{"id":46550,"date":"2018-10-16T09:11:01","date_gmt":"2018-10-16T07:11:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46550"},"modified":"2019-04-06T13:21:20","modified_gmt":"2019-04-06T11:21:20","slug":"der-spanische-rechtsstaat-oder-llarena-ohne-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46550","title":{"rendered":"Der spanische Rechtsstaat oder Llarena ohne Ende."},"content":{"rendered":"<p>Der Europarat hat immer wieder die nicht funktionierende Gewaltenteilung in Spanien kritisiert und insbesondere die fehlende Unabh&auml;ngigkeit der spanischen Justiz. Er bezog sich dabei konkret auf die Arbeit der obersten spanischen Justizbeh&ouml;rde CGPJ (Consejo General del Poder Judicial). Seine Verbesserungsvorschl&auml;ge sind aber bisher immer ohne Wirkung verhallt. Es gibt daf&uuml;r ein hochaktuelles Beispiel, das massive Folgen f&uuml;r die Zukunft Spaniens haben kann, n&auml;mlich die Politisierung des CGPJ im Zusammenhang mit seiner Rolle beim Vorgehen gegen die katalanische Unabh&auml;ngigkeitsbewegung und konkret der Vorbereitung der demn&auml;chst beginnenden Prozesse gegen die Angeklagten. Von <strong>Eckart Leiser<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46550#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nUm das Agieren des CGPJ in diesem Kontext geht es in diesem Beitrag. Die fehlende Gewaltenteilung ist in der Causa Katalonien nicht nur als Einflussnahme der Politik auf die Justiz zu beobachten, sondern auch umgekehrt als der Versuch von Richtern, sich zu Protagonisten der spanischen Politik zu machen. Eine Hauptfigur in diesem Zusammenhang ist der Richter Pablo Llarena (siehe dazu meine Artikel in der Zeitung &bdquo;Freitag&ldquo; vom 5.4. 2018 und 19.7.2018).<\/p><p>Nach neuesten Berichten, die allerdings von den spanischen Medien weitgehend ignoriert werden, hatte der CGPJ die Einsetzung von Pablo Llarena als Ermittlungsrichter gegen die katalanischen Unabh&auml;ngigkeitspolitiker von langer Hand und ohne R&uuml;cksicht auf die geltenden Rechtsvorschriften vorbereitet, mit dem Ziel, die Betroffenen von Anfang an zu kriminalisieren, auf der Basis konstruierter Straftatbest&auml;nde wie der Rebellion. Ansto&szlig; zu den folgenden Ausf&uuml;hrungen gab ein ausf&uuml;hrlicher Artikel von Carlos Enrique Bayo und Patricia L&oacute;pez zum Aufstieg Llarenas ins Oberste Gericht, ver&ouml;ffentlicht in der digitalen Zeitung publico.es vom 13. September 2018. (Wie ich gerade einer Diskussion im katalanischen Fernsehkanal TV3 mit Carlos Enrique Bayo, einem der Autoren des besagten Artikels, entnommen habe, lie&szlig;en sich den folgenden Ausf&uuml;hrungen noch erheblich &ldquo;krassere&rdquo; Details zum Zustand der spanischen Justiz hinzuf&uuml;gen, etwa zum j&uuml;ngsten Karrieresprung der Richterin Carmen Lamela, ebenfalls ins Oberste Gericht, die sich in der ersten Phase der Causa Katalonien durch ihre Inkompetenz international blamiert hatte.)