{"id":46859,"date":"2018-11-02T09:06:43","date_gmt":"2018-11-02T08:06:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46859"},"modified":"2019-01-14T07:31:06","modified_gmt":"2019-01-14T06:31:06","slug":"chemnitz-ist-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46859","title":{"rendered":"Chemnitz ist \u00fcberall"},"content":{"rendered":"<p>Nach den Demonstrationen mit fremdenfeindlichen Parolen ist der Name &bdquo;Chemnitz&ldquo; zum Synonym f&uuml;r massive rechtsradikale Entwicklungen, insbesondere in Ostdeutschland, geworden. W&auml;hrend sich die nachfolgenden Diskussionen um Maa&szlig;en und Co. immer weiter vom eigentlichen Thema entfernten, blieb die vielleicht wichtigste Frage v&ouml;llig unbeantwortet. Waren das alles Rechtsextreme, die in Chemnitz demonstrierten? Und falls &bdquo;Nein&ldquo;, wo liegen die Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass Menschen aus der vielger&uuml;hmten &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo; den Schulterschluss mit harten Rechten inzwischen nicht mehr scheuen? Fragen, die in der ausufernden Debatte v&ouml;llig ausgeklammert wurden, da sie der Politik und den Medien unangenehme Antworten liefern k&ouml;nnten. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46859#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Alles Nazis au&szlig;er Mutti?<\/strong><\/p><p>Zuerst einmal geht es um das Verst&auml;ndnis, dass eine keineswegs rechtsextreme B&uuml;rgerschaft unter den Demonstrationsteilnehmern sich einer Minderzahl von Neonazis, Rechtsextremen und Rassisten angeschlossen hat &ndash; m&ouml;glicherweise auch andersherum diese den B&uuml;rgern &ndash; ohne dabei deren Menschenfeindlichkeit wahrzunehmen bzw. diese ignoriert oder zumindest, sie den eigenen Zielen unterordnend, billigend als kleineres &Uuml;bel in Kauf nimmt. Man kann diesen Schulterschluss &bdquo;normaler B&uuml;rger&ldquo; mit Rechten &ndash; in aller Ruhe und im Nachhinein betrachtet, aber auch nicht g&auml;nzlich zu Unrecht &ndash; als unverantwortlich, historisch vergleichbare Entwicklungen in der Weimarer Republik missachtend und als Wasser auf rechte M&uuml;hlen kritisieren. Dennoch sollte man sich davor h&uuml;ten, alle Teilnehmer dieser Demonstrationen mit dem Etikett &bdquo;Neonazis&ldquo; und &bdquo;Rassisten&ldquo; zu versehen. In ihnen &auml;u&szlig;ert sich vornehmlich die Wut und ihre Ohnmacht gegen&uuml;ber den gesellschaftlichen Umst&auml;nden und den politischen Eliten, die diese Zust&auml;nde herbeigef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Zweifellos gibt es in der Bev&ouml;lkerung einen mehr oder minder konstanten Anteil von Menschen, die eine traditionell hart rechte bis rechtsextreme Weltanschauung pflegen. Dieser betr&auml;gt um die zehn Prozent, wie der Soziologe und Elitenforscher <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Eliteangehoerigen-gehoeren-zu-den-Gewinnern-der-gesellschaftlichen-Spaltung-4177339.html\">Michael Hartmann betont<\/a>. Diejenigen, die dar&uuml;ber hinaus ins rechte W&auml;hlerlager abwandern, sind jedoch allzu h&auml;ufig entt&auml;uschte und frustrierte ehemalige SPD- und CDU-W&auml;hler. Deren Frustration gilt der in den letzten Jahren umgesetzten Politik und den diese exekutierenden Parteien. Hatten diese doch nicht nur ihre legitimen Interessen jahrelang ignoriert, sondern auch den anschlie&szlig;enden R&uuml;ckzug eines Teils ihrer traditionellen W&auml;hlerschaft mit einem gelangweilten Schulterzucken quittiert.<\/p><p>Dass sich dieser Frust nun gegen Fl&uuml;chtlinge und andere Zuwanderer als einfach auszumachende S&uuml;ndenb&ouml;cke richtet, hat seine Ursachen vor allem darin, dass sich die eigentlichen Gr&uuml;nde ihrer Wut allzu h&auml;ufig hinter nur schwer greifbaren Institutionen mit diffusen Zust&auml;ndigkeiten in einem verzweigten, kaum zu durchschauenden Regel- und Gesetzeswerk verstecken. Offenkundig Verantwortliche sind dort nur schwer auszumachen und selbst wenn, dann entziehen sie sich regelm&auml;&szlig;ig einer kritischen Auseinandersetzung &uuml;ber ihre Entscheidungen und schweben in anderen, &bdquo;Normalsterblichen&ldquo; unerreichbaren Sph&auml;ren. Noch h&auml;ufiger und nicht minder beliebt werden die Ursachen hinter dem vermeintlich neutralen, anonymen &bdquo;Markt&ldquo; vollst&auml;ndig versteckt, der quasi als Naturgesetz dargestellt wird und welcher &bdquo;unab&auml;nderliche&ldquo; und &bdquo;gerechte&ldquo; Ergebnisse erbringen w&uuml;rde. Hinter diesem Markt werden die verantwortlich Handelnden komplett unsichtbar gemacht.