{"id":46895,"date":"2018-11-05T10:21:40","date_gmt":"2018-11-05T09:21:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46895"},"modified":"2019-05-20T07:44:06","modified_gmt":"2019-05-20T05:44:06","slug":"iran-atomabkommen-trumps-rueckzug-als-chance-fuer-die-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46895","title":{"rendered":"Iran-Atomabkommen: Trumps R\u00fcckzug als Chance f\u00fcr die EU"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Austritt der USA aus dem Iran-Atomabkommen im Mai d. J. will US-Pr&auml;sident Trump, wie angek&uuml;ndigt, am 4. November die zweite Phase der Sanktionen gegen den Iran einleiten. Diese Sanktionen richten sich jetzt vor allem gegen iranische &Ouml;lexporte. Sie sollen durch eine drastische Reduzierung von &Ouml;leinnahmen einen maximalen Druck auf die iranische Regierung erzeugen. Damit eskaliert der seit 2003 schwelende und 2016 vorerst beigelegte Konflikt auf eine neue Stufe. Im Folgenden werden die Hintergr&uuml;nde und Folgen dieser Konflikteskalation analysiert. Von <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hintergrund des Iran-Atomkonflikts<\/strong><\/p><p>Der Iran-Atomkonflikt ist zweifellos ein Bestandteil des regionalen Wettr&uuml;stens und man muss hinzuf&uuml;gen, das gef&auml;hrlichste Element dieser Entwicklung. Einerseits ist dieser Konflikt sehr stark mit dem vielschichtigen israelisch-iranischen Konflikt verwoben. Andererseits entstand er auch vor dem Hintergrund des irakischen Chemiewaffeneinsatzes im iranisch-irakischen Krieg in den 1980er Jahren.<\/p><p>Der iranisch-israelische Konflikt entstand einerseits dadurch, dass der Iran sich nach der Islamischen Revolution klar gegen die israelische Besatzung Pal&auml;stinas positionierte, und andererseits, weil Israel mit seinem Atomarsenal als einzige Atommacht im Mittleren und Nahen Osten eine nukleare Bedrohung auch f&uuml;r den Iran darstellte. Es ist offensichtlich: letzterer Punkt hat mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit bei der Entstehung des iranischen Atomprogramms eine zentrale Rolle gespielt. Ungeachtet dieser Tatsache haben sich die USA und die EU &ndash; anstatt im Sinne einer konfliktentsch&auml;rfenden Strategie und der Eind&auml;mmung nuklearer Weiterverbreitung den Weg einer atomwaffenfreien Zone f&uuml;r die gesamte Region einzuschlagen &ndash; sich daf&uuml;r entschieden, einseitig Iran als eine neue regionale Atommacht zu verhindern. Was aber den iranisch-irakischen Krieg betrifft, sind es die traumatischen Erfahrungen, die die Islamische Republik w&auml;hrend des acht Jahre andauernden Krieges (1980-1988) mit den 64 Giftgaseins&auml;tzen des irakischen Saddam-Hussein-Regimes gemacht hat. W&auml;hrend allein als Folge dieser Giftgaseins&auml;tze mehrere zehntausend Tote und Invaliden (Soldaten und Zivilbev&ouml;lkerung) zu beklagen waren, gab es keine einzige UN- Resolution zur Verurteilung Iraks, weil das Regime von Saddam Hussein damals ein Verb&uuml;ndeter des Westens gegen den Iran war. <\/p><p>Vor dem Hintergrund beider Sachverhalte, Israels Atomwaffenarsenal mit sch&auml;tzungsweise 300 bis 400 Nuklearsprengk&ouml;pfen und des irakischen Giftgaseinsatzes, beschloss offenkundig die iranische F&uuml;hrung Anfang der 1990er Jahre, als Gegengewicht zu einer international anti-iranischen Haltung, die