{"id":46255,"date":"2018-09-27T09:45:36","date_gmt":"2018-09-27T07:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46255"},"modified":"2019-04-10T11:32:56","modified_gmt":"2019-04-10T09:32:56","slug":"rentenplaene-russland-ist-nicht-der-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46255","title":{"rendered":"Rentenpl\u00e4ne \u2013 Russland ist nicht der Westen"},"content":{"rendered":"<p>Russlands F&uuml;hrung ist dabei, das letzte Tabu aus der Sowjetzeit brechen zu wollen. Sie will das Rentenalter, das seit den Tagen der Oktoberrevolution f&uuml;r Frauen bei 55, f&uuml;r M&auml;nner bei 60 Jahren lag, in Zukunft auf 60 Jahre f&uuml;r Frauen und 65 f&uuml;r M&auml;nner anheben. Ist Russland f&uuml;r eine solche Entwicklung bereit? Von <strong>Kai Ehlers<\/strong> [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Putins Begr&uuml;ndung<\/strong><\/p><p>Wladimir Putin begr&uuml;ndete die Reform in seiner Fernsehansprache mit einer &bdquo;demografischen L&uuml;cke&ldquo; und einem &bdquo;Loch in der Rentenkasse&ldquo;. Es gebe nach den Krisen der Transformationszeit  zu wenig junge Menschen im Verh&auml;ltnis zur alternden Bev&ouml;lkerung. Eine Erh&ouml;hung des Rentenalters sei daher unausweichlich. Zugleich versprach er, um die Menschen zu beruhigen, dass die  &bdquo;Lgoti&ldquo;, also die sozialen Verg&uuml;nstigungen f&uuml;r Rentner, Bed&uuml;rftige und Behinderte beibehalten werden sollen. Auch solle eine neue Kategorie von &bdquo;B&uuml;rgern im Vorruhestandsalter&ldquo; eingef&uuml;hrt werden, um Vorruhestandsk&uuml;ndigungen gesetzlich zu erschweren. <\/p><p>Im Pro und Kontra, das zur Zeit in Russland um die Reform tobt, werden seitdem die unterschiedlichsten Berechnungen vorgetragen, was die Rentenkasse hergebe und was nicht, wie die Bev&ouml;lkerungsstruktur sich in den n&auml;chsten Jahren entwickeln werde, wann wer zuerst von den neuen Regelungen betroffen werde usw. Bef&uuml;rworter des liberalen Lagers begr&uuml;&szlig;en die Reform als notwendigen Impuls der Modernisierung des Landes und verweisen auf die heute durch den technischen Fortschritt allgemein in der Welt steigende Lebenserwartung, die nach den Krisenjahren jetzt auch in Russland erwartet werden k&ouml;nne. Die konservativen und neo-sozialistischen Kritiker des Reformentwurfes, unterst&uuml;tzt von landesweiten Massenprotesten, lehnen die Pl&auml;ne als Angriff auf die Lebensgrundlage der Bev&ouml;lkerung ab. Eine lager&uuml;bergreifende Koalition der oppositionellen Parteien der Duma einschlie&szlig;lich der an sich regierungstreuen Gewerkschaften hat sich gebildet. Eine besondere Stellung nimmt, wie immer, Korruptionsj&auml;ger Alexei Nawalny ein, der als &bdquo;Liberaler&ldquo; gegen die von Liberalen  entwickelte Reform ebenfalls zu Protesten aufruft. <\/p><p>Es stellt sich die Frage, ob die Reform unter solchen Umst&auml;nden &uuml;berhaupt durchgef&uuml;hrt werden kann. Es w&auml;re nicht der erste Reformansatz, welcher von der russischen Wirklichkeit geschluckt w&uuml;rde wie die Matrjoschka von der Matrjoschka. <\/p><p>Betrachten wir deshalb einige der wichtigsten Aspekte dieses Vorganges, ohne uns in den Zahlenspielen zu verlieren, die gegenw&auml;rtig gespielt werden. <\/p><p><strong>Der schwarze Arbeitsmarkt<\/strong><\/p><p>Mit dem aktuellen Vorsto&szlig; zur Erh&ouml;hung des Rentenalters geht die russische Regierung in die zweite Runde des Abbaus der aus der Sowjetzeit stammenden Strukturen der sozialen Sicherung, nachdem ein fr&uuml;herer Versuch zu einer solchen zweiten Runde, mit dem die &ndash; wie die Rentenaltersgrenzen  auch aus sowjetischen Zeiten &uuml;berkommenen &ndash; &bdquo;Lgoti&ldquo; in antragsgebundene Geldzuwendungen &uuml;berf&uuml;hrt  werden sollten, im Jahr 2005 am Widerstand der Rentner und Studenten gescheitert war. Der Versuch musste zur&uuml;ckgenommen werden. Damals hatte Putin eine Anhebung des Rentenalters ausdr&uuml;cklich als mit ihm nicht machbar ausgeschlossen.