<\/p><p>Die &bdquo;Fremdl&auml;ndischen&ldquo; hingegen sind konkret, an jedem Ort mehr oder minder stark vertreten und &ndash; dieser Fakt darf gleichfalls nicht unter den Tisch fallen &ndash; ein Teil von ihnen begeht Straftaten, so wie &uuml;brigens jeder Teil einer bestimmten sozialen Gruppe. Das ist kein besonderes Kennzeichen von Fl&uuml;chtlingen oder generell Zuwanderern. So bieten sie den willkommenen Anlass f&uuml;r fremdenfeindliche Parolen aus dem rechtsextremen Milieu, welches dies gen&uuml;sslich &ouml;ffentlichkeitswirksam ausschlachtet und die Verantwortlichkeit der Politik daf&uuml;r besonders stark akzentuiert. Der auf den einfachen Slogan &bdquo;Merkel muss weg!&ldquo; heruntergebrochenen Forderung vermag sich auch der frustrierte &bdquo;normale B&uuml;rger&ldquo; anzuschlie&szlig;en, der dies jedoch aus v&ouml;llig anderen Beweggr&uuml;nden tut. Dieses Schema lie&szlig; sich auch schon bei den unterschiedlichen Pegida-Bewegungen der vergangenen Jahre beobachten und findet auch in der aktuellen St&auml;rke der AfD seinen Niederschlag.<\/p><p><strong>Wertsch&auml;tzungsdefizite und Entsicherung des Lebens als Katalysatoren des Rechtsrucks<\/strong><\/p><p>Doch wo liegen nun die Ursachen daf&uuml;r, dass Teile der normalen B&uuml;rger solch eine enorme Wut haben, die sie nicht einmal mehr vor der Ann&auml;herung an fr&uuml;her noch verfemte Rechtsextreme zur&uuml;ckschrecken l&auml;sst? Der Soziologe und Konfliktforscher <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=heitmeyer-wilhelm\">Prof. Wilhelm Heitmeyer<\/a> hat regelm&auml;&szlig;ig nicht nur in seinen zehnj&auml;hrigen Langzeit-Studien &bdquo;Deutsche Zust&auml;nde&ldquo; darauf hingewiesen, dass neben weiteren Aspekten vor allem die Themen pers&ouml;nliche <em><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik\/interview-mit-wilhelm-heitmeyer--der-erfolg-der-afd-wundert-mich-nicht--24954352\">Anerkennung<\/a><\/em> sowie die <em>Entsicherung<\/em> der gesellschaftlich-sozialen Lage der Betreffenden entscheidende Ausl&ouml;ser und Katalysatoren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind. Einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die neben Obdachlosen, Homosexuellen, Behinderten, Arbeitslosen, Sinti und Roma sowie Angeh&ouml;rigen religi&ouml;ser Gruppen wie Juden oder Muslimen auch Fl&uuml;chtlingen und Zugewanderten entgegenschl&auml;gt. Diesen wird dann h&auml;ufig mit Vorurteilen, Abwertung und Ablehnung begegnet. W&auml;hrend also ein Teil der B&uuml;rger mit fehlender Anerkennung und\/oder dem zunehmenden Verlust ihrer Zukunftssicherheit konfrontiert ist, sucht er &uuml;ber den Weg der Abwertung Anderer seinen Wert und seine Anerkennung zu erhalten.<\/p><p>Die mangelnde Wertsch&auml;tzung wie auch die fehlende Sicherheit der Lebensverh&auml;ltnisse bestimmen seit Jahren den Alltag eines Teils unserer Bev&ouml;lkerung. Jens Berger verwies in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45722\">seinem Artikel<\/a> kurz nach den Chemnitzer Ereignissen darauf, dass die Wut der Menschen sich &uuml;ber Jahre hinweg aus den von ihnen erlebten gesellschaftlichen Missst&auml;nden gespeist und aufgestaut hat, die sich nun in diesen Kreisen immer st&auml;rker Bahn bricht. Eine Erkenntnis, die in den reichweitenstarken klassischen Nachrichtenformaten fast nie zur Sprache kommt. Die Palette der Ungerechtigkeiten reicht hierbei von den Agenda-Reformen, der &bdquo;Mutter des neoliberalen Umbaus&ldquo; unserer Gesellschaft, mit ihren dystopischen Auswirkungen vom untersten Rand der Gesellschaft bis tief hinein in deren Mitte, von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26257\">kaum das reine &Uuml;ber-Leben absichernden Grundsicherungsleistungen<\/a> bis hin zu den Sanktionsm&ouml;glichkeiten, mit denen das lebensnotwendige <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15274\">Existenzminimum grundgesetzwidrig unterschritten<\/a> wird. Von unzureichenden, prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen bis hin zu Leiharbeit und (unfreiwilliger) Teilzeitarbeit, die den Lebensunterhalt nicht sichern. Langzeitarbeitslose, denen die Dem&uuml;tigung widerf&auml;hrt, nach einer gewissen Zeit ohne Arbeit von den JobCentern ihre erlangte fachliche Qualifikation &ndash; Facharbeitern ebenso wie Akademikern &ndash; abgesprochen zu bekommen und dann als ungelernt eingestuft zu werden.