im Iran als eine Verschw&ouml;rung wahrgenommen wurde, ein eigenes Nuklearprogramm aufzubauen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Dazu geh&ouml;rte der Weiterbau des Atomkraftwerks Bushir &ndash; ein vom Schah-Regime bei Siemens bestelltes Atomkraftwerk, das nach der Revolution zun&auml;chst eingemottet worden war. Dazu geh&ouml;rte auch der Aufbau des gesamten nuklearen Brennstoffkreislaufs, der den Uranabbau, eine Nuklearfabrik in Isfahan, die Uran-Anreicherungsanlagen in Natans, den Schwerwasserreaktor in Arak und weitere Elemente einschloss.<\/p><p>Der Iran-Atomkonflikt selbst begann Anfang der 2000er Jahre, nachdem das bis dato geheimgehaltene iranische Nuklearprogramm der Welt&ouml;ffentlichkeit durch den israelischen Geheimdienst bekanntgemacht wurde. Fortan begannen die USA gegen Iran umfangreiche Sanktionen zu verh&auml;ngen. Die F&uuml;hrung der Islamischen Republik hat offensichtlich bis 2003 am mittelfristigen Ziel zur Herstellung von nuklearen Sprengk&ouml;pfen festgehalten, danach dieses Ziel jedoch auf Grund des Drucks der USA und anderer westlicher Staaten aufgegeben. Anstelle des Baus von Atombomben selbst hat die politische F&uuml;hrung Irans nach 2003 das Ziel verfolgt, sich s&auml;mtliche technologischen F&auml;higkeiten im nuklearen Brennstoffkreislauf unterhalb der Herstellung von nuklearen Sprengk&ouml;pfen anzueignen. Im Hintergrund spielte bei dem Strategiewechsel des Irans auch die Bef&uuml;rchtung eine Rolle, die USA k&ouml;nnten den Atom-Konflikt als Vorwand f&uuml;r einen Krieg gegen den Iran instrumentalisieren und ihre Regime-Change-Strategie nach dem Sturz von Saddam Hussein nun auch im Iran fortsetzen.<\/p><p>W&auml;hrend der Iran den Ausbau des eigenen nuklearen Brennstoffkreislaufs mit der Produktion von Atomstrom im Rahmen der Bestimmungen der Internationalen Atomenergiebeh&ouml;rde und damit des V&ouml;lkerrechts begr&uuml;ndete und eindringlich auf sein Recht der friedlichen Nutzung der Nukleartechnologie pochte,  bestanden die USA und Israel (obgleich Israel selbst dem Atomwaffensperrvertrag nie beigetreten ist) entgegen den v&ouml;lkerrechtlichen Vereinbarungen darauf, dass der Iran auch sein ziviles Nuklearprogramm insgesamt einstellt. So eskalierte seit 2003 der Atomkonflikt mit Iran und bescherte dem Land unter massivem Druck der USA und auch teilweise der EU die sch&auml;rfsten Resolutionen des UN-Sicherheitsrats mit umfangreichsten Wirtschaftssanktionen gegen das Land. Im letzten Amtsjahr des US-Pr&auml;sidenten Bush Junior in 2008 drohte die Eskalation sogar in einen US-Krieg gegen Iran auszuarten, der gerade noch verhindert wurde, nachdem 13 US- Geheimdienste in einer gemeinsamen Stellungnahme die Bush-Regierung wegen der unkalkulierbaren Folgen eines neuen US-Krieges im Mittleren Osten vehement davor gewarnt hatten. Erst w&auml;hrend der Obama-&Auml;ra und nach der Wahl des Reformers Hassan Rouhani zum neuen iranischen Pr&auml;sidenten einigten sich 2013 die f&uuml;nf st&auml;ndigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats zusammen mit Deutschland darauf, mit dem Iran ein umfassendes Atomabkommen oder <em>Joint Comprehensive Plan of Action (JCPA)<\/em>, wie das Abkommen offiziell hei&szlig;t, auszuhandeln, das tats&auml;chlich auch im Juli 2015 geschlossen wurde. Gem&auml;&szlig; diesem Abkommen