{"id":46809,"date":"2018-10-30T10:00:10","date_gmt":"2018-10-30T09:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46809"},"modified":"2018-12-30T14:06:32","modified_gmt":"2018-12-30T13:06:32","slug":"brasilien-mit-wahlsieger-jair-bolsonaro-ergreift-us-freundliches-militaer-die-macht-und-befeuert-die-rechtsradikale-weltszene-teil-1-die-wahlnacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46809","title":{"rendered":"Brasilien \u2013 Mit Wahlsieger Jair Bolsonaro ergreift US-freundliches Milit\u00e4r die Macht und befeuert die rechtsradikale Weltszene \u2013 Teil 1: die Wahlnacht"},"content":{"rendered":"<p>Die Chronik des angek&uuml;ndigten Desasters schrieb an diesem 28. Oktober ihren Epilog: Mit 55:45 Prozent der g&uuml;ltigen Stimmen wurde Fernando Haddad von Jair Bolsonaro besiegt und zum neuen Pr&auml;sidenten Brasiliens gew&auml;hlt. Der zahlenm&auml;&szlig;ige Vorsprung Bolsonaros &uuml;berstieg 10 Millionen Stimmen. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGrob zusammengefasst: Gegen den Willen von 46,13 Millionen W&auml;hlern f&uuml;r Demokratie, Grundfreiheiten und Sozialstaat besiegelten 57 Millionen Brasilianer umgekehrt eine Entscheidung f&uuml;r die Einschr&auml;nkung der Demokratie, die grenzenlose Volksbewaffnung, die R&uuml;ckkehr der Milit&auml;rs an die Staatsmacht und die Unterwerfung des Staates unter einen makabren und verlogenen religi&ouml;sen Fundamentalismus.<\/p><p>Die parteipolitische Aufspaltung des Landes schreitet voran. Die 27 neu gew&auml;hlten Landesgouverneure geh&ouml;ren mindestens 12 unterschiedlichen Parteien an, von denen die Arbeiterpartei (PT) mit 4 Gouverneuren im Nordosten, der Hauptbastion der PT, ebenso wie in der Abgeordnetenkammer die Mehrheit stellen wird. Mindestens 12 der neuen Gouverneure d&uuml;rfen jedoch als k&uuml;nftige enge Verb&uuml;ndete Bolsonaros bezeichnet werden.<\/p><p>Allerdings ging f&uuml;r die Stichwahl weder die Rechnung der Strategen Bolsonaros noch der Haddads in einer besonders empfindlichen W&auml;hlernische auf. Trotz aller Anwerbungsversuche enthielten sich nach Angaben des Obersten Wahlgerichts (TSE) mehr als 21,2 Prozent &ndash; in Zahlen: gewaltige 30,1 Millionen &ndash; W&auml;hler der Stimme. Unausgef&uuml;llte (2,16 Prozent) und ung&uuml;ltige Stimmzettel (7,44 Prozent) summierten sich auf weitere 8,3 Millionen verlorene Stimmen.<\/p><p>Unter dem Strich war 38,3 Millionen von insgesamt 147 Millionen Wahlberechtigten eine Entscheidung zwischen Demokratie und &ldquo;Demokratur&rdquo; &ndash; ein durch Wahlen eingeschleustes Regime mit Konturen einer Diktatur &ndash; einerlei, was &uuml;ber mangelnde politische Bildung und Diskreditierung der politischen Institutionen B&auml;nde spricht.<\/p><p><strong>Fernando Haddad, der Titan auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en<\/strong><\/p><p>Jair Bolsonaro, der bereits 2016 seine Kandidatur angek&uuml;ndigt hatte, gewann zwar die Wahl, doch der Gigant dieser schmutzigsten und betr&uuml;gerischsten Wahl aller Zeiten &ndash; deren kybernetischer Krieg der rechtsradikalen Szene um den Ex-Hauptmann des Heeres l&auml;ngst nicht aufgekl&auml;rt ist und bisher von der Justiz hintertrieben wird &ndash; hei&szlig;t Fernando Haddad. Der Ex-Bildungsminister Lulas, vielfacher Buchautor und Hochschulprofessor brachte es fertig, in kaum sechs Wochen seine W&auml;hlerpr&auml;ferenz von 5 Prozent auf 45 Prozent in nahezu geometrischer Progression um das Achtfache zu katapultieren.