<\/p><p>Sie reicht von den &bdquo;Rentenreformen&ldquo;, die heutige wie zuk&uuml;nftige Rentenempf&auml;nger immer zahlreicher in die Altersarmut f&uuml;hren wird, &uuml;ber Privatisierungen im Krankenhaus- und Pflegebereich, wodurch eine patientengerechte Versorgung ebenso wie ausreichendes Personal ausschlie&szlig;lich als Rendite-Risiko f&uuml;r die privaten Betreiber gelten und Patienten wie Mitarbeiter dementsprechend behandelt werden. W&auml;hrend Schuldenbremsen und Schwarze Nullen die dringend notwendigen Investitionen in verfallende Infrastruktur wie z.B. Schulen verhindern, sch&uuml;tzen im stillen K&auml;mmerlein unterzeichnete Freihandelsabkommen die Gewinninteressen von Konzernen gegen legitime Interessen der Bev&ouml;lkerungen. Ergo: eine Politik gegen die Belange des gro&szlig;en Teils der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Auf der anderen Seite ist die Politik trotz allen Jammerns &uuml;ber klamme Kassen sofort zur Stelle, um Banken mit Milliardenbetr&auml;gen zu retten, auf Einnahmen durch eine angemessene Erbschaftssteuer bei milliardenschweren &Uuml;bertragungen zu verzichten und auch sonst die Besitzer obsz&ouml;n hohen Verm&ouml;gens so wenig wie nur m&ouml;glich an gesellschaftlich notwendigen Aufgaben zu beteiligen. Und auch hier: eine Politik im Interesse nur &uuml;berschaubar weniger Reicher, zuungunsten der breiten Masse der B&uuml;rger. Analysiert man die aufgef&uuml;hrten Situationen, so muss man feststellen, dass sie eine mangelnde Anerkennung der Leistungen oder gar Lebensleistungen der Betreffenden zum Ausdruck bringen, Angst und Unsicherheit vor ihrer Zukunft erzeugen bzw. h&auml;ufig beides gleichzeitig hervorrufen. So bleibt festzuhalten, dass Heitmeyers Analyse hervorragend geeignet ist, die Entstehung und Verbreitung einer virulenten Wut auf die politisch-gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse und deren Protagonisten zu erkl&auml;ren.<\/p><p><strong>Demokratische Partizipation l&auml;uft ins Leere<\/strong><\/p><p>Dies wird noch dadurch verst&auml;rkt, indem alle Versuche aus der Bev&ouml;lkerung, auf diese Zust&auml;nde &ouml;ffentlich hinzuweisen und sie auf demokratischem Wege zu ver&auml;ndern, seitens der politischen Entscheidungstr&auml;ger fortlaufend ignoriert wurden und werden. Die Einf&uuml;hrung der Hartz-Reformen wurde von monatelangen machtvollen Demonstrationen mit mehreren hunderttausend &ndash; ja, richtig gelesen &ndash; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Montagsdemonstrationen_gegen_Sozialabbau_ab_2004\">mehreren hunderttausenden w&uuml;tenden B&uuml;rgern<\/a> begleitet. Selbst heute noch finden mancherorts allw&ouml;chentlich Montagsdemonstrationen statt, wie z.B. <a href=\"http:\/\/www.bremer-montagsdemo.de\/\">in Bremen<\/a>. All dies focht jedoch zu keiner Zeit die verantwortlichen Politiker an. Ohne Z&ouml;gern wurde die Politik der Verarmung und Entsicherung des Alltags des &auml;rmsten Teils der Bev&ouml;lkerung fortgesetzt, wie ich in einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33508\">Artikel vor zwei Jahren<\/a> schon festhielt.<\/p><p>Ebenso wenig wie der Widerstand in der Bev&ouml;lkerung gegen den grundgesetzwidrigen Sanktionsparagraphen, der beharrlich aufrechterhalten wird, die Politik endlich zu einem Richtungswechsel bewegen konnte. Machtvolle Demonstrationen und vielfach unterzeichnete Petitionen gegen TTIP und all die anderen, aus dem Hut gezauberten Freihandelsabkommen? Kein Problem &ndash; dann wird halt eine Fu&szlig;note ge&auml;ndert und das ansonsten gleiche Konstrukt in Hinterzimmern und unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit dennoch durchgesetzt. W&auml;hrend die Opfer im Autoabgas-Skandal die Kosten in Form von erheblichen Wertverlusten tragen m&uuml;ssen und von Fahrverboten bedroht sind, unternimmt die Politik alles, um die eigentlich Schuldigen, die betr&uuml;gende Autoindustrie, mit wachsweichen Ma&szlig;nahmen vor einschneidenden Schadensersatzforderungen zu bewahren. Einerseits die Verk&uuml;ndung wohlfeiler Umweltschutzziele, andererseits die gewaltsame R&auml;umung des Hambacher Forstes im Gesch&auml;ftsinteresse eines Energiekonzerns &ndash; trotz dass <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Wir-koennen-uns-auf-den-Rechtsstaat-nicht-verlassen-4171970.html\">drei Viertel der Deutschen dagegen<\/a> sind. Permanent bekommen die Menschen zu sp&uuml;ren, dass ihre Interessen wenig bedeuten und dass selbst massiver Widerstand von ihnen ungeh&ouml;rt, vor allem aber wirkungslos verhallt. Eine Demokratie unter Ausschluss von demokratischen Grunds&auml;tzen.