{"id":46900,"date":"2018-11-05T11:49:43","date_gmt":"2018-11-05T10:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46900"},"modified":"2019-01-30T11:20:11","modified_gmt":"2019-01-30T10:20:11","slug":"hype-oder-kairos-thesen-zum-hoehenflug-der-gruenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46900","title":{"rendered":"Hype oder Kairos? &#8211; Thesen zum H\u00f6henflug der Gr\u00fcnen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Es gen&uuml;gt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung dr&auml;ngt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken dr&auml;ngen&ldquo;, hei&szlig;t es beim fr&uuml;hen Marx. Dieses Zitat aus der <em>Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie<\/em> fiel mir ein, als ich &uuml;ber den r&auml;tselhaften H&ouml;henflug nachdachte, den die Partei <em>Die Gr&uuml;nen<\/em> derzeit erlebt. &Uuml;ber diesen wird viel spekuliert und phantasiert. Die meisten Kommentatoren neigen dazu, ihn f&uuml;r einen <em>Hype<\/em> zu halten, ein typisches Ph&auml;nomen des Medien- und Internetzeitalters. Auf ihrer st&auml;ndigen Suche nach Sensationen bem&auml;chtigen sich die Medien eines Themas und verschaffen diesem auf diese Weise eine gro&szlig;e Aufmerksamkeit, die so lange w&auml;hrt, bis sie sich auf das n&auml;chste Thema st&uuml;rzen. Einiges spricht daf&uuml;r, dass der H&ouml;henflug der Gr&uuml;nen mehr ist als das. Er wird von objektiven Tendenzen gespeist, die sich hinter dem R&uuml;cken der Akteure durchsetzen und ihnen selbst nicht einmal bewusst sein m&uuml;ssen. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46900#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] versucht zu ergr&uuml;nden, welche Wirklichkeit sich zum gr&uuml;nen Gedanken dr&auml;ngt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3467\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-46900-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=46900-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181105_Hype_oder_Kairos_Thesen_zum_Hoehenflug_der_Gruenen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Was ist ein Kairos?<\/strong><\/p><p>Es gibt Ideen und politische Projekte, die existieren lange, ohne nennenswerte Beachtung zu finden. Sie d&uuml;mpeln im Abseits vor sich hin und verm&ouml;gen nur eine kleine Anh&auml;ngerschaft zu mobilisieren, der mitunter etwas Sektenartiges anhaftet. Ideen und Projekte ben&ouml;tigen einen geschichtlichen Atem, brauchen den Wind einer historischen Tendenz im R&uuml;cken. Wenn die Wirklichkeit sich endlich zum lang gehegten Gedanken dr&auml;ngt, kommt es pl&ouml;tzlich zu einer Verbindung von aus den Subjekten kommenden Kr&auml;ften mit den objektiven Verh&auml;ltnissen. So etwas nannte man im alten Griechenland Kairos. Kairos bezeichnet eine gl&uuml;ckliche historische Konstellation, die ganz verschiedene, zun&auml;chst keineswegs in eine Richtung strebende Kr&auml;fte zu einem Energieb&uuml;ndel zusammenf&uuml;gt, das einer Neuerung zum Durchbruch verhilft. Erleben die Gr&uuml;nen und ihre Sympathisanten gegenw&auml;rtig einen solchen Kairos? Und wenn ja, warum gerade heute?