hat der Iran die Zahl der Zentrifugen in der Uran-Anreicherungsanlage Natans und Fordo erheblich reduziert und die Urankonzentration auf 20 Prozent, damit deutlich unterhalb des f&uuml;r den Bombenbau erforderlichen Niveaus begrenzt, den Wasserstoffreaktor in Arak umgebaut und s&auml;mtliche anderen im Abkommen vereinbarten Details umgesetzt sowie alle Anlagen des nuklearen Brennstoffkreislaufs der Kontrolle der Internationalen Atomenergiebeh&ouml;rde unterstellt. &bdquo;Iran ist der am intensivsten kontrollierte Nichtatomwaffenstaat. Die internationale Atomenergieorganisation (IAEO) hat in mittlerweile sechs Berichten festgestellt, dass Iran bei der Verifikation erfolgreich mitwirkt.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]  Im Gegenzug sind die USA noch w&auml;hrend der Obama-Pr&auml;sidentschaft ihren Verpflichtungen gegen&uuml;ber Iran nur teilweise nachgekommen und haben nur einen Teil der Sanktionen aufgehoben. <\/p><p><strong>Trump z&uuml;ndelt an einem neuen Wettr&uuml;sten<\/strong><\/p><p>Schon w&auml;hrend seines Wahlkampfes bezeichnete Donald Trump das Atomabkommen mit Iran als das &bdquo;schlechteste internationale Abkommen, das die USA jemals abgeschlossen haben&ldquo; und erkl&auml;rte die Absicht, dieses Abkommen im Falle seines Wahlsieges aufzuk&uuml;ndigen. Mit der Bekanntgabe seiner Iran-Strategie nach seiner Wahl hat Donald Trump das Iran-Atomabkommen im Herbst 2017 massiv in Frage gestellt und im Januar 2018 zun&auml;chst die europ&auml;ischen Verhandlungspartner Gro&szlig;britannien, Frankreich und Deutschland aufgefordert, &bdquo;die schrecklichen M&auml;ngel&ldquo; im Abkommen zu beseitigen und den Iran von Nachverhandlungen zu &uuml;berzeugen. Bei den M&auml;ngeln geht es dem US-Pr&auml;sidenten &ndash; ganz im Sinne der US-Verb&uuml;ndeten im Mittleren und Nahen Osten, Israel und Saudi Arabien, &ndash; um den &bdquo;Verzicht Irans auf Raketentests und Unterst&uuml;tzung der Terrorgruppen.&ldquo; F&uuml;r Iran stellen sich Trumps zus&auml;tzliche Forderungen als der Beginn einer neuen und ernstzunehmenden Eskalation dar. Denn diese kommen einer inakzeptablen Einmischung in die Souver&auml;nit&auml;t Irans gleich. Das iranische Raketenprogramm diene, so die iranische Regierung, der Verteidigung des Landes. Die USA zielten darauf ab, Irans Abschreckungspotential zu zerst&ouml;ren und das Land gegen&uuml;ber seinen Feinden schutzlos zu machen.<\/p><p>Die EU und die deutsche Bundesregierung, die starken Anteil am Zustandekommen des Iran-Atomabkommens hatten, widersprachen der Absicht des US-Pr&auml;sidenten, das Atomabkommen mit Iran in Frage zu stellen umgehend und unmissverst&auml;ndlich. So warnte der amtierende deutsche Au&szlig;enminister Sigmar Gabriel davor, das Iran-Abkommen aufs Spiel zu setzen, es handele sich &bdquo;um ein beispielhaftes Abkommen gegen die nukleare Weiterverbreitung&ldquo;. Demonstrativ trafen die drei EU-Au&szlig;enminister von Gro&szlig;britannien, Frankreich, Deutschland und die EU-Au&szlig;enbeauftragte Mogherini am 11. Januar 2018 &ndash; einen Tag vor Trumps neuer Stellungnahme &ndash; den iranischen Au&szlig;enminister Sarif in Br&uuml;ssel, um ihre Unterst&uuml;tzung des Iran-Atomdeals zu unterstreichen. <\/p><p>Dreh- und Angelpunkt des Atomdeals mit Iran bildet die Aufhebung der US-Sanktionen, vor