<\/p><p>Den ersten Schritt auf diesem vorweg geplanten Weg zum Aufstieg ins Oberste Gericht tat Llarena, als er im November 2015 seine Funktion als Pr&auml;sident der dem PP (Partido Popular) nahestehenden Richtervereinigung Asociaci&oacute;n Profesional de Magistratura (APM) aufgab. Von diesem Zeitpunkt ab wurde mit allen Tricks sein Aufstieg zum Richter der 2. Kammer des Tribunal Supremo (TS), (Oberstes Gericht), betrieben. Diese Kammer ist f&uuml;r Verfahren gegen Personen zust&auml;ndig, die Immunit&auml;t genie&szlig;en (in Spanien neben Abgeordneten viele andere politische und &ouml;ffentliche Funktionstr&auml;ger &ndash; der K&ouml;nig ausgenommen, der nicht nur Immunit&auml;t genie&szlig;t, sondern mit einer vollst&auml;ndigen Unverletzlichkeit ausgestattet ist).<\/p><p>Um zu verschleiern, dass hier eine politisch-ideologische Seilschaft am Werke war, die bis in die finstersten Ecken der katholischen Kirche reicht (etwa zum Richter Vicente-Manuel Rouco Rodr&iacute;guez, Pr&auml;sident des Obersten Gerichts von Castilla la Mancha und Neffe des als Inbegriff der Reaktion geltenden ehemaligen Kardinals Rouco Varela), k&uuml;ndigte deren Anf&uuml;hrer, Carlos Lesmes, seinen R&uuml;cktritt vom Amt des Pr&auml;sidenten des TS an. Die Idee, an seine Stelle als &bdquo;Strohmann&ldquo; den seinerzeitigen Vizepr&auml;sidenten &Aacute;ngel Juanes zu setzen, scheiterte am Protest von Diaz Abad, Rechtsvertreterin des Staates in der St&auml;ndigen Kommission des CGPJ. Trotzdem gelang es der Mehrheit dieser Kommission, ihren Dreiervorschlag f&uuml;r die Besetzung des freigewordenen Postens in der 2. Kammer durchzubringen, mit Pablo Llarena an der Spitze, nachdem mit Hilfe eines ad-hoc erfundenen Kriteriums 8 von 13 Mitbewerbern ausgeschlossen worden waren. Der Trick war so dreist und die ausgeschlossenen Mitbewerber derart qualifiziert, dass ein Ausschussmitglied beantragte, den Punkt von der Tagesordnung zu nehmen. Lesmes musste den Einspruch im Prinzip akzeptieren, nur um diese Bewerber dann doch mit neu erfundenen Argumenten auszuschalten. Anfang 2016 wurde Llarena mit einfacher Mehrheit zum Richter der 2. Kammer gew&auml;hlt und er konnte seine Aufgabe, die Liquidierung der katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung mit allen Mitteln, in Angriff nehmen. Die Dokumente dieser Auswahlfarce sind wie &uuml;blich im Internet zug&auml;nglich, allerdings unter Auslassung der Begr&uuml;ndungen f&uuml;r zwei Enthaltungen.<\/p><p>Die kritische Richtervereinigung JxD (Richter f&uuml;r die Demokratie) focht diesen Aufstieg von Llarena zum Obersten Gerichtshof im M&auml;rz 2016 in einem Rechtsverfahren an. In einer ausf&uuml;hrlichen Begr&uuml;ndung von 31 Seiten gelangt sie zu der Einsch&auml;tzung: &bdquo;Die Ernennung von Llarena ist unter Missachtung der Prinzipien der Verdienste und der Bef&auml;higung erfolgt, die der Artikel 23 der Verfassung festlegt.&ldquo; Ihr Recht auf diese Anfechtung der Auswahl aufgrund einer Verletzung verfassungsm&auml;&szlig;iger Rechte wurde von JxD anhand von Pr&auml;zedenzf&auml;llen ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet. Im Einzelnen wird dargelegt, dass der Vorgang des Aufstiegs von Llarena ins Oberste Gericht zwei Artikel des LOPJ (gesetzliche Grundlage des spanischen Rechtswesens), drei Artikel, die die Ernennung regeln und drei Artikel der spanischen Verfassung verletzt. Des Weiteren werden die Argumente zum Ausschluss von 8 Kandidaten aus dem Auswahlverfahren Punkt f&uuml;r Punkt widerlegt. <\/p><p>Erst fast ein Jahr sp&auml;ter, Anfang 2017 und schon inmitten der &bdquo;Kriegsvorbereitungen&ldquo; gegen