<\/p><p>Am 27. Oktober 2005 erkl&auml;rte Putin im Fernsehen: &bdquo;Solange ich Pr&auml;sident bin, wird eine solche Entscheidung nicht fallen.&ldquo; Medwedew folgte in seiner Zeit als Pr&auml;sident am 26.04.2012 mit der Erkl&auml;rung, dass man eine Rentenreform auch ohne  Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters vornehmen k&ouml;nne. (<a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\">www.zeitschrift-luxemburg.de<\/a>)<\/p><p>Die erste Phase des fundamentalen Sozialabbaues im nachsowjetischen Russland &ndash; um an das zu erinnern, woran  sich die russl&auml;ndische Bev&ouml;lkerung, vor allem die &auml;ltere, die jetzt als n&auml;chste von der Rentenreform betroffen sein soll, sehr gut erinnert &ndash; war die Zerschlagung der betriebsbasierten sozialen Sicherungsstrukturen aus der Sowjetzeit durch die Gaidarsche und die Jelzinsche Schock-Privatisierung 1991\/92 und in den darauffolgenden Jahren. Diese Reform st&uuml;rzte die gro&szlig;e Mehrheit der russl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung ins soziale Nichts, w&auml;hrend eine Handvoll Krisengewinnler das privatisierte Gemeinschaftseigentum an sich riss. <\/p><p>Neue Strukturen, welche die sozialen Organe der Sowjetzeit auf privatwirtschaftlicher  Basis nach dem Muster der westlichen kapitalistischen Gesellschaften  h&auml;tten auffangen sollen, konnten nur sehr langsam und bis heute sehr unvollkommen aufgebaut werden. Genauer gesagt, der Aufbau f&uuml;hrte zu scharfen sozialen Differenzierungen. Diese Entwicklung betrifft s&auml;mtliche sozialen Strukturen &ndash; vom Gesundheitswesen &uuml;ber die Wohnungswirtschaft, das Bildungswesen bis in die Kultur. In allen diesen Bereichen wurde die soziale Sicherung marktwirtschaftlichen Kriterien unterworfen. Es bildete sich eine neue Zwei-, bzw. Dreiklassenwirklichkeit heraus. Sie gliedert sich in Reiche und Privilegierte, in neue, mehrheitlich st&auml;dtische  Mittelschichten und in eine Bev&ouml;lkerungsmehrheit, die auf den Resten der aus der sowjetischen Zeit &uuml;briggebliebenen Versorgungsstrukturen sitzen blieb. Das gilt vor allem f&uuml;r das Leben auf dem Lande, in den D&ouml;rfern, in stadtfernen Regionen. <\/p><p>Als ein Beispiel sei nur auf die kostenlose medizinische Versorgung verwiesen, die es zwar nach wie vor gibt, die aber als &bdquo;erste Hilfe&ldquo; ein k&uuml;mmerliches Dasein f&uuml;hrt. Wer dar&uuml;ber hinaus &auml;rztliche Hilfe braucht, muss zahlen oder &sbquo;blat&lsquo; &ndash; Beziehungen &ndash; haben, wenn er oder sie es nicht vorzieht, sich gleich im Westen versorgen zu lassen.  <\/p><p>Die folgenreichste Ver&auml;nderung aber liegt in der Verwandlung der sowjetischen betriebsbasierten, nach Plan betriebenen Arbeitsplatzverwaltung in einen offenen, sich selbst regulierenden Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung f&uuml;hrte zur Realit&auml;t eines geteilten Arbeitsmarktes. Nur ein Teil der L&ouml;hne wird vertragsgem&auml;&szlig; abgerechnet und bezahlt. Ein zweiter Teil wird schwarz in stillschweigendem Einvernehmen zwischen Unternehmern und Besch&auml;ftigten &bdquo;per Briefumschlag&ldquo; an s&auml;mtlichen mit der Arbeit zusammenh&auml;ngenden Steuern und Sozialabgaben