<\/p><p>Dass es ihm nicht gelang, den faschistischen Kandidaten einzuholen und zu besiegen, lag vor allem an der zu knapp bemessenen Zeit zwischen seiner Ersatz-Nominierung am 11. September und der ersten Wahlrunde vom 7. Oktober, bei der er bereits 29 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen und innerhalb von drei Wochen um weitere 16 Prozent auf insgesamt 45 Prozent ausbauen konnte.<\/p><p>Haddad wurden gleichzeitig mehrere Kn&uuml;ppel zwischen die Beine geschleudert. Mit einer nie dagewesenen und von Bolsonaro gesteuerten Fake-News-Welle wurde er ohne eigenes Dazutun zum Opfer eines W&auml;hler-Ablehnungstrends um die 41 Prozent, der seine Urspr&uuml;nge in der Hasswelle gegen den eingekerkerten Altpr&auml;sidenten Lula hatte.<\/p><p>Zum anderen wurde er zwischen dem ersten Wahlgang und der Stichwahl von seinem Mitte-Links-Rivalen und ehemaligen Lula-Minister Ciro Gomes aufs Gr&ouml;bste betrogen. Der anstelle seiner selbst wegen der Haddad-Nominierung durch Lula ohnehin beleidigte und f&uuml;r r&uuml;den Umgang bekannte Politiker hatte im ersten Wahlgang 12 Prozent der Stimmen erzielt, versuchte mit Hilfe konservativer Parteien dennoch Haddad die F&uuml;hrung streitig zu machen, versprach ihm schlie&szlig;lich z&auml;hneknirschend die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Stichwahl, verlie&szlig; jedoch kommentarlos seine W&auml;hler und verschwand f&uuml;r drei Wochen &bdquo;Urlaub&rdquo; nach Europa.<\/p><p>Von den kleineren Parteien, namentlich der kommunistischen PCdoB und der sozialistischen PSOL abgesehen, kam es nicht zur angek&uuml;ndigten Bildung der &ldquo;Breiten Demokratischen W&auml;hlerfront&rdquo;, womit Haddad notgedrungen allein die von feindlicher Propaganda verseuchte Wahlszenerie durchk&auml;mpfen musste.<\/p><p>&Uuml;bergeordneter und entscheidender Grund f&uuml;r die Niederlage Haddads war jedoch eine fatale und unverzeihbare Fehleinsch&auml;tzung Lula da Silvas. Die manchenorts geh&ouml;rte Ausrede, weder Lula noch der Vorstand der Arbeiterpartei h&auml;tten ahnen k&ouml;nnen, dass der mit der Amtsenthebung Dilma Rousseffs 2016 eingeleitete Putsch in seiner eigenen Verhaftung gipfeln w&uuml;rde, ist unredlich. Selbstverst&auml;ndlich h&auml;tten die PT und Lula mit einer Eskalierung &ndash; im Klartext: mit seiner Kandidatur-Verhinderung durch die rechtsradikal unterwanderte Justiz &ndash; rechnen und f&uuml;r einen Ersatz sorgen m&uuml;ssen. Das stand nicht etwa in den Sternen, sondern war tausendfach angek&uuml;ndigt und hunderte Male selbst von Dilma Rousseff vorgewarnt worden.<\/p><p>H&auml;tte also Lula die eigene Kriminalisierung von der erforderlichen Wahlstrategie der Partei zu trennen gewusst oder gewagt, und w&auml;re Haddad sp&auml;testens im April, nach Lulas Verhaftung, zum Stellvertreter ernannt worden, hie&szlig;e mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute der neue brasilianische Pr&auml;sident nicht etwa Jair Messias Bolsonaro, sondern Fernando Haddad.<\/p><p><strong>Facebook-Rede an die Nation und verfassungswidrige Milit&auml;rparade<\/strong><\/p><p>In seiner ersten Rede als gew&auml;hlter Pr&auml;sident griff Bolsonaro in scharfem Ton sowohl Medien als auch die Opposition, insbesondere die PT, an. Anstelle einer offenen und publikumsfreundlichen Pressekonferenz stotterte der Rechtsradikale in Begleitung eines fundamentalistisch-evangelikalen Pastors mit einer Facebook-Live-&Uuml;bertragung seine Rede von Papier, versprach mit vagen Worten, die Verfassung einzuhalten, sich auf die Wiederankurbelung der Wirtschaft zu konzentrieren und &ndash; ja! &ndash; auch die individuellen Freiheiten zu respektieren.