{"id":46369,"date":"2018-10-04T14:15:55","date_gmt":"2018-10-04T12:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46369"},"modified":"2018-10-04T16:43:49","modified_gmt":"2018-10-04T14:43:49","slug":"medien-zur-deutschen-einheit-die-entpolitisierung-der-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46369","title":{"rendered":"Medien zur Deutschen Einheit: Die Entpolitisierung der \u201eWende\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dunja Hayalis Talkshow und der Deutschlandfunk verbreiteten am Tag der deutschen Einheit eine emotionalisierte Version der Wiedervereinigung und trennten beim Thema Rechtsruck Ursache und Wirkung &ndash; eine k&uuml;hle politisch-&ouml;konomische Bilanz ist nicht erw&uuml;nscht: Medien und Politik w&uuml;rden sich dabei selber belasten. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9513\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46369-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46369-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181004_Medien_zur_Deutschen_Einheit_Entpolitisierung_der_Wende_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Betrachtet man zwei der zentralen Sendungen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks zur deutschen Einheit am Mittwoch, so wird eine Linie offensichtlich: das Bem&uuml;hen, die &bdquo;Wende&ldquo; von 1989 und ihre fatalen Folgen f&uuml;r viele Ostdeutsche zu entpolitisieren und zu einer individuell-emotionalen Erfahrung umzudeuten. Der aktiv herbeigef&uuml;hrte Zusammenbruch einer Volkswirtschaft und die folgende, mit moralisch-politischer &Uuml;berheblichkeit flankierte Massenarbeitslosigkeit sollen einem &bdquo;Gef&uuml;hl&ldquo; weichen, das die &bdquo;scheinbar Abgeh&auml;ngten&ldquo; (ohne ersichtlichen Grund) bef&auml;llt. Der Rechtsruck soll von seinen offensichtlichen Urspr&uuml;ngen getrennt werden. Die medialen und politischen Verantwortlichen f&uuml;r diese Urspr&uuml;nge wollen diese Verantwortlichkeiten vernebeln.<\/p><p>Ein Kronzeuge f&uuml;r die Entkoppelung von radikaler DDR-Abwicklung und pauschaler Erniedrigung einerseits und dem aktuellen Aufruhr unter vielen Ostdeutschen andererseits ist die junge &bdquo;Zeit&ldquo;-Journalistin Valerie Sch&ouml;nian, die momentan offensiv ihr Lebensgef&uuml;hl als &bdquo;Ostdeutsche&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/52\/heimat-ostdeutschland-entfremdung-entwicklung-jahrgang-1990\">beschreibt<\/a>. Diese Haltung macht im ersten Moment einen &bdquo;wende-kritischen&ldquo; Eindruck. Aber Sch&ouml;nian spricht sich bei jeder Gelegenheit daf&uuml;r aus, ihr aktuelles Unbehagen vom politisch-&ouml;konomischen Umgang des Westens mit der untergehenden DDR zu trennen: &bdquo;Das hat nichts mit der DDR zu tun und auch in der Nachwendezeit ging es mir nicht schlecht. Aber in dieser Zeit hat sich eben ein ostdeutsches Bewusstsein gebildet.&ldquo; Interessieren Sch&ouml;nian diese Urspr&uuml;nge nicht? Man hat den Eindruck, sie m&ouml;chte am liebsten nur das Heute betrachten, und w&uuml;nscht sich vor allem anderen, dass die &uuml;berheblichen Kommentare aus dem Westen endlich verstummen.<\/p><p><strong>&bdquo;Wende&ldquo; und Rechtsruck: Ursache und Wirkung sollen getrennt werden<\/strong><\/p><p>In diesem Willen, die aktuellen gesellschaftlichen Spaltungen von ihren in den Wendejahren liegenden Ursachen zu separieren, trifft sich Sch&ouml;nian mit der gro&szlig;en Politik und den gro&szlig;en Medien. Sie wird zur perfekten Kronzeugin f&uuml;r jene Verantwortlichen im Westen, die mit der wirtschaftlich-moralischen Schocktherapie der 90er Jahre gro&szlig;e Verwerfungen in der Massenpsychologie angerichtet haben, und die sich nun still aus der Aff&auml;re ziehen wollen &ndash; in dem Moment, in dem sich jene Verwerfungen ein bedenkliches rechtes Ventil suchen. Kein Wunder also, dass Sch&ouml;nian und ihre sanft-geschichtsvergessene West-Kritik zentrale Rollen in wichtigen Sendungen am Tag der deutschen Einheit spielten: In dem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/die-nachwuchs-generation-ost-junge-deutsche-zweiheit.724.de.html?dram:article_id=429625\">&bdquo;Junge