{"id":46325,"date":"2018-10-01T10:21:48","date_gmt":"2018-10-01T08:21:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46325"},"modified":"2019-03-18T12:21:20","modified_gmt":"2019-03-18T11:21:20","slug":"karin-leukefeld-analysiert-einen-grundsatzartikel-des-spd-aussenpolitik-experten-muetzenich-zu-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46325","title":{"rendered":"Karin Leukefeld analysiert einen Grundsatzartikel des SPD-Au\u00dfenpolitik-Experten M\u00fctzenich zu Syrien"},"content":{"rendered":"<p>Im IPG-Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/aussen-und-sicherheitspolitik\/artikel\/das-vorschnelle-nein-2984\/\">erschien am 18. September<\/a> eine ausgesprochen flache Kritik am sogenannten &bdquo;vorschnellen Nein&ldquo; der SPD-F&uuml;hrung zur Beteiligung an der geplanten weiteren Milit&auml;rintervention in Syrien. Da f&uuml;hlte sich der f&uuml;r die Au&szlig;enpolitik verantwortliche stellvertretende Fraktionsvorsitzende M&uuml;tzenich offensichtlich verpflichtet, eine Korrektur nachzuschieben. <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/soziale-demokratie\/artikel\/luftschlaege-sind-kein-ersatz-fuer-syrienstrategie-2974\/\">Diese<\/a> war jedoch nur in der &Uuml;berschrift und oberfl&auml;chlich betrachtet aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie steckt voll von zweifelhaften Behauptungen und Klischees. Da der Text von M&uuml;tzenich vermutlich als Leitlinie des Denkens zu Syrien gedacht ist, haben wir die Syrien-Expertin <strong>Karin Leukefeld<\/strong> um eine Analyse gebeten. Hier ist sie. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2662\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46325-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46325-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181001_Karin_Leukefeld_analysiert_SPD_Grundsatzartikel_zu_Syrien.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ein sehr interessanter, aktueller und aufschlussreicher Text:<\/p><p><strong>Karin Leukefeld: Deutschland will einen &bdquo;Platz an der Sonne&ldquo; und bei der Aufteilung Syriens ganz vorne mit dabei sein. Frieden schafft man so nicht.<\/strong><\/p><p>&bdquo;Luftschl&auml;ge sind kein Ersatz f&uuml;r Syrienstrategie&ldquo; stellte der SPD-Au&szlig;enpolitiker Rolf M&uuml;tzenich k&uuml;rzlich in einem <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/soziale-demokratie\/artikel\/luftschlaege-sind-kein-ersatz-fuer-syrienstrategie-2974\/\">Beitrag<\/a> f&uuml;r das Magazin &bdquo;Internationale Politik und Gesellschaft&ldquo; (IPG) der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) fest.<\/p><p>Was f&uuml;r eine erfreuliche Feststellung mag man angesichts der mehr als kriegsm&uuml;den Menschen in Syrien denken. Endlich mal jemand, der nicht von mehr milit&auml;rischer Einmischung, sondern von einer &bdquo;Strategie f&uuml;r Syrien&ldquo; spricht. Vielleicht hat der Mann einen Friedensplan ausgearbeitet? Will er der Eskalationsstrategie gar eine Strategie des Dialogs entgegensetzen? Hat er sich vielleicht daran erinnert, dass man Frieden mit Feinden, nicht aber mit Freunden schafft?<\/p><p>Doch was der au&szlig;enpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag in Berlin dann anzubieten hat, ist ern&uuml;chternd. Es geht nicht um Dialog oder um Deeskalation in Syrien, es geht um &bdquo;Keine Zukunft f&uuml;r Assad&ldquo; und Hilfe gibt es erst, &bdquo;wenn ein glaubw&uuml;rdiger politischer Prozess in Syrien unter der &Auml;gide der Vereinten Nationen umgesetzt wird.&ldquo; <\/p><p>Der Krieg in Syrien wird nicht nur durch fortlaufende Waffenlieferungen und Luftschl&auml;ge, nicht nur durch Besetzung und Vertreibung verl&auml;ngert. Auch die westliche &bdquo;Wir-geben-die-Richtung-an&ldquo;-Haltung und die Absicht, V&ouml;lkerrecht lieber zu ver&auml;ndern anstatt mit allen Ecken und Kanten zu respektieren, werden den Menschen in Syrien nicht helfen. Solange deutsche Politiker sich weigern anzuerkennen, dass ihre Strategie des &bdquo;Regime Change&ldquo; in Syrien nicht nur gescheitert ist, sondern die Glaubw&uuml;rdigkeit deutscher und europ&auml;ischer Au&szlig;enpolitik in Syrien und in der Region zerst&ouml;rt hat, solange wird der Krieg weitergehen. Mit deutschen Waffen, mit deutschem Geld, mit deutschen Ideen, die aus der Zeit des Ersten Weltkrieges stammen k&ouml;nnten. Deutschland will einen &bdquo;Platz an