<\/p><p>Es scheint in Bezug auf die mediale Abstumpfung einen Punkt zu geben, an dem die Verdr&auml;ngung nicht mehr funktioniert. Das gegen schlechte Nachrichten errichtete Immunsystem bricht unter dem Dauerbeschuss von Horrormeldungen und schrecklichen Bildern zusammen. Eine chronische Gereiztheit bem&auml;chtigt sich der Menschen, Panik flackert auf und kommt kaum noch zur Ruhe. Erkenntnisse, die man lange nicht wahrhaben wollte, dringen ins Bewusstsein. Man konnte in den letzten Monaten keine Nachrichtensendung h&ouml;ren oder sehen, ohne mit Meldungen konfrontiert zu werden, die von einer aus den Fugen geratenen, st&uuml;rzenden Welt k&uuml;nden. Die drohenden Fahrverbote, der trotz anderslautenden Klimaschutz-Beteuerungen stetig steigende Aussto&szlig; von Treibhausgasen und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken, der bevorstehende Kollaps des Individualverkehrs in den St&auml;dten und der Pendler-Wahnsinn, der &uuml;ber alle Ma&szlig;en hei&szlig;e Sommer, die damit einhergehende Wasserknappheit, die Bilder von nach Sauerstoff japsenden und toten Fischen, die in immer rascherer Folge sich ereignenden St&uuml;rme und &Uuml;berschwemmungen, die riesigen Waldbr&auml;nde bis hinauf in den hohen Norden Europas haben die &ouml;kologische Krise f&uuml;r viele Menschen endlich aus der Abstraktion gerissen und der Wahrnehmung zug&auml;nglich gemacht. Nachrichten &uuml;ber das Sterben der Bienen und Insekten, den Schwund von Vogelarten tun ein &Uuml;briges. Wer sich einen Rest von kritischem Urteilsverm&ouml;gen und Sensibilit&auml;t bewahrt hat, sp&uuml;rt, dass es so nicht weitergehen kann und dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. <\/p><p>Seit der <em>Club of Rome<\/em> 1972 seinen Bericht &uuml;ber <em>Die Grenzen des Wachstums<\/em> vorgelegt hat, k&ouml;nnten wir um die Gef&auml;hrdung des Planeten und die Endlichkeit seiner Ressourcen wissen. Die Mahner blieben umgeben vom Odium der Schwarzmalerei und des apokalyptischen Spinnertums. Auch die sich Ende der 1970er Jahre formierenden Gr&uuml;nen wurden lange als &Ouml;kos, M&uuml;slis, K&ouml;rnerfresser tituliert und mit &uuml;belriechenden Wollpullovern, langen Haaren, Landkommunen und zotteligen B&auml;rten assoziiert. Die Linken bezichtigten sie des Eskapismus und verorteten sie in der Tradition des Monte Verita, auf dem sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts allerhand seltsame Heilige und Propheten trafen. Die traditionelle Linke hielt die r&auml;uberische und zerst&ouml;rerische Beziehung des Kapitals zur Natur bestenfalls f&uuml;r einen &bdquo;Nebenwiderspruch&ldquo;, der vom &bdquo;Grundwiderspruch&ldquo; zwischen Lohnarbeit und Kapital ablenkte. Man wollte ja am Typus der Industrialisierung gar nichts &auml;ndern, sondern diese lediglich einer neuen Kommandostruktur unterstellen. Die Natur galt auch den Sozialisten\/Kommunisten als etwas, das umsonst da war und unbegrenzt Rohstoffe lieferte f&uuml;r menschliche Aneignungsprozesse. <\/p><p><strong>Der Abschied vom Proletariat und die Krise der Linken<\/strong><\/p><p>Mit dem Niedergang des Fordismus und ganzer Industriezweige begann sich die Industriearbeiterschaft aufzul&ouml;sen. F&uuml;r die Linke bedeutete das, &bdquo;Abschied vom Proletariat&ldquo; nehmen zu m&uuml;ssen, wie Andr&eacute; Gorz 1980 eines seiner B&uuml;cher betitelte. Der Linken kam ihr designiertes revolution&auml;res Subjekt abhanden, dessen Position seither