{"id":46317,"date":"2018-10-01T09:05:51","date_gmt":"2018-10-01T07:05:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46317"},"modified":"2018-10-01T10:38:22","modified_gmt":"2018-10-01T08:38:22","slug":"die-ideologische-homogenisierung-oekonomischer-und-politischer-eliten-im-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46317","title":{"rendered":"Die ideologische Homogenisierung \u00f6konomischer und politischer Eliten im Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181001-Cover-Mausfeld.jpg\" alt=\"Mausfeld - Warum schweigen die L&auml;mmer\" title=\"Mausfeld - Warum schweigen die L&auml;mmer\"><\/div><p>In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Demokratie in einer beispiellosen Weise ausgeh&ouml;hlt. Demokratie wurde durch die Illusion von Demokratie ersetzt, die freie &ouml;ffentliche Debatte durch ein Meinungs- und Emp&ouml;rungsmanagement, das Leitideal des m&uuml;ndigen B&uuml;rgers durch das des politisch apathischen Konsumenten. Wahlen spielen mittlerweile f&uuml;r grundlegende politische Fragen praktisch keine Rolle mehr. Die destruktiven &ouml;kologischen, sozialen und psychischen Folgen dieser Form der Elitenherrschaft bedrohen immer mehr unsere Lebensgrundlagen. In diesen Tagen erscheint nun das erste Buch von <strong>Rainer Mausfeld<\/strong> mit dem Titel <strong><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/warum-schweigen-die-laemmer\/\">&bdquo;Warum schweigen die L&auml;mmer?&ldquo;<\/a><\/strong>, in dem er die Systematik dieser Indoktrination aufdeckt und uns sensibel macht f&uuml;r die vielf&auml;ltigen psychologischen Beeinflussungsmethoden. Ein exklusiver Auszug aus dem Buch zum Erscheinen am 2.10.2018: <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIn den vergangenen Jahrzehnten kam es zu einer schleichenden aber &auml;u&szlig;erst tiefgreifenden Einschr&auml;nkung des &ouml;ffentlichen Debattenraumes, die weitgehend durch die Medien hervorgebracht wurde. Sie war eine Folge der neoliberalen Ideologie, die zu einer massiven ideologischen Homogenisierung &ouml;konomischer und politischer Eliten f&uuml;hrte und damit einhergehend auch der Massenmedien. Dies spiegelt sich auch in unseren t&auml;glichen Erfahrungen wider: Bei s&auml;mtlichen Themen, die vitale Interessen der &ouml;konomischen und politischen Zentren der Macht ber&uuml;hren &ndash; sei es Syrien, Iran, Israel, Ukraine, Russland oder Venezuela &ndash; weisen die Auswahl von Fakten und ihre Einbettung in ein politisches Narrativ in den Konzernmedien praktisch keine erw&auml;hnenswerten Variationen auf.<\/p><p>Diese massive Einschr&auml;nkung des &ouml;ffentlichen Debattenraumes unterminiert grundlegend die Bedin&shy;gun&shy;gen der M&ouml;glichkeit von Demokratie. Eine demokratische Gesellschaft beruht wesentlich auf den M&ouml;glichkeiten der B&uuml;rgern, in geeigneten Gruppierungen und sozialen Organisationsformen zusammenzukommen und ihre unterschiedlichen Interessen zu artikulieren, zu formulieren und zu diskutieren, um damit eine kollektive Basis f&uuml;r einen Interessensausgleich und f&uuml;r ein politisches Handeln zu finden. Ist der auf diese Weise entstehende &ouml;ffentliche Diskussionsraum in systematischer Weise eingeschr&auml;nkt, so wird damit das Fundament der Demokratie zerst&ouml;rt.