der Sonne&ldquo; und bei der Aufteilung Syriens ganz vorne mit dabei sein. Frieden schafft man so nicht. <\/p><p>Das CDU-gef&uuml;hrte Verteidigungsministerium &bdquo;pr&uuml;ft&ldquo; bereits, welche milit&auml;rische Beteiligung seitens der Bundeswehr in Syrien denkbar und m&ouml;glich ist, die SPD schaltet noch auf Rot. Rolf M&uuml;tzenich ist der au&szlig;enpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und lieferte die Vorlage daf&uuml;r, wie die SPD das vielfach kritisierte rasche &bdquo;Nein&ldquo; der Parteivorsitzenden <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/krieg-in-syrien-was-fuer-einen-bundeswehr-einsatz-in-syrien-spricht\/23036606.html\">Andrea Nahles<\/a> zu einem m&ouml;glichen Milit&auml;reinsatz der Bundeswehr in Syrien argumentativ untermauern soll. Im Res&uuml;mee l&auml;sst M&uuml;tzenich keinen Zweifel, dass die SPD &ndash; ob milit&auml;risch oder nicht &ndash; von einem &bdquo;Regime-Change&ldquo; in Syrien nicht abzur&uuml;cken gedenkt. Daf&uuml;r bem&uuml;ht er die &bdquo;verfassungsrechtlichen Grundlagen&ldquo; Deutschlands und verweist auf das V&ouml;lkerrecht und auf das Parlamentsbeteiligungsgesetz. <\/p><p><strong>Klischees statt Tatsachen<\/strong><\/p><p>M&uuml;tzenich: <em>&bdquo;Die Emp&ouml;rung &uuml;ber das skrupellose Vorgehen des syrischen Diktators mit Unterst&uuml;tzung Russlands und des Iran ist ohne Frage gerechtfertigt. Und ganz ohne Zweifel ist der Einsatz von Chemiewaffen ein internationales Verbrechen. Wir tun unser M&ouml;glichstes, damit niemand erneut in Idlib oder anderswo diese ge&auml;chtete Waffe einsetzt. Insbesondere die syrische Regierung, aber auch der IS haben dies laut UN-Recherchen nachweislich in der Vergangenheit getan.&ldquo;<\/em><\/p><p>Hier benutzt der SPD-Au&szlig;enpolitiker gleich eine ganze Reihe von Klischees. Der Pr&auml;sident Syriens wird als &bdquo;Diktator&ldquo; bezeichnet, Russland und Iran gehen &bdquo;skrupellos&ldquo; vor, weil sie ihn unterst&uuml;tzen. Er ignoriert dabei Tatsachen, die unter dem Aspekt des V&ouml;lkerrechts von Bedeutung sind. 1. Bashar al Assad wurde gem&auml;&szlig; der syrischen Verfassung gew&auml;hlt und tut als Pr&auml;sident genau das, was als Oberkommandierender der Streitkr&auml;fte seine Aufgabe ist. Er hat die Armee beauftragt,  Syrien gegen Angriffe  international als terroristisch gelisteter Gruppen zu verteidigen. 2. Russland und der Iran sind auf Einladung der syrischen Regierung in Syrien, das entspricht dem V&ouml;lkerrecht.<\/p><p>M&uuml;tzenich erw&auml;hnt chemische Waffen, die &bdquo;insbesondere&ldquo; von der syrischen Regierung, aber auch vom IS&ldquo; eingesetzt worden seien. Das h&auml;tten &bdquo;UN-Recherchen nachweislich&ldquo; ergeben. M&uuml;tzenich bezieht sich auf Interpretationen verschiedener UN- und Hilfsorganisationen, die von westlichen Regierungen &uuml;bernommen wurden. Er &uuml;bergeht, dass ein solcher Nachweis bisher eben nicht von der zust&auml;ndigen Organisation f&uuml;r den Schutz vor Chemiewaffen (OPCW) erbracht wurde. Das Mandat, mit dem die OPCW gemeinsam mit der UN in Syrien agierte, sah die Zuweisung von Verantwortung f&uuml;r einen Einsatz explizit nicht vor.<\/p><p>M&uuml;tzenich spricht sich zwar gegen &bdquo;Luftschl&auml;ge&ldquo; in Syrien aus, l&auml;sst aber die Beteiligung der Bundeswehr an der von den USA gef&uuml;hrten internationalen &bdquo;Anti-IS-Allianz&ldquo; in Syrien unerw&auml;hnt. Diese Allianz, der Deutschland angeh&ouml;rt, verf&uuml;gt weder &uuml;ber ein UN-Mandat noch &uuml;ber eine Einladung der v&ouml;lkerrechtlich legalen syrischen Regierung. Deutschland beteiligt sich also bereits an einer milit&auml;rischen Intervention in Syrien und unterst&uuml;tzt und billigt damit nicht nur eine Besatzung von Teilen des Landes, sondern auch die illegale Errichtung von Milit&auml;rbasen. <\/p><p>Dass auch die SPD diesem Einsatz zugestimmt und ihn wiederholt verl&auml;ngert hat, widerspricht der Aussage, die SPD k&ouml;nne einer &bdquo;milit&auml;rischen Vergeltung&ldquo; oder einer &bdquo;irgendwie zusammengestellten &sbquo;Koalition der Willigen&lsquo;&ldquo; nicht zustimmen, wie M&uuml;tzenich schreibt. Das Gewaltverbot sei ein Grundpfeiler der internationalen Friedensordnung. Ohne &bdquo;v&ouml;lkerrechtliche Legitimation (&hellip;) k&ouml;nnen wir keinem bewaffneten Einsatz deutscher Streitkr&auml;fte in Syrien zustimmen&ldquo;, f&uuml;hrt er aus. Und f&uuml;gt hinzu: &bdquo;Schon gar nicht angesichts ernst zu nehmender Berichte, wonach ein Staatschef in einer vergleichbaren Situation offensichtlich die Liquidierung politischer Akteure forderte.