{"id":46280,"date":"2018-09-30T11:30:52","date_gmt":"2018-09-30T09:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46280"},"modified":"2019-05-20T10:10:31","modified_gmt":"2019-05-20T08:10:31","slug":"hauptsache-arbeit-bullshit-jobs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46280","title":{"rendered":"Hauptsache Arbeit? Bullshit-Jobs!"},"content":{"rendered":"<p>Die neoliberale Umgestaltung der Wirtschaft ist im Kern ineffizient. Der Anthropologe <strong>David Graeber<\/strong> greift den Mythos der modernen Arbeit an. <strong>Elmar Wigand<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten Graebers neues Buch &bdquo;Bullshit-Jobs&ldquo; rezensiert.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich habe nie herausgefunden, was Depotbanken eigentlich tun. Ich verstehe, welches Konzept sich mit Depotbanken verbindet, aber ich habe sie immer nur f&uuml;r eine &uuml;berfl&uuml;ssige weitere Form der Buchf&uuml;hrung gehalten. Depotbanken bewahren Begriffe wie Aktien oder Schuldverschreibungen auf. Aber wie machen sie das eigentlich? K&ouml;nnen russische Hacker solche Konzepte stehlen? Soweit ich erkennen kann, ist das ganze Depotwesen Bullshit.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>(Bruce, Fondsberater einer Depotbank, in: David Graeber: Bullshit-Jobs, Stuttgart 2018, S. 248)<\/p><p>Der US-amerikanische Anthropologe Graeber, der an der London School of Economics lehrt, ist mit Bullshit-Jobs einem Ph&auml;nomen auf der Spur, das viele kennen d&uuml;rften &ndash; aus der eigenen Erwerbsbiografie, aus dem Bekanntenkreis oder der erweiterten Familie &ndash;, das aber bisher nie als radikale Kritik des Arbeitswerts formuliert wurde.<\/p><p>Dass es sich bei Bullshit-Jobs um ein Massenph&auml;nomen mit explosionsartiger Verbreitung handelt, lassen j&uuml;ngste Zahlen vermuten: Die Krankmeldungen in Deutschland sind zwischen 2008 und 2016 um mehr als 60 Prozent gestiegen. Zu den wichtigsten Ursachen z&auml;hlte die Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag &ldquo;Fehlentwicklungen des Arbeitsalltags&rdquo;. Hinter Erkrankungen des Muskel-Skelett-Syndroms waren zuvorderst psychische Erkrankungen und Verhaltensst&ouml;rungen f&uuml;r insgesamt 560 Millionen Krankschreibungen zwischen 2008 und 2016 verantwortlich. Der volkswirtschaftliche Schaden habe im Zeitraum um 75 Prozent zugenommen und im Jahr 2016 75 Mrd. Euro betragen. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Dass Arbeit krank macht, d&uuml;rfte einfach erkl&auml;rbar sein durch gesteigerte Arbeitshetze, Flexibilisierung und und &Uuml;berstunden vor allem im Niedriglohnsektor. Kaum beachtet ist eine massenhafte Zunahme von vergleichsweise gut bezahlten oder gar &uuml;ppig entlohnten Bullshit-Jobs. Auch sie machen krank. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Was ist ein Bullshit-Job?<\/strong><\/p><p>Graebers Definition lautet: &bdquo;Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos ist, dass selbst derjenige, der sie ausf&uuml;hrt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Besch&auml;ftigungsbedingungen verpflichtet f&uuml;hlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.