<\/p><p>Demokratie im Sinne der Aufkl&auml;rung bedeutet, auf der Basis der &bdquo;Anerkennung aller als Freier und Gleicher, ungeachtet ihrer faktischen Differenzen&ldquo;, die Vergesellschaftung von Herrschaft durch eine ungeteilte Souver&auml;nit&auml;t der Selbstgesetzgebung des Volkes bei strikter vertikaler Gewaltenteilung. In der Demokratiekonzeption der Aufkl&auml;rung wird das Volk weder ethnisch, noch kulturell oder soziologisch bestimmt, sondern rein verfassungsrechtlich. Es konstituiert sich erst durch eine Entscheidung zwischen Freien und Gleichen als Produkt des Gesellschaftsvertrags: Es ist also eine Rechtsgemeinschaft und keine Volksgemeinschaft. Die faktisch vorhandene soziale Heterogenit&auml;t schlie&szlig;t also keineswegs die M&ouml;glichkeit einer spezifisch politischen Homogenit&auml;t aus. Die sich aus einer Pluralit&auml;t und Heterogenit&auml;t von Werten und Interessen ergebenden Spannungsbeziehungen m&uuml;ssen f&uuml;r ein politisches Handeln miteinander in Einklang gebracht, also kompatibilisiert werden. Eine Demokratie, die nicht einfach eine Diktatur der Mehrheit ist, ist also auf Prozeduren zur Kompatibilisierung partikularer Interessen angewiesen. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Partikularinteressen erfolgt &uuml;ber den &ouml;ffentlichen Debattenraum. Indem er Beteiligten mit unterschiedlichen Interessen eine M&ouml;glichkeit zur Konsensfindung gibt und sie verpflichtet, argumentative Anstrengungen zur Objektivierung ihrer subjektiven Interessen zu unternehmen, ist der &ouml;ffentliche Debattenraum das Herzst&uuml;ck der Demokratie. Demokratie und Debattenraum h&auml;ngen somit derart eng aneinander, dass die Intaktheit des &ouml;ffentlichen Debattenraums &uuml;berhaupt erst die Bedingung der M&ouml;glichkeit von Demokratie ist. <\/p><p>Da die jeweils M&auml;chtigen zwangsl&auml;ufig ein Interesse daran hatten und haben, die f&uuml;r sie mit der Demokratie verbundenen Risiken zu minimieren, war und ist der &ouml;ffentliche Debattenraum stets massiven Angriffen ausgesetzt. [&hellip;]<\/p><p>Mit dem Anwachsen und den Erfolgen sozialer emanzipatorischer Bewegungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts versch&auml;rften sich f&uuml;r die Zentren der Macht die Probleme, Demokratie risikofrei zu gestalten, massiv. Neben offen autorit&auml;ren Ma&szlig;nahmen wie der gewaltsamen Aufl&ouml;sung von Streiks, der Zerschlagung von Gewerkschaften und der Zersetzung emanzipatorischer Bewegungen lie&szlig; sich die Gestaltung einer risikofreien Demokratie vor allem auf zwei Wegen bewerkstelligen: Der erste Weg bestand in einer geeigneten systematischen Bedeutungstransformation des Wortes &sbquo;Demokratie&lsquo;(und ihrer konkreten Organisation), durch die der urspr&uuml;ngliche Sinn des Begriffs, wie er in der Aufkl&auml;rung gewonnen wurde, verloren geht. Demokratie im Sinne der radikaldemokratischen Konzeption der Aufkl&auml;rung bedeutet ungeteilte Volkssouver&auml;nit&auml;t der Gesetzgebung, strikte vertikale Gewaltenteilung und somit Unterwerfung aller Staatsapparate unter den Willen des Volkes. Nach der nun erfolgten  Bedeutungsverschiebung bedeutet &sbquo;Demokratie&lsquo; jedoch nicht mehr Volksherrschaft, sondern &ndash; im Gegenteil &ndash; Elitenherrschaft und Wahl-Elitenoligarchie. Die radikalsten Konzeptionen, wie sich unter dem Mantel von &sbquo;Demokratie&lsquo; das Volk von der Macht fernhalten l&auml;sst, sind die Konzeptionen von Lippmann, Hayek oder Schumpeter sowie daran anschlie&szlig;end das gegenw&auml;rtige Standardmodell einer &sbquo;marktkonformen Demokratie&lsquo;. <\/p><p>Gab es in den kapitalistischen &sbquo;Demokratien&lsquo; der Nachkriegszeit immerhin noch die prinzipielle M&ouml;glichkeit, die verbliebenen Reste demokratischer Strukturelemente f&uuml;r eine Demokratisierung der Demokratie zu nutzen, so schwinden unter den Bedingungen eines globalisierten Kapitalismus zunehmend auch diese k&auml;rglichen M&ouml;glichkeiten, da es kein