&ldquo; <\/p><p>Der anonyme Staatschef, der laut M&uuml;tzenich die Liquidierung &bdquo;politischer Akteure&ldquo; fordert, ist vermutlich US-Pr&auml;sident Donald Trump. Laut einem Kapitel in dem neuesten Buch &bdquo;Fear&ldquo; (Angst) des US-Journalisten Bob Woodward soll Trump &ndash; der dementiert das &ndash; die Ermordung des syrischen Pr&auml;sidenten Bashar al Assad gefordert haben. Sein Verteidigungsminister Jim Mattis habe ihn ausgebremst, <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/news\/world\/americas\/us-politics\/trump-bob-woodward-fear-book-syria-assad-kill-claims-a8523176.html\">so Woodword<\/a>.<\/p><p>Doch nicht nur US-Pr&auml;sident Trump, auch der israelische Minister f&uuml;r Energie- und Wasserversorgung, Yuval Steinitz, drohte, den syrischen Pr&auml;sidenten <a href=\"https:\/\/www.ynetnews.com\/articles\/0,7340,L-5253557,00.html\">zu ermorden<\/a>. &bdquo;Wenn der syrische Pr&auml;sident Baschar al-Assad dem Iran weiterhin erlaubt, auf syrischem Territorium zu operieren, wird Israel ihn liquidieren und sein Regime st&uuml;rzen&rdquo;, sagte Steinitz israelischen Medien zufolge im Mai 2018. <\/p><p>Sowohl gegen&uuml;ber den USA als auch gegen&uuml;ber Israel &ndash; zwei Staaten also, die mal mit Drohnen, mal mit Agentenkommandos nach dem Motto &bdquo;Rise and Kill First&ldquo; weltweit Menschen ermorden &ndash; ist die B&uuml;ndnistreue in Berlin, auch bei der SPD &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;.<\/p><p><strong>Wer vom V&ouml;lkerrecht spricht<\/strong><\/p><p>Wer vom V&ouml;lkerrecht und Syrien spricht, muss im Jahr 2011 anfangen. Der innersyrische Konflikt um Reformen, mehr politische und wirtschaftliche Teilhabe war eine innenpolitische Angelegenheit. Rat von befreundeten Staaten hinter den Kulissen h&auml;tte den diplomatischen Gepflogenheiten entsprochen und w&auml;re m&ouml;glich gewesen. Was aber geschah, war eine nie dagewesene Einmischung, die erst gegen diplomatische Regeln und sehr bald gegen das V&ouml;lkerrecht verstie&szlig;. Die Botschafter der USA, Frankreichs und Deutschlands besuchten  Protestveranstaltungen und trafen sich mit Oppositionellen. Im Fr&uuml;hsommer 2011 wurde im franz&ouml;sischen Au&szlig;enministerium die Marschroute f&uuml;r Syrien vorgegeben, wie in dem bemerkenswerten Buch &bdquo;Les chemins du Damas&ldquo; von den franz&ouml;sischen Journalisten Christian Chesnot und George Malbrunot <a href=\"https:\/\/www.lisez.com\/livre-grand-format\/les-chemins-de-damas\/9782221140468\">zu lesen ist<\/a>.<\/p><p>In dem Kapitel &bdquo;Eine Rauferei im Quay d&rsquo;Orsay&ldquo; wird beschrieben, wie es bei einer Diskussion &uuml;ber die Lage in Syrien zuging. Der damalige franz&ouml;sische Botschafter in Damaskus, Eric Chevallier, erkl&auml;rte dabei laut Augenzeugen: &bdquo;Das Assad-Regime wird nicht st&uuml;rzen und Assad ist stark&ldquo;, er werde im Amt bleiben. Wiederholt hatte Chevallier das auch in seinen Berichten aus Damaskus geschrieben und war daf&uuml;r nach Paris zur&uuml;ckgerufen worden. Nun wiederholte er bei dem Treffen im Au&szlig;enministerium seine Meinung und betonte, er sei in Syrien vor Ort und k&ouml;nne es beurteilen. Daraufhin wurde er vom Pr&auml;sidentenberater f&uuml;r den Mittleren Osten, Nicolas Galey, unterbrochen: &bdquo;Reden Sie keinen Quatsch. Wir sollten uns nicht an die Fakten halten, sondern m&uuml;ssen &uuml;ber unsere Nasenspitze hinaussehen.&ldquo;<\/p><p>Chevallier untermauerte seine Position und berichtete von Gespr&auml;chen, die er mit Oppositionellen in Syrien gef&uuml;hrt habe. Erneut wurde er von Galey, dem Beauftragten des damaligen Pr&auml;sidenten Nicolas Sarkozy, abgekanzelt: &bdquo;Ihre Informationen sind uns egal, sie interessieren uns nicht. Bashar al-Assad muss st&uuml;rzen und er wird st&uuml;rzen.&ldquo; Ein anderer Teilnehmer des Treffens, der Stabschef des Au&szlig;enministers, Herv&eacute; Ladsous erinnert sich, dass Galey offensichtlich &bdquo;nicht gekommen war, um an der Diskussion teilzunehmen, sondern um eine bestimmte Mission zu erf&uuml;llen: die Sichtweise durchzusetzen, dass der Sturz von Assad unausweichlich ist&ldquo;. Jeder m&uuml;sse verstehen, dass eine andere Meinung diesbez&uuml;glich im franz&ouml;sischen diplomatischen Corps nicht geduldet werde.