitenden Positionen, niemand dagegen aus der unteren H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Die Journalistenschulen sind, das ist bekannt, Karrierebeschleuniger. Viele der gro&szlig;en Medien rekrutieren ihren Nachwuchs aus den gro&szlig;en Journalistenschulen. Das hei&szlig;t: Der Teil des journalistischen Nachwuchses, der aufgrund seiner Herkunft bereits privilegiert ist, bekommt dann eine Stelle bei jenen Medien, die ma&szlig;geblich den Ton im Land angeben. Damit wird noch deutlicher, warum wir auch Teile der Medien als &bdquo;abgehoben&ldquo; bezeichnen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Peter Ziegler hat in seiner <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/stabsabteilung\/05773.pdf\">Studie<\/a> &bdquo;Journalistensch&uuml;ler &ndash; Rollenselbstverst&auml;ndnis, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft einer medialen Elite&ldquo; auch erkannt, dass sich die von ihm befragten Journalistensch&uuml;ler &bdquo;wie erwartet als veritable Leistungselite erwiesen [haben]. Eine Leistungselite, die ganz &uuml;berwiegend der Mittelschicht entstammt.&ldquo; Und auch die grundlegende Studie von Siegfried Weischenberg verweist darauf, dass das journalistische Feld in seiner sozialen Zusammensetzung alles andere als ein Spiegel der Gesellschaft ist. K&ouml;nnen Sie uns noch etwas n&auml;her erl&auml;utern, was es bedeutet, wenn Medien von Akteuren dominiert werden, die eine sehr &auml;hnliche Sozialisation aufweisen?<\/strong><\/p><p>Das entscheidende Problem besteht darin, dass die Journalisten in den wichtigen Positionen die Wirklichkeit durch eine spezifische soziale Brille betrachten. &Auml;hnlich wie bei den schon geschilderten Beispielen orientieren sich viele Journalisten unbewusst an der Sichtweise, die in ihren Kreisen vorherrscht und durch eine gemeinsame Herkunft und materielle Lage bestimmt wird. Arme Menschen zum Beispiel werden oft klischeehaft wahrgenommen, weil man &uuml;berhaupt keinen Kontakt zu ihnen hat, niemand im eigenen Bekanntenkreis in dieser Lage ist.<\/p><p><strong>In Ihren Studien &uuml;ber die Wirtschaftseliten haben Sie immer wieder auf den Habitus verwiesen. Also: Bei der Rekrutierung der Spitzenpositionen wird stark darauf geachtet, welche Haltung der Bewerber hat, wie er eingestellt ist. Sie sprechen vom richtigen &bdquo;Stallgeruch&ldquo;, der die Voraussetzung ist, um auf den oberen Ebenen der Wirtschaft weiterzukommen. Ist das in den Medien &auml;hnlich? Wird dort auch Wert auf einen bestimmten Habitus gelegt?<\/strong><\/p><p>Wenn Sie bei den gro&szlig;en Medien Karriere machen wollen, haben Sie ohne den &bdquo;richtigen&ldquo; Habitus in der Regel kaum eine Chance. Wem beispielsweise der akademische Hintergrund fehlt, der f&auml;llt auf, hat einen anderen Habitus. Werfen wir einen Blick auf die prominenten Pers&ouml;nlichkeiten im Journalismus. Anne Will: Akademikertochter. Sandra Maischberger: Akademikertochter. Claus Kleber: Akademikersohn. Marietta Slomka: Akademikertochter. Der neue Chefredakteur vom Stern: Sein Vater war Chefredakteur, seine Mutter war stellvertretende Chefredakteurin. Diese soziale Pr&auml;gung, die da vorhanden ist, macht sich nat&uuml;rlich auch in der Wahrnehmung der Welt und in der Konsequenz dann auch in der Berichterstattung bemerkbar. Fr&uuml;her war das noch etwas anders. Es war leichter, auch ohne den akademisch-b&uuml;rgerlichen Habitus, der heute in den Medien dominiert, nach oben zu kommen.<\/p><p><strong>Vor einiger Zeit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PD2miLXE-u0\">sagte<\/a> (ab 14:50) Stefan Kornelius, Au&szlig;enpolitik-Chef der S&uuml;ddeutschen Zeitung, gegen&uuml;ber ZAPP: &ldquo;Wir haben es mit einer Generation zu tun, die jetzt in den Journalismus kommt, die so international ist wie keine zuvor. Jeder Volont&auml;r bei uns hat zwei, drei Jahre Auslandserfahrung in den noch so exotischsten L&auml;ndern hinter sich, spricht Sprachen, das ist wirklich toll und bemerkenswert. Es gibt die komplette Erasmus-Generation, die ruml&auml;uft, die ist offen und versteht, wie die Welt tickt. Also eigentlich m&uuml;sste es ein leichtes Spiel sein, aber das darf man sich nicht durch die Verr&uuml;ckten verderben lassen.