&ldquo;<\/p><p>Graeber nennt unz&auml;hlige Beispiele, die Stoff f&uuml;r Kom&ouml;dien bieten k&ouml;nnten, wenn diese Jobs die Menschen nicht tats&auml;chlich krank machen w&uuml;rden. Diese Besch&auml;ftigungsformen stellen eine perfide Form der Folter dar, weil sie das urmenschliche Grundbed&uuml;rfnis verletzen, Handlungen und Interaktionen zu vollziehen, die messbare Auswirkungen und Ergebnisse haben.<\/p><p>Eine Bekannte von mir musste jahrelang bei der DB die Versp&auml;tungen von Z&uuml;gen, die sie aus dem Bundesgebiet geschickt bekam, in Excel-Tabellen eintragen. Per Hand! Eine Arbeit, die ganz einfach h&auml;tte automatisiert werden k&ouml;nnen.<br>\nIch selbst habe in einer Internetfirma gearbeitet, die den deutschen Online-Auftritt eines gro&szlig;en US-Automobil-Produzenten betreute. Es gab dort so wenig zu tun, dass ich h&ouml;chstens vier Stunden in der Woche produktiv t&auml;tig war, denn ich musste lediglich vorgefertigte Texte einer anderen Agentur per Kopieren + Einf&uuml;gen (Strg C + Strg V) aus Auto-Brosch&uuml;ren ins Internet einpflegen, sie dabei ein wenig k&uuml;rzen und eindampfen, um als Texter und Konzeptioner mehr Geld zu verdienen, als ich jemals wieder bekommen habe. Durch David Graebers Buch habe ich gelernt, was es damit auf sich hatte und dass ich nicht alleine war. Unser gesamtes Gro&szlig;raumb&uuml;ro produzierte zu 70-80 Prozent Bullshit.<\/p><p><strong>Des Kaisers neue Kleider<\/strong><\/p><p>Graebers Buch m&uuml;sste in Deutschland einschlagen wie eine Bombe, es k&ouml;nnte aber auch geflissentlich ignoriert werden. Ist unsere Epoche doch von wirtschaftlichen Irrlehren und ideologischen Hologrammen gepr&auml;gt, welche die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Hochfinanz und ihre Hofschranzen gleichzeitig produzieren, reproduzieren und selbst glauben.<br>\nIn einer Konstellation, die Christian Andersens M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo; gleicht, wird jemand vermutlich ignoriert, bel&auml;chelt oder scholastisch widerlegt, der dem Hofstaat des Kaisers erz&auml;hlt, dass der Herrscher doch eigentlich blo&szlig; nackt sei. Eine andere Frage ist, wie der Teil der arbeitenden Bev&ouml;lkerung, der von diesen Eliten weitgehend entkoppelt ist, das Thema aufnimmt.<\/p><p><strong>Arbeit macht das Leben s&uuml;&szlig; &ndash; s&uuml;&szlig; wie Maschinen&ouml;l<\/strong><\/p><p>Auch die sogenannte Linke verschiedenster Str&ouml;mungen muss sich durch die Theorie der Bullshit-Jobs herausgefordert f&uuml;hlen, tr&auml;gt sie seit 150 Jahren doch ihren Teil zum Problem bei. Seit der Franz&ouml;sischen Revolution ist das &bdquo;Recht auf Arbeit&ldquo; als sozialistische Forderung im Raum, unl&auml;ngst auf den Nachdenkseiten wiederholt durch Mohssen Mossarrat. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Die Sozialdemokratie fabrizierte den d&uuml;mmlichen Slogan &bdquo;Hauptsache Arbeit&ldquo; und rechtfertigte mit dieser Maxime ab 1998 erst die Ausweitung der Leiharbeit, dann die Schaffung des deutschen Niedriglohnparadieses. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Im sowjetischen Wirtschaftsmodell entstanden Bullshit-Jobs auch, um das Recht auf Arbeit, das zugleich sozialistische Pflicht, Erziehungsinstrument, mitunter brutaler Zwang war, praktisch m&ouml;glich zu machen &ndash; manchmal gab es halt gerade aufgrund wirtschaftlicher Beschr&auml;nkungen nicht genug gesellschaftlich notwendige Arbeit, so dass Arbeitsstellen k&uuml;nstlich geschaffen wurden.