{"id":46455,"date":"2018-10-10T08:45:22","date_gmt":"2018-10-10T06:45:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46455"},"modified":"2023-08-15T15:53:42","modified_gmt":"2023-08-15T13:53:42","slug":"brexit-ceta-2-0-eine-spekulation-moeglicherweise-eine-realistische-spekulation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46455","title":{"rendered":"BREXIT = CETA 2.0. Eine Spekulation. M\u00f6glicherweise eine realistische Spekulation."},"content":{"rendered":"<p>NachDenkSeiten-Leser <strong>Matthias Berlandi<\/strong> hat sich &uuml;ber das sonderbar gelassene Verhalten von Gro&szlig;britanniens Premierministerin und der EU-Funktion&auml;re Tusk und Juncker Gedanken gemacht. Die Umst&auml;nde sind f&uuml;r beide Seiten ausgesprochen schwierig und eigentlich nicht so, dass man darob tanzen k&ouml;nnte. Weder Matthias Berlandi noch die Verantwortlichen der NachDenkSeiten gehen davon aus, dass seine Spekulation 100 % richtig sein muss. Aber sie hat einen realistischen Reiz. Pr&uuml;fen Sie bitte. Mich hat an der Spekulation von Matthias Berlandi vor allem &uuml;berzeugt, dass sie davon ausgeht, dass die konservative und wirtschaftsnahe Seite von Politik und Gesellschaft strategisch denkt und plant &ndash; nicht im Interesse des gemeinen Wohls, sondern in ihrem Interesse. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>BREXIT = CETA 2.0<\/strong><br>\n<em>Von Matthias Berlandi<\/em><\/p><p>Angesichts der massiven Probleme, die auf das Vereinigte K&ouml;nigreich zukommen, wenn die Austrittsverhandlungen scheitern sollten, ist der fast &uuml;berschw&auml;ngliche Optimismus der politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten des Verhandlungstisches nur schwer zu verstehen. Erst k&uuml;rzlich tanzte Theresa May beschwingt zu ABBA &uuml;ber die B&uuml;hne. Akzeptiert man, dass der Operationsmodus massenmedialer Kommunikation in allererster Linie manipulativ ist, bleiben zwei m&ouml;gliche Deutungen.<\/p><p>Die erste und naheliegende ist sicherlich diejenige der v&ouml;lligen Inkompetenz der politisch Verantwortlichen. Es gibt schlicht keinen vern&uuml;nftigen Grund, bei den gravierenden offenen Fragen nach nunmehr fast zwei Jahren Verhandlungen wie der Nordirland-Frage und dem drohenden Verlust des Standorts London f&uuml;r die Finanz- und Versicherungsindustrie weiterhin optimistisch zu sein &ndash; vor allem auf britischer Seite. Es l&auml;sst sich freilich dar&uuml;ber streiten, ob der einfache britische B&uuml;rger etwas vom Finanzstandort London merkt, zumindest f&uuml;r die City of London d&uuml;rfte es aber durchaus schmerzhaft sein, die dort angestellten Mitarbeiter und ihre Familien zu verlieren. Sicher ist jedoch, dass eine harte Grenze zwischen dem UK und Irland zu massiven Spannungen f&uuml;hren und das Good-Friday-Abkommen in Frage stellen wird.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Selbst die schottische Unabh&auml;ngigkeitsbewegung ist wieder zur&uuml;ck, wom&ouml;glich st&auml;rker als zuvor, da die Schotten nur unter der Bedingung im UK verblieben, dort auch weiterhin Mitglied in der EU zu sein, wobei London gedroht hatte, im Falle eines Austritts Schottland aus dem UK gegen eine Aufnahme als EU-Mitglied zu votieren.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Auch der Imageverlust f&uuml;r die Europ&auml;ische Union ist immens und auch hier sollte man sich &uuml;ber den Brexit und seine Folgen eigentlich nicht so gelassen geben, wie Juncker und Tusk das gerade tun. Denn der Brexit stellt die europ&auml;ische Wirtschaftspolitik in Frage und prangert, ob nun in den Medien als solches auch erkannt und beschrieben oder nicht, die intransparenten Strukturen der Europ&auml;ischen Union an, ihr Demokratiedefizit oder pointiert formuliert, ihre Korruption und offene Bevorzugung der Industrie vor Arbeitnehmerrechten.