vakant ist. Wenig sp&auml;ter machte der Untergang der sozialistischen Staaten die Linke vollends heimat- und orientierungslos. Die Verwirrung war komplett, die Linke geriet in eine tiefe Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Die traditionellen sozialdemokratischen Parteien wandten sich von der sozialen Frage ab und gingen mit wehenden Fahnen ins neoliberale Lager &uuml;ber. Deregulierung, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Sozialabbau wurden ihr Mantra. Das Kapital benutzte sie, um gegen die Massen neue Formen und Praktiken der Ausbeutung zu etablieren und soziale Errungenschaften abzubauen, f&uuml;r die die Arbeiterbewegung &uuml;ber 100 Jahre lang gek&auml;mpft hatte. Nur die Sozialdemokratie konnte die Demontage des Sozialstaates gegen die Massen durchsetzen. Das Kapital ging eine Weile mit der Sozialdemokratie fremd, um dann nach geleisteter Arbeit wieder zu seiner angestammten Partnerin zur&uuml;ckzukehren. Trotz Arbeitslosigkeit, grassierender Armut und Wohnungsnot hat die verbliebene sozialistische Linke bis heute keine ad&auml;quate Antwort auf die sozialen Fragen und &ouml;kologischen Herausforderungen der Gegenwart gefunden. Sie kann deswegen von der un&uuml;bersehbaren Krise der hegemonialen neoliberalen Formation und den Aufl&ouml;sungsprozessen der gro&szlig;en Parteien nicht profitieren. Die Linke tut sich schwer, die zahlreichen Bruchlinien der sozialen Integration und die sich entlang dieser Bruchlinien bildenden neuen sozialen Bewegungen strategisch zu codieren und zu einem halbwegs einheitlichen Willensstrahl zu b&uuml;ndeln. Es gibt, wenn man es in ironischer Anlehnung an die traditionelle Terminologie ausdr&uuml;cken will, einen Aufstand der Nebenwiderspr&uuml;che. Die klassische linke Zentralperspektive, die alles aus dem Blickwinkel des Proletariats betrachtete und beurteilte, ist weggebrochen und auch nicht wiederherzustellen. Wir d&uuml;rfen uns eine zuk&uuml;nftige Linke nicht mehr als parteif&ouml;rmigen homogenen Block vorstellen, sondern eher als ein &bdquo;Patchwork der Minderheiten&ldquo;, wie ein Buch von Jean-Francois Lyotard betitelt ist, das Ende der 1970er Jahre im Berliner Merve-Verlag erschienen ist. Ob es der von Sahra Wagenknecht initiierten Bewegung <em>Aufstehen<\/em> gelingt, die zerstreuten Widerstandspotenziale aufzugreifen und zu b&uuml;ndeln, wird sich in den n&auml;chsten Monaten und Jahren zeigen. Sie verk&ouml;rpert immerhin einen Hoffnungsschimmer am tr&uuml;ben linken Himmel. Einstweilen profitieren von dem akkumulierten Frust und der Wut der &bdquo;kleinen Leute&ldquo; eher die AfD und die politische Rechte. Es scheint ihr gelungen, den Leuten das Gef&uuml;hl zu vermitteln, dass sie die Einzigen sind, die sich f&uuml;r ihre Probleme interessieren. Die solcherart Eingelullten und Verf&uuml;hrten, die nicht unbedingt und durch die Bank eingefleischte Nazis oder Rechtsradikale sind, auf einer affektiven Ebene anzusprechen und ihnen andere Artikulationsm&ouml;glichkeiten und Ziele anzubieten, ist unsere vordringliche und existentiell wichtige Aufgabe. Dabei h&auml;tte eine linke Sammlungsbewegung, wenn sie unter den heutigen Bedingungen Erfolg haben will, die Quadratur des Kreises hinzubekommen und die soziale Frage mit der &ouml;kologischen zu verkn&uuml;pfen. Bislang