{"id":46915,"date":"2018-11-06T11:59:36","date_gmt":"2018-11-06T10:59:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46915"},"modified":"2026-01-27T11:30:42","modified_gmt":"2026-01-27T10:30:42","slug":"pascal-luig-das-ende-des-inf-vertrages-waere-das-ende-einer-internationalen-abruestungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46915","title":{"rendered":"Pascal Luig: \u201eDas Ende des INF-Vertrages w\u00e4re das Ende einer internationalen Abr\u00fcstungspolitik\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Werden die USA wieder Mittelstreckenraketen in Europa stationieren? Das k&ouml;nnte zumindest dann der Fall sein, wenn die Ank&uuml;ndigungen von US-Pr&auml;sident Donald Trump umgesetzt werden. Dieser hatte vor kurzem gesagt, dass der so genannte INF-Vertrag zur atomaren Abr&uuml;stung aufgek&uuml;ndigt werde. Im Interview mit den NachDenkSeiten warnt <strong>Pascal Luig<\/strong> vor den weitreichenden Konsequenzen, die sich aus dem Ende des Vertrages, der den Bau und Besitz landgest&uuml;tzter, atomarer Raketen verbietet, ergeben k&ouml;nnen. Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der <a href=\"http:\/\/natwiss.de\">NaturwissenschaftlerInnen-Initiative<\/a> geht davon aus, dass erneut ein ungehemmtes atomares Wettr&uuml;sten zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten droht und es zu einer Stationierung von neuen landgest&uuml;tzten Atomwaffen in Europa kommen k&ouml;nnte. Ein Interview &uuml;ber den INF-Vertrag, das &bdquo;Verm&auml;chtnis der Friedensbewegung&ldquo; und die m&ouml;glichen Hintergr&uuml;nde f&uuml;r das Verhalten der USA. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Luig, was waren Ihre Gedanken, als Sie geh&ouml;rt haben, dass die USA aus dem INF-Vertrag aussteigen wollen? <\/strong><\/p><p>Ehrlich gesagt dachte ich, dass es eine deprimierende und  mehr als schlechte Woche f&uuml;r den Frieden in der Welt ist. Neben der unheilvollen Ank&uuml;ndigung des US-Pr&auml;sidenten Donald Trump, den INF-Vertrag zu k&uuml;ndigen, h&auml;lt die NATO zu allem &Uuml;berfluss in Norwegen ihr Gro&szlig;man&ouml;ver &bdquo;Trident Juncture&ldquo; mit 50.000 Soldaten ab, an dem auch Deutschland mit 10.000 Soldaten beteiligt ist. Das von der NATO verk&uuml;ndete Ziel der &Uuml;bung ist es, St&auml;rke gegen&uuml;ber Russland zu demonstrieren.<\/p><p>Die Tatsache, dass 29 NATO-L&auml;nder Krieg &bdquo;spielen&ldquo;, um Russland abzuschrecken, und die Aussicht, dass einer der wichtigsten Vertr&auml;ge &uuml;ber nukleare Abr&uuml;stung der wahnwitzigen Aufr&uuml;stungs- und Konfrontationspolitik des Pr&auml;sidenten der USA und seiner rechtskonservativen Regierung geopfert werden, stimmte mich wirklich nicht zuversichtlich.<\/p><p><strong>Was hat es mit diesem Vertrag auf sich?<\/strong><\/p><p>Der INF-Vertrag wurde 1987 zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion geschlossen und trat 1988 in Kraft. Er ist ein Kind und so etwas wie das Verm&auml;chtnis, aber auch der Erfolg, der Friedensbewegung der 80er Jahre. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Damals hatte 1979 der NATO-Doppelbeschluss die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles in Deutschland vorgesehen und die Gefahr eines nuklearen Krieges sehr real werden lassen. Dies f&uuml;hrte schlie&szlig;lich zu Massenprotesten in Bonn, London und New York. Unter anderem demonstrierte im Bonner Hofgarten 1981 ein breites B&uuml;ndnis mit etwa 300.000 TeilnehmerInnen gegen den NATO-Doppelbeschluss unter dem Motto &bdquo;Gegen die atomare Bedrohung gemeinsam vorgehen&ldquo;. In der Folge wurde der politische Druck so gro&szlig;, dass Helmut Schmidt, als Verfechter der Stationierung, &uuml;ber den Doppelbeschluss st&uuml;rzte, weil es nicht mehr sicher war, dass er den Stationierungsbeschluss durchsetzen konnte. Schlie&szlig;lich unterzeichneten US-Pr&auml;sident Reagan und Generalsekret&auml;r Gorbatschow den INF-Vertrag im Wei&szlig;en Haus.