allem gegen die iranische Wirtschaft. Nur dadurch lie&szlig;en sich die massiv gegen das Abkommen opponierenden Hardliner der Islamischen Republik &uuml;berhaupt f&uuml;r den Deal einbinden. Bei den US-Sanktionen gegen den Iran handelt es sich jedoch um ein &bdquo;exterritoriales&ldquo; Instrument, das nicht nur die US-Firmen bei jeglichen Wirtschaftsbeziehungen mit Iran mit Geldstrafen in astronomischer H&ouml;he belegt, sondern auch s&auml;mtliche globale Unternehmen und Banken, <strong>die mit Iran und<\/strong> den USA Gesch&auml;ftsbeziehungen unterhalten. Um negativen Auswirkungen f&uuml;r die eigene Wirtschaft vorzubeugen, hatte die EU ihre eigenen Iran-Sanktionen ab 2012 denen der USA weitgehend angepasst. Nach dem Inkrafttreten des Iran-Atomabkommens hat die EU zwar die eigenen Sanktionen formal aufgehoben, h&auml;lt sich jedoch &ndash; offensichtlich aus Angst vor den Auswirkungen der Sekund&auml;rsanktionen der USA &ndash; faktisch weiterhin an die US-Sanktionspolitik. So liegen s&auml;mtliche Absichtserkl&auml;rungen der EU-Unternehmen gegen&uuml;ber der iranischen Regierung, die nach der Atomvereinbarung mit Iran zustande gekommen sind, bis heute auf Eis.<\/p><p>Der US-Pr&auml;sident hat Anfang Mai 2018 seine Ank&uuml;ndigungen wahrgemacht und einseitig das Iran-Atom-Abkommen aufgek&uuml;ndigt. Die US-Sanktionen wurden in einer ersten Etappe Anfang August 2018 in Kraft gesetzt. Demnach sollten nach dem Motto &bdquo;wer mit Iran Gesch&auml;fte macht, kann mit den USA keine Gesch&auml;fte machen&ldquo; die Gesch&auml;ftsbeziehungen und der Geldverkehr mit dem Iran blockiert werden. Zahlreiche gro&szlig;e Unternehmen, u. a. Daimler, Siemens, Total etc., haben in den letzten Wochen ihre Iran-Projekte vorerst auf Eis gelegt, wohl aus Angst, ihre Gesch&auml;ftsbeziehungen mit den USA k&ouml;nnten unter den angedrohten Strafma&szlig;nahmen durch die US-Gerichte beeintr&auml;chtigt werden. Irans Regierung hat gegen diese Sanktionen mit einstweiliger Verf&uuml;gung bei dem Internationalen Gerichtshof geklagt. Tats&auml;chlich hat der Gerichtshof die USA Anfang Oktober 2018 zur sofortigen Aufhebung von Teilen der Sanktionen verurteilt. Es handelt sich dabei um Sanktionen, die die humanit&auml;re Hilfe und die Sicherheit im Flugverkehr bedrohen. Zwar ist das Urteil bindend, der Gerichtshof hat jedoch keine M&ouml;glichkeit, sein Urteil durchzusetzen. <\/p><p>Dem ersten Schritt von Anfang August folgt am 4. November 2018 die zweite Etappe der Sanktionen <strong>gegen &Ouml;lexporte, Banken und Transportunternehmen. Dadurch soll auf den Iran ein maximaler Druck ausge&uuml;bt werden.<\/strong> Ob Trump die iranische Regierung mit diesen Sanktionen zu einer Neuverhandlung des Atomabkommens zwingen kann, bleibt h&ouml;chst fraglich. Der Iran hat mit US-Sanktionen seit der Islamischen Revolution 1979 langj&auml;hrige Erfahrungen. Selbst Obama hatte gegen iranische &Ouml;lexporte Sanktionen verh&auml;ngt, die erst nach dem Inkrafttreten des Atomabkommens aufgehoben wurden. Zwar muss jetzt damit gerechnet werden, dass Irans &Ouml;lexporte von ca. <strong>3 Millionen Barrel am Tag<\/strong> &ndash; &uuml;brigens &auml;hnlich wie damals schon durch Obamas Sanktionen &ndash; auf die H&auml;lfte schrumpfen <strong>werden<\/strong>. Zu einer vollst&auml;ndigen Austrocknung der &Ouml;leinnahmen f&uuml;r das Land wird es aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch nicht kommen. F&uuml;r diese Annahme spricht auch die Tatsache, dass selbst in der gegenw&auml;rtigen Sanktionsetappe acht Staaten, darunter Japan, Indien, S&uuml;dkorea und damit die wichtigsten Importeure des iranischen &Ouml;ls, von den Sanktionen ausgenommen sind &ndash; offensichtlich unter dem Druck von moderaten Kr&auml;ften im Trump-Team selbst oder durch Einflussnahme der europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten der USA.<\/p><p><strong>Trumps unheilige Allianz mit dem R&uuml;stungssektor<\/strong><\/p><p>Wie ist aber die Politik von Donald Trump mit der Aufk&uuml;ndigung des Iran-Atomabkommens zu erkl&auml;ren und warum spielt er mit dem Feuer eines neuen Atomkonflikts mit dem Iran, den Obama zusammen mit den anderen st&auml;ndigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und der EU nach langen und schwierigen Verhandlungen mit Iran gerade beendet hatte? Und was h&auml;tte schlie&szlig;lich dieser US-Pr&auml;sident davon, wenn er so offen, so gezielt, so systematisch und so akribisch in allen Regionen der Welt, in Europa, in Asien und im Mittleren Osten mit einem hemmungslosen Wettr&uuml;sten z&uuml;ndelt, das irgendwann aus dem Ruder geraten und in einen Dritten Weltkrieg einm&uuml;nden k&ouml;nnte? Daf&uuml;r gibt es mehrere Erkl&auml;rungen:<br>\nZum einen wird Trumps Aufk&uuml;ndigung des Iran-Atomabkommens darauf zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, dass die Verb&uuml;ndeten der USA im Mittleren und Nahen Osten, Israel und Saudi Arabien, die beide zu den sch&auml;rfsten Rivalen in der Region geh&ouml;ren, auf Trump massiv eingewirkt haben. Diese Staaten hatten tats&auml;chlich versucht, schon bei Obama das Zustandekommen dieses Abkommens mit allen Mitteln zu verhindern. Sie haben auch Trumps Wahlkampf massiv unterst&uuml;tzt und ihn damit zu einem Politikwechsel gegen&uuml;ber Iran bewogen. <\/p><p>Zum anderen habe ich pers&ouml;nlich den Verdacht, dass Donald Trump, seines Zeichens ein erbarmungsloser Immobilienh&auml;ndler, auch unabh&auml;ngig von seinen mittel&ouml;stlichen Verb&uuml;ndeten, seine ganz pers&ouml;nliche Agenda verfolgt. Er z&uuml;ndelt m.E. systematisch und bewusst an einem neuen Wettr&uuml;sten in der Welt. Die Aufk&uuml;ndigung des Iran-Atomabkommens ist dabei ein sehr wichtiges Element dieses Wettr&uuml;stens. Gleich nach seinem Wahlsieg gei&szlig;elte der US-Pr&auml;sident neben Nordkorea auch Iran. Die Islamische Republik sei der gr&ouml;&szlig;te Unsicherheitsfaktor im Mittleren Osten. Die Fr&uuml;chte seiner zutiefst antiiranischen Drohgeb&auml;rden erntete er im Mai 2017, als er in Saudi Arabien Auftr&auml;ge im Umfang von &uuml;ber 100 Milliarden Dollar f&uuml;r die US&ndash;R&uuml;stungsindustrie an Land zog. Schon damals war die Aufr&uuml;stung dieses archaischen W&uuml;stenstaates eine klar an die iranische Adresse gerichtete ungeheure Provokation. In den letzten zwei UN-Vollversammlungen sowie im UN-Sicherheitsrat Ende September 2018 setzte Trump seine Attacken gegen die Islamische Republik fort, die er als Schurkenstaat bezeichnete. Mit dem erneuten Iran-Konflikt sucht Trump offensichtlich auch einen noch engeren Schulterschluss mit dem milit&auml;risch-industriellen Komplex, dem