verhielten sich beide nach dem Prinzip des Wetterh&auml;uschens: Entweder &bdquo;Frau &Ouml;kologie&ldquo; war drau&szlig;en und &bdquo;Herr Klassenkampf&ldquo; war drinnen, oder &bdquo;Herr Klassenkampf&ldquo; war drau&szlig;en und &bdquo;Frau &Ouml;kologie&ldquo; war drinnen. Um beide zu vereinen, muss die Linke ihre bis heute mitgeschleppte Fixierung an ein produktivistisches Fortschrittsmodell &uuml;berwinden und es wagen, die Revolution als Bruch mit einem Fortschrittsbegriff zu konzipieren, dessen ruin&ouml;ser und destruktiver Charakter immer deutlicher zu Tage tritt. Es sind nicht nur die kapitalistischen Produktionsverh&auml;ltnisse, die ver&auml;ndert werden m&uuml;ssen, es ist der Industrialismus, der uns gefangen h&auml;lt. Die Produktivkr&auml;fte selbst sind zu Destruktivkr&auml;ften geworden. 200 Jahre industrieller Kapitalismus und Sozialismus mit ihrem Raubbauverh&auml;ltnis zur inneren und &auml;u&szlig;eren Natur haben ausgereicht, den Globus sturmreif zu schie&szlig;en und die Welt an den Rand des Abgrunds zu bringen.  <\/p><p><strong>&bdquo;St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck die Welt retten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aber nun zur&uuml;ck zur Frage nach den Ursachen des gr&uuml;nen H&ouml;henflugs. Unl&auml;ngst bekam ich eine Tafel Bio-Schokolade geschenkt. Auf deren Verpackung stand: &bdquo;St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck die Welt retten.&ldquo; Schluss mit dem schlechten Gewissen wegen der zweifelhaften Herkunft der verwendeten Zutaten. Diese Schokolade stammt aus biologischem Anbau und wird fair gehandelt. Beruhigt kann der Konsument sich sagen: &bdquo;Ich konsumiere Schokolade und tue, w&auml;hrend sie in meinem Mund schmilzt, etwas Gutes.&ldquo; So einfach und angenehm ist das heute mit der Rettung der Welt. Das ins Politische gewendete Versprechen dieser Schokolade sind die Gr&uuml;nen. Sie transportieren das Versprechen eines gr&uuml;nen Kapitalismus, der Wachstum und Nachhaltigkeit miteinander vers&ouml;hnt. Wir k&ouml;nnen die Welt retten, ohne die Eigentumsverh&auml;ltnisse anzur&uuml;hren. Der Kapitalismus soll lediglich von seinen krassesten Ausw&uuml;chsen befreit werden und sich in ein Wirtschaftssystem verwandeln, das privates Profitstreben mit &ouml;kologischer Nachhaltigkeit vers&ouml;hnt. Die Gr&uuml;nen und vor allem ihre W&auml;hler verfahren nach dem alten Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! <\/p><p>Der Kapitalismus ist in seiner ungez&uuml;gelten und rastlosen Jagd nach Profit im Begriff, einige der &Auml;ste abzus&auml;gen, auf denen er selber sitzt. Der drohende &ouml;kologische Kollaps w&uuml;rde nicht nur die menschlichen Lebensgrundlagen zerst&ouml;ren, sondern auch die Reproduktion des Kapitals gef&auml;hrden. Es gibt eine eigenartige Parallele zwischen dem Kapitalprinzip und der Verlaufsform der Krebserkrankung. Als Parasiten m&uuml;ssten Kapital und Krebs eigentlich auf das Wohlergehen ihres Wirts bedacht sein, aber beide nisten sich in ihm ein, breiten sich aus, &uuml;berwuchern ihn und fressen sich durch alle Schichten des Wirts- beziehungsweise Gesellschaftsk&ouml;rpers hindurch, bis dieser schlie&szlig;lich kollabiert und abstirbt. Mit dem Wirtsk&ouml;rper stirbt nat&uuml;rlich auch der