{"id":46871,"date":"2018-11-02T11:48:37","date_gmt":"2018-11-02T10:48:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46871"},"modified":"2019-09-10T11:27:17","modified_gmt":"2019-09-10T09:27:17","slug":"das-abschlachten-meiner-freunde-und-nachbarn-war-kein-syrisches-projekt-die-plaene-dazu-wurden-in-europa-entwickelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46871","title":{"rendered":"\u201eDas Abschlachten meiner Freunde und Nachbarn war kein syrisches Projekt. Die Pl\u00e4ne dazu wurden in Europa entwickelt.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das steht im Brief einer amerikanischen &Auml;rztin, die im syrischen Latakia lebt, an <strong>Bernd Duschner<\/strong> von der Hilfsorganisation Freundschaft-mit-Valjevo. Wir geben diesen Brief wieder, verbunden mit einer Einf&uuml;hrung von Bernd Duschner und einem Spendenaufruf. Im vergangenen Jahr hatten die NachDenkSeiten schon einmal zur Unterst&uuml;tzung aufgerufen. &Uuml;berwiegend durch Spenden von NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern war damals die Herstellung und Verteilung von Winterbekleidung f&uuml;r nahezu 1000 Kinder und Jugendliche in Damaskus finanziert worden. Dies vorweg, nun Einf&uuml;hrung und Brief aus Syrien. &ndash; &bdquo;D&uuml;rfen wir weiter zu den Sanktionen gegen Syrien schweigen?&ldquo; So fragt Bernd Duschner mit Recht. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>D&uuml;rfen wir weiter zu den Sanktionen gegen Syrien schweigen?<\/strong><\/p><p>Tiefe Entt&auml;uschung spricht aus dem Brief, den mir vor wenigen Tagen die in Syrien lebende &Auml;rztin Lilly Martin Sahiounie geschrieben hat. In ihren Augen tragen wir als EU-B&uuml;rger mit unserer Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber den Folgen der Sanktionen erhebliche Mitschuld an der Not, dem Elend, den Zerst&ouml;rungen und dem Blutvergie&szlig;en in Syrien.<\/p><p>Seit 2011 halten EU und Bundesregierung umfassende Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegen Syrien aufrecht: Die Auslandskonten des syrischen Staates&nbsp; und seiner Firmen wurden &bdquo;eingefroren&ldquo;, Importe aus Syrien, insbesondere von &Ouml;l, seinem wichtigsten Devisenbringer, verboten, das Land vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Syrien soll an keine Devisen kommen, so dass es die notwendigen Rohstoffe, Waren und Maschinen f&uuml;r seine Industrie und Landwirtschaft, sowie f&uuml;r Versorgung der Bev&ouml;lkerung auf dem Weltmarkt nicht einkaufen kann. Dazu kommen explizite Exportverbote nach Syrien, die gerade die Bereiche treffen, die f&uuml;r den Wiederaufbau besonders wichtig sind, wie die &Ouml;l\/Gasindustrie und die Energiewirtschaft. <\/p><p>Die sorgf&auml;ltig ausgearbeiteten Sanktionen sind bewusst so gestaltet, dass sie die Wirtschaft des Landes lahmlegen, Massenarbeitslosigkeit schaffen und die Bev&ouml;lkerung in Armut und Elend treiben, damit sie in ihrer Verzweiflung gegen die eigene Regierung aufsteht und dem Westen den gew&uuml;nschten &bdquo;Regime change&ldquo; erm&ouml;glicht.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Unser Verein &bdquo;Freundschaft mit Valjevo e.V.&ldquo; fordert seit Jahren die Aufhebung der unmenschlichen und v&ouml;lkerrechtswidrigen [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Sanktionen. Aktuell sammeln wir f&uuml;r das Italienische Krankenhaus in Damaskus Gelder f&uuml;r den Einkauf dringend ben&ouml;tigter medizinischer Ger&auml;te, so u.a. f&uuml;r EKG, Laryngoskope, Spritzpumpen, aber auch f&uuml;r Bettw&auml;sche. Wer bei dieser humanit&auml;ren Hilfe mitwirken m&ouml;chte, den bitten wir um <strong>Spenden auf unser Konto bei der Sparkasse Pfaffenhofen IBAN DE06 7215 1650 0008 0119 91, Stichwort: Krankenhaus Damaskus<\/strong>.<\/p><p>Nachfolgend ein Schreiben der amerikanischen &Auml;rztin Lilly Martin Sahiouni an Bernd Duschner. Die &Uuml;bersetzung aus dem Englischen hat J&uuml;rgen Jung erstellt.<\/p><p><strong>Brief einer amerikanischen &Auml;rztin aus Latakia<\/strong><\/p><p>Lieber Herr Duschner,<\/p><p>ich m&ouml;chte Ihnen zu Syrien schreiben, und Sie k&ouml;nnen den Text ver&ouml;ffentlichen.