globales &sbquo;Volk&lsquo; gibt, das Tr&auml;ger einer gesetzgeberischen Volkssouver&auml;nit&auml;t sein k&ouml;nnte. Auch kann es auf der Ebene der Weltgemeinschaft keinen globalen &ouml;ffentlichen Debattenraum geben, in dem unterschiedliche Partikularinteressen f&uuml;r ein politisches Handeln miteinander in Einklang gebracht werden k&ouml;nnten. Folglich gibt es auch keine Prozeduren demokratischer Konsensfindung auf globaler Ebene. Die Idee einer demokratischen Selbststeuerung eines politischen Gemeinwesens wird zwangsl&auml;ufig v&ouml;llig inhaltsleer, wenn private wirtschaftliche Macht faktisch so organisiert ist, dass sie durch keine Form von Gemeinwesen mehr kontrolliert und gez&uuml;gelt werden kann. Demokratie &ndash; und mit ihr Errungenschaften wie der Sozialstaat &ndash; sind auf organisatorische Einheiten angewiesen, die eine Souver&auml;nit&auml;t der Selbstgesetzgebung und eine demokratische Kontrolle aller Machtaus&uuml;benden erm&ouml;glichen. Demokratische Legitimationskreisl&auml;ufe sind auf globaler Organisationsebene unm&ouml;glich.<\/p><p>Der zweite Weg, wie sich f&uuml;r die Zentren der Macht, &sbquo;Demokratie&lsquo; risikofrei gestalten l&auml;sst, zielt darauf, den &ouml;ffentlichen Debattenraum soweit zu kontrollieren und zu manipulieren, dass die periodischen Wahlen die Stabilit&auml;t der tats&auml;chlichen Zentren der Macht nicht gef&auml;hrden k&ouml;nnen. Die Entfaltung einer &sbquo;kapitalistischen Demokratie&lsquo; und die Entwicklung von geeigneten Techniken der Meinungsmanipulation gingen historisch folglich Hand in Hand. Die Kontrolle &uuml;ber den &ouml;ffentlichen Debattenraum stand und steht also seit jeher im Zentrum eines geeigneten Demokratiemanagements. [&hellip;]<\/p><p>Mit dem &Uuml;bergang zum globalisierten Finanzkapitalismus ging eine massive ideologische Homogenisierung einher, die sich auch in den Medien widerspiegelt.<\/p><p>Die neoliberale Ideologie erweist sich als sehr wirkm&auml;chtige Rahmenerz&auml;hlung, die der sich immer massiver entfaltenden Umverteilung von unten nach oben, von S&uuml;d nach Nord und von der &ouml;ffentlichen in die private Hand den Schein einer rationalen Zwangsl&auml;ufigkeit und Alternativlosigkeit verleiht. Dadurch vermochte diese Ideologie in der Bev&ouml;lkerung eine Bereitschaft zu &sbquo;Reformen&lsquo; zu erzeugen, obwohl diese als radikale Umverteilung von unten nach oben f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung nachteilig sind und ohne Erzeugung von Angst nicht demokratisch durchsetzbar w&auml;ren.<\/p><p>Die neoliberale Ideologie gibt sich als &sbquo;reine Rationalit&auml;t&lsquo; aus und kann daher mit der Forderung nach Effizienz und Anpassung an die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten des &sbquo;freien Marktes&lsquo; besonders wirksam alle Formen demokratischer Strukturen erodieren und zerst&ouml;ren. Da die f&uuml;r politische Entscheidungen geforderte &sbquo;Rationalit&auml;t&lsquo; nur von geeigneten Experten aufgebracht werden k&ouml;nne, m&uuml;ssten alle Verfahren einer Gesetzgebung und exekutiver Verordnungen durch Vorgaben geeigneter Experten und nicht durch Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger geleitet sein. Folglich zeigt sich auf allen politischen Ebenen eine expertokratische Entm&uuml;ndigung und Entmachtung der B&uuml;rger und ihrer politischen Vertreter. [&hellip;]<\/p><p>Mit der neoliberalen Revolution von oben geht eine Reihe weiterer charakteristischer Entwicklungen einher, die demokratische Strukturen in grundlegender Weise unterminieren und in nur schwer reversibler Weise zerst&ouml;ren. Hierzu geh&ouml;ren