<\/p><p>Diese Passage ist umso interessanter, als die Botschafter Frankreichs, Gro&szlig;britanniens und Deutschlands damals nahezu zeitgleich von ihren Regierungen zu Beratungen zur&uuml;ckgerufen wurden. Was spielte sich wohl im Ausw&auml;rtigen Amt in Berlin ab? <\/p><p>Kurz darauf wurde, mit Unterst&uuml;tzung westlicher und der Golfstaaten in der T&uuml;rkei die &bdquo;Freie Syrische Armee&ldquo; gegr&uuml;ndet und die ersten Lieferungen von Waffen &uuml;ber die Grenzen aus der T&uuml;rkei, Libanon, Jordanien und durch die irakische W&uuml;ste waren auf dem Weg. Islamistische K&auml;mpfer wurden rekrutiert und aus Jordanien und der T&uuml;rkei nach Syrien geschmuggelt. Ausf&uuml;hrliche Auskunft dar&uuml;ber gab der damalige Au&szlig;enminister Katars, Scheich Hamad bin Jabbar al Thani, im Oktober 2017 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9f33l30kQxg\">im katarischen Fernsehen<\/a>. <\/p><p>Junge Syrer, die sich in oppositionellen Parteien engagierten, berichteten der Autorin damals, man habe ihnen aus dem Libanon Kameras, Computer, Fotoapparate geschickt mit genauen Anweisungen, wie sie eine wenn auch kleine Menschenmenge filmen und dann die Aufnahmen per Internet und Twitter an Organisationen im Ausland zur weiteren Bearbeitung schicken sollten. Es sei ihnen merkw&uuml;rdig vorgekommen, daher h&auml;tten sie den Kontakt abgebrochen.<\/p><p>Durch die mediale Einflussnahme und die massiven Waffenlieferungen wurde die Lage in Syrien eskaliert. Syrien hat unz&auml;hlige Male beim UN-Sicherheitsrat dagegen protestiert. Die Antwort aus Deutschland war eine Initiative bei der EU, Sanktionen gegen Syrien zu verh&auml;ngen.<\/p><p><strong>Umgang mit UNO und V&ouml;lkerrecht<\/strong><\/p><p>M&uuml;tzenich: <em>&bdquo;Nat&uuml;rlich ist und bleibt es ein Problem, wenn der Sicherheitsrat aufgrund eines Vetos nicht in der Lage ist, bei schwersten Menschenrechtsverletzungen und Massenmord einzugreifen. Zu Recht haben deshalb renommierte V&ouml;lkerrechtler dazu aufgerufen, &bdquo;verst&auml;rkt &uuml;ber die institutionell &sbquo;schonendsten&lsquo; Wege eines behutsamen Rechtswandels nach(zu)denken&ldquo;, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet. Wenn es uns nicht bald gelingen wird, an vielen Orten der Welt dem Recht des St&auml;rkeren das Recht der V&ouml;lkergemeinschaft entgegenzusetzen, werden wir Jahrzehnte der Anarchie erleben.&ldquo;<\/em><\/p><p>Sollte ein renommierter Au&szlig;enpolitiker sich nicht erst einmal fragen, warum Russland und China &ndash; denn sie sind gemeint &ndash; ihr Veto einlegten? Sicherlich nicht, um &bdquo;schwerste Menschenrechtsverletzungen und Massenmord&ldquo; zu sch&uuml;tzen. Russland legte unz&auml;hlige Vorschl&auml;ge vor, wie die verfahrene Situation in Syrien v&ouml;lkerrechtlich legal gekl&auml;rt werden k&ouml;nne. Anders als die westlichen Veto-M&auml;chte bezogen Russland und China zudem stets die Position Syriens mit ein. Der syrische UN-Botschafter Bashar al Jaafari hat seit 2011 in hunderten Briefen und Erkl&auml;rungen den Sicherheitsrat &uuml;ber das Geschehen in Syrien informiert, ohne dass die westlichen Veto-M&auml;chte (USA, Gro&szlig;britannien und Frankreich) davon Notiz genommen h&auml;tten. Ihre Vertreter verlie&szlig;en teilweise sogar den Raum, wenn Al Jaafari sprach. Da die westlichen Veto-M&auml;chte von ihren Forderungen nicht abr&uuml;cken wollten, blieb Russland und China h&auml;ufig kein anderer Weg, als das Veto einzusetzen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden.<\/p><p>Die Warnung: <em>&bdquo;Wenn es uns nicht bald gelingen wird, an vielen Orten der Welt dem Recht des St&auml;rkeren das Recht der V&ouml;lkergemeinschaft entgegenzusetzen, werden wir Jahrzehnte der Anarchie erleben.