<\/p><p>Ich hei&szlig;e Lilly Martin, bin eine amerikanische B&uuml;rgerin und lebe seit &uuml;ber 25 Jahren in Latakia in Syrien. Seit 40 Jahren bin ich mit einem Syrer verheiratet. Bevor ich nach Syrien auswanderte, arbeitete ich als &Auml;rztin in Kalifornien.<\/p><p>Latakia liegt an der K&uuml;ste und ist eine Hafenstadt. Aber der Tourismus bildet die wichtigste Einkommensquelle, da es ein Badeort ist. Neben den Str&auml;nden gibt es noch zwei bekannte Luftkurorte, die nur eine Stunde Fahrtzeit entfernt sind und wegen ihrer k&uuml;hlen Bergluft im Sommer wichtige Ziele f&uuml;r Touristen darstellen.<\/p><p>Ich hatte in Syrien niemals religi&ouml;se Konflikte erlebt. Dank des s&auml;kularen Charakters der syrischen Regierung hatte jedermann vor dem Gesetz die gleichen Rechte, und untereinander verhielten sich die Syrer aller Glaubensrichtungen freundlich, ja herzlich. Ich kann mich an die Angriffe von USA und Nato gegen Jugoslawien erinnern, und ich stellte mir damals die Frage, ob etwas &Auml;hnliches hier passieren k&ouml;nnte. <\/p><p>Dann kam der Angriff der USA auf den Irak. Syrien war davon nicht betroffen, abgesehen davon, dass es 2 Millionen Fl&uuml;chtlinge aufnahm. 2010 reisten Angelina Jolie und Brad Pitt nach Syrien, um irakische Fl&uuml;chtlinge in Damaskus zu besuchen. Sie trafen sich mit dem syrischen Pr&auml;sidenten Assad und seiner Frau, um ihnen f&uuml;r ihre Hilfe f&uuml;r die Fl&uuml;chtlinge zu danken.<\/p><p>Nicht lange, nachdem ein riesiges Gasfeld vor der K&uuml;ste Syriens entdeckt wurde, begann der Angriff von USA und Nato in Syrien. Ich dachte, die Krise w&uuml;rde nur kurz andauern, weil ich wusste, dass die Mehrheit der syrischen B&uuml;rger die Ideologie eines radikalen Islam nicht unterst&uuml;tzte. Es gab eine kleine Minderheit, die der Ideologie der Muslim-Br&uuml;der folgte, aber eine kleine Minderheit kann keine Revolution machen. Diese Leute bauten jedoch nicht auf die Unterst&uuml;tzung der syrischen Bev&ouml;lkerung, sie hatten die gesamte westliche Welt hinter sich, die USA, Gro&szlig;britannien, Deutschland, die EU, Frankreich, Kanada und Australien. Als sie Fu&szlig;truppen brauchten, riefen sie Al Qaeda aus Europa, Afrika und Asien ins Land. Bald hatte die US-Nato-Kriegsmaschine alle ben&ouml;tigten Truppen und Waffen beisammen.  <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181102-syrien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Zwischenzeitlich wurden meine Nachbarn get&ouml;tet. Das kleine christliche Dorf Kessab nahe Latakia wurde von t&uuml;rkischem Milit&auml;r angegriffen, das mit den US-Nato-Terroristen zusammenarbeitete. Mein eigenes Haus dort wurde zerst&ouml;rt, meine Nachbarn enthauptet. Das war 2014, und wir k&ouml;nnen immer noch nichts in Kessab instandsetzen, da die Terroristen in Idlib so nah sind und noch immer, wie gerade vor zwei Wochen, Raketen auf Kessab abfeuern.<\/p><p>Die Krankenh&auml;user sind ge&ouml;ffnet und es gibt &Auml;rzte. Wegen der Sanktionen der USA und der EU werden Medikamente f&uuml;r die Chemotherapie allerdings nicht mehr kostenlos ausgegeben. Sie d&uuml;rfen nicht importiert werden. Syrien hatte f&uuml;r alle B&uuml;rger eine kostenlose medizinische Versorgung. Die westlichen Pharmafirmen verkaufen nichts direkt nach Syrien, weil sie wegen der Sanktionen Angst haben, strafrechtlich belangt zu werden. Ich habe Firmen beschworen, Medikamente zu schicken. Sie haben aber panische Angst, wegen eines Versto&szlig;es gegen die Sanktionen strafrechtlich verfolgt zu werden und Bu&szlig;gelder zahlen zu m&uuml;ssen. Ich habe viele Firmen angeschrieben, ohne jeden Erfolg. Ich habe den US-Kongress diesbez&uuml;glich angeschrieben, ohne je eine Antwort zu bekommen. Im Westen hergestellte Medikamente m&uuml;ssen deshalb zu &uuml;berh&ouml;hten Preisen im Libanon gekauft werden.