<\/p><p><strong>Ostdeutschland: Zwei Wellen der Dem&uuml;tigung und Entsicherung in 25 Jahren<\/strong><\/p><p>Es gibt also sehr wohl Ursachen und Gr&uuml;nde, weshalb die Bev&ouml;lkerung in Deutschland w&uuml;tend auf die politischen Vertreter ist und diese Wut immer heftiger zum Vorschein kommt. Dies gilt allerdings f&uuml;r den Westen Deutschlands ebenso wie f&uuml;r den Osten. Doch warum nun ausgerechnet Chemnitz und K&ouml;then? Warum Dresden, Cottbus, Heidenau und Freital? Oder richtiger: Warum ausgerechnet Ostdeutschland?<\/p><p>Es ist das zweite Mal, dass die Ostdeutschen diese Gef&uuml;hle der Herabw&uuml;rdigung und der Entsicherung ihrer pers&ouml;nlichen Lebensverh&auml;ltnisse, am eigenen Leib oder in ihrer unmittelbaren Umgebung, miterleben m&uuml;ssen. Denn in den Jahren nach der Deutschen Einheit wurde nicht nur ihr gesamtes Leben vollst&auml;ndig auf den Kopf gestellt, sondern sie wurden auf Schritt und Tritt mit f&uuml;r sie dem&uuml;tigenden Erfahrungen konfrontiert. Schon der Umsturz so gut wie s&auml;mtlicher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen kam einer Schocktherapie gleich. Quasi von heute auf morgen waren die Ostdeutschen einem v&ouml;llig ver&auml;nderten juristischen, institutionellen, organisatorischen System unterworfen, das alle Lebensbereiche regelrecht umkrempelte. Was gestern noch galt, war heute falsch oder das gab es schon gar nicht mehr. Zur Demonstration m&ouml;chte ich hierbei an sp&auml;terer Stelle punktuell auf pers&ouml;nliche Erfahrungen zur&uuml;ckgreifen, da sie sehr hautnah beschreiben k&ouml;nnen, welche vielf&auml;ltigen und umfassenden Ver&auml;nderungen in das Leben der Ostdeutschen eingriffen. Die Gegebenheiten waren ostdeutschlandweit sehr &auml;hnlich oder gar gleich, nur die konkreten Subjekte variierten.<\/p><p>Die gravierendsten Umw&auml;lzungen hat die ostdeutsche Bev&ouml;lkerung sicherlich in Bezug auf ihr Erwerbsarbeitsleben durchlebt. Und auch hier ging es weit dar&uuml;ber hinaus, dass ein Arbeitsplatz in der nun neuen Gesellschaftsordnung f&uuml;r die meisten Menschen die einzig m&ouml;gliche Quelle zur finanziellen Lebenssicherung darstellte und damit zum Kriterium f&uuml;r eine (mehr oder minder) gesicherte oder eben unsichere Zukunft wurde. Denn der radikale Umsturz der Arbeitswelt in Ostdeutschland m&uuml;ndete allzu h&auml;ufig nicht nur in Br&uuml;chen des eigenen Arbeitslebens, sondern vielmehr in brutalen, h&auml;ufig auch irreversiblen Verwerfungen, die nie wieder ein Ankn&uuml;pfen an vorherige Qualifikationen und T&auml;tigkeiten zulie&szlig;en. Hochqualifizierte Facharbeiter mussten sich fortan als fachfremde Hilfsarbeiter, ABM-Besch&auml;ftigte oder Arbeitslose mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Auch Akademikern erging es da kaum anders. Wie stark der Umbruch war und dass dieser mit keiner auch noch so gro&szlig;en der &uuml;blichen Strukturver&auml;nderungen verglichen werden kann, d&uuml;rften schon die reinen Zahlen verdeutlichen: Von 9,8 Millionen Industrie-Arbeitspl&auml;tzen sind binnen k&uuml;rzester Zeit <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/zeitreise\/wer-braucht-den-osten-wirtschaft-video-102.html\">7,3 Millionen verschwunden<\/a>, also rund drei Viertel. Dass dabei gro&szlig;e Teile der DDR-Wirtschaft mit z.T. kriminellen Methoden ausgemerzt wurden und den Menschen so ihre Zukunft genommen wurde, zeichnet die Reportage <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Tnk0qPZ4cT4\">&bdquo;Beutezug Ost&ldquo;<\/a> eindrucksvoll nach. Dies steigerte die Wut dar&uuml;ber verst&auml;ndlicherweise noch weiter.<\/p><p>So hatten die Ostdeutschen nicht nur mit der Entsicherung ihrer Zukunft zu k&auml;mpfen, sondern sie erlitten dar&uuml;ber hinaus auch schwere Dem&uuml;tigungen bez&uuml;glich ihres bisherigen Lebens, ihrer Erfolge, ihrer erreichten Qualifikationen. Statt der versprochenen Kohlschen bl&uuml;henden Landschaften gab es eine Vielzahl von Brachen und Ruinen im pers&ouml;nlichen Umfeld. Auch wenn nun viele Stra&szlig;en, vornehmlich die Autobahnen, wiederhergerichtet und die Innenst&auml;dte in neuen Glanz getaucht wurden &ndash; an den <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/02\/afd-bitterfeld-fluechtlinge-kapitalismus-arbeiterstadt\">Lebens- und