<\/p><p>Sicherlich, und das ist die berechtigte Hoffnung derjenigen, die die Bewegung um Corbyn mit Wohlwollen verfolgen, liegt im Austritt des Vereinigten K&ouml;nigreichs auch eine Chance f&uuml;r progressive politische Programme. Eine erfolgreiche Labour-Regierung unter Corbyn in einem unabh&auml;ngigen UK k&ouml;nnte unter Beweis stellen, dass eine Abkehr von der Austerit&auml;tspolitik und der EU-B&uuml;rokratie eben nicht zum wirtschaftlichen Kollaps f&uuml;hrt, sondern den Sozialstaat restituieren k&ouml;nnte bei gleichzeitig prosperierender Wirtschaft. Die ebenfalls zu beobachtende Kapitalflucht der Superreichen k&ouml;nnte Hoffnung auf dieses Szenario machen. Das ideale Umfeld f&uuml;r ein wirtschaftspolitisches Umdenken w&auml;re also der &bdquo;Harte Brexit&ldquo; in Kombination mit einem Wahlsieg Corbyns.<\/p><p>Was k&ouml;nnte unter den gegebenen Rahmenbedingungen also f&uuml;r derart gute Stimmung an den Verhandlungstischen derjenigen sorgen, die das entgegensetzte Ende des politischen Spektrums repr&auml;sentieren, namentlich Theresa May und Jean-Claude Juncker? Ein m&ouml;gliches Szenario, das dies erkl&auml;ren k&ouml;nnte, mag sowohl f&uuml;r die Zukunft der EU als auch f&uuml;r die aufrechten Menschen, die in Schottland zivilen Ungehorsam gegen die Kriegspolitik des UK leisten, deprimierend sein.<\/p><p>Tusk deutete laut des Wallstreet Journals an, dass es ein Freihandelsabkommen zwischen EU und UK geben k&ouml;nnte, das am Modell CETA orientiert sei, jedoch weitaus enger w&auml;re als das Abkommen mit Kanada.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Dies beinhalte den Wegfall von Zollschranken f&uuml;r bestimmte G&uuml;ter und eine vereinfachte Einreise f&uuml;r B&uuml;rger der EU. Auf den ersten Blick k&ouml;nnte man also meinen, dass in den Verhandlungen m&ouml;glichst eine Bewahrung des status quo angestrebt w&uuml;rde. Warum sollte sich die EU auf einen solchen Handel einlassen? Vergegenw&auml;rtigt man sich, dass die EU in erster Linie die Interessen der Industrie und der Finanzm&auml;rkte vertritt, sind folgende Vorteile f&uuml;r beide Verhandlungspartner denkbar. N&auml;heres wird nat&uuml;rlich erst sicher zu bestimmen sein, wenn konkretere Vorschl&auml;ge als bisher auf dem Tisch liegen.<\/p><p>Ein CETA-&auml;hnliches Abkommen w&uuml;rde als &sbquo;lebendiges Abkommen&lsquo; die M&ouml;glichkeit schaffen, intransparent Handelspolitiken unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit im Sinne multinationaler Konzerne weiterzuentwickeln.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] M&ouml;glicherweise ist auch der Abbau von Kapitalkontrollen zur organisierten Steuerhinterziehung f&uuml;r Gro&szlig;konzerne und gro&szlig;e Privatverm&ouml;gen von Interesse. Beliebte Ziele f&uuml;r diese Kapitalflucht sind schlie&szlig;lich nach wie vor die britischen &Uuml;berseegebiete.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] M&ouml;glicherweise k&ouml;nnten auch intransparente Wege geschaffen werden, den Verbraucherschutz und Qualit&auml;tskontrollen vor geheim tagenden Schiedsgerichten zu unterlaufen. Durch geschicktes Ex- und Reimportieren k&ouml;nnten Schlupfl&ouml;cher ausgenutzt werden, um derartige Dinge unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit zu verhandeln.<\/p><p>Solche Ma&szlig;nahmen im Rahmen der Brexit-Verhandlungen durchzuf&uuml;hren, w&uuml;rde wohl auch kaum zu nennenswertem Widerstand f&uuml;hren. Schlie&szlig;lich k&ouml;nnte man argumentieren, man brauche jetzt sofort eine L&ouml;sung, um eine &sbquo;Katastrophe&lsquo; f&uuml;r die britische Zivilbev&ouml;lkerung abzuwehren. Dies w&uuml;rde selbst die europ&auml;ische Linke leicht davon &uuml;berzeugen, einem wie auch immer gearteten Freihandelsabkommen zuzustimmen. Dies k&ouml;nnte mit ein Grund daf&uuml;r sein, dass die Verhandlungen bis zur letzten Sekunde &uuml;ber das Thema Migration scheinbar verz&ouml;gert werden, um mit einer Notl&ouml;sung kurz vor dem 29. M&auml;rz 2019 ein Freihandelsabkommen nach Wunsch der sog. Global Players im Schnellverfahren durch die europ&auml;ischen Parlamente zu peitschen.