deutsche Zweiheit&ldquo;<\/a> im Deutschlandfunk und bei der ZDF-Talkshow von <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/dunja-hayali\">Dunja Hayali<\/a>. <\/p><p>Das Auftreten Sch&ouml;nians, das angeblich ostdeutsches Selbstbewusstsein transportiert, nutzte der Ex-Innenminister Thomas de Maizi&egrave;re (CDU) in Hayalis Talkshow sogleich als Steilvorlage zur Vereinnahmung der Autorin und f&uuml;r einen als neue Nebelkerze verpackten Vorwurf: Die Ostdeutschen sollten jetzt endlich mal Selbstbewusstsein zeigen und die Ellenbogen ausfahren. Demnach ist nicht zu allererst de Maizi&egrave;res Partei f&uuml;r die gesellschaftliche Benachteiligung der Ostdeutschen verantwortlich &ndash; sie sind es selber, weil sie sich nicht artikulieren. Die nun stattfindende  Artikulation etwa in Chemnitz hat der Politiker dann lieber nicht analysiert.<\/p><p>Die Person, die in Hayalis Talkshow viele Halbwahrheiten &uuml;ber die DDR und die &bdquo;Wende&ldquo; ins rechte Licht h&auml;tte r&uuml;cken k&ouml;nnen (und m&uuml;ssen), fand sich dazu leider nicht in der Lage. Der Regisseur Leander Hau&szlig;mann (&bdquo;Sonnenallee&ldquo;) fand zwar in Ans&auml;tzen die richtigen Worte, verlor sich aber ein ums andere Mal in eitler und konfuser Selbstbespiegelung. Ein Verhalten, das man angesichts seiner potenziell wichtigen Rolle in der Talkshow auch als verantwortungslos bezeichnen k&ouml;nnte. Immerhin, er sagte die zentralen S&auml;tze des Abends &ndash; die einzigen, die dem selbstgesteckten Thema der Hayali-Talkshow gerecht wurden: &bdquo;Der Rechtsruck kam f&uuml;r mich nicht &uuml;berraschend&ldquo;, sagte Hau&szlig;mann. &bdquo;Es gibt ein gro&szlig;es Potential von Leuten, die erniedrigt wurden und beleidigt sind.&ldquo; Und er f&uuml;gt einen wichtigen Satz &uuml;ber Teile der ostdeutschen Demonstranten an: &bdquo;Ich mochte diese Leute in der DDR nicht und ich mag sie heute nicht. Aber man kann doch nicht einfach den Deckel draufmachen!&ldquo;<\/p><p><strong>Selbstverst&auml;ndlichkeiten werden als neue Erkenntnis verkauft<\/strong><\/p><p>So selbstverst&auml;ndlich diese Feststellungen Hau&szlig;manns eigentlich sein sollten &ndash; sie sind es nicht. Man hat aktuell ohnehin den Eindruck, die einfachsten Weisheiten der Gesellschaftslehre w&uuml;rden nun ganz neu entdeckt. Etwa die, nach der sich pauschal herabgesetzte Gruppen tats&auml;chlich herabgesetzt f&uuml;hlen &ndash; teilweise unabh&auml;ngig vom sozialen Status und mit fatalen gesellschaftlichen Folgen. Oder das Privileg der &bdquo;Unsichtbarkeit&ldquo;, das die Westdeutschen gegen&uuml;ber den permanent &ouml;ffentlich psychologisierten Ostdeutschen genie&szlig;en, wie Daniel Kubiak, Soziologe an der Humboldt Universit&auml;t Berlin, im Deutschlandfunk erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gibt eine Norm, etwas, was als normal angesehen wird. Und alles, was normal ist, wird halt nicht gesehen, es ist nicht sichtbar. Und zumindest in dem Kontext Ost und West, ist das westdeutsch. Westdeutsch ist deutsch. Deutsche Geschichte in der Schule ist westdeutsche Geschichte. Und DDR-Geschichte ist DDR-Geschichte. Aber DDR-Geschichte ist nicht deutsche Geschichte.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Leander Hau&szlig;mann platzte in Dunja Hayalis Talkshow am Ende dann aber doch der Kragen, angesichts der Bestrebungen, Ursache und Wirkung zu trennen. In einer Mischung aus Ungl&auml;ubigkeit und Verzweiflung fragte er: &bdquo;Habe ich das richtig verstanden: Wir reden &uuml;ber die Ostdeutschen, ohne die DDR zu thematisieren? Wir trennen die Gegenwart von der Geschichte?&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dunja Hayalis Talkshow und der Deutschlandfunk verbreiteten am Tag der deutschen Einheit eine emotionalisierte Version der Wiedervereinigung und trennten beim Thema Rechtsruck Ursache und Wirkung &ndash; eine k&uuml;hle politisch-&ouml;konomische Bilanz ist nicht erw&uuml;nscht: Medien und Politik w&uuml;rden sich dabei selber belasten. 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