Arbeitsverh&auml;ltnissen der Menschen<\/a> &auml;nderte dies ja nicht das Geringste. Im Gegenteil. Gerade l&auml;ndliche Gebiete ver&ouml;deten zusehends. Konsum-Verkaufsstellen vor Ort wurden en masse geschlossen &ndash; die 40 km entfernten, neuentstandenen Konsumtempel der Einkaufszentren waren hingegen nur noch mit dem Auto zu erreichen. Kneipen, Gastst&auml;tten und Jugendclubs verschwanden. Die Verkehrsinfrastruktur wurde immer st&auml;rker ausged&uuml;nnt &ndash; Buslinien wurden nur noch einige wenige Male am Tag bedient, Eisenbahnstrecken wurden ganz stillgelegt. Kreisgebietsreformen wurden mit dem Ziel der Kostensenkung herbeigef&uuml;hrt und schufen neue, erheblich gr&ouml;&szlig;ere Kreise, die das Erreichen von Kreis&auml;mtern, Polizeistellen, Schulen und Krankenh&auml;usern zu einer Mammutaufgabe von mehreren Stunden werden lie&szlig;en. Anstatt all dies jedoch zu realisieren, wurde landauf landab der herabw&uuml;rdigende Begriff des &bdquo;Jammer-Ossis&ldquo; gepr&auml;gt und die Ostdeutschen, neben ihren realiter erlittenen Dem&uuml;tigungen, nun auch <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/jana-hensel-und-wolfgang-engler-im-gespraech-der-kollaps.1270.de.html?dram:article_id=428203\">in der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung herabgew&uuml;rdigt<\/a>. Stattdessen wurde gern darauf verwiesen, dass mit der Einf&uuml;hrung des gr&uuml;nen Abbiege-Pfeiles im Westen nun dort ebenfalls Bahnbrechendes geleistet wurde und man damit an der Grenze des Zumutbaren angekommen sei.<\/p><p>Wie auch schon in den beiden Artikeln aus dem Jahr 2015 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27795\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28602\">hier<\/a> zu den Vorg&auml;ngen der Leipziger Montagsdemonstrationen beschrieben, habe ich mein Studium in Leipzig absolviert. Meine Hochschule existiert in dieser Form heute nicht mehr, ich geh&ouml;rte dem drittletzten Jahrgang an, der dort noch studiert hatte. Die Hochschule wurde &ndash; wie es damals an vielen Ecken und Kanten Ostdeutschlands gang und g&auml;be war &ndash; &bdquo;abgewickelt&ldquo;, also aufgel&ouml;st. Kurz darauf wurde sie unter ihrem alten Namen, nun aber als private Hochschule neu gegr&uuml;ndet. Vom wissenschaftlichen sowie nichtwissenschaftlichen Personal hat so gut wie niemand den &Uuml;bergang an die neue Hochschule geschafft. Die Absolventen eines &auml;lteren Jahrgangs meiner Hochschule erhielten gar nur eine Art Fachhochschulabschluss mit der Begr&uuml;ndung, dass sie &uuml;berwiegende Teile ihres Studiums unter DDR-Bedingungen absolviert h&auml;tten und deshalb ein Hochschuldiplom nicht gerechtfertigt w&auml;re. So beraubte man Menschen ihrer erworbenen Qualifikationen und schm&auml;lerte damit gleichzeitig ihre zuk&uuml;nftigen Jobchancen. (Vergleichbares gab es im &Uuml;brigen auch f&uuml;r einen Teil derjenigen, die schon einen Hochschul- oder aber auch Facharbeiter-Abschluss hatten und im Berufsleben standen. Deren Abschl&uuml;sse wurden in bestimmten F&auml;llen in geringerwertige Qualifikationen umgewandelt, auch zum Teil mit der Begr&uuml;ndung, dass es diese Abschl&uuml;sse in der alten Bundesrepublik so nicht g&auml;be.) Andere Hochschulen traf es noch viel heftiger. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Hochschule_f%C3%BCr_K%C3%B6rperkultur\">DHfK Leipzig<\/a>, eine Sporthochschule mit einem enormen Renommee, welche auch international erfolgreiche Trainer ausgebildet hatte, wurde 1990\/91 mit der Begr&uuml;ndung abgewickelt, dass sie im Mittelpunkt des staatlichen Dopingsystems gestanden habe. &Uuml;ber diesen durchaus diskussionsw&uuml;rdigen Punkt hinaus existieren jedoch auch nicht von der Hand zu weisende Ger&uuml;chte, dass eine <a href=\"http:\/\/www.grh-ev.org\/fileadmin\/user_upload\/GRH\/Informationen\/Sonderdruck_DHfK_Aug_2015.pdf\">politische Einflussnahme<\/a> zugunsten der Abwicklung bestand, um die Sporthochschule K&ouml;ln als dann einzige Sporthochschule in ganz Deutschland zu etablieren.