&ldquo;<\/em> Doch wer sind die &bdquo;St&auml;rkeren&ldquo;, die nach seiner Darstellung das &bdquo;Recht der V&ouml;lkergemeinschaft&ldquo; au&szlig;er Kraft setzen? Sind es die Veto-M&auml;chte oder diejenigen, die rotierend alle zwei Jahre einen Sitz im Sicherheitsrat einnehmen, wof&uuml;r sich Deutschland aktuell wieder bewirbt? Um die UN-Charta und die daraus hervorgegangenen Vertr&auml;ge zu st&auml;rken, m&uuml;ssten die &bdquo;st&auml;rkeren&ldquo; Staaten die UN-Charta respektieren. Und sie m&uuml;ssten sich damit abfinden, dass sie gleichwertig mit den anderen UN-Mitgliedsstaaten sind, egal ob sie USA oder China, Saudi Arabien oder Deutschland hei&szlig;en. <\/p><p>M&uuml;tzenich: <em>&bdquo;Was wir in Syrien erleben, ist ein kollektives  Versagen und sich schuldig machen der so genannten &bdquo;internationalen Gemeinschaft&ldquo;. Das Land ist zum Spielball geopolitischer Konflikte geworden. Russland, Iran, USA, Israel, die T&uuml;rkei &ndash; alle mischen mit und heizen den Krieg weiter an. Und die Vereinten Nationen und die Europ&auml;ische Union sehen hilflos zu und k&ouml;nnen nichts anderes tun, als sich dauerhaft &ldquo;besorgt&rdquo; zu &auml;u&szlig;ern.&ldquo;<\/em><\/p><p>EU und Deutschland sind nicht hilflos, Deutschland und zwei weitere europ&auml;ische Staaten &ndash; Gro&szlig;britannien und Frankreich &ndash; geh&ouml;ren zu den &bdquo;f&uuml;hrenden westlichen und arabischen Staaten&ldquo;, die eine &bdquo;neue Verfassung f&uuml;r Syrien&ldquo; fordern, wie es die Deutsche Presseagentur am 27. September meldete. <\/p><p>2012 geh&ouml;rten diese &bdquo;f&uuml;hrenden Staaten&ldquo; zu den &bdquo;Freunden Syriens&ldquo;. Daraus wurde in den folgenden Jahren eine &bdquo;Kerngruppe&ldquo; aus elf Staaten, bei denen Deutschland mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Kassenwart &uuml;ber einen millionenschweren Unterst&uuml;tzungsfonds f&uuml;r die syrische Opposition aufstieg. Anfang 2018 traf sich in Washington eine &bdquo;Kleine Syrien-Gruppe&ldquo;, in der f&uuml;nf Staaten &ndash; USA, Gro&szlig;britannien, Frankreich, Jordanien und Saudi Arabien &ndash; dar&uuml;ber berieten, wie sie ihren Einfluss und ihre Interessen in Syrien gegen die Astana-Gruppe, Russland, die T&uuml;rkei und Iran in Syrien durchsetzen k&ouml;nnten. Im Sommer 2018 wurde Deutschland in die &bdquo;Kleine Syrien-Gruppe&ldquo; aufgenommen mit der besonderen Aufgabe, die T&uuml;rkei aus der Astana-Gruppe wieder herauszubrechen und aus dem Einflussbereich Russlands zur&uuml;ck ins westliche Lager zu bringen.<\/p><p><strong>Kooperation statt Konfrontation<\/strong><\/p><p>Der Westen habe &bdquo;keine vern&uuml;nftige Antwort auf die Allianz gefunden, die Russland und der Iran mit Assad geschlossen haben&ldquo;, beklagt M&uuml;tzenich. W&auml;re denn eine Kooperation mit der Allianz in Syrien nicht vern&uuml;nftig gewesen, um den Krieg zu beenden? Die Astana-Gruppe hat es geschafft, durch Verhandlungen und Dialog die Gewalt und die Frontlinien in Syrien fast vollst&auml;ndig zu reduzieren. Idlib w&auml;re der n&auml;chste Schritt gewesen, doch der Westen und die Golfstaaten sind noch immer nicht bereit, ihre Niederlage einzugestehen und mit dem Astana-B&uuml;ndnis zu kooperieren. <\/p><p>Der franz&ouml;sische Au&szlig;enminister Jean-Yves Le Drian warnte vor dem Angriff auf Idlib, weil dort Terroristen und Islamisten, darunter auch Franzosen seien. Bei einem Angriff w&uuml;rden sie f&uuml;r Europa eine ernste Gefahr darstellen, sollten sie aus Idlib herauskommen. Angebote zum Abtransport von international als terroristisch gelisteter Gruppen sind nicht bekannt. Die &bdquo;Kleine Syrien-Gruppe&ldquo; h&auml;lt vielmehr bis heute &ndash; trotz des bekannten Einflusses von Al Qaida dort &ndash; an den von ihnen unterst&uuml;tzten so genannten &bdquo;moderaten&ldquo; bewaffneten Gruppen in Idlib fest, um ihren kostspielig &uuml;ber Jahre hin aufgebauten Einfluss in der nordwestsyrischen Provinz nicht zu verlieren. Deutschland ist als Mitglied der &bdquo;Kleinen Syrien-Gruppe&ldquo; an dem geostrategischen Machtspiel um Syrien beteiligt und sieht keineswegs &bdquo;hilflos&ldquo; zu.<\/p><p>M&uuml;tzenich ist sich sehr wohl bewusst, welchen Einfluss Deutschland und seine Verb&uuml;ndeten nehmen k&ouml;nnen: <em>&bdquo;Deutschland ist schon jetzt der gr&ouml;&szlig;te Geber und hat zuletzt auf der Br&uuml;sseler Syrien-Konferenz im April 2018 eine weitere Milliarde Euro f&uuml;r Syrien und die Nachbarl&auml;nder bis 2020 zugesagt. Seit 2012 hat die Bundesregierung bereits Mittel in H&ouml;he von 4,56 Milliarden Euro f&uuml;r die Fl&uuml;chtlinge in Syrien und den angrenzenden L&auml;ndern zur Verf&uuml;gung gestellt. Die von Putin gew&uuml;nschte Hilfe beim Wiederaufbau Syriens ist jedoch nur denkbar, wenn Russland eine politische L&ouml;sung unter &Auml;gide der Vereinten Nationen unterst&uuml;tzt. Sie muss zudem die Sicherheit und die Rechte von Millionen Syrern garantieren, die vor Baschar al-Assad und russischem Bombardement fliehen mussten.