&rdquo; Hier wird deutlich, worauf die S&uuml;ddeutsche Zeitung, aber vermutlich auch andere gro&szlig;e Medien bei ihrem Nachwuchs achten. Was sind Ihre Gedanken, wenn Sie diese Aussage h&ouml;ren? Diesen Lebensstil d&uuml;rften sich die Kinder aus Hartz-IV-Familien kaum leisten k&ouml;nnen.<\/strong><\/p><p>Nein, gewiss nicht. Und auch die meisten anderen k&ouml;nnen diese gew&uuml;nschten Zugangsvoraussetzungen nicht erf&uuml;llen. Die Kinder der unteren zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung sind schon froh, wenn Sie es &uuml;berhaupt bis an die Uni schaffen. Auslandserfahrungen in dem von Kornelius erw&auml;hnten Umfang machen fast nur die Kinder aus gutsituierten Akademikerfamilien.<\/p><p>Aber, wenn wir &uuml;ber die Medien reden, spielt nicht nur die Herkunft der Journalisten eine Rolle. Auch die Konzentration im Pressebereich ist in dieser Beziehung wichtig. Wir haben wenige gro&szlig;e Verlage, die &uuml;ber riesige Verbreitungsgebiete verf&uuml;gen. Der Mantel, also der &uuml;berregionale Teil, der in diesen Medien zu findet ist, stammt dann von einer einzigen zentralen Redaktion, die zumeist in Berlin sitzt. Und viele Redaktionen, die von Berlin aus &uuml;ber Politik, Land und Gesellschaft berichten, sitzen dort in einem kleinen Areal zwischen Brandenburger Tor und Gendarmenmarkt in einer Blase und haben keinen wirklichen Zugang zur realen Situation der Bev&ouml;lkerung. Das war fr&uuml;her noch anders. Da konnte ich, wenn ich ein Interview &uuml;ber allgemeine politische Themen f&uuml;hren wollte, zum Beispiel noch bei der WAZ in Essen anrufen. Heute verweisen mich die Journalisten dort immer an die Zentralredaktion Politik in Berlin. In Essen war man aber noch deutlich n&auml;her dran an der normalen Bev&ouml;lkerung als in der Berliner Blase.<\/p><p>Ein weiterer Einfluss auf die Berichterstattung ergibt sich noch daraus, dass bei vielen Medien und Journalisten die Ressourcen knapp sind. Aus vielen Gespr&auml;chen mit Journalisten auf der mittleren und unteren Ebene wei&szlig; ich, dass es &uuml;berall an Geld fehlt und auch deshalb oft keine Zeit f&uuml;r intensivere Recherchen vorhanden ist. Dann bleibt oft auch nichts anderes &uuml;brig, als sich auf die Informationen der Nachrichtenagenturen oder anderer Medien zu st&uuml;tzen, die schon vorhanden sind &ndash; das ist einfach, man spart Ressourcen. &Uuml;berpr&uuml;ft wird das dann aber oft nicht mehr. Auch das tr&auml;gt zu der h&auml;ufig zu beobachtenden medialen Uniformit&auml;t bei.<\/p><p><strong>Verlassen wir das Medienthema und kommen wir auf die drei Grundthesen zu sprechen, die Sie im Hinblick auf die Eliten aufgestellt haben.<\/strong><\/p><p>Meine erste These lautet: Das Aufkommen des Rechtspopulismus und die Politikverdrossenheit ist in erster Linie eine Folge der neoliberalen Politik der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. Das gilt von Frankreich bis in die USA, von Deutschland bis Ungarn. Vor allem die Tatsache, dass die Parteien links der Mitte wie Labour, die franz&ouml;sischen Sozialisten, die SPD oder die US-Demokraten im Kern dieselbe Politik gemacht haben wie die konservativen Parteien, hat die Rechtspopulisten erst stark gemacht, hat Teile ihrer W&auml;hlerschaft zu ihnen getrieben.<\/p><p>Die zweite These lautet: Die neoliberale Politik lie&szlig; sich nur durchsetzen mit politischen Eliten, die in ihrer sozialen Rekrutierung radikal ver&auml;ndert waren. Das hei&szlig;t: Es hat eine massive Verb&uuml;rgerlichung der Eliten stattgefunden. Am st&auml;rksten ist dies der Fall in den L&auml;ndern, wo der Bruch mit der zuvor bestimmenden Politik am st&auml;rksten war. Also in Gro&szlig;britannien und den USA, wo die Regierungskabinette von Thatcher und Reagan zu 75 bis 80 Prozent von Politikern besetzt waren, die aus den oberen vier Prozent der Bev&ouml;lkerung stammten. In den Vorg&auml;ngerregierungen von Callaghan und Carter kamen dagegen gerade einmal 25 bis 30 Prozent aus diesem Milieu.