insbesondere die in den vergangenen Jahrzehnten vorangetriebene nahezu vollst&auml;ndige Entmachtung der Legislative durch die Exekutive und die Preisgabe der Exekutive an die jeweils m&auml;chtigsten wirtschaftlichen Interessengruppen. Damit einher geht ein neoliberaler Konstitutionalismus, durch den neoliberale Akkumulationsbedingungen auf internationaler Ebene verrechtlich werden. So wird auf allen Ebenen zunehmend ein direkter Zugriff &ouml;konomischer Machtgruppen auf die Erstellung von Gesetzen und Vorschriften erm&ouml;glicht und rechtlich verankert. Zugleich wurden Mechanismen geschaffen und verrechtlich, durch die sich  &ouml;konomische Macht in politische Macht transformieren l&auml;sst. Auf diese Weise konnten immer umfassendere Teile der organisierten Kriminalit&auml;t der besitzenden Klasse verrechtlicht werden. Diese Entwicklungen f&uuml;hrten dazu, dass Lobbyismus und Korruption durch Institutionalisierung zunehmend unsichtbar gemacht werden.  [&hellip;]<\/p><p>Im Zuge der neoliberalen Revolution haben sich auch die traditionellen Volksparteien grundlegend gewandelt, weil ihre gesellschaftliche Verankerung in dem Ma&szlig;e schwand, wie sie sich in den Dienst der neoliberalen Revolution stellten. Sie haben sich daher zur Selbsterhaltung zunehmend in die staatlichen Machtapparate, von deren Finanzierung sie abh&auml;ngig sind, integriert und in den Parteienspitzen untereinander verflochten, sodass sie weitgehend austauschbar geworden sind. Dieser Parteienwandel ist empirisch gut studiert. Die Parteienforscher Richard S. Katz und Peter Mair pr&auml;gten f&uuml;r diesen neu entstandenen Typus politischer Gro&szlig;parteien den Begriff &bdquo;Kartellpartei&ldquo;. Die Kartellparteien dienen staatlichen Apparaten als Wahlmaschinen zur Legitimit&auml;tssicherung und als Dienstleistungsbetriebe f&uuml;r eine mediale Inszenierung von Positionsdifferenzen. Zudem dienen sie der Organisation der &Auml;mterbesetzung. In enger Verbindung mit der Medienindustrie organisieren sie politische &sbquo;Produktwerbung&lsquo; in dem Wettbewerb um W&auml;hlerstimmen. Die Mitwirkung der Parteien bei der politischen Willensbildung reduziert sich auf ein mit staatlichen Mitteln und mit industriellen Gro&szlig;spenden finanziertes Produkt-Marketing medial inszenierter politischer &sbquo;Positionen&lsquo;. Diese sind tats&auml;chlich jedoch nur noch leere H&uuml;lsen und haben kaum noch etwas mit irgendwelchen relevanten Inhalten zu tun. Die Parteibasis darf sich dabei weitgehend auf eine Rolle als Cheerleader  und Plakatkleber in den periodisch inszenierten Wahlspektakeln  beschr&auml;nken.<\/p><p>Die Kartellparteien deklarierten sich nun alle als &sbquo;politische Mitte&lsquo; &ndash; eine Phantom-Mitte, die gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass der &ouml;ffentliche Raum politisch entleert ist. Wie Peter Mair feststellt, geht die damit einhergehende Verengung des Debattenraumes mit einem hohen Preis einher: &bdquo;Der immer st&auml;rker eingeschr&auml;nkte Spielraum f&uuml;r Opposition innerhalb des Systems ist einer der Gr&uuml;nde, warum der politische Bereich zu einem so starken N&auml;hrboden f&uuml;r Populismus geworden ist.&ldquo; (Peter Mair) Die Entstehung der &sbquo;alternativlosen&lsquo; neoliberalen Phantom-Mitte  und die Entstehung des Rechtspopulismus gehen Hand in Hand. Das gegenw&auml;rtige Anwachsen des Rechtspopulismus ist eine Konsequent der radikalen Entleerung des politischen Raumes durch die neoliberalen Kartellparteien. Ist es verwunderlich, wenn in einer solchen Situation der Rechtspopulismus bl&uuml;ht?  