&ldquo;<\/em><\/p><p>Erbetene Hilfe beim Wiederaufbau in Syrien kn&uuml;pft M&uuml;tzenich selbstbewusst an Bedingungen, die aber haben mit der UN-Sicherheitsratsresolution 2254 wenig zu tun. Die Resolution 2254 ist Grundlage der Genfer Gespr&auml;che, darin hei&szlig;t es ausdr&uuml;cklich, dass die politische Transformation in Syrien ein &bdquo;Prozess unter F&uuml;hrung der Syrer&ldquo; ist. Von einer &bdquo;&Auml;gide der Vereinten Nationen&ldquo;, von der M&uuml;tzenich spricht, also von einem UN-Mandat, unter das Syrien gestellt werden soll, ist nicht die Rede. Einzig die Wahlen, die in Syrien durchgef&uuml;hrt werden sollen, sollen von der UNO <a href=\"https:\/\/www.un.org\/depts\/german\/sr\/sr_15\/sr2254.pdf\">unterst&uuml;tzt werden<\/a>.<\/p><p>Weiter fordert M&uuml;tzenich, eine politische L&ouml;sung solle &bdquo;die Sicherheit und die Rechte von Millionen Syrern garantieren, die vor Baschar al-Assad und russischem Bombardement fliehen mussten&ldquo;. Was aber ist mit den Menschen, die vor den bewaffneten Gruppen flohen, vor der Nusra Front, dem Islamischen Staat, der Armee des Islam oder einer der anderen Hunderten Kampfgruppen? Was ist mit den Menschen, die aufgrund der Sanktionen Arbeit und Lebensgrundlage verloren? Was mit denjenigen, die von K&auml;mpfern entf&uuml;hrt und jahrelang gefangengehalten wurden, <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/333920.aus-der-h%C3%B6lle-befreit.html\">wie der Leiter der Staatlichen Syrischen Textilorganisation, Zuhair Ali, seine Frau und zwei Kinder<\/a>? <\/p><p>Auch zum Einsatz von chemischen Waffen in Syrien &auml;u&szlig;ert M&uuml;tzenich sich: <em>&bdquo;Experten der Vereinten Nationen und der Organisation f&uuml;r das Verbot von Chemiewaffen konnten in den allermeisten F&auml;llen der Assad-Regierung den Einsatz von Giftgas nachweisen, so bei dem verheerenden Chemiewaffenangriff mit &uuml;ber 80 Toten im April 2017 in Chan Scheichun.&ldquo;<\/em><\/p><p>Diese Aussage ist falsch. Erstens fand nicht in allen F&auml;llen von Chemiewaffeneins&auml;tzen in Syrien &uuml;berhaupt eine Untersuchung statt, zweitens hatte die zust&auml;ndige Organisation (OPCW) lediglich ein Mandat um herauszufinden, ob &uuml;berhaupt chemische Kampfmittel eingesetzt wurden, nicht aber, wer sie eingesetzt hat. <\/p><p>Bei dem Vorfall in Khan Sheichun im April 2017 wurde besonders deutlich, wie mit dem vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Auftrag f&uuml;r die gemeinsame UN-OPCW-Mission umgegangen wurde. Unmittelbar nach dem Vorfall in Khan Sheichun wurde die OPCW von Syrien und Russland eingeladen, das Geschehen vor Ort zu untersuchen. Doch bevor das entschieden und umgesetzt werden konnte, wurde der Milit&auml;rflugplatz, auf dem nach US-Angaben angeblich die syrischen Kampfjets mit den chemischen Waffen beladen worden sein sollen, auf Anordnung von US-Pr&auml;sident Donald Trump mit 48 Cruise Missile von US-Zerst&ouml;rern im &ouml;stlichen Mittelmeer bombardiert. Proben, die angeblich vom Ort des Geschehens in Khan Sheichun stammten und sp&auml;ter untersucht wurden, wurden von Oppositionellen und K&auml;mpfern, von Beteiligten also, eingesammelt und an die T&uuml;rkei &uuml;bergeben, die wiederum die oppositionellen K&auml;mpfer unterst&uuml;tzt. Das Procedere widerspricht den strengen OPCW-Regeln, wonach Proben in bestimmter vorgeschriebener Weise und nur von autorisierten OPCW-Inspektoren gesammelt werden d&uuml;rfen. Diese haben aber weder den Ort des Geschehens in Khan Sheichun noch die syrische Luftwaffenbasis jemals pers&ouml;nlich betreten. <\/p><p>Der Vorgang f&uuml;hrte dazu, dass Russland im Sicherheitsrat ein ver&auml;ndertes, konkreteres Mandat f&uuml;r die UN-OPCW-Mission anstrebte. Die westlichen Veto-M&auml;chte weigerten sich und dr&auml;ngten darauf, das bisherige Mandat zu verl&auml;ngern. Ein Alternativvorschlag Russlands wurde abgelehnt, Russland legte sein Veto ein.<\/p><p><strong>Eine andere Art von Krieg<\/strong><\/p><p>Wenn M&uuml;tzenich schreibt, es sei <em>&bdquo;nat&uuml;rlich legitim, alle m&ouml;glichen Optionen zu pr&uuml;fen&ldquo;<\/em>, meint er milit&auml;rische Optionen. Aber wie kann die Pr&uuml;fung milit&auml;rischer Optionen legitim sein, wenn sieben Jahre lang nicht einmal eine der vielen nicht-milit&auml;rischen Optionen zur Deeskalation des Geschehens in Syrien in Betracht gezogen wurde?