<\/p><p>Doch dann zog er gegen die vormals als &bdquo;rote Banditen&ldquo; bezeichneten Gegner vom Leder und stimmte ein Hohelied auf die Befreiung Brasiliens an; ein Land, so erfuhr man erstaunt, &bdquo;dessem Flirt mit dem Sozialismus, Kommunismus, Populismus und Extremismus nun ein Ende&hellip;&rdquo; gesetzt sei.<\/p><p>Sodann trat Gott in Szene. &bdquo;Was ich am meisten neben der Verfassung w&uuml;nsche, ist die Lehre Gottes. Mit seiner Hilfe und guter technischer Beratung erheben wir uns bald in die Gruppe der Weltf&uuml;hrer&hellip;&rdquo;. Jaja, &bdquo;die Gesetze (seien) f&uuml;r alle da&rdquo;, unsere Regierung und Verfassung bleibt demokratisch&rdquo;, dichte er dazu.<\/p><p>An dieser Stelle schaltete sich der faschistoide Pastor Magno Malta ein. &bdquo;Die F&uuml;hler der Linken sind endg&uuml;ltig von der Hand Gottes amputiert worden&rdquo;, warnte der irre Fundamentalist und schwor: &bdquo;Bolsonaro ist in g&ouml;ttlicher Mission gekommen!&rdquo;.<\/p><p>Milton Hatoum, auch ins Deutsche viel&uuml;bersetzter Romanautor, kommentierte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die erste Rede des neugew&auml;hlten Pr&auml;sidenten war besch&auml;mend. Vorgetragen unter Auserw&auml;hlten und Helfern, mit geschlossenen Augen betend, schien Bolsonaro als F&uuml;hrer einer religi&ouml;s-fundamentalistischen Sekte und nicht als politischer F&uuml;hrer eines s&auml;kularen Staates aufzutreten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die von selten geh&ouml;rter, vulg&auml;rer Sprache und Betonung gespickte Rede nahm den zu erwartenden Regierungsstil vorweg. Nicht weniger vulg&auml;r waren die Berater und Schmeichler, die den Hauptmann umgaben. Als ich die pathetische Szene des Gebets und der Rede sah und h&ouml;rte, erinnerte ich mich an die S&auml;tze einer Kurzgeschichte von Tschechow:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin auf allen Seiten von Rohheit, stumpfen, leeren Menschen umgeben &hellip; Es gibt nichts Schrecklicheres, Unheimlicheres, Deprimierenderes als das Vulg&auml;re. Nichts wie von hier und heute fliehen, sonst werde ich verr&uuml;ckt!&rdquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Als Bolsonaro seine wie aus verdunkeltem Untergrund gesendete Rede an die Nation beendet hatte, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/GuilhermeBoulos\/status\/1056717450413256704\">rollten als Akt frechen Verfassungsbruchs Panzer und Milit&auml;rfahrzeuge<\/a> auf den Stra&szlig;en Rio de Janeiros und tollw&uuml;tig anmutende, faschistische M&ouml;chtegern-Milizion&auml;re <a href=\"https:\/\/twitter.com\/infinitycuban\/status\/1056713892175458305\">schossen sich an einem Schie&szlig;stand ihre Siegesfreude und Wut<\/a> gegen alles Demokratische von der hassbeladenen Seele.<\/p><p>Die Masse jubelte. Finstere Tage, schlimmes Brasilien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Chronik des angek&uuml;ndigten Desasters schrieb an diesem 28. Oktober ihren Epilog: Mit 55:45 Prozent der g&uuml;ltigen Stimmen wurde Fernando Haddad von Jair Bolsonaro besiegt und zum neuen Pr&auml;sidenten Brasiliens gew&auml;hlt. Der zahlenm&auml;&szlig;ige Vorsprung Bolsonaros &uuml;berstieg 10 Millionen Stimmen. 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