<\/p><p>Auch f&uuml;r die Linke spielte es also meist eine untergeordnete Rolle, ob die Werkt&auml;tigen selbst in ihrer allt&auml;glichen T&auml;tigkeit und ihrer Ausgestaltung einen Sinn sehen. Diese subjektive Wahrnehmung der Betroffenen ist Graebers zentrales Kriterium, um Bullshit-Jobs zu erkennen.  <\/p><p><strong>Sch&auml;dliche, nervige und miese Jobs sind etwas anderes<\/strong><\/p><p>Um Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen: Graebers Entwurf einer Theorie handelt keineswegs, oder nur am Rande, von gesamtgesellschaftlich, global und volkswirtschaftlich unsinnigen oder sozialsch&auml;dlichen T&auml;tigkeiten wie Braunkohle-Verstromung, Waffenproduktion, Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten, Immobilienspekulation, Pharmakonzernen, die Krankheitsbilder und Selbsthilfegruppen gr&uuml;nden, um Medikamente zu verdealen&hellip; Nein, er spricht von Arbeitspl&auml;tzen, auf denen die Besch&auml;ftigten buchst&auml;blich nichts zu tun haben oder Dinge tun m&uuml;ssen, die auch im Detail, im allt&auml;glichen Arbeitsablauf, offensichtlich keinen Sinn ergeben. In der Regel werden sie daf&uuml;r auch noch vergleichsweise &uuml;ppig entlohnt, was ihre seelischen, moralischen Qualen weiter steigert.<br>\nEin Braunkohlebagger tr&auml;gt zwar dazu bei, das Klima zu erw&auml;rmen und die Welt n&auml;her an den Abrund zu f&uuml;hren, doch ist f&uuml;r den Baggerf&uuml;hrer deutlich sichtbar, dass vor ihm Kohle liegt und hinter ihm im rheinischen Braunkohlerevier die Schlote von Niederaussem und Frimmersdorf rauchen, wo seine Kohle verbrannt, in Strom verwandelt und &uuml;ber Hochspannungsmasten nach K&ouml;ln-Godorf oder Wesseling zu Shell und Evonik geleitet wird. Ob RWE-Braunkohlearbeiter heute noch besonders &uuml;berzeugt von ihrer T&auml;tigkeit sind, darf bezweifelt werden, aber die meisten Arbeiter von Heckler &amp; Koch z. B. sind vermutlich sogar stolz auf die Pr&auml;zisionsgewehre, die sie herstellen. Sie alle verrichten sozialsch&auml;dliche, wom&ouml;glich unchristliche T&auml;tigkeiten, aber keine Bullshit-Jobs.<\/p><p><strong>Wie konnten Bullshit-Jobs zum Massenph&auml;nomen werden?<\/strong><\/p><p>Graeber geht davon aus, dass die Vorhersage des britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes aus dem Jahre 1930 tats&auml;chlich eingetreten sei. Die technologische Entwicklung w&uuml;rde im Jahr 2000 so weit fortgeschritten sein, prophezeite Keynes, dass gesamtgesellschaftlich nur noch 15 Stunden Arbeit n&ouml;tig sein w&uuml;rden. Dass es nicht dazu gekommen ist, f&uuml;hrt Graeber auf verschiedene Gr&uuml;nde zur&uuml;ck:<\/p><p>&bdquo;Die herrschende Klasse hat gemerkt, dass eine gl&uuml;ckliche, produktive Bev&ouml;lkerung, der viel Freizeit zur Verf&uuml;gung steht, eine t&ouml;dliche Gefahr ist.&ldquo; Diese Lehre wurde aus der 68-er Revolte gezogen.<\/p><p><strong>Auf der Schattenseite: die hart arbeitenden Menschen<\/strong><\/p><p>Es gilt die Regel, dass eine Arbeit umso schlechter bezahlt wird, je sinnvoller, hilfreicher und notwendiger sie f&uuml;r die Gesellschaft ist. Graeber nennt als einzige Ausnahme &Auml;rzte und Fu&szlig;ballspieler. Deren Schaffen ist sowohl gesellschaftlich allgemein anerkannt und nachgefragt als auch gut bezahlt. In Deutschland m&uuml;ssten wir Piloten hinzuf&uuml;gen, die ihren gehobenen Status aufgrund gewerkschaftlicher Organisierung und geschickter Streikf&uuml;hrung bei der marktbeherrschenden Lufthansa verteidigen konnten. (Analog zu Fu&szlig;ball-Profis in der Regionalliga, die von Erstliga-Bedingungen kaum zu tr&auml;umen wagen, obwohl sie kaum weniger Arbeit verrichten als ein Profi des VfL Wolfsburg oder HSV, gibt es allerdings auch ein Piloten-Sub-Proletariat, etwa bei Germania, Ryanair u.a.. Gleiches gilt vermutlich f&uuml;r &Auml;rztinnen und &Auml;rzte.)