vorbei ausgeh&auml;ndigt. Es geht so, einfach gesprochen, nur ein Teil der potentiell m&ouml;glichen Abgaben aus dem Arbeitsgeschehen des Landes in die Rentenkasse ein. <\/p><p>Genaue Angaben zum schwarzen Arbeitsmarkt sind statistisch, versteht sich, nicht erfassbar. Diese L&uuml;cke ist durch die anderen beiden &bdquo;S&auml;ulen&ldquo;, welche die Rentenkasse f&uuml;llen sollen &ndash; das ist die staatliche Grundrente sowie ein freiwilliger privater Beitrag &ndash; nicht zu schlie&szlig;en, zumal die M&ouml;glichkeit freiwilliger Beitr&auml;ge trotz staatlicher Co-finanzierung, in der von staatlicher Seite zu jedem eingezahlten Rubel ein Rubel dazugegeben wird, von der Bev&ouml;lkerung nur wenig genutzt wird. <\/p><p>Solange dieser schwarze Arbeitsmarkt, einschlie&szlig;lich der damit untrennbar verbundenen Hinterziehungen von Sozialabgaben und Steuern durch die Unternehmer und neuen Oligarchen existiert, sind alle Angaben zum &bdquo;Loch in der Rentenkasse&ldquo; freundlich gesagt bodenlos. Mit Sicherheit ist eine Anhebung des Rentenalters nicht dazu geeignet, diese Situation zu &auml;ndern, sondern wird sie, falls beschlossen, auf weitere f&uuml;nf Jahre ausdehnen. <\/p><p><strong>Modernisierung?<\/strong><\/p><p>Damit stellen sich Fragen zum Thema der Modernisierung. Wenn die Anhebung des Rentenalters mit der Modernisierung begr&uuml;ndet wird, stellt sich dem arbeitenden Menschen, insbesondere in Russland und dort vor allem jenen, die noch aus der Tradition der Sowjetzeit kommen, die einfache Grundfrage: Warum sollen wir l&auml;nger arbeiten, wenn sich die Produktivit&auml;t der Arbeit durch die Modernisierung erh&ouml;ht hat, die Putin erreicht zu haben f&uuml;r sich in Anspruch nimmt? M&uuml;sste nicht h&ouml;here Produktivit&auml;t der Arbeit dazu f&uuml;hren, dass mehr Freizeit entsteht, in der wir uns erholen, uns um unsere Familien k&uuml;mmern, uns kulturell bet&auml;tigen k&ouml;nnen &ndash; ganz zu schweigen von einem wachsenden wirtschaftlichen Anteil f&uuml;r alle, nicht nur f&uuml;r einzelne privilegierte Menschen an dem produzierten allgemeinen Wohlstand?<\/p><p>Solche Fragen stellen sich selbstverst&auml;ndlich nicht nur in Russland und nicht erst heute. Sie stellten sich bereits mit dem Beginn der Industrialisierung an der Schwelle zur Entstehung der kapitalistischen Gesellschaften. Karl Marx war es, der diesen Fragen erstmals eine pr&auml;zise Form gab, als er von dem Paradoxon sprach, dass das &bdquo;gewaltigste Mittel  zur Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit&ldquo;, die moderne Industrie, &bdquo;in das unfehlbare Mittel umschl&auml;gt, alle Lebenszeit des Arbeiters  und seiner Familie in disponible Arbeitszeit f&uuml;r die Verwertung des Kapitals zu verwandeln.&ldquo; (Karl Marx, MEW, Kapital Band I, S. 430) <\/p><p>Was damals galt, gilt auch heute. Es gilt offenbar umso mehr im heutigen Russland, in dem Putin eine Modernisierung, d.h. eben die Industrialisierung, noch genauer die Kapitalisierung forcieren will, um die Abh&auml;ngigkeit Russlands als Ressourcenlieferant der Welt zu &uuml;berwinden. Aber ist die Bev&ouml;lkerung bereit, diesen Weg mitzugehen und mit einer Verl&auml;ngerung der Lebensarbeitszeit um gut f&uuml;nf Jahre zu bezahlen? Schlie&szlig;lich liefe die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters angesichts der relativ zu anderen L&auml;ndern, etwa Deutschland, niedrigen Lebenserwartungen in Russland f&uuml;r eine Mehrheit der Menschen darauf hinaus, dass sie vor ihrem Tod in vielen F&auml;llen nicht mehr oder kaum noch  in den Genuss einer Rente