<\/p><p>Das Ergebnis dieses Freihandelsabkommens k&ouml;nnte f&uuml;r das Vereinigte K&ouml;nigreich durchaus positive Impulse f&uuml;r seine wirtschaftliche Entwicklung bieten und damit w&auml;re auch der schottischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung der N&auml;hrboden an &ouml;konomischer Unzufriedenheit entzogen. Die politisch Verantwortlichen k&ouml;nnten sich auf beiden Seiten als Retter vor einer wirtschaftlichen Katastrophe feiern, die nur medial &uuml;berhaupt als Schreckgespenst entworfen wurde und einer m&ouml;glichen politischen Neugestaltung durch Labour w&auml;re wohl auch vorgebeugt, da das Ausbleiben des beschworenen &ouml;konomischen Zusammenbruchs von den Medien sicherlich als Beleg staatsm&auml;nnischer Spitzenleistung und &ouml;konomischer Weitsicht von Juncker und May gedeutet w&uuml;rde.<\/p><p>In diesem Szenario g&auml;be es tats&auml;chlich f&uuml;r May, Tusk und Juncker nur Grund zur guten Laune.<\/p><p>Auch wenn diese Prognose doch in weiten Teilen noch spekulativ ist, r&auml;t die Erfahrung zur Wachsamkeit. M&ouml;glicherweise soll auch das Sch&uuml;ren von Panik vor dem unkontrollierten Brexit zur Vorbereitung auf die Durchsetzung eines f&uuml;r die europ&auml;ischen VerbraucherInnen nachteiligen Handelsabkommens hinarbeiten. Die Gefahr besteht zumindest, dass die europ&auml;ische Konservative einen Weg gefunden hat, aus dem von ihnen unerwarteten Ausgang des Referendums politisch Kapital zu schlagen.<\/p><p>Man kann also nur hoffen, dass die politischen Folgen des Brexits Corbyn zum Wahlsieg verhelfen und in diesem Sinne st&uuml;nde zu hoffen, dass die Uneinigkeit der britischen Konservativen eine m&ouml;gliche fortgesetzte Entdemokratisierung der EU-Handels- und Wirtschaftspolitik verhindert und kein Abkommen nach dem Modell CETA zustandekommt. Die Erfahrung zeigt aber, dass man den politischen Gegner nicht vorschnell abschreiben sollte.<\/p><p><em><strong>Matthias Berlandi<\/strong> (*1989) studierte Politik- und Geschichtswissenschaft. Er arbeitet zur Zeit als Historiker.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] wikipedia.org &ndash; <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Good_Friday_Agreement\">Good Friday Agreement<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] theguardian.com &ndash; <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2018\/oct\/06\/scottish-independence-supporters-rally-in-edinburgh-second-referendum\">Scottish independence supporters rally in Edinburgh<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] wallstreet-online.de &ndash; <a href=\"https:\/\/www.wallstreet-online.de\/nachricht\/10906380-tusk-london-umfassendes-handelsabkommen\">Tusk bietet London erneut umfassendes Handelsabkommen an<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] attac.de &ndash; <a href=\"https:\/\/www.attac.de\/kampagnen\/handelsabkommen\/hintergrund\/ceta\/\">Was ist CETA?<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] youtube.com &ndash; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=np_ylvc8Zj8&amp;vl=de\">The Spider&rsquo;s Web: Gro&szlig;britanniens zweites Empire<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NachDenkSeiten-Leser <strong>Matthias Berlandi<\/strong> hat sich &uuml;ber das sonderbar gelassene Verhalten von Gro&szlig;britanniens Premierministerin und der EU-Funktion&auml;re Tusk und Juncker Gedanken gemacht. 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