<\/p><p>Die meisten Besch&auml;ftigten mit gesellschaftlich hilfreichen oder notwendigen T&auml;tigkeiten werden ausgepresst wie die Zitronen. Ihre Stellen werden ausged&uuml;nnt, die Arbeitsintensit&auml;t, Flexibilit&auml;t und &Uuml;berstunden auf perverse Weise erh&ouml;ht. Die Rede ist von M&uuml;llm&auml;nnern, Krankenschwestern, Putzfrauen, Kassierer_innen + Regaleinr&auml;umer_innen, Flie&szlig;bandarbeitern etc. Wenn sie streiken, ziehen sie nicht nur in Gro&szlig;britannien und den USA den Hass der Boulevard-Presse auf sich. Er verf&auml;ngt nicht zuletzt bei der Armada aus Bullshit-Jobbern, die streikende Arbeiter insgeheim beneiden. Denn ein Streik von Werkt&auml;tigen zeigt Wirkungen, w&auml;hrend Bullshit-Jobber wie Private-Equity-Manager, PR-Forscher, Lobbyisten, Versicherungsfachleute, Telefonverk&auml;ufer, Rechtsberater so verzichtbar sind, dass sie au&szlig;er Freunden und Familie niemand vermissen w&uuml;rde, wenn Au&szlig;erirdische ihre B&uuml;rot&uuml;rme eines Montagmorgens pl&ouml;tzlich ins All beamen w&uuml;rden. Ein Streik f&uuml;hrt Bullshit-Jobbern eine Sinnlosigkeit vor Augen, die sie sich nicht eingestehen d&uuml;rfen. Im Gegensatz zu ihnen thematisieren Streikende ihre Arbeitsbedingungen v&ouml;llig offen, machen sie zum Ausgangspunkt sozialer Bewegung, w&auml;hrend Bullshit-Jobber tagt&auml;glich gezwungen sind, Arbeit zu simulieren und dabei sich selbst und andere zu bel&uuml;gen.<\/p><p><strong>Graeber arbeitet f&uuml;nf Typen von Bullshit-Jobs heraus:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Lakeien und Speichellecker.<\/strong> Sie existieren, damit sich jemand anders wichtig f&uuml;hlt, dessen Status davon abh&auml;ngt, wie viele Leute er unter sich hat und kommandieren kann.<\/li>\n<li><strong>Schl&auml;ger.<\/strong> (englisch: Goons) Sie werden in einer Art Wettr&uuml;sten &ndash; vergleichbar mit der Mafia oder dem Milit&auml;r &ndash; nur deshalb angestellt, weil die Konkurrenz sie auch hat: PR-Abteilungen, Lobbyisten, Telefonwerber, Unternehmensanw&auml;lte.<\/li>\n<li><strong>Flickschuster.<\/strong> Ihre T&auml;tigkeit existiert nur wegen eines Fehlers in der Organisation bzw. der Maschinerie, den aber niemand beheben will. Also wird um das Problem herum gearbeitet. In der Software-Branche spricht man von &bdquo;duct tapers&ldquo;. Haupts&auml;chlich werden diese Fehler von Vorgesetzten angerichtet, die f&uuml;r ihre Position nicht qualifiziert sind und aus anderen Gr&uuml;nden nach oben gesp&uuml;lt wurden.<\/li>\n<li><strong>K&auml;stchenankreuzer.<\/strong> Sie erm&ouml;glichen einem Unternehmen, die Behauptung aufrechtzuerhalten, es tue etwas, das es in Wirklichkeit nicht tut. Sie machen Befragungen, die niemand auswertet, schreiben Compliance-Regeln, die niemand beachtet, erarbeiten Unternehmensleitbilder, setzen Formulare in die Welt, die alles nur komplizierter machen, befassen sich mit Qualit&auml;ts- und Leistungssicherung.