Er verspricht Alternativen, wo die neoliberale Ideologie gerade ihre M&ouml;glichkeit leugnet. Er verspricht nat&uuml;rliche, gewachsene Gemeinschaft, wohingegen die neoliberale Ideologie Gemeinschaft zerst&ouml;rt und ihre M&ouml;glichkeit leugnet. In dem Ma&szlig;e, wie ein Konsens der Alternativlosigkeit erzwungen werden konnte, wurde das von den M&auml;chtigen gew&uuml;nschte Ziel erreicht, dass sich Unbehagen, Unzufriedenheit, Emp&ouml;rung und Wut nicht mehr gegen die Zentren der Macht richten. F&uuml;r diesen strategischen Erfolg zahlt die Gesellschaft &uuml;ber die neoliberalen sozialen Zerst&ouml;rungen hinaus einen zus&auml;tzlichen Preis. Als Konsequenz der Ideologie der Alternativlosigkeit entladen sich Unbehagen, Emp&ouml;rung und Wut nun gegen die sozial Wehrlosen, auf die sich die Ursachen gesellschaftlicher &Auml;ngste am leichtesten verschieben lassen. Vor allem die Machtlosesten zahlen den Preis f&uuml;r die Strategie der M&auml;chtigen, ihre Macht f&uuml;r alternativlos zu erkl&auml;ren. Rechtspopulismus und neoliberale Ideologie stehen beide in der Tradition der radikalen Gegenaufkl&auml;rung, sie teilen letztlich eine sozialdarwinistische Grundhaltung und sind beide auf einem Menschenbild gegr&uuml;ndet, das die dunklen und h&auml;sslichen Seiten des Menschen, also gerade jene Seiten, gegen welche die Aufkl&auml;rung zivilisatorische Schutzbalken zu errichten suchte, verabsolutiert und zur nat&uuml;rlichen Grundlage der sozialen Ordnung erkl&auml;rt. <\/p><p>Der Einfluss des Rechtspopulismus wird nur dadurch einzuhegen sein, dass man den das gesamte &ouml;ffentliche politische Leben erstickende W&uuml;rgegriff der neoliberalen Ideologie beseitigt und einen &ouml;ffentlichen Debattenraum schafft, in dem sich alle gleichberechtigt &uuml;ber ihre unterschiedlichen Interessen austauschen k&ouml;nnen.<\/p><p>Die &Uuml;berwindung der neoliberalen Ideologie bereitet vor allem deswegen besondere Schwierigkeiten, weil sie es im Gegensatz zu anderen totalit&auml;ren Ideologien geschafft hat, sich als Ideologie gleichsam unsichtbar zu machen, indem sie sich als blo&szlig;e Widerspiegelung der Rationalit&auml;t eines &sbquo;effizienten freien Marktes&lsquo; maskiert. Auf diese Weise konnte sie sich zu einer Ideologie steigern, die gleichzeitig in der Lage war, vollends das &sbquo;Ende der Ideologie&lsquo; auszurufen. Alle Ideologien h&auml;tten nun endg&uuml;ltig ausgedient, weil die ehernen &sbquo;Naturgesetzlichkeiten&lsquo; des &sbquo;freien Marktes&lsquo; bestimmten, was vern&uuml;nftig ist &ndash; und was vern&uuml;nftig ist, das muss nat&uuml;rlich auch wirklich werden. Es g&auml;be keine grundlegenden sozialen Antagonismen mehr und keinen Interessengegensatz von Unternehmer und Lohnabh&auml;ngigem. Auch ein Lohnabh&auml;ngiger sei letztlich ein Unternehmer seiner Selbst, eine Ich-AG, die sich flexibel f&uuml;r seine Fremdverwertbarkeit auf dem &sbquo;Markt&lsquo; optimieren m&uuml;sse. [&hellip;]<\/p><p>Es ist angesichts der immensen sozialen und &ouml;kologischen Zerst&ouml;rungen, welche die neoliberalen Elitendemokratien in den vergangenen Jahrzehnten hinterlassen haben, nicht zu erwarten, dass die politischen und &ouml;konomischen Eliten zu Alternativen, die f&uuml;r L&ouml;sungen der dr&auml;ngendsten Probleme der Gegenwart erforderlich sind, bereit w&auml;ren oder solche Alternativen auch nur denken k&ouml;nnten. Im Gegenteil: Sie reagieren zunehmend unberechenbar und scheinen vor den von ihnen angerichteten Problemen selbst kapituliert zu haben &ndash; sei es der immer destruktiver und unkontrollierbarer werdende Finanzkapitalismus, seien es die nicht mehr reversiblen &ouml;kologischen Sch&auml;den, seien es die soziale Zersetzung von solidarischer Gemeinschaft und die mit ihnen einhergehenden psychischen Verw&uuml;stungen und Verformungen, sei es die immer autorit&auml;rer werdende Verwaltung der politisch &sbquo;Irrelevanten&lsquo;, die nur noch als Konsumenten ben&ouml;tigt werden,  und die Disziplinierung der &ouml;konomisches &sbquo;&Uuml;berfl&uuml;ssigen&lsquo;, die nicht einmal mehr als Konsumenten ben&ouml;tigt werden.