an ihm h&auml;ngende und in ihm nistende Parasit. Ich kannte mal einen Krebskranken, der redete mit &bdquo;seinem Krebs&ldquo; und versuchte ihm klarzumachen, dass er in seinem Wachstum gewisse Grenzen nicht &uuml;berschreiten d&uuml;rfe, weil er andernfalls mit ihm st&uuml;rbe. Das k&ouml;nne ja nicht in seinem Interesse liegen. Er hat nicht auf ihn geh&ouml;rt. Der Krebs meines Bekannten verhielt sich dieser Belehrung gegen&uuml;ber genauso indolent, wie das Kapital bislang gegen&uuml;ber jeder noch so gut gemeinten Wachstumskritik. Beide k&ouml;nnen offenbar nicht anders als st&auml;ndig zu wachsen. Sie gehorchen in ihrem Wachstum einer amokartigen Logik und rei&szlig;en in ihren Untergang alles mit. Das Motto lautet: Nach uns die Sintflut! Das nehmen inzwischen auch die kl&uuml;geren Repr&auml;sentanten der herrschenden Klasse wahr und beginnen, sich nach neuen B&uuml;ndnispartnern umzuschauen, die den f&auml;lligen &ouml;kologischen Wandel einleiten und durchsetzen k&ouml;nnen. Das Kapital muss vor sich selbst und seinen destruktiven Tendenzen gesch&uuml;tzt werden. Gesucht werden politisch-gesellschaftliche Kr&auml;fte, die einer neuer Stufe der kapitalistischen Entwicklung zur Durchsetzung verhelfen, ohne die Eigentumsverh&auml;ltnisse in Frage zu stellen. Die Gr&uuml;nen pr&auml;sentieren sich als eine politische Kraft, die den Abschied von den fossilen Energietr&auml;gern und den &Uuml;bergang zu erneuerbaren Energien und den f&auml;lligen Umbau der Gesellschaft zu organisieren vermag, ohne an deren Grundfesten zu r&uuml;hren. Die Verheerungen, die der losgelassene Markt und das Kapitalprinzip angerichtet haben, sollen innerhalb der Logik des Kapitals und mit marktf&ouml;rmigen Mitteln behoben werden. <\/p><p><strong>Gr&uuml;ne Modernisierungsgehilfen<\/strong><\/p><p>An dieser Stelle verh&auml;lt das Kapital sich listig und undogmatisch. Auch die kapitalistische Geschichte verl&auml;uft in dialektischen Spr&uuml;ngen, und die Kr&auml;fte der Negation verk&ouml;rpern oft, ohne es zu ahnen oder gar zu wissen, die n&auml;chst h&ouml;here Stufe der kapitalistischen Entwicklung und verhelfen dieser gegen zun&auml;chst massiven Widerstand zur Durchsetzung. Auf die Gr&uuml;nen bezogen k&ouml;nnte man es hegelianisch so ausdr&uuml;cken: Der kapitalistische Profitgedanke bedient sich dieser einstigen Alternativbewegung, um einen drohenden Kollaps abzuwenden und eine fortgeschrittenere Stufe zu erklimmen. Die Gr&uuml;nen sollen bei der f&auml;lligen kapitalistischen Krebstherapie das Skalpell f&uuml;hren und den Arzt am Krankenbett geben. Damit dieser dialektische Trick gelingen kann, war und ist es wichtig, die &bdquo;rote Linke&ldquo; und die &bdquo;gr&uuml;ne Linke&ldquo; zu spalten und den gr&uuml;nen Teil ins neoliberale Lager hin&uuml;berzuziehen. Das ist in den letzten Jahren unter t&auml;tiger Mithilfe der Gr&uuml;nen selbst weitgehend gelungen. Sie sind zu einer im Kern b&uuml;rgerlichen Partei geworden. Ihre W&auml;hler stammen schwerpunktm&auml;&szlig;ig aus den Rucola- und Smoothie-Bezirken der St&auml;dte, wo man es sich leisten kann, &bdquo;weltoffen&ldquo; und &bdquo;mixophil&ldquo; (Zygmunt Bauman) zu sein und f&uuml;r ein &bdquo;buntes Deutschland&ldquo; einzutreten. Die Gr&uuml;nen-W&auml;hler k&ouml;nnen den Gefl&uuml;chteten