<\/p><p>Vor Kurzem fuhr ich nach Damaskus. Ich war gl&uuml;cklich, die Stadt in strahlender Sch&ouml;nheit und voll von Millionen B&uuml;rgern zu sehen, die arbeiten und studieren. Ich sprach mit Freunden in Aleppo, die zur&uuml;ckgekehrt sind und ihr Leben wieder aufgebaut haben. Sie sagen, die Stadt arbeite mit ganzer Kraft am Wiederaufbau. Tats&auml;chlich gab es k&uuml;rzlich in Aleppo einen viel beachteten Marathonlauf und mehrere Konzerte. <\/p><p>Tatsache ist: Damaskus, Aleppo, Homs und Latakia sind sichere, funktionierende Orte, die heute wie ganz normale St&auml;dte aussehen. Warum also kommen wir wirtschaftlich nicht voran? Weil die Wirtschaftssanktionen der USA und der EU verhindern, dass die Syrer arbeiten, importieren, exportieren und ein normales Leben  f&uuml;hren k&ouml;nnen. Die syrische Bev&ouml;lkerung wird kollektiv von den westlichen Nationen bestraft, weil wir schuldig sind, den Krieg der US-Nato-Kriegsmaschine gegen uns &uuml;berlebt zu haben.  <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181102-syrien-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<em>(Kassab Protestant Church)<\/em><\/p><p>H&auml;ndler, die Maschinen aus dem Ausland importieren m&ouml;chten, um Syrien wieder aufzubauen und zu sanieren, werden daran gehindert, weil es f&uuml;r jede Bank auf der Welt ein Versto&szlig; gegen Gesetze ist, Geld von einem H&auml;ndler in Syrien zur Bezahlung zu akzeptieren. Aufgrund der Sanktionen von USA und EU ist es jedermann in Syrien verboten, Bestellungen aufzugeben oder irgendetwas zu importieren &ndash; d. h. null Chance f&uuml;r Aufbau und wirtschaftliche Erholung!<\/p><p>Letztendlich m&uuml;ssen die westlichen B&uuml;rger der USA, Nato und EU ihre Mitschuld an der Zerst&ouml;rung Syriens einr&auml;umen. Sie sind keineswegs unschuldig. Sie sind W&auml;hler und leben unter demokratisch gew&auml;hlten F&uuml;hrungen. Wenn ihnen die Au&szlig;enpolitik gegen&uuml;ber Syrien gleichg&uuml;ltig ist und sie zu besch&auml;ftigt sind, um Bedenken hinsichtlich der Verwendung ihrer Steuern zu &auml;u&szlig;ern &ndash; in diesem Fall zur Finanzierung von Terrorismus &ndash; dann m&uuml;ssen sie auch ihre Mitschuld akzeptieren. Das Abschlachten meiner Freunde und Nachbarn war kein syrisches Projekt. Die Pl&auml;ne dazu wurden in Europa entwickelt und die Treffen der &bdquo;Freunde Syriens&ldquo; fanden dort statt.<\/p><p>Alle Europ&auml;er m&uuml;ssen sich entscheiden, ob sie Teil der L&ouml;sung oder Teil des Problems sein m&ouml;chten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe dazu &bdquo;&Ouml;lembargo der EU-Staaten. Wie hart treffen Syrien die Sanktionen?&ldquo; Tagesschau vom 30.08.2011; &bdquo;Syrien geht der Sprit aus&ldquo;, Wirtschaftswoche vom 1.9.2012<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] In ihrer Resolution vom 22. Dezember 2011 hat die UN Vollversammlung einseitige wirtschaftliche Zwangsma&szlig;nahmen, die ohne Genehmigug der UN erfolgen, als flagrante Verletzung des V&ouml;lkerrechts verurteilt und ihre Aufhebung gefordert, siehe United Nations A\/Res\/66\/186<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das steht im Brief einer amerikanischen &Auml;rztin, die im syrischen Latakia lebt, an <strong>Bernd Duschner<\/strong> von der Hilfsorganisation Freundschaft-mit-Valjevo. Wir geben diesen Brief wieder, verbunden mit einer Einf&uuml;hrung von Bernd Duschner und einem Spendenaufruf. Im vergangenen Jahr hatten die NachDenkSeiten schon einmal zur Unterst&uuml;tzung aufgerufen. &Uuml;berwiegend durch Spenden von NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern war damals die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46871\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,171],"tags":[712,2222,466,1418,1481,1553,1556,2474,1019],"class_list":["post-46871","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-arzneimittel","tag-humanitaere-hilfe","tag-nato","tag-regime-change","tag-spendenaufruf","tag-syrien","tag-usa","tag-wiederaufbau","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46871","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46871"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46871\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54694,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46871\/revisions\/54694"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46871"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46871"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46871"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}