<\/p><p>Denkalternativen zur L&ouml;sung gegenw&auml;rtiger Probleme m&uuml;ssen also deutlich viel tiefer ansetzen und, wie dies seinerzeit die Aufkl&auml;rung geleistet hat, die Wurzeln derartiger desastr&ouml;sen Folgen demokratisch nicht mehr eingehegter Macht erkennen und die erforderlichen Konsequenzen daraus ziehen. Die dazu n&ouml;tigen Denk- und Handlungsalternativen k&ouml;nnen nur gemeinsam und unter Verwendung des reichen Erfahrungsschatzes emanzipatorischer Bewegungen &sbquo;von unten&lsquo; entwickelt werden. Dazu m&uuml;ssen wir die immer noch verbliebenen demokratischen Residualstrukturen nutzen, um auf ihrer Grundlage &uuml;berhaupt erst wieder Spielr&auml;ume f&uuml;r eine Re-Politisierung und Re-Demokratisierung der Gesellschaft zu erhalten.<\/p><p>Die gesellschaftlichen L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten, die die Menschheit nach den Erfahrungen schlimmster zivilisatorischer Katastrophen in einem m&uuml;hsamen kollektiven Prozess gewonnen hat, also die Leitideale der Aufkl&auml;rung, liegen nach den massiven Einschr&auml;nkungen des &ouml;ffentlichen Debattenraumes der letzten Jahrzehnte weit au&szlig;erhalb des als &sbquo;vern&uuml;nftig&lsquo; oder &sbquo;zul&auml;ssig&lsquo; deklarierten Debattenraumes. Solange dies der Fall ist, werden wir keine Chance haben, die dr&auml;ngenden Probleme der Gegenwart zu l&ouml;sen und uns vor weiteren und vermutlich schlimmeren Katastrophen zu sch&uuml;tzen. Daher geh&ouml;rt es zu unseren vordringlichen Aufgaben, diese systematisch herbeigef&uuml;hrte Degeneration des &ouml;ffentlichen Debattenraumes zu &uuml;berwinden. Nur dadurch k&ouml;nnen wir wieder die notwen&shy;digen Denk- und Handlungsalternativen gewinnen.<\/p><p><em>Rainer Mausfeld, <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/warum-schweigen-die-laemmer\/\">&bdquo;Warum schweigen die L&auml;mmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerst&ouml;ren&ldquo;<\/a>, 304 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen, Westend Verlag, Oktober 2018. 24 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181001-Cover-Mausfeld.jpg\" alt=\"Mausfeld - Warum schweigen die L&auml;mmer\" title=\"Mausfeld - Warum schweigen die L&auml;mmer\"\/><\/div>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Demokratie in einer beispiellosen Weise ausgeh&ouml;hlt. Demokratie wurde durch die Illusion von Demokratie ersetzt, die freie &ouml;ffentliche Debatte durch ein Meinungs- und Emp&ouml;rungsmanagement, das Leitideal des m&uuml;ndigen B&uuml;rgers<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46317\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,127,205,11],"tags":[1949,374,2472,2276,1185,1782,1163,1191,1254,291],"class_list":["post-46317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-strategien-der-meinungsmache","tag-aufklaerung","tag-eliten","tag-expertokratie","tag-globalisierung","tag-marktkonforme-demokratie","tag-mausfeld-rainer","tag-meinungspluralismus","tag-populismus","tag-tina","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46317"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46317\/revisions\/46318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}