<\/li>\n<li><strong>Aufgabenverteiler.<\/strong> Hier unterscheidet Graeber zwei Typen. Der erste, ungef&auml;hrliche, ist damit betraut, Untergebenen Aufgaben zuzuteilen, die sie ohne seine Vermittlungsposition ohnehin machen w&uuml;rden. Der zweite Typ kann echten Schaden anrichten. Er ist ein Bullshit-Erzeuger, er schafft, verteilt und beaufsichtigt Bullshit-Aufgaben an Untergebene. Die Aufgabenverteiler kommen typischerweise im mittleren Management vor.<\/li>\n<\/ol><p>Eine Kategorie fehlt in Graebers Buch: Die privatisierten Staatsbetriebe Deutsche Bahn, Deutsche Post \/ DHL und Telekom errichteten ab den 1990er Jahren Formen von <strong>Strafarbeitslagern und Beamten-Gulags<\/strong>, die teils bis heute existieren, um ihren Bestand an unk&uuml;ndbaren Beamten systematisch abzuschmelzen. Dort arbeitet das Management in gro&szlig;em Ma&szlig;e mit Bullshit-Jobs. Es gibt deutliche Hinweise, dass man sich von Methoden inspirieren lie&szlig;, die bei der Privatisierung der franz&ouml;sischen Telekom zuvor angewendet und perfektioniert wurden. (2009 ersch&uuml;tterte eine Selbstmordserie von Besch&auml;ftigen der <em>France T&eacute;l&eacute;com<\/em> das Land. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]) Ob es diese Beamtengulags in England, wo Graeber derzeit lehrt, oder den USA, von deren Ostk&uuml;ste Graeber stammt, nicht gab?<\/p><p><strong>Trickle-down und andere Lebensl&uuml;gen des Neoliberalismus<\/strong><\/p><p>Es ist David Graebers gro&szlig;es Verdienst, dass er &ndash; wie bereits in seinem letzten Buch &bdquo;B&uuml;rokratie&ldquo; &ndash; einmal mehr nachweist, dass das Zeitalter des Neoliberalismus keineswegs so schlank, effizient und &ouml;konomisch produziert, wie es die neoliberale Propaganda versprach. Im Gegenteil. Privatisierte, zergliederte Liefer- und Wertsch&ouml;pfungsketten sind chaotisch und f&uuml;hren zu organisatorischem Dickicht, Kontrollverlust, Korruption, Amtsmissbrauch, Beh&ouml;rdenversagen und auch zu einer Zunahme von Bullshit-Jobs.<br>\nDas Dickicht aus Generalunternehmern, Sub-Unternehmern und Sub-Sub-Unternehmern, die oft gezielt in Konkurrenz gehalten werden, f&uuml;hrt auch zu einer unglaublichen Verschwendung von Ressourcen. Das alles auf Kosten der &bdquo;hart arbeitenden Menschen&ldquo; am Ende der Verwertungskette. Die neoliberale Umgestaltung der Wirtschaft f&uuml;hrte fast zwangsl&auml;ufig zu einer Aufbl&auml;hung des mittleren Managements. Dort bilden sich Bullshit-Job-Speckg&uuml;rtel sowohl um die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrungen der zergliederten Produktionslandschaft als auch innerhalb der hochbezahlten Dienstleister, die um die verschiedenen Management-Ebenen kreisen wie die Motten ums Licht: Wirtschaftskanzleien, Rechnungspr&uuml;fer, Unternehmensberater, Mental-Coaches Mediatoren, Compliance-Experten&hellip;<\/p><p>Hier trennt sich allerdings der Pfad, den David Graeber beschreitet, von dem Ansatz, den mein Kollege Werner R&uuml;gemer und ich mit der aktion .