<\/p><p>Auch sonst &auml;nderte sich die personelle Zusammensetzung s&auml;mtlicher gesellschaftlicher Bereiche ab 1990, teils gar noch vor dem offiziellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, radikal. Dies war sicherlich in einem gewissen Ma&szlig;e ebenso berechtigt wie notwendig. Was dann jedoch erfolgte, war mehr oder minder ein Austausch der ostdeutschen Nomenklatura durch westdeutsches Personal, h&auml;ufig aus der dortigen zweiten Reihe. So waren es zum einen die Wirtschaftsunternehmen aus dem Westen, die in ihren neuentstandenen Zweigniederlassungen und Filialen die direkten Leitungspositionen mit Westimporten versahen und auch das nachgeordnete F&uuml;hrungs- und Verwaltungspersonal &ndash; sofern &uuml;berhaupt vor Ort vorhanden &ndash; zum nicht geringen Teil aus der alten Bundesrepublik rekrutierten. Auch den &uuml;bernommenen und aufgekauften Firmen aus der alten DDR standen bald westdeutsche Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer vor, die kurz darauf mit Rationalisierungsma&szlig;nahmen, i.S.v. massenhaften Entlassungen, begannen. Bisherige Mitarbeiter oder gar F&uuml;hrungskr&auml;fte, aber auch ostdeutsche Berufsanf&auml;nger hatten im allerbesten Fall die M&ouml;glichkeit, in nachgeordneten Bereichen einen Arbeitsplatz zu erhalten oder mussten gar, sofern es ihre Lebensverh&auml;ltnisse zulie&szlig;en, ihre Heimat zur Arbeitssuche verlassen.<\/p><p>Doch nicht nur in der Privatwirtschaft fand solch ein radikaler Austausch des F&uuml;hrungspersonals statt. Gleiches wurde im &ouml;ffentlichen Verwaltungssystem praktiziert. Auch hier wurde die oberste F&uuml;hrungsebene, wenngleich auch nicht so radikal wie in der privaten Wirtschaft, mit &uuml;berwiegend Westdeutschen besetzt. Das reichte dann von den Ministerpr&auml;sidenten der neugegr&uuml;ndeten Bundesl&auml;nder in den fr&uuml;hen neunziger Jahren wie Kurt Biedenkopf, Werner M&uuml;nch und Bernhard Vogel &uuml;ber verschiedene Oberb&uuml;rgermeister zumeist gro&szlig;er ostdeutscher St&auml;dte wie beispielsweise Chemnitz, Leipzig, Halle oder Rostock bis hin zu leitenden Beamten, Verwaltungsleitern oder Direktoren kommunaler Einrichtungen. Diese f&uuml;hrten in ihrem Tross eine Anzahl, zumeist auch j&uuml;ngerer, Mitarbeiter mit sich, die gleichfalls mit Posten versorgt wurden, sodass auf Jahre hinaus, und oft <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/prominente-ostdeutsche-warnen-dieses-land-wird-vom-westen-dominiert-1.3887286\">noch bis heute<\/a>, die Vorherrschaft Westdeutscher unverr&uuml;ckbar war, was gleichzeitig den Aufstieg Ostdeutscher verhinderte. Grundlage daf&uuml;r waren h&auml;ufig die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_L%C3%A4nder#Neuaufbau_der_L%C3%A4nder-_und_Kommunalverwaltungen_nach_1990\">&bdquo;L&auml;nderprogramme f&uuml;r den Verwaltungsaufbau in den neuen L&auml;ndern&ldquo;<\/a> wie auch die vermehrt in den achtziger Jahren geschlossenen St&auml;dtepartnerschaften zwischen ost- und westdeutschen St&auml;dten. Dass hierbei den Beamten in den Anfangsjahren, aber auch noch in F&auml;llen <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/56827.buschzulage-fuer-hartz-vollstrecker.html\">Mitte der 2000-er Jahre<\/a>, Sonderzahlungen zuteilwurden, sorgte, zus&auml;tzlich zu der herabw&uuml;rdigenden umgangssprachlichen Bezeichnung als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buschzulage\">&bdquo;Buschzulage&ldquo;<\/a>, f&uuml;r Frustration und ein tiefes Ungerechtigkeitsgef&uuml;hl bei vielen Ostdeutschen, welche zum gleichen Zeitpunkt das exakte Gegenteil am eigenen Leib durchleben mussten: Arbeitslosigkeit, Existenz&auml;ngste und mangelnde Wertsch&auml;tzung.<\/p><p>So existiert, nur als ein Beispiel, seit 1987 zwischen Leipzig und Hannover eine St&auml;dtepartnerschaft. Diese legte die Basis daf&uuml;r, dass der ehemalige Stadtdirektor von Hannover, Hinrich Lehmann-Grube, 1990 zum neuen Oberb&uuml;rgermeister Leipzigs gew&auml;hlt wurde. Dar&uuml;ber hinaus wurden noch weitere Stellen mit Personal aus Hannover besetzt. Auch wenn dies nicht per se kritikw&uuml;rdig ist, so muss jedoch festgehalten werden, dass mit dieser nur einseitigen Personalverschiebung von West nach Ost so die Zukunftsperspektiven der Ostdeutschen nicht nur eingeschr&auml;nkt, sondern dadurch auch stark entsichert sowie eine Abwertung ihrer bisherigen Leistungen vorgenommen wurden. Und ohne dass diese erste Welle der Verunsicherung und Entw&uuml;rdigung jemals deutlich abgeebbt w&auml;re, erst recht nicht nachhaltig, st&uuml;rzte mit der rot-gr&uuml;nen Reformpolitik der 2000-er Jahre eine zweite verheerende Welle &uuml;ber sie herein, die ihre Zukunft noch weiter entsicherte und ihnen neue Dem&uuml;tigungen zuf&uuml;gte.<\/p><p><strong>Integriert doch erst mal uns!