{"id":46559,"date":"2018-10-16T13:00:41","date_gmt":"2018-10-16T11:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46559"},"modified":"2019-01-30T11:20:36","modified_gmt":"2019-01-30T10:20:36","slug":"lackierte-kampfhunde-das-auto-als-maennliche-selbstwertprothese-von-goetz-eisenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46559","title":{"rendered":"Lackierte Kampfhunde \u2013 Das Auto als m\u00e4nnliche Selbstwertprothese. Von G\u00f6tz Eisenberg."},"content":{"rendered":"<p>Es war an einem dieser hei&szlig;en Sommertage. Ich war mit dem Rad auf dem Weg zur Lahn, um schwimmen zu gehen. Ich hielt an einer Ampel an der Westanlage. Zwei schwarze Limousinen kamen nebeneinander zu stehen &ndash; mit abgedunkelten Scheiben und zu Schlitzen verengten Scheinwerfern. Musik wummerte aus beiden Wagen. Betont l&auml;ssig hingen die Arme der Fahrer aus den ge&ouml;ffneten Fenstern. Die beiden jungen M&auml;nner nahmen Witterung auf und checkten ab, ob &bdquo;etwas ging&ldquo;. Reflexe schnappten ein und setzten einen Mechanismus in Gang, der kaum noch zu stoppen war. Sie betrieben ein nerv&ouml;ses Wechselspiel zwischen Kupplung und Gaspedal, so dass die Autos leicht vor und zur&uuml;ck wippten. Ihre Blicke gingen hektisch zwischen den Lichtern der Ampel und dem Rivalen hin und her. Die Szenerie erinnerte an Duelle zwischen Revolverhelden in gewissen Italowestern. Beide warteten auf das Startsignal. Die Ampel sprang auf Gelb und innerhalb von Sekundenbruchteilen gaben sie Gas. Motoren heulten auf, Reifen quietschten, die Wagen schossen leicht schlingernd davon. Ein paar hundert Meter weiter mussten sie ihr Rennen vor der n&auml;chsten roten Ampel ebenso rabiat unterbrechen. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3164\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46559-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46559-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181016_Lackierte_Kampfhunde_Das_Auto_als_maennliche_Selbstwertprothese_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass bei solchen innerst&auml;dtischen Rennen an Ampeln gehalten wird, ist keineswegs mehr selbstverst&auml;ndlich. Im Februar 2016 haben zwei junge M&auml;nner auf dem Berliner Kurf&uuml;rstendamm w&auml;hrend eines n&auml;chtlichen Rennens gleich mehrere rote Ampeln &uuml;berfahren. Einer der beiden rammte dann mit circa 160 Stundenkilometern einen Wagen, dessen Fahrer noch am Unfallort starb. Ein Berliner Gericht befand, die beiden jungen M&auml;nner h&auml;tten mit &bdquo;bedingtem Vorsatz&ldquo; gehandelt und den Tod anderer Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf genommen. In erster Instanz wurden sie wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob am 1. M&auml;rz 2018 das erstinstanzliche Urteil auf. Die Karlsruher Richter sahen einen bedingten T&ouml;tungsvorsatz nicht ausreichend belegt und verwiesen den Fall zur Neuverhandlung an das Landgericht zur&uuml;ck. Die neuerliche Entscheidung steht noch aus. <\/p><p>Einen Tag, nachdem in den Medien gro&szlig; &uuml;ber die Karlsruher Entscheidung berichtet worden war, kam es in Gie&szlig;en am helllichten Tag auf dem Anlagenring zu einem Rennen. Ein Porsche kam von der Fahrbahn ab und prallte gegen den Mast einer Ampel. Diesem Umstand verdankte ein 12-j&auml;hriger Junge sein &Uuml;berleben. Vom Berliner Urteil hatte man sich eine abschreckende Wirkung versprochen: Potenzielle T&auml;ter sollten wissen, dass sie mit einer harten Bestrafung rechnen m&uuml;ssen, wenn sie das Leben anderer leichtfertig aufs Spiel setzen. Bislang wurden Raser auch dann, wenn Todesopfer zu beklagen waren, in der Regel nur wegen fahrl&auml;ssiger T&ouml;tung verurteilt. Die H&ouml;chststrafe hierf&uuml;r betr&auml;gt f&uuml;nf Jahre. Kommt bei einer innerst&auml;dtischen Raserei niemand zu Schaden, wird sie als Ordnungswidrigkeit behandelt, die mit einer Geldstrafe und einem befristeten F&uuml;hrerscheinentzug geahndet wird. M&ouml;glicherweise hatten die beiden Gie&szlig;ener Raser die enthemmende Botschaft, die von der Aufhebung des Urteils ausging, empfangen und feierten das auf ihre Weise. <\/p><p>Es kann aber auch sein, dass solche Straftaten zu jenen Delikten geh&ouml;ren, bei denen juristische Abschreckung nur bedingt oder gar nicht funktioniert. Es sind, wie wir eingangs gesehen haben, gruppendynamische Faktoren und psychische Prozesse am Werk, die den Gedanken an eine m&ouml;gliche Strafe gar nicht aufkommen lassen. Salopp gesagt: Wenn die m&auml;nnliche Ehre auf dem Spiel steht, ist alles andere egal! Um eine