<\/p><p>Beispielsweise h&auml;tte Deutschland die von Geheimdiensten &uuml;berwachten Personen stoppen k&ouml;nnen, die &uuml;ber die T&uuml;rkei nach Syrien und in den Irak abreisten. Deutsche Beh&ouml;rden h&auml;tten (islamische) Hilfsorganisationen, die in Deutschland Geld sammelten, um bewaffnete Gruppen in Syrien zu versorgen, stoppen k&ouml;nnen. Man h&auml;tte die Botschaft in Damaskus wiederer&ouml;ffnen, Delegationen als Zeichen des guten Willens nach Damaskus schicken k&ouml;nnen. Deutschland h&auml;tte die allj&auml;hrliche Versch&auml;rfung der EU-Wirtschaftssanktionen &ndash; die so genannten &bdquo;Einseitigen Strafma&szlig;nahmen&ldquo; &ndash; gegen Syrien ablehnen k&ouml;nnen. <\/p><p>Wirtschaftliche Sanktionen, zumal gegen ein Entwicklungsland wie Syrien, sind eine andere Art von Krieg. Die Sch&auml;den und das Leid treffen jeden einzelnen Syrer aufgrund der zus&auml;tzlichen  milit&auml;rischen Konfrontation in ihrem Land besonders hart. Es d&uuml;rfte auch M&uuml;tzenich bekannt sein, dass die UN-Organisation f&uuml;r die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in West-Asien (ESCWA) bereits (2016) die Sanktionen scharf kritisierte und feststellte, dass sie &bdquo;jeden einzelnen Syrer treffen&ldquo; und selbst humanit&auml;re Hilfe in Syrien <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/document\/2016\/09\/28\/humanitarian-impact-of-syria-related-unilateral-restrictive-measures\/\">behinderten<\/a>. <\/p><p>Im Mai 2018 reiste der UN-Sonderbeauftragte f&uuml;r die negativen Auswirkungen einseitiger Strafma&szlig;nahmen auf die Menschenrechte, Idriss Jazairy, durch Syrien, um die Auswirkungen der Sanktionen zu &uuml;berpr&uuml;fen. Auch er legte einen scharfen <a href=\"http:\/\/www.ohchr.org\/EN\/NewsEvents\/Pages\/DisplayNews.aspx?NewsID=23094&amp;LangID=E\">Bericht<\/a> vor und zeigte sich &bdquo;zutiefst besorgt dar&uuml;ber, dass die einseitigen Strafma&szlig;nahmen zum anhaltenden Leid des syrischen Volkes beitragen.&ldquo; <\/p><p>Sein Bericht, sein Appell an die verantwortlichen Staaten (EU), die Sanktionen zumindest zu &uuml;berdenken, blieb ohne Erfolg. Ende Mai 2018 wurden von der EU &ndash; mit der Stimme Deutschlands &ndash; die Sanktionen gegen Syrien um ein weiteres Jahr verl&auml;ngert und erneut versch&auml;rft.<\/p><p><strong>Die Toten<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;Die allermeisten der &uuml;ber 450 000 Toten in Syrien sind von Assad und seinen Verb&uuml;ndeten durch Fassbomben und Artillerie umgebracht worden&ldquo;<\/em>, schreibt M&uuml;tzenich und bedient erneut das bekannte Feindbild, wonach &bdquo;Assad sein Volk t&ouml;tet&ldquo; und seine Verb&uuml;ndeten f&uuml;r den Krieg und das gro&szlig;e Sterben in Syrien verantwortlich sein sollen. Das sagt die syrische Opposition, aber entspricht das auch den Tatsachen?<\/p><p>Zu den Verb&uuml;ndeten Syriens geh&ouml;ren Russland und der Iran und die libanesische Hisbollah. Diese Verb&uuml;ndeten sind auf Bitten der syrischen Regierung im Land und damit legal. Unter F&uuml;hrung Russlands, das erst im September 2015 milit&auml;risch in Syrien eingriff, wurde zwar gezielt und massiv gek&auml;mpft. Gleichzeitig hat Russland sich im und mit dem B&uuml;ndnis wie kein anderer Akteur f&uuml;r Verhandlungen und f&uuml;r Deeskalation eingesetzt. Seit 2014 hat Pr&auml;sident Assad eine Amnestie erlassen, wonach diejenigen, die ihre Waffen niederlegen und den Kampf einstellen, straffrei bleiben. Das 2012 neu gegr&uuml;ndete Ministerium f&uuml;r nationale Vers&ouml;hnung, gef&uuml;hrt von einer oppositionellen syrischen Partei, hat unz&auml;hlige Verhandlungen zwischen den Fronten vorbereitet und gef&uuml;hrt. Russland hat ein &bdquo;Zentrum f&uuml;r die Vers&ouml;hnung der verfeindeten Seiten in Syrien&ldquo; eingerichtet. Dessen Mitarbeiter waren &uuml;berall pr&auml;sent, verhandelten Waffenniederlegungen und vermittelten Waffenstillst&auml;nde. Warum w&uuml;rdigt M&uuml;tzenich diese Bem&uuml;hungen nicht? Er erw&auml;hnt sie noch nicht einmal. Stattdessen macht er &bdquo;Assad und seine Verb&uuml;ndeten&ldquo; f&uuml;r &bdquo;die allermeisten Toten&ldquo; verantwortlich. Doch auf welche Quellen beruft er sich, welche Statistiken liegen ihm vor? Und wie viel sind &bdquo;die Allermeisten&ldquo;?<\/p><p>Wer von Toten in Syrien spricht, muss alle Akteure und Opfer benennen.  