gr&ouml;&szlig;ten inneramerikanischen Machtfaktor, um seine Wiederwahl zu sichern. Angesichts seines grandiosen Scheiterns in allen anderen Bereichen, wie z.B. Obamacare, der Einwanderungspolitik oder der Beziehung zur EU, ist Trumps Risiko immer realer geworden, vor dem Ende seiner Amtszeit abgew&auml;hlt zu werden. Jeder wei&szlig;, dass keine politische Kraft in den USA in der Lage ist, ohne R&uuml;ckendeckung der R&uuml;stungsindustrie einen US-Pr&auml;sidenten zu w&auml;hlen oder abzuw&auml;hlen. Trump, der mit allen Mitteln US-Pr&auml;sident bleiben will, egal was er sonst noch in der Welt f&uuml;r Katastrophen anrichtet, wei&szlig; das l&auml;ngst. Zudem schafft er mit seiner verantwortungslosen Politik des Nach-mir-die-Sintflut auch einen wichtigen Nebeneffekt: die massiven US-R&uuml;stungsexporte d&uuml;rften n&auml;mlich die sonst nicht wettbewerbsf&auml;hige amerikanische Wirtschaft kr&auml;ftig ankurbeln und neue Arbeitspl&auml;tze schaffen, damit w&uuml;rde also wenigstens ein zentrales Wahlversprechen Trumps gegen&uuml;ber den eigenen W&auml;hlern erf&uuml;llt. F&uuml;r die These einer strategischen Allianz mit dem US-R&uuml;stungssektor spricht auch die Tatsache, dass Trump Mitte Oktober angek&uuml;ndigt hat, den INF-Vertrag mit Russland aufk&uuml;ndigen zu wollen. Es ist absehbar, dass ein solcher Schritt ein neues nukleares Wettr&uuml;sten nach sich ziehen d&uuml;rfte.<\/p><p><strong>Verantwortung der EU<\/strong><\/p><p>Alle anderen Unterzeichner des Atom-Abkommens mit Iran, also China, Russland und die drei EU-Staaten Gro&szlig;britannien, Frankreich und Deutschland, wollen trotz des Austritts der USA aus dem Abkommen und der US-Sekund&auml;rsanktionen am Atomabkommen festhalten. Die EU befindet sich gegenw&auml;rtig in einem schwerwiegenden Dilemma: Einerseits das Scheitern des m&uuml;hsam zustande gebrachten Atomabkommens mit Iran hinzunehmen oder andererseits die Sch&auml;den der Sekund&auml;rsanktionen f&uuml;r die europ&auml;ischen Unternehmen auszugleichen, damit die &ouml;konomischen Folgen der US-Sanktionspolitik f&uuml;r Iran abzuschw&auml;chen und zu verhindern, dass die Hardliner im Iran die iranische Regierung zu einen Austritt aus dem Abkommen zwingen. Dazu m&uuml;sste die EU allerdings ihr Verh&auml;ltnis gegen&uuml;ber den USA grunds&auml;tzlich &uuml;berdenken. Denn die bisherigen Ma&szlig;nahmen der EU, wie die EU-Verordnung <em>Helms Burton Act<\/em>, auch <em>blocking regulation<\/em> genannt, die die EU-Kommission 1996 anl&auml;sslich von US-Sekund&auml;rsanktionen gegen Kuba und Iran beschloss, reicht bei weitem nicht aus, um die EU-Unternehmen zu weiteren Gesch&auml;ftsbeziehungen mit Iran zu ermuntern.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] So haben sich auch bisher zahlreiche EU-Unternehmen, wie Siemens, Mercedes Benz, Total, Peugeot und andere, schon aus dem Iran-Gesch&auml;ft zur&uuml;ckgezogen oder ihren R&uuml;ckzug angek&uuml;ndigt.<\/p><p>Offensichtlich ist bereits in der EU ein Prozess in Gang gekommen, strategischer als bisher &uuml;ber das eigene Verh&auml;ltnis zu den Vereinigten Staaten nachzudenken. Der deutsche Au&szlig;enminister Heiko Maas will beispielsweise die europ&auml;ische Autonomie etwa durch die Einrichtung eines europ&auml;ischen W&auml;hrungsfonds und Zahlungskan&auml;le st&auml;rken, die von den USA unabh&auml;ngig sind.