\/. arbeitsunrecht seit 2014 verfolgen. Beim Versuch, tiefer zu sch&uuml;rfen, landet Graeber makro&ouml;konomisch bei der &Uuml;bernahme der Wirtschaftskontrolle durch die Finanzwirtschaft, genauer durch den FIRE-Komplex (Finance, Insurance, Real Estate &ndash; Finanzen, Versicherungen, Immobilien). Diese &Uuml;bernahme der F&uuml;hrungsrolle begann in der ersten H&auml;lfte der 1970er Jahre in Folge von Deregulierung, was allgemein unstrittig sein d&uuml;rfte. Er spricht von &bdquo;Manager-Feudalismus&ldquo; und sieht das Ph&auml;nomen der Bullshit-Jobs als eine Art Degenerationserscheinung des Sp&auml;t-Kapitalismus, vielleicht vergleichbar mit den letzten Zuckungen der Aristokratie im franz&ouml;sischen Absolutismus. Das ist vermutlich nicht einmal falsch. Aber die gew&auml;hlte Abstraktionsebene ist zu gro&szlig; und f&uuml;hrt Graeber zun&auml;chst in eine Sackgasse. Produktiver w&auml;re es, die konkreten Akteure dieser kapitalistischen Umgestaltung unter die Lupe zu nehmen, anstatt bei groben Betrachtungen &bdquo;des Finanzkapitalismus&ldquo; stehenzubleiben, die am Ende niemandem konkret weh tun und offenbar kaum Widerstandspotentiale erschlie&szlig;en.<\/p><p><strong>Unternehmensverwalter und Unternehmensberater als Bullshit-Motoren<\/strong><\/p><p>Auf der Seite des Besitzes haben folgende Konglomerate die Umgestaltung der Wirtschaft vorangetrieben und damit den Bullshit-Jobs den Boden bereitet: Gigantische Unternehmensverwalter wie Blackrock, Blackwater oder aggressive Finanz-Investoren wie KKR, Berkshire Heathaway, Bain Capital, Waterland etc. &uuml;bernahmen durch Aufk&auml;ufe und Fusionen die wirtschaftliche Macht &ndash; Graeber verharrt hingegen auf einer recht allgemeinen Kritik &bdquo;der Banken&ldquo;.<br>\nDie konkrete Umgestaltung der Unternehmen, ihre Zerschlagung in eine &bdquo;optimierte Wertsch&ouml;pfungskette&ldquo; &uuml;bernahmen Unternehmensberater wie McKinsey, Boston Consulting, Kienbaum, Roland Berger, Accenture. Im Zusammenwirken dieser Kr&auml;fte &ndash; Verm&ouml;gensverwalter und Unternehmensberater &ndash; liegt des Pudels Kern.<br>\nHinzu gesellen sich hochbezahlte Dienstleister in Form von Wirtschaftskanzleien (Freshfields, White &amp; Case etc.), Rechnungspr&uuml;fern (PWC, Deloitte, KPMG) und weitere Bullshit-Motoren.<\/p><p>Am Ende sind die Bullshit-Jobs vermutlich eine perverse Form dessen, was uns Ronald Reagan und Margaret Thatcher als &bdquo;Trickle-down-Effekt&ldquo; versprochen haben (&bdquo;Gib dem Pferd genug Hafer, dann kommen am Ende Pferde&auml;pfel heraus.&ldquo;). Allerdings versprachen sie damals auch: Effizienz, Befriedigung unserer Konsumbed&uuml;rfnisse, allgemeinen Wohlstand.<\/p><p><strong>Leider zweigt David Graebers Pfad bei &bdquo;den Banken&ldquo; ab<\/strong><\/p><p>Graeber l&auml;sst die planm&auml;&szlig;ige, sch&ouml;pferische Zerst&ouml;rung einer kapitalistischen Wirtschaftsformation (wahlweise rheinischer, keynesianischer, fordistischer Kapitalismus, Deutschland AG genannt) durch oben genannte Akteure und ihre Konzepte au&szlig;er acht. Er landet stattdessen bei der Soziologie Max Webers und der puritanisch-protestantischen Arbeitsmoral, die angeblich seit Jahrhunderten in uns und auf uns wirken soll und den Kapitalismus gepr&auml;gt habe.