k&auml;me &ndash; und sei sie auch gering. Das tr&auml;fe vor allem M&auml;nner, deren statistische Lebenserwartung zurzeit bei 66,5 Jahren liegt. <\/p><p>Eine solche Aussicht ist vielen Menschen angesichts der Tatsache, dass sich auch mit geringerer Produktivit&auml;t bei anderer Umverteilung des Volksverm&ouml;gens von den nat&uuml;rlichen Ressourcen des Landes ertr&auml;glich leben lie&szlig;e, selbstverst&auml;ndlich nicht als erstrebenswert zu vermitteln &ndash; solange sie zudem auf dem schwarzen Arbeitsmarkt Zusatzertr&auml;ge zur jetzt bestehenden Rente ergattern k&ouml;nnen und &ndash; dies ein zweiter wichtiger Faktor &ndash; solange sie sich in der Parallel&ouml;konomie der famili&auml;ren Zusatzwirtschaft, also in der Datschenkultur, eine Zusatzversorgung organisieren und davon in Notzeiten &uuml;berleben k&ouml;nnen. <\/p><p>Hier sind es nat&uuml;rlicherweise vor allem die Alten, die Rentner und Rentnerinnen, die in den Datschen t&auml;tig sind. Sie erg&auml;nzen damit nicht nur ihre eigenen schmalen Renten; dar&uuml;ber hinaus entlasten sie mit den Gartenertr&auml;gnissen auch die Familienbudgets durch Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. <\/p><p>Aufs Ganze gesehen ist die famili&auml;re Zusatzwirtschaft zudem auch ein volkswirtschaftlicher Puffer. Die Krisen auf dem Weg des neu entstehenden heutigen Russland &ndash; 1991\/92, 1998\/99, 2008, 2015 &ndash; haben deutlich gezeigt, dass die Datschenkultur, auch wenn es manchem so scheint, als sei sie vom Supermarkt inzwischen verdr&auml;ngt, im Fall neuer Krisen jederzeit als Nothilfe reaktivierbar ist. (dazu mehr in: Kai Ehlers, Kartoffeln haben wir immer, Vlg. Horlemann)  <\/p><p>Eine Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters in der vorgesehenen H&ouml;he k&auml;me einem massiven Angriff auf diese Notstandsreserve gleich. Auch das ist der Bev&ouml;lkerung selbstverst&auml;ndlich nicht als Fortschritt zu vermitteln.  <\/p><p>Der schwarze Arbeitsmarkt und die famili&auml;re Zusatzwirtschaft verschmelzen im russl&auml;ndischen Alltag, vor allem, aber keineswegs nur auf dem Lande, miteinander zu einem untrennbaren Kn&auml;uel. Wer sich anschickt, dieses Kn&auml;uel aufzul&ouml;sen, wie es aus der geplanten Rentenreform notwendig folgen m&uuml;sste, muss mehr &uuml;berwinden als nur das sowjetische Erbe. Er bekommt es zu tun mit einem &uuml;ber Generationen gewachsenen sozialen Organismus, der sich &uuml;ber seine verschlissenen sowjetischen Teile hinaus aus ethnischen Clans, aus traditionellen Gemeinschaftsstrukturen und aus den in Russland nach wie vor engen Familienbindungen zusammensetzt. Diesen Organismus aufzul&ouml;sen, wird kaum m&ouml;glich sein &ndash; es sei denn, auf sehr lange Sicht oder mit Gewalt. <\/p><p>&Uuml;ber m&ouml;gliche Formen solcher Gewalt soll hier zurzeit nicht nachgedacht werden. Zu erwarten ist eher eine stille Verweigerung der Bev&ouml;lkerung gegen&uuml;ber den jetzt vorgelegten Reformpl&auml;nen, aus der sich im Zusammenspiel mit den traditionellen, kollektiven und selbstversorgerischen Formen der sozialen Sicherung ein Kompromiss herausbilden wird.<\/p><p>Davon k&ouml;nnten &uuml;brigens auch westliche Gesellschaften lernen, wenn es darum geht, neben der staatlichen eine private Generationen-Sicherung zu betreiben. <\/p><p><strong>Die &bdquo;demografische L&uuml;cke&ldquo;<\/strong><\/p><p>W&auml;re noch dar&uuml;ber nachzudenken, welche Beweiskraft der Hinweis auf die &bdquo;demografische L&uuml;cke&ldquo; f&uuml;r die Notwendigkeit der Erh&ouml;hung des Rentenalters h&auml;tte. <\/p><p>Stimmt, Russland befindet sich in einer demographischen Klemme. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 64,4 Jahren 1994 auf 72,4 im Jahr 2017. Dabei blieben die Unterschiede zwischen M&auml;nnern und Frauen bestehen: M&auml;nner, wie schon erw&auml;hnt, bei 66,5 Jahren, Frauen bei 77 Jahren. Den geburtenschwachen Jahrg&auml;ngen nach dem Zusammenbruch Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, die heute im Arbeitsalltag stehen, steht damit eine alternde Bev&ouml;lkerung gegen&uuml;ber. <\/p><p>Putin sprach von einem Verh&auml;ltnis der arbeitenden Bev&ouml;lkerung zu Rentenempf&auml;ngern von 1,7 zu 1. Das ist in der Tat ein Problem f&uuml;r die Rentenkasse, das durch Gelder kompensiert werden muss. Die k&ouml;nnten selbst dann nicht aus den laufenden Beitr&auml;gen kommen, wenn es das Problem des schwarzen Arbeitsmarktes nicht g&auml;be. Gelder f&uuml;r eine solche Kompensation l&auml;gen jedoch, wie die Kritiker der Rentenreform reihum unmissverst&auml;ndlich anmerken, mit 45 Milliarden des &bdquo;nationalen Wohlstandsfonds&ldquo;, mit einem Plus des russischen Haushaltes von 18 Milliarden und mit offshore ausgelagerten Geldern der gro&szlig;en Kapitale vor, die zur&uuml;ckgeholt werden k&ouml;nnten &ndash; wenn der politische Wille dazu best&uuml;nde. (siehe dazu u.a. U. Heyden, Telepolis, 30.09.2018, <a href=\"http:\/\/www.heise.de\">www.heise.de<\/a>) <\/p><p>Putin erkl&auml;rt, dies sei m&ouml;glich, k&ouml;nne aber das Problem auf Dauer nicht l&ouml;sen. Hier stellt sich allerdings eine grunds&auml;tzliche Frage zu dergleichen Berechnungen: Welche belastbaren demografischen wie auch &ouml;konomischen Daten liegen vor, eine solche Prognose zu treffen?  Klar gesagt &ndash; keine, jedenfalls keine belastbaren, die l&auml;nger als bis zur n&auml;chsten Krise reichen. <\/p><p>So wurde die demografische Kurve Russlands 2014\/15 durch Zustrom von mehr als einer Million Fl&uuml;chtlingen aus der Ukraine kurzfristig nach oben verbogen. So hat sich der Kapitalabfluss auf Grund der versch&auml;rften Sanktionen gegen Russland in den zur&uuml;ckliegenden anderthalb Jahren umgekehrt; Kapital beginnt ins Land zur&uuml;ckzukehren. So ist die Migration aus den eurasischen Randstaaten nicht stabil kalkulierbar. So sind die demografischen Entwicklungen der verschiedenen Regionen Russlands nicht genau steuerbar. Nicht kalkulierbar ist auch, ob die von der russischen Regierung angeschobene Familienpolitik den gew&uuml;nschten Erfolg von mehr Geburten bringt oder nicht usw. usf., ganz zu schweigen noch von m&ouml;glichen internationalen Krisenentwicklungen. <\/p><p>Jede einfache Hochrechnung der gegenw&auml;rtigen demographischen Situation kann diese und weitere Unw&auml;gbarkeiten nur verschleiern und f&uuml;hrt nur dahin, deutlicher gesagt, dient letztlich allein dem Zweck, die vorhandenen, aktuell greifbaren Gelder der Gesellschaft nicht in die Rentenkasse zu leiten, sondern f&uuml;r andere Zwecke zu verwenden oder gar nicht erst f&uuml;r &ouml;ffentliche Aufgaben heranzuziehen. Dar&uuml;ber w&auml;re weiter zu reden, bevor den Menschen l&auml;ngere Lebensarbeitszeiten verordnet w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Putin als Opfer?