die F&uuml;hrer des katalanischen &bdquo;proc&egrave;s&ldquo;, erkl&auml;rte die 6. Kammer f&uuml;r Verwaltungsstreitverfahren des TS die Anfechtung der JxD f&uuml;r unzul&auml;ssig, ohne auch nur auf deren Argumente  einzugehen. Begr&uuml;ndung: &bdquo;Es kann nicht sein, dass Richtervereinigungen als abstrakte W&auml;chter der Legalit&auml;t agieren&ldquo;. Sieben Monate sp&auml;ter wurden dann Llarena endg&uuml;ltig und insgesamt die Ermittlungen gegen die Vertreter der katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung &uuml;bertragen.<\/p><p>Von neuem verletzte dabei der CGPJ seine eigenen Regeln. Entgegen der Behauptung, Llarena w&auml;re als Dienst&auml;ltester an der Reihe gewesen, war er zu diesem Zeitpunkt der letzte in der Liste, mit f&uuml;nf Richtern vor ihm. Die im staatlichen Amtsblatt ver&ouml;ffentlichte Regelung lautet w&ouml;rtlich: &bdquo;Im Fall der Ernennung der Ermittlungsrichter folgt deren Auswahl der Reihenfolge des Dienstalters, unter Auslassung des Pr&auml;sidenten und der Richter der Kammer f&uuml;r Zulassung und Einspruchsverfahren.&ldquo; (BOE 30.12.2016). Nach dieser Vorschrift blieben 6 Kandidaten f&uuml;r die Funktion des Ermittlungsrichters &uuml;brig, und Llarena war der &bdquo;Dienstj&uuml;ngste&ldquo; in dieser Reihenfolge. Der Pr&auml;sident der 2. Kammer des Obersten Gerichts, Manuel Marchena, hat bei der Auswahl von Llarena die Rechtfertigung erlogen, die geltende Rechtsvorschrift also flagrant verletzt. Bei deren korrekter Anwendung h&auml;tte er den Richter Jos&eacute; Ram&oacute;n Soriano Soriano f&uuml;r die Ermittlungen gegen die katalanischen Politiker einsetzen m&uuml;ssen. Er hat also mit seiner Auswahl von Llarena eine klare Rechtsbeugung begangen. Und das alles vor den Augen der Medien und der &Ouml;ffentlichkeit&hellip; Seitdem liefert Llarena offensichtlich genau das, was die Manipulatoren seiner Ernennung erwartet hatten. Der Fall mag eine Ahnung davon vermitteln, in welchem Zustand sich der spanische &bdquo;Rechtsstaat&ldquo; befindet. Nun liegt es nahe, dass diese &bdquo;Unregelm&auml;&szlig;igkeiten&ldquo; &ndash; weniger euphemistisch: Gesetzesverst&ouml;&szlig;e &ndash; beim bevorstehenden Makroprozess gegen die Unabh&auml;ngigkeitsvertreter von der Verteidigung zur Sprache gebracht werden. Ginge es mit rechten Dingen zu &ndash; was allerdings nicht sicher ist &ndash; m&uuml;sste nach Einsch&auml;tzung von Jos&eacute; Luis Mu&ntilde;oz in der digitalen Zeitung Elcotidiano.es vom 16.9.2018 das ganze Ermittlungsverfahren umgehend f&uuml;r nichtig erkl&auml;rt werden und der Prozess w&auml;re zum Platzen gebracht. Man darf jedenfalls gespannt sein, wie das Oberste Gericht vor den Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit hier seinen Kopf aus der Schlinge zieht.