<\/p><p>Graeber fordert am Ende gar das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) &ndash; eine gef&auml;hrliche Chim&auml;re, die in Deutschland vermutlich erst von der linken Agenda verschwinden wird, sobald sich die AfD dieses Thema auf die Fahnen schreibt. Das BGE ist eigentlich wie geschaffen f&uuml;r die Propaganda eines Bernd H&ouml;cke und seiner v&ouml;lkischen Gewerkschaftsinitiative ALARM! (Alternative Arbeitnehmervereinigung Mitteldeutschland). Wenn man das bedingungslose Grundeinkommen mit dem Zusatz &bdquo;nur f&uuml;r Deutsche&ldquo; versieht, entsteht dadurch fast automatisch der perfekte Apartheidsstaat. Auch gibt es bereits eine neoliberale, scheinbar freundliche Variante. Graeber kennt den Boss der Drogeriekette dm, G&ouml;tz Werner, [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] offenbar ebensowenig wie die Strategen bei der Deutschen Post \/ DHL und ihren &bdquo;Gl&uuml;cksatlas&ldquo;. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Diese Strategen sahen schon den Mindestlohn als Aufforderung, keinen Tariflohn mehr zu zahlen, und sie sehen im n&auml;chsten Schritt das BGE als Chance, &uuml;berhaupt keinen Lohn mehr zu zahlen, sondern nur noch ein Taschengeld. Der viel geschm&auml;hte Staat &ndash; Graeber ist bekennender Anarchist &ndash; soll einmal mehr die volle Sorge und Verantwortung f&uuml;r Proleten und &Uuml;berfl&uuml;ssige &uuml;bernehmen &ndash; inklusive aller Kosten.<\/p><p>Statt ausgerechnet nach einem wohlmeinenden, starken Staat zu rufen &ndash; Wer sonst soll ein BGE einf&uuml;hren, garantieren und umsetzen? &ndash; sollten wir herausfinden, welches Widerstandspotential sich aus dem tiefgreifenden Frust sch&ouml;pfen lie&szlig;e, den Bullshit-Job-Betroffene in sich tragen m&uuml;ssen. Um zu Andersens M&auml;rchen zur&uuml;ckzukehren: Sobald das gemeine Volk erkannt hat, dass der Kaiser nackt dasteht und sein Hofstaat aus Speichelleckern und Narren besteht, ist die Herrschaft in den K&ouml;pfen bereits zerplatzt und der Weg zum Aufstand nicht mehr weit. Ob dieser Aufstand emanzipatorisch sein wird, ob Menschen zu solidarischem Handeln f&auml;hig sind, die jahrelang Kollegialit&auml;t blo&szlig; simuliert haben, wieviel Bullshit-Deformation sich m&ouml;glicherweise bereits in der gegenw&auml;rtigen Pegida-Welle findet, gilt es herauszufinden.<\/p><p><strong>Fazit: Lesen, diskutieren, weiter verbreiten!<\/strong><\/p><p>Auch wenn er sich am Ende verheddert, ist David Graeber ein hervorragendes Buch gelungen. Bullshit Jobs er&ouml;ffnet ein bislang unbeackertes Feld und eine verbl&uuml;ffende Sicht auf die absurden Zust&auml;nde, in denen wir leben. Ich empfehle die Lekt&uuml;re, vielleicht sogar die Gr&uuml;ndung von Lesekreisen oder Selbsthilfe-Widerstandsgruppen von Bullshit-Jobbern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>* Elmar Wigand ist Publizist und Sozialforscher. Er arbeitet als Referent und Berater f&uuml;r Gewerkschaften und Betriebsr&auml;te. Er ist Pressesprecher der aktion .\/. arbeitsunrecht e.V.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Bericht der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfrakton. Quelle: Zahl der Krankschreibungen stark gestiegen, tagesschau.de, 21.9.2018, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/anstieg-krankschreibungen-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/anstieg-krankschreibungen-101.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Allein der &bdquo;volkswirtschaftliche Schaden&ldquo;, der durch arbeitsunf&auml;hige Bullshit-Jobber entstehen kann, ist fraglich. Bullshit-Jobs sind so unn&uuml;tz, dass es keinen Unterschied macht, ob ein &bdquo;Besch&auml;ftigungstr&auml;ger&ldquo; zur Arbeit erscheint oder nicht. Allerdings belastet seine Krankmeldung die Sozialsysteme, da Versicherungen die Lohnfortzahlung &uuml;bernehmen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Der Politiker und Professor der Sozialwissenschaften fordert das &bdquo;Recht auf Arbeit&ldquo; ins Grundgesetz aufzunehmen. Mohssen Massarrat fragt: &bdquo;Linke Sammlungsbewegung, wohin?