<\/p><p>Es trifft in abgeschw&auml;chter Form aber auch auf Deutschland zu, wo die politische Elite seit Ende der 1990-er sozial auch erheblich exklusiver geworden ist. Der Wechsel vom B&auml;ckersohn Lafontaine zum Architektensohn Eichel im f&uuml;r die neoliberale Politik zentralen Finanzministerium ist da charakteristisch. Interessant ist, dass in allen drei genannten F&auml;llen die Regierungschefs, Thatcher, Reagan und Schr&ouml;der, soziale Aufsteiger waren. In der &Ouml;ffentlichkeit wurde dadurch die ver&auml;nderte soziale Rekrutierung der gesamten politischen Elite &uuml;bert&uuml;ncht.<\/p><p>Die dritte These ist: Durch diese Politik hat sich die materielle Lebenswirklichkeit der Elite und der mit ihr verbundenen Kreise der Bev&ouml;lkerung ver&auml;ndert. Diese Personen geh&ouml;ren zu den Gewinnern der neoliberalen Politik. Das hei&szlig;t: Sie nehmen die reale Situation daher nicht nur aufgrund ihrer Herkunft, sondern auch aufgrund ihrer eigenen Lage anders, sprich erheblich positiver, wahr als die Masse der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><strong>Welche L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten sehen Sie denn? Gibt es die &uuml;berhaupt?<\/strong><\/p><p>Ja, die gibt es. Und zwar &uuml;ber die Politik. &Uuml;ber die Politik k&ouml;nnen die &bdquo;normalen&ldquo; Menschen noch am meisten Einfluss nehmen. Denken wir daran, wie die Umfragewerte der SPD nach oben gegangen sind, als Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde. Viele fr&uuml;here SPD-W&auml;hler haben pl&ouml;tzlich Hoffnung gesch&ouml;pft. Die SPD ging in den Umfragen von 20 auf 33 Prozent nach oben. Jetzt sind die Sozialdemokraten je nach Umfrage nur noch bei 16 bis 18 Prozent. Denn der Hype ist schnell verflogen, weil die Menschen erkannt haben, dass Schulz nicht das halten wird, was er versprochen hat. Mit Scholz und Nahles stehen jetzt wieder Politiker an der Spitze, die die alte Schr&ouml;der-Politik repr&auml;sentieren.<\/p><p>Wir sehen aber, wenn wir nach Gro&szlig;britannien blicken, dass eine Partei, die ernsthaft bereit ist, sich neu zu orientieren, bereit ist, das neoliberale Konzept wirklich &uuml;ber Bord zu werfen, relativ schnell Erfolge erzielen kann. Es bedarf zun&auml;chst eines klaren Signals einer grundlegenden Ver&auml;nderung, einer politischen Kehrtwende weg vom neoliberalen Kurs der Vergangenheit, und gleichzeitig auch einer massiv ver&auml;nderten sozialen Rekrutierung der Spitzenpolitiker. Im Schattenkabinett von Corbyn kommt jeder Zweite aus der Arbeiterklasse und nur noch ein F&uuml;nftel aus den oberen vier Prozent der Bev&ouml;lkerung. Auf einer Privatschule war nur ein einziger von 22. Alle anderen sind auf &ouml;ffentliche Schulen gegangen. Das ist ein radikaler Bruch mit der Tradition der letzten vier Jahrzehnte. So lassen sich die Menschen gewinnen und begeistern, vor allem die j&uuml;ngeren unter ihnen. Wenn man diese Politik &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum fortf&uuml;hrt, gewinnt der Prozess seine eigene Dynamik und die Chance auf reale Ver&auml;nderungen steigt.<\/p><p>Nur hat die SPD die Luftblase schnell zum Zerplatzen gebracht und die Menschen sind sich ver&auml;ppelt vorgekommen. So wird das nat&uuml;rlich nichts. Kurzum: Auf dem linken Fl&uuml;gel m&uuml;ssen sich die Dinge radikal ver&auml;ndern, damit sich auch gesellschaftlich etwas zum Besseren wendet.<\/p><p><em>Lesetipp: Hartmann, Michael. Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gef&auml;hrden. Campus. 276 Seiten. 19,95 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;&Uuml;ber drei Viertel der Herausgeber und Chefredakteure in den gro&szlig;en privaten Medien kommen aus den oberen vier Prozent der Bev&ouml;lkerung&ldquo;, sagt <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39443\">Michael Hartmann<\/a><\/strong>. 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