Kr&auml;nkung abzuwehren, wird notfalls sogar der eigene Untergang in Kauf genommen. Wie gewisse Hunde keine Tiere, sondern das nach au&szlig;en verlegte Aggressionspotenzial ihrer Besitzer sind, so sind gewisse Autos keine Fortbewegungsmittel, sondern lackierte Kampfhunde, die ihre Fahrer aufeinander loslassen. Es sind m&auml;nnliche Selbstwertprothesen, die das schw&auml;chelnde m&auml;nnliche Selbstgef&uuml;hl aufm&ouml;beln. Die Kraft der Motoren entscheidet &uuml;ber den Status: je st&auml;rker und lauter, desto m&auml;nnlicher. Statt die Motorenger&auml;usche zu d&auml;mpfen, werden sie durch Soundgeneratoren mutwillig verst&auml;rkt. Solche Autos fungieren als Viagra des m&auml;nnlichen Stolzes.<\/p><p>Das Automobil erf&uuml;llt wie der Fu&szlig;ball in unserer Gesellschaft eine wichtige sozialpsychologische Funktion: die gestaute Wut derer loszulassen, die in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression leben m&uuml;ssen und in Unm&uuml;ndigkeit und Ohnmacht gefangen sind. So entwickelt sich der Stra&szlig;enverkehr mehr und mehr zu einer Form des Krieges. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation fallen diesem Krieg weltweit j&auml;hrlich 1,25 Millionen Menschen zum Opfer. Der steigende Absatz von Gel&auml;ndewagen, SUVs und Pick-ups zeugt auch hierzulande davon, dass auf den Stra&szlig;en Krieg herrscht. Jeder macht sich zum Kommandanten seiner eigenen rollenden Festung. Wie in jedem Krieg, gibt es auch in diesem Leute, die gut an ihm verdienen. Wenn es wahr ist, &bdquo;dass man eine Nation erst dann wirklich kennt, wenn man in ihren Gef&auml;ngnissen gewesen ist&ldquo;, wie Nelson Mandela gesagt hat, so k&ouml;nnte man auch den Stra&szlig;enverkehr als Gradmesser daf&uuml;r nehmen, wie es um die Zivilisiertheit einer Gesellschaft bestellt ist. Statt im Verkehr abzur&uuml;sten, was einer wahrhaft demokratischen Gesellschaft gut zu Gesicht st&uuml;nde und auch der Umwelt zugutek&auml;me, werden wir Zeugen einer gigantischen Auto-Mobilmachung. <\/p><p>Um dem etwas entgegenzusetzen und alternative M&ouml;glichkeiten aufzuzeigen, findet in Gie&szlig;en am Samstag, dem 20. Oktober unter dem Motto &bdquo;Leben statt Autofahren! Platz f&uuml;r Menschen statt f&uuml;r Autos!&ldquo; ab 12 Uhr auf der S&uuml;danlage und rund ums Stadttheater eine Fahrraddemo und ein Stra&szlig;enfest mit Infost&auml;nden und Diskussionen statt. <\/p><p><em><strong>P.S. Albrecht M&uuml;ller:<\/strong> Vor fast 40 Jahren gab es einen zaghaften Versuch, den von G&ouml;tz Eisenberg geschilderten Wahn zu brechen. Zwischen 1980 und 1982 versuchte der damalige Bundesverkehrsminister Volker Hauff eine auch f&uuml;r die Autobahnen geltende Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 Kilometern pro Stunde durchzusetzen. Daf&uuml;r gab es damals durchaus eine gewisse Stimmung. Die Parole der dann mit dem Regierungswechsel zu Kohl erfolgreichen Gegenkampagne des ADAC lautete: &ldquo;Freie Fahrt f&uuml;r freie B&uuml;rger&rdquo;.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete jahrzehntelang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Er ist Mitinitiator des Gie&szlig;ener Georg-B&uuml;chner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer fortlaufenden &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, deren dritter Band unter dem Titel &bdquo;Zwischen Anarchismus und Populismus&ldquo; ist soeben im Verlag Wolfgang Polkowski in Gie&szlig;en erschienen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war an einem dieser hei&szlig;en Sommertage. Ich war mit dem Rad auf dem Weg zur Lahn, um schwimmen zu gehen. Ich hielt an einer Ampel an der Westanlage. Zwei schwarze Limousinen kamen nebeneinander zu stehen &ndash; mit abgedunkelten Scheiben und zu Schlitzen verengten Scheinwerfern. Musik wummerte aus beiden Wagen. Betont l&auml;ssig hingen die Arme<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46559\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,60,211,73,161],"tags":[282,930,866,2447,1363],"class_list":["post-46559","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innere-sicherheit","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","category-verkehrspolitik","category-wertedebatte","tag-buergerproteste","tag-justiz","tag-konkurrenzdenken","tag-strassenverkehr","tag-verkehrskatastrophe"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46559"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48875,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46559\/revisions\/48875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}