wohlwollend begegnen, weil sie in gesellschaftlichen Sph&auml;ren leben, wo man nicht mit ihnen um Wohnungen und Arbeitspl&auml;tze konkurrieren muss. &bdquo;Weltoffenheit&ldquo; entpuppt sich mehr und mehr als die mentale Seite der Schaffung des Weltmarktes und der Globalisierung und ist die Haltung derer, die von diesen Prozessen profitieren. Aus den luftigen H&ouml;hen ihrer sanierten Altbau- oder Penthouse-Wohnungen blicken sie blasiert auf jene herab, die &bdquo;mixophob&ldquo; sind und sich vor der &bdquo;Vermischung&ldquo;, Migration und den Migranten f&uuml;rchten. Sie sind aus ihrer Sicht uncool, unsexy und prolo und f&uuml;gen mit ihrem dumpfen Rassismus dem &bdquo;Standort Deutschland&ldquo; Schaden zu. Wo dieser sich, wie unl&auml;ngst in Chemnitz, unsch&ouml;n artikuliert, finden sich die Mixophilen, die eine Vorliebe f&uuml;r heterogene, vielf&auml;ltige Umgebungen haben, prompt zusammen und demonstrieren unter dem Schlagwort &bdquo;Wir sind mehr!&ldquo; Als w&auml;re die blo&szlig;e numerische &Uuml;berlegenheit der Gegendemonstranten ein Beleg daf&uuml;r, dass ihr Programm richtig und vern&uuml;nftig ist! Was w&auml;re denn, wenn die Rechten mehr gewesen w&auml;ren? W&auml;ren Wahrheit und Recht dann auf ihrer Seite? Es sollen in Chemnitz schlie&szlig;lich ungef&auml;hr 65.000 Menschen bei einem Konzert gewesen sein, auf dem namhafte Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub und Feine Sahne Fischfilet kostenlos zu h&ouml;ren und zu sehen waren. Aber was besagt das? Die Leute wollen Musik h&ouml;ren und &bdquo;Party machen&ldquo;, das ist m&ouml;glicherweise alles. Kann man auf diese Leute z&auml;hlen, wenn es hart auf hart kommt? Haben sie den Rechten au&szlig;er einer diffusen &bdquo;Weltoffenheit&ldquo; wirklich etwas entgegenzusetzen?<\/p><p>Den Gr&uuml;nen wachsen gegenw&auml;rtig auch aus anderen Gr&uuml;nden neue W&auml;hlerinnen und W&auml;hler zu. Viele Mittelschichtseltern haben in den letzten Jahren Kinder bekommen. Die Geburtenrate steigt auch in diesen Schichten seit Jahren an. Ein Kind ist ja nicht nur die Komplettierung eines bestimmten Lebensstils, sondern auch ein Kompliment an die Welt. Dieser wird zugetraut, dass sie dem Kind f&uuml;r rund 80 Jahre eine bewohnbare Heimstatt bietet. Die Eltern, die in letzter Zeit so k&uuml;hn waren, ein Kind in die Welt zu setzen, m&uuml;ssen nun allabendlich aus den Nachrichten erfahren, in welchem Zustand sich diese befindet und dass die Zukunft des Planeten und so auch ihrer Kinder alles andere als rosig ist. In dieser Lage erscheinen vielen jungen Eltern die Gr&uuml;nen als letzte Rettung und Hoffnungstr&auml;ger. Sie treten mit dem Versprechen auf, den Kindern eine lebenswerte Zukunft zu sichern und den Planeten vor der Selbstzerst&ouml;rung zu retten.<\/p><p><strong>Eine neue hegemoniale Formation?<\/strong><\/p><p>Die Gr&uuml;nen, so lautet mein Fazit, profilieren sich gegenw&auml;rtig als die Partei der &bdquo;realit&auml;tsgerechten Emp&ouml;rung&ldquo;. Diesen Typus der Kritik haben Horkheimer und Adorno folgenderma&szlig;en charakterisiert: &bdquo;Realit&auml;tsgerechte Emp&ouml;rung wird zur Warenmarke dessen, der dem Betrieb eine neue Idee zuzuf&uuml;hren hat.