<\/strong><\/p><p>All diese Dem&uuml;tigungen ebenso wie die best&auml;ndig nie enden wollende Entsicherung ihrer Lebensverh&auml;ltnisse stauten sich &uuml;ber die Jahre immer st&auml;rker an. W&auml;hrenddessen erkl&auml;rten ihnen Politiker und die diese widerk&auml;uenden Medien allerdings in dauerhafter Penetranz immer und immer wieder, dass es &bdquo;uns gut geht&ldquo;. Somit konnte jeder, der seine eigene Situation anders wahrnahm, entweder nur selbst daran schuld sein oder es stimmte etwas mit seiner Wahrnehmung nicht, er <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">&bdquo;f&uuml;hlt sich nur abgeh&auml;ngt&ldquo;<\/a>. Diese andauernde Ignoranz und die pers&ouml;nliche Schuldzuweisung an den Einzelnen machten immer mehr Menschen w&uuml;tend. Ihre Versuche, sich &ouml;ffentlich Geh&ouml;r zu verschaffen, verpufften im Nichts. Als selbst ihr letzter, verzweifelter Versuch einer demokratischen Einflussnahme &ndash; ihre Entscheidung, keine der sie ignorierenden Parteien mehr zu w&auml;hlen &ndash; gleichfalls an einer Wand der Gleichg&uuml;ltigkeit zerschellte, steigerte sich ihre Wut in ohnm&auml;chtige Wut und begann, langsam unkontrolliert um sich zu schlagen.<\/p><p>In dieser hoch geladenen Situation traf diese ohnm&auml;chtige Wut mit der relativ neuen rechten Partei AfD, die diffus zwischen Euro-Kritik und schon erkennbar national-chauvinistischen Parolen umherwaberte und die massiv die bisherigen, etablierten Parteien angriff, sowie mit den aufkeimenden Pegida-Demonstrationen, welche schon 2014, also vor Beginn der Fl&uuml;chtlingskrise, ihren Anfang hatten, zusammen. Der bei beiden besonders intensiv ge&auml;u&szlig;erten Parole &bdquo;Merkel muss weg!&ldquo; sowie der grundlegenden Kritik an den etablierten Parteien vermochten die w&uuml;tenden B&uuml;rger sich bedenkenlos anzuschlie&szlig;en. Dass sie dar&uuml;ber hinaus auch mehr als nur zweifelhaften Losungen hinterherliefen, war ihnen in ihrer ohnm&auml;chtigen Wut inzwischen egal oder sie blendeten es, bewusst oder unbewusst, aus. Denn sie bemerkten, dass es ihnen nur so gelang, &uuml;berhaupt noch Aufmerksamkeit und eine Reaktion auf ihre Wut hervorzurufen. So nahmen sie dann auch zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens dankbar jede Halb- oder Unwahrheit auf, die ihnen in Bezug auf Fl&uuml;chtlinge aus dem rechtsradikalen Milieu unterbreitet wurde, welches ja nicht unerheblich auf fremdenfeindliche Stimmungsmache zielt.<\/p><p>W&auml;hrenddessen also seit Jahren und Jahrzehnten die Politik kein Geld f&uuml;r die normale Bev&ouml;lkerung zu haben vorgibt &ndash; siehe Rentenpolitik, Sozialleistungen, marode Infrastruktur, Personalabbau bei Verwaltungen, Polizei, Gesundheits- und Pflegewesen &ndash; w&uuml;rde dies kein Problem darstellen, so deren Darlegungen, wenn es um Fl&uuml;chtlinge geht. Und hier ergibt sich ein ma&szlig;geblicher Ankn&uuml;pfungspunkt f&uuml;r die fremdenfeindlichen Argumentationen vonseiten Rechter zu den konkreten N&ouml;ten der Menschen. Dabei wird immer wieder der Vorwurf laut, dass Zuwanderer eine andere, eine bessere Behandlung erfahren w&uuml;rden als die einheimische Bev&ouml;lkerung. Oder wie ein ber&uuml;chtigter Satz regelm&auml;&szlig;ig, so oder so &auml;hnlich, zu h&ouml;ren ist: &bdquo;Die [Fl&uuml;chtlinge, L. H.] bekommen Zucker in den Arsch geblasen.&ldquo; Auch wenn eine Besserstellung von Zuwanderern gegen&uuml;ber Einheimischen den Fakten widerspricht, so ist jedoch eine tiefe Unzufriedenheit &uuml;ber die eigene Situation und die ihnen entgegengebrachte Wertsch&auml;tzung bei denjenigen, die einen solchen Satz aussprechen, unverkennbar. Nicht von ungef&auml;hr lautet der Titel eines aktuellen Buches der s&auml;chsischen Integrationsministerin, Petra K&ouml;pping (SPD): <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2018\/09\/Integriert-doch-erst-mal-uns-Petra-Koeppings-fulminante-Streitschrift-fuer-den-Osten-232611\">&bdquo;Integriert doch erst mal uns!