<\/strong><\/p><p>Aber vielleicht ist dies, einen &ouml;ffentlichen Dialog zu erzwingen, sogar das Ziel der ganzen Kampagne? Unfreiwillig stellen sich solche Gedanken ein, wenn man den bisherigen Vorgang, soweit &ouml;ffentlich erkennbar, auf sich wirken l&auml;sst: Ein im Volk beliebter Pr&auml;sident &uuml;bernimmt als &bdquo;guter Zar&ldquo; die Verantwortung f&uuml;r die Vorschl&auml;ge einer unbeliebten Regierung, die provokativer nicht handeln konnte, als Medwedew es mit seiner Vorstellung der Reform ausgerechnet am Tag der WM-Er&ouml;ffnung getan hatte, noch dazu mit der Forderung, Frauen sollten bis zum Alter von 63 arbeiten, statt, wie Putin ihn korrigierte, bis 60. <\/p><p>Glaubt dieser Pr&auml;sident selbst an den Erfolg dieser Reform? Klug wie er ist, strategisch wie er denkt, vertraut mit der Mentalit&auml;t der Menschen seines Landes, ist ihm doch sicherlich klar, dass die Menschen diese Reform nicht ohne Weiteres und vermutlich selbst auf lange Sicht nicht in der vorgeschlagenen Weise annehmen werden. Russland ist schlie&szlig;lich nicht der Westen, trotz aller Modernisierungen und begonnenen Kapitalisierungen nicht &ndash; und wird auch kein Westen werden. In Russland gelten andere Bedingungen, selbst wenn der reale Sozialismus f&uuml;r &uuml;berholt gilt und kaum jemand sich das System zur&uuml;ckw&uuml;nscht. Ein zweites Mal wollen die Menschen sich einen westlichen Hut nicht aufsetzen lassen. Das wei&szlig; Putin, in diesem Wissen h&auml;lt er seit seinem Amtsantritt zwischen autorit&auml;rer Modernisierung und Einbindung der unterschiedlichen traditionellen Kr&auml;fte des Landes den Konsens. Darin hat er sich als Meister erwiesen.  <\/p><p>Worauf also zielt diese Kampagne? Will er sich opfern? Will er den Konsens k&uuml;ndigen? Will er den Weg frei machen f&uuml;r einen Nachfolger, um ihm ein ger&auml;umtes, ein vorbereitetes Feld &uuml;bergeben zu k&ouml;nnen? Dass seine eigenen Beliebtheitswerte nach seinem Fernsehauftritt, nachdem er den Reformvorsto&szlig; sanktioniert hat, sinken w&uuml;rden, musste Putin klar sein. Oder ist er, trotz aller strategischen Raffinesse, doch einfach vor allem Russe, der wei&szlig;, dass seine Landsleute auch heute noch nach dem alten russischen Sprichwort leben: &ldquo;Der russische Bauer spannt lange an, aber wenn er einmal angespannt hat, dann geht&lsquo;s im Karacho&ldquo;? Die n&auml;chsten Monate werden es zeigen. Nur eines ist schon jetzt klar: Eine Eins-zu-Eins-Umsetzung dieser Reform wird es nicht geben. Da muss noch lange angespannt werden. <\/p><p><em>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>]&nbsp;<strong>Kai Ehlers<\/strong>&nbsp;ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite&nbsp;<a href=\"http:\/\/Kai-Ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a>&nbsp;nachzulesen.<\/em><\/p><p>Passend zu dieser Situation m&ouml;chte ich auf drei Titel von mir verweisen, in denen &Uuml;berg&auml;nge der russischen Entwicklung skizziert werden:<\/p><ul>\n<li>Sowjetunion &ndash; Mit Gewalt zur Demokratie. Im Labyrinth der nationalen Wiedergeburt zwischen Asien und Europa. (Eine Skizze des Wechsels von Gorbatschow zu Jelzin), Galgenberg, 1991 Hamburg.<\/li>\n<li>Russland: Aufbruch oder Umbruch? Zwischen alter Macht und neuer Ordnung. Gespr&auml;che und Impressionen (Skizze zu Putins Einstieg 2000), 1. Auflage 2005, Pforte<\/li>\n<li>Kartoffeln haben wir immer. &Uuml;berleben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha. Gespr&auml;che, Skizzen, Analysen aus der Krise 2008\/9), Horlemann 2010<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russlands F&uuml;hrung ist dabei, das letzte Tabu aus der Sowjetzeit brechen zu wollen. Sie will das Rentenalter, das seit den Tagen der Oktoberrevolution f&uuml;r Frauen bei 55, f&uuml;r M&auml;nner bei 60 Jahren lag, in Zukunft auf 60 Jahre f&uuml;r Frauen und 65 f&uuml;r M&auml;nner anheben. Ist Russland f&uuml;r eine solche Entwicklung bereit? 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