&ldquo; Die neuen Ideen, die die Gr&uuml;nen zum herrschenden Betrieb beisteuern, hei&szlig;en Nachhaltigkeit und Vielfalt und laufen auf einen &bdquo;gr&uuml;nen Kapitalismus&ldquo; hinaus, der weltoffen, tolerant, digital und flexibel ist. Ihr H&ouml;henflug hat im Medienzeitalter sicher auch etwas von einem Hype, ist aber mehr als das. Die Gr&uuml;nen antizipieren den Kapitalismus von morgen und haben den Wind einer m&auml;chtigen objektiven Tendenz im R&uuml;cken. Ihr neues F&uuml;hrungspersonal ist jung, intelligent, charmant und geschmeidig und macht sich, befreit vom ideologischen Ballast alter Fl&uuml;gelk&auml;mpfe, zum Sprachrohr eines &ouml;kologisch erneuerten Kapitalismus. Der Zeitgeist ist gr&uuml;n. Rund um die Gr&uuml;nen k&ouml;nnte sich in der n&auml;chsten Zeit eine neue hegemoniale Formation herausbilden, die den Kapitalismus modernisiert und ihn vor sich selber sch&uuml;tzt. In welcher parteif&ouml;rmigen Konstellation das geschehen wird, wird sich noch zeigen. Die Gr&uuml;nen schrecken vor nichts zur&uuml;ck und sind allseits anschlussf&auml;hig. In Bayern h&auml;tten sie sich sogar mit der CSU eingelassen. Diese war aber zu <em>deppert<\/em>, die Gunst der Stunde zu nutzen, und hat auf diese Weise eine Riesenchance verpasst, ihren Niedergang zu stoppen und sich zu erneuern. <\/p><p>Wir leben in einem &bdquo;Interregnum&ldquo;: Eine bestimmte gesellschaftliche Formation geht aus den Fugen, ohne dass eine neue bereits Gestalt angenommen hat. In der Zwischenzeit ist alles in der Schwebe. Eine solche Situation bietet gro&szlig;e Chancen, steckt aber auch voller Gefahren. Bei Antonio Gramsci hei&szlig;t es: &bdquo;Das Alte stirbt und das Neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster&ldquo;. Sie stehen auch heute wieder in den Kulissen bereit und warten auf ihren Auftritt. Noch haben wir es in der Hand, ihn zu verhindern und ein anderes St&uuml;ck aufzuf&uuml;hren. Man kann gar nicht oft genug an die Mahnung Erich K&auml;stners erinnern, die er 1958 in Hamburg anl&auml;sslich des 25. Jahrestages der B&uuml;cherverbrennung formuliert hat: &bdquo;Die Ereignisse von 1933 bis 1945 h&auml;tten sp&auml;testens 1928 bek&auml;mpft werden m&uuml;ssen. Danach war es zu sp&auml;t. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine h&auml;lt keiner mehr auf. Drohende Diktaturen lassen sich nur bek&auml;mpfen, ehe sie die Macht &uuml;bernommen haben.&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er war jahrzehntelang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug t&auml;tig. Eisenberg arbeitet an einer &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, deren dritter Band unter dem Titel &bdquo;Zwischen Anarchismus und Populismus&ldquo; soeben im Verlag Wolfgang Polkowski in Gie&szlig;en erschienen ist. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Es gen&uuml;gt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung dr&auml;ngt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken dr&auml;ngen&ldquo;, hei&szlig;t es beim fr&uuml;hen Marx. Dieses Zitat aus der <em>Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie<\/em> fiel mir ein, als ich &uuml;ber den r&auml;tselhaften H&ouml;henflug nachdachte, den die Partei <em>Die Gr&uuml;nen<\/em> derzeit erlebt. &Uuml;ber diesen wird viel spekuliert und phantasiert. 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