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Dadurch sollten u. a. auch europ&auml;ische Unternehmen vor US-Sanktionen gesch&uuml;tzt werden. Dar&uuml;ber hinaus sollte die EU parallel zum Aufbau von Strukturen, die sich nur langfristig auswirken, schon jetzt alles daran setzen, um den Folgewirkungen der US-Sanktionen gegen den Iran wirkungsvoll entgegenzutreten  und einen Sieg des US-Pr&auml;sidenten im Konflikt mit der Weltgemeinschaft zu verhindern. Dazu k&ouml;nnte die EU-Kommission alle Unternehmen und Banken, die mit Iran Gesch&auml;ftsbeziehungen pflegen wollen, notfalls durch &Uuml;bernahme des zu erwartenden Schadensersatzes als Folge der von den USA verh&auml;ngten Bu&szlig;gelder unterst&uuml;tzen. Inzwischen hat die EU-Au&szlig;enbeauftragte Federica Mogherini am Rande der UN-Vollversammlung, am 24. September 2018 in New York, die Entscheidung der EU bekannt gegeben, eine <em>Zweckgesellschaft<\/em> zur Abwicklung des G&uuml;teraustauschs mit dem Iran ohne die US-W&auml;hrung gr&uuml;nden zu wollen. Dies ist m. E. endlich ein erster und l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lliger Schritt der EU, &ouml;konomische Strukturen zu schaffen, um der USA wirksam die M&ouml;glichkeit zu nehmen, ihr Monopol an der Weltw&auml;hrung als Instrument imperialistischer Sanktionen zu missbrauchen. Gegenw&auml;rtig werden etwa 80 Prozent des Welthandels &uuml;ber Dollar abgewickelt. Um das dadurch entstandene Monopol der USA zu durchkreuzen, m&uuml;ssten sich mittel- und langfristig der Euro und die chinesische W&auml;hrung Renminbi als weitere globale Zahlungsmittel etablieren.<\/p><p>Ferner m&uuml;sste die EU den Haager Gerichtshof anrufen, um das Erpressungsinstrument &bdquo;Exterritoriale Sekund&auml;rsanktionen&ldquo; als v&ouml;lkerrechtswidrig zu verurteilen. Die Verteidigung des Iran-Atomabkommens bietet sich f&uuml;r die EU m. E. im &uuml;brigen geradezu als eine historische Chance an, ihre Iran- und Mittelostpolitik auf neue und von den Vereinigten Staaten unabh&auml;ngige Gleise zu stellen. Ein neuer Krieg im Mittleren Osten muss auf jeden Fall verhindert werden. Folgende kurz- und langfristigen Schritte k&ouml;nnten helfen, diese Perspektive aktiv voranzutreiben:<\/p><p>Es d&uuml;rfte Trump schwerfallen, in den USA einen innenpolitischen Konsens f&uuml;r einen Krieg gegen Iran herzustellen, wenn klar ist, dass er sich eine massive Ablehnung der EU einhandeln w&uuml;rde. Deshalb m&uuml;sste die EU schon jetzt erkl&auml;ren, dass sie einen Krieg gegen Iran ablehnt und sich nicht an ihm beteiligen wird.<\/p><p>Schlie&szlig;lich und endlich w&auml;re es anl&auml;sslich des Konflikts um das Iran-Atomabkommen angebracht, dass die EU ank&uuml;ndigt, alsbald die UN-Konferenz f&uuml;r eine massenvernichtungswaffenfreie Zone im Mittleren und Nahen Osten zu reaktivieren, die 2014 durch die USA und Israel blockiert worden war. Daf&uuml;r m&uuml;sste allerdings erst der Strukturfehler des UN-Beschlusses behoben werden, wonach die Teilnahme aller betroffenen Staaten zur Voraussetzung der Konferenz gemacht worden war. Diese Vorbedingung wurde jedoch durch die USA und Israel als Veto zur Verhinderung der Konferenz missbraucht. Deshalb m&uuml;sste diese Bedingung, die zur Selbstblockade f&uuml;hrt, gestrichen