&ldquo;, nachdenkseiten, 28.8.2018, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45718\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45718<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Zukunft &ndash; Hauptsache Arbeit, Der Spiegel 18\/1998, 27.4.1998, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-7870591.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-7870591.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] 35 Selbstmorde bei France T&eacute;l&eacute;com. Ex-Chef droht nach Suizidwelle Anklage, n-tv, 7.6.2016, <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Ex-Chef-droht-nach-Suizidwelle-Anklage-article18139931.html\">https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Ex-Chef-droht-nach-Suizidwelle-Anklage-article18139931.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] 1000 Euro pro Monat. dm-Chef G&ouml;tz Werner erkl&auml;rt, warum uns das Grundeinkommen nicht zu Faulpelzen macht, Der Stern, 18.7.2017, <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/grundeinkommen--goetz-werner-erklaert--warum-wir-dadurch-nicht-faul-werden-7542752.html\">https:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/grundeinkommen&ndash;goetz-werner-erklaert&ndash;warum-wir-dadurch-nicht-faul-werden-7542752.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Wir sollen in Zukunft nicht f&uuml;r Lohn, sondern aus innerem Antrieb arbeiten. Den Weg zu dieser h&ouml;heren Stufe der Arbeit weisen uns Engagement und Ehrenamtlichkeit, denn: &bdquo;Menschen, die mit ihrem Leben &uuml;berdurchschnittlich zufrieden sind, engagieren sich wesentlich h&auml;ufiger aktiv f&uuml;r soziale oder &ouml;kologische Angelegenheiten als Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind.&ldquo; Zitat: Deutsche Post Gl&uuml;cksatlas 2017, <a href=\"https:\/\/www.gluecksatlas.de\/\">https:\/\/www.gluecksatlas.de\/<\/a>, abgerufen 24.9.2018<\/p>\n<\/div><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/89cbe8dd0bd847ab82e80871f4d50333\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neoliberale Umgestaltung der Wirtschaft ist im Kern ineffizient. Der Anthropologe <strong>David Graeber<\/strong> greift den Mythos der modernen Arbeit an. <strong>Elmar Wigand<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten Graebers neues Buch &bdquo;Bullshit-Jobs&ldquo; rezensiert.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,205,208],"tags":[1740,2152,284,2214,1156,288,2452,1209],"class_list":["post-46280","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","tag-arbeitsbedingungen","tag-ueberstunden","tag-deregulierung","tag-flexibilisierung","tag-leiharbeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-recht-auf-arbeit","tag-weber-max"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46280"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46280\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51853,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46280\/revisions\/51853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}