W&auml;hrend die Opposition fast ausschlie&szlig;lich von get&ouml;teten Zivilisten, besonders von get&ouml;teten Kindern, sehr selten aber von get&ouml;teten K&auml;mpfern spricht, schweigt die andere Seite &ndash; der syrische Staat &ndash; sich seit 2012 &uuml;ber eigene Opferzahlen weitgehend aus. Kein milit&auml;rischer Akteur nennt in einem Krieg die tats&auml;chlichen Zahlen der Toten aus den eigenen Reihen. Staaten meiden die Angabe von Zahlen, um die eigene Schw&auml;che zu verbergen. Oppositionelle &uuml;bertreiben dagegen die Zahlen von get&ouml;teten Zivilisten oft, um internationale Emp&ouml;rung, mehr humanit&auml;re Hilfe und im besten Fall ein milit&auml;risches Eingreifen zu provozieren.<\/p><p>Die Autorin verfolgte in Syrien die Zahlen der get&ouml;teten syrischen Soldaten, die 2012 noch t&auml;glich ver&ouml;ffentlicht wurden. Damals verlie&szlig;en nach Auskunft eines Arztes bis zu 60 S&auml;rge die Milit&auml;rkrankenh&auml;user jeden Tag. In der s&uuml;dsyrischen Stadt Sweida wurden t&auml;glich bis zu 6 Beerdigungen &ouml;ffentlich angek&uuml;ndigt. Beerdigt wurden junge M&auml;nner, die in den syrischen Streitkr&auml;ften gedient hatten. Und in der K&uuml;stenregion fanden in manchen D&ouml;rfern t&auml;glich bis zu 10 Beerdigungen statt, berichteten Anwohner. Junge Frauen, die in der Zigarrenproduktion in Latakia besch&auml;ftigt waren, berichteten von Massakern in ihren D&ouml;rfern, bei denen Br&uuml;der, V&auml;ter, Ehem&auml;nner von bewaffneten K&auml;mpfern ermordet worden waren. Eine Frau, die in einem kleinen Stra&szlig;encaf&eacute; arbeitete, berichtete der Autorin, sie habe vier ihrer f&uuml;nf S&ouml;hne in diesem Krieg verloren &ndash; alle dienten in der syrischen Armee.<\/p><p>Eine Sch&auml;tzung unterschiedlicher Mitarbeiter von UN- und anderen internationalen Organisationen und von syrischen Politikern in Damaskus, die von der Autorin befragt wurden, kommt zu dem Schluss, dass mehr als ein Drittel der Toten in Syrien Angeh&ouml;rige der syrischen Streitkr&auml;fte sind. Ein weiteres Drittel sind K&auml;mpfer der verschiedenen Gruppen, die von der T&uuml;rkei, dem Westen, den Golfstaaten und Israel bewaffnet und finanziert werden oder wurden. Die Zahl der get&ouml;teten Zivilisten k&ouml;nnte ein weiteres Drittel ausmachen, die Zivilisten starben auf beiden Seiten der Frontlinien.<\/p><p><strong>Zur Erinnerung &ndash; Helmut Schmidt: &bdquo;Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln als 1 Minute schie&szlig;en.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Zur Erinnerung an den v&ouml;lkerrechtlichen Umgang mit Syrien sei hier der Artikel 2 der UN-Charta erw&auml;hnt, in dem Handlungsgrunds&auml;tze f&uuml;r die UN-Mitgliedsstaaten genannt werden. (1) Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der souver&auml;nen Gleichheit aller ihrer Mitglieder. (3) Alle Mitglieder legen ihre internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel so bei, dass der Weltfriede, die internationale Sicherheit und die Gerechtigkeit nicht gef&auml;hrdet werden. (4) Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabh&auml;ngigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.<\/p><p>Alle drei Grunds&auml;tze werden in Syrien seit 2011 von den USA, den Golfstaaten, Europa und der T&uuml;rkei missachtet. Auch die mehr als 700 Artillerie- und Luftangriffe Israels auf Syrien brechen diese Grunds&auml;tze der UN-Charta und das V&ouml;lkerrecht.<\/p><p>Die UN-Charta verpflichtet die Mitgliedsstaaten ohne Ausnahme zum Frieden. Diplomatie zur L&ouml;sung von Konflikten ist nicht &bdquo;frustrierend&ldquo;, wie M&uuml;tzenich meint, sondern ohne Alternative. Diplomatie ist eine Herausforderung, der Politiker sich stellen m&uuml;ssen. Sonst haben sie ihren Auftrag verfehlt. Altkanzler Helmut Schmidt hat das auf eine kurze Formel gebracht: &bdquo;Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln als 1 Minute schie&szlig;en.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im IPG-Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/aussen-und-sicherheitspolitik\/artikel\/das-vorschnelle-nein-2984\/\">erschien am 18. September<\/a> eine ausgesprochen flache Kritik am sogenannten &bdquo;vorschnellen Nein&ldquo; der SPD-F&uuml;hrung zur Beteiligung an der geplanten weiteren Milit&auml;rintervention in Syrien. 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