werden. Stattdessen m&uuml;sste die Konferenz zun&auml;chst durch die Teilnahme von willigen Staaten beginnen, um dann, in einem sp&auml;teren Stadium, s&auml;mtliche betroffene Staaten einzubeziehen. <\/p><p>Diese Perspektive bietet sich auch geradezu f&uuml;r die Aufarbeitung und Regelung vieler anderer Konflikte im Mittleren und Nahen Osten an, beispielsweise den Syrienkonflikt. Damit k&ouml;nnte der seit langem von au&szlig;en in die Region hineingetragenen Politik der Spaltung und Vertiefung von religi&ouml;sen und ethnischen Feindschaften, des regionalen Wettr&uuml;stens und zahlreicher Kriege endlich ein Ende gesetzt werden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Zur Wahrheit geh&ouml;rt auch, dass die Elite der Islamischen Republik an der Entstehung der anti-iranischen Haltung des Westens nicht ganz unschuldig war. Dabei spielte ihre Duldung der Besetzung der US-Botschaft im November 1979 und die Geiselnahme von 90 Botschaftsangeh&ouml;rigen, die 444 Tage als Geisel im Iran festgehalten waren, eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Sascha Lohmann\/ Oliver Meier\/Azadeh Zamirirad, Juni 2017: Iran Atomprogramm: Washington und Br&uuml;ssel auf Kollisionskurs, SWP-Aktuell 53, S. 2<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Vgl. ausf&uuml;hrlicher dazu Michael Brzoska, 2017: Trump und der Atomdeal mit Iran. Jetzt ist Europa gefordert, IFSH Stellungnahme vom 16.10 2017<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Heiko Maas, Gastbeitrag in: Handelsblatt vom 22. August 2018<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Austritt der USA aus dem Iran-Atomabkommen im Mai d. J. will US-Pr&auml;sident Trump, wie angek&uuml;ndigt, am 4. November die zweite Phase der Sanktionen gegen den Iran einleiten. Diese Sanktionen richten sich jetzt vor allem gegen iranische &Ouml;lexporte. Sie sollen durch eine drastische Reduzierung von &Ouml;leinnahmen einen maximalen Druck auf die iranische Regierung erzeugen.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46895\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,172,22,30],"tags":[1572,2035,1519,368,1334,401,1409,2499,2392,641,951,1557,2058,2338,2498,1878,366,906,1054,1800,639,1556,1703,1122,2181,1019],"class_list":["post-46895","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-aufruestung","category-europaische-union","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-abruestung","tag-abschreckungsstrategie","tag-atomwaffen","tag-bush-george-w","tag-erdoel","tag-gabriel-sigmar","tag-gifteinsatz","tag-iaea","tag-internationaler-gerichtshof","tag-irak","tag-iran","tag-israel","tag-militaerisch-industrieller-komplex","tag-mittlerer-osten","tag-mogherini-federica","tag-naher-osten","tag-obama-barack","tag-ruestungsindustrie","tag-saudi-arabien","tag-trump-donald","tag-uno","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-waffenexporte","tag-wettruesten","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46895"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46895\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51844,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46895\/revisions\/51844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46895"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46895"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}