<\/p><p>Mit dem Abschluss seiner Ermittlungen gegen die katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsvertreter und deren Verbringen in Gef&auml;ngnisse oder deren Vertreibung ins Exil sieht Llarena seine Mission aber keineswegs als ersch&ouml;pft an. Die Schamlosigkeit seines Agierens ist inzwischen auf weiteren Feldern zu besichtigen. Als letztes war er f&uuml;r die Ermittlungen gegen den &bdquo;shooting star&ldquo; des PP, Pablo Casado, zust&auml;ndig, der vor kurzem Mariano Rajoy als Vorsitzender dieser Rechtspartei abgel&ouml;st hatte. Casado hatte auf betr&uuml;gerische Weise einen Master-Titel von der Madrider Universit&auml;t Rey Juan Carlos geschenkt bekommen. Eine Madrider Richterin sah den Tatbestand des Betrugs als erf&uuml;llt an, musste das Verfahren aber aus &bdquo;Immunit&auml;tsgr&uuml;nden&ldquo; an das Oberste Gericht abgeben. Unter Mitwirkung von Llarena wurde das Verfahren dann in Rekordzeit eingestellt. Das hindert den PP nicht daran, zurzeit eine Hexenjagd gegen Pedro S&aacute;nchez, Pr&auml;sident der gegenw&auml;rtigen Minderheitsregierung, zu veranstalten. Vorwurf: Teile seiner Doktorarbeit (die immerhin als Buch erschienen ist) seien plagiiert. <\/p><p>Aber auch jenseits seiner Ermittlungst&auml;tigkeit hat Llarena die spanische &Ouml;ffentlichkeit fest im Griff und setzt immer wieder bisherige Ma&szlig;st&auml;be au&szlig;er Kraft: Am 4. September war er von einem Br&uuml;sseler Gericht vorgeladen worden, weil Carles Puigdemont und andere katalanische Politiker im Exil ihn wegen politischer Befangenheit und der Verletzung des Rechts auf ein faires Gerichtsverfahren verklagt hatten. Nachdem Llarena zun&auml;chst diese Vorladung als eine Art &bdquo;Majest&auml;tsbeleidigung&ldquo; abgetan hatte, bekam er dann doch &bdquo;kalte F&uuml;&szlig;e&ldquo;. Die Klage ging auf ein Interview von Llarena nach einem privaten und gut bezahlten Auftritt auf einer von der Firma BMW finanzierten Veranstaltung zur&uuml;ck. In diesem Interview ging er auf seine Ermittlungen ein, ein Tabu f&uuml;r einen Ermittlungsrichter, und er bestand darauf, dass die Anklagen gegen die Katalanen nichts mit Politik zu tun h&auml;tten, vielmehr auf Straftatbest&auml;nden gr&uuml;ndeten. Unversehens forderte der CGPJ dann in seinem Namen, dass die Regierung die Rechtsvertretung von Llarena in Br&uuml;ssel organisiere und bezahle, da die Souver&auml;nit&auml;t der spanischen Justiz auf dem Spiel stehe. Zun&auml;chst lehnte das die Regierung ab, mit dem Hinweis, dass solche Interviews au&szlig;erhalb seiner Richtert&auml;tigkeit seine Privatangelegenheit seien. Ende der Geschichte: unter dem Druck des CGPJ und der Medien hat die Regierung inzwischen klein beigegeben und beschlossen, die Kosten der Rechtsvertretung von Llarena in Br&uuml;ssel von &uuml;ber einer halben Million Euro zu &uuml;bernehmen. Ein &bdquo;Rechtsstaat&ldquo; muss halt mit einem Richter vom Format Llarenas notfalls durch dick und d&uuml;nn gehen, koste es, was es wolle, und sei der Preis der Rechtsstaat selbst&hellip;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Eckart Leiser<\/strong>, Prof. Dr., ist Privatdozent an der Freien Universit&auml;t Berlin und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Saragossa (Spanien). Seine Arbeitsschwerpunkte sind die epistemologischen Grundlagen der Psychologie sowie strukturale Anthropologie und Psychoanalyse. Lehrt&auml;tigkeit in Frankfurt, Berlin, Mexiko-Stadt, Wien, Madrid, Saragossa und Buenos Aires.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Europarat hat immer wieder die nicht funktionierende Gewaltenteilung in Spanien kritisiert und insbesondere die fehlende Unabh&auml;ngigkeit der spanischen Justiz. 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