&ldquo;<\/a>. Es ist eines der seltenen Male, in denen ein(e) Politiker(in) ernsthaft den Menschen zuh&ouml;rt, ihre Problemlagen, ihre viel beschworenen Sorgen und N&ouml;te ernstnimmt und diese reflektiert. K&ouml;pping greift die vielen Dem&uuml;tigungen auf, beschreibt die vielf&auml;ltigen, immer neuen Versuche der Ostdeutschen in den langen Jahren nach der Deutschen Einheit, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden, neue Sicherheit in ihre Zukunft zu gewinnen und Anerkennung zu erfahren. Stattdessen ernteten sie jedoch h&auml;ufig Geringsch&auml;tzung, Ablehnung und Vorhaltungen. Wer solcherart selbst nur rudiment&auml;r Integration erfahren hat, der tut sich nun seinerseits schwerer damit, Andere aktiv bei deren Integration zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Es sollte also klar geworden sein, dass die Rechts-Entwicklung keineswegs ein ostdeutsches, erst recht nicht ein s&auml;chsisches Ph&auml;nomen ist. Diese Entwicklungen sind nicht entstanden, weil die s&auml;chsischen M&auml;nner aufgrund des Wegzuges eines nicht unerheblichen Teils von Frauen schlicht nur <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ljAZ5g7aAHo\">&bdquo;unterv&ouml;gelt&ldquo;<\/a> sind und erst recht sind sie <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/25910\/ist-der-rechtsextremismus-im-osten-ein-produkt-der-autoritaeren-ddr?p=all\">kein Erbe der DDR-Vergangenheit<\/a>, wie immer wieder gern unterstellt wird. Stattdessen stellen sie ein Produkt der politischen Entscheidungen dar &ndash; der &auml;lteren und j&uuml;ngeren Vergangenheit ebenso wie der Gegenwart. Im Osten wie im Westen. Einer Politik, die gegen die elementaren Interessen einer Vielzahl der B&uuml;rger gerichtet ist, die das hohe Gut der Zukunftssicherheit dieser Menschen geschleift hat und die ihnen best&auml;ndig neue Dem&uuml;tigungen zuf&uuml;gt, um noch einmal explizit die Erkl&auml;rungen Wilhelm Heitmeyers herauszustreichen. W&auml;hrend die Politik selbst nur Demokratie simuliert, Kritik und &Auml;nderungsbekundungen ins Leere laufen l&auml;sst und in ihrem Umgang mit den B&uuml;rgern nur ihre Verachtung zum Ausdruck bringt.<\/p><p>Soll vermieden werden, dass Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte dauerhaft den Kontakt zu den rechtsextremen Einpeitschern nicht mehr scheuen, weil sie sich von allen verraten und verkauft f&uuml;hlen, dann ist ein energisches Herumrei&szlig;en des Ruders absolut zwingend. Keine billigen politischen Floskeln, kein Machiavellismus neuzeitlicher Pr&auml;gung, keine &bdquo;Wir-m&uuml;ssen-den-Menschen-nur-unsere-Politik-besser-erkl&auml;ren&ldquo;-Rhetorik. Eine bessere Politik ist n&ouml;tig. Die die Sicherung der Zukunft ihrer B&uuml;rger wieder ernstnimmt und jedem Einzelnen die ihm geb&uuml;hrende Achtung entgegenbringt. Keine Fassadendemokratie, sondern wahrhaftige Demokratie. Politik f&uuml;r die Menschen. F&uuml;r die Vielen, nicht die Wenigen. Denn schlie&szlig;lich ist Chemnitz &uuml;berall.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Lutz Hausstein<\/strong>, Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. Seit der Einf&uuml;hrung der Agenda 2010 beteiligt er sich aktiv am Kampf gegen Armut, Ungleichheit und f&uuml;r soziale Gerechtigkeit. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen (2012), Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; (2012) sowie Mitautor des NGfP-Sammelbandes &bdquo;Gesellschaftliche Spaltungen&ldquo; (2018).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den Demonstrationen mit fremdenfeindlichen Parolen ist der Name &bdquo;Chemnitz&ldquo; zum Synonym f&uuml;r massive rechtsradikale Entwicklungen, insbesondere in Ostdeutschland, geworden. W&auml;hrend sich die nachfolgenden Diskussionen um Maa&szlig;en und Co. immer weiter vom eigentlichen Thema entfernten, blieb die vielleicht wichtigste Frage v&ouml;llig unbeantwortet. Waren das alles Rechtsextreme, die in Chemnitz demonstrierten? Und falls &bdquo;Nein&ldquo;, wo liegen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46859\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,159,165,125,146],"tags":[1550,635,1543,1055,895,2460,634,1494,2508,575,1433,588,1221,633,288,1352,479,1895,2037,340],"class_list":["post-46859","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rechte-gefahr","category-soziale-gerechtigkeit","tag-agenda-2010","tag-altersarmut","tag-deutsche-einheit","tag-fluechtlinge","tag-freihandel","tag-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit","tag-heitmeyer-wilhelm","tag-infrastruktur","tag-koepping-petra","tag-ostdeutschland","tag-pegida","tag-personalabbau","tag-perspektivlosigkeit","tag-politikerverdrossenheit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-rechtsruck","tag-reservearmee","tag-schwarze-null","tag-zukunftsangst","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46859"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48440,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46859\/revisions\/48440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}