<\/p><p>Konkret regelt der INF-Vertrag das Verbot des Besitzes, der Produktion und der Tests mit allen landgest&uuml;tzten Flugk&ouml;rpern mit mittlerer und k&uuml;rzerer Reichweite (500 bis 5500 Kilometer). Es ist das bisher einzige Abkommen, welches  zur Verschrottung einer ganzen Kategorie von Atomwaffen, also zu realer Abr&uuml;stung gef&uuml;hrt hat. Dieses von Michael Gorbatschow und Ronald Reagan unterzeichnete Abkommen ist eine historische Errungenschaft des weltweiten Abr&uuml;stungsprozesses und kann gar nicht hoch genug eingesch&auml;tzt werden. <\/p><p><strong>Was bedeutet es, wenn die USA ihr Vorhaben umsetzen?<\/strong><\/p><p>Das Ende des INF-Vertrages w&auml;re mehr als die Beendigung eines Vertrages, es w&auml;re das Ende einer internationalen Abr&uuml;stungs- und R&uuml;stungskontrollpolitik, die Europa und die Welt sicherer gemacht hat vor den Gefahren eines Atomkrieges. Nur wenn dieses Abkommen erhalten bleibt, kann die T&uuml;r zu einer Welt ohne Atomwaffen weiter ge&ouml;ffnet werden. <\/p><p><strong>Das Ende dieses Vertrages w&auml;re also&hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip;ein schwerer politischer Schlag auch gegen den Atomwaffenverbotsvertrag. Uns w&uuml;rde erneut ein ungehemmtes atomares Wettr&uuml;sten zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten drohen und eine Stationierung von neuen landgest&uuml;tzten Atomwaffen in Europa, welche die gesamte Menschheit bedrohen. Schon in den 70\/80er Jahren h&auml;tte mit Absicht oder durch einen Fehler ein Atomkrieg ausbrechen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Dieser h&auml;tte vor allem Europa getroffen.<\/strong><\/p><p>Und diese Gefahr ist auch heute noch vorhanden, allerdings w&uuml;rde sie mit der K&uuml;ndigung des INF-Vertrages immens ansteigen.<\/p><p>Insbesondere Deutschland w&auml;re im Falle einer atomaren Auseinandersetzung eines der ersten Ziele, da ohnehin schon in B&uuml;chel im Rahmen der nuklearen Teilhabe Atomwaffen stationiert sind und auf der Air Base Ramstein der Raketenabwehrschirm der US-Amerikaner beherbergt wird. Die zu vermutende Stationierung von Mittelstreckenraketen in unserem Land w&uuml;rde Deutschland noch mehr ins Fadenkreuz geraten lassen &ndash; Atomwaffen wirken wie Magneten. <\/p><p><strong>Welche Auswirkungen w&uuml;rden sich noch ergeben?<\/strong><\/p><p>Leider wird oftmals vergessen, dass ein Ende des INF-Vertrages auch ein unkontrolliertes Wettr&uuml;sten in Ostasien bedeuten w&uuml;rde. Wie ich vermute, richtet sich die angek&uuml;ndigte Aufl&ouml;sung des INF-Vertrages gar nicht so sehr gegen Russland, sondern vielmehr gegen China. China ist bisher nicht Teil des INF-Vertrages und nach der Logik der US-amerikanischen Milit&auml;rs haben die USA dadurch einen strategischen Nachteil. Die USA hoffen, mit der K&uuml;ndigung atomare Mittelstreckenraketen z.B. in Japan stationieren zu k&ouml;nnen. Dies w&uuml;rde zu einer &auml;hnlichen R&uuml;stungsspirale wie in Europa im Kalten Krieg f&uuml;hren und die Gefahren f&uuml;r die Region und den Weltfrieden w&auml;ren gar nicht abzusch&auml;tzen. Dies w&uuml;rde z.B. auch den Entspannungsprozess zwischen Nord- und S&uuml;dkorea zunichtemachen.<\/p><p><strong>Die USA werfen Russland vor, gegen den Vertrag versto&szlig;en zu haben. Wie sehen Sie diesen Vorwurf?<\/strong><\/p><p>Die USA und Russland werfen sich gegenseitig vor, den Vertrag gebrochen zu haben. So mahnen die USA zum Beispiel  an, Russland habe eine neue Mittelstreckenrakete entwickelt, die eine Reichweite von &uuml;ber 500 Kilometern habe. Russland hingegen wirft den USA unter anderem vor, Drohnen zu verwenden, die effektiv als Mittelstreckenraketen gelten k&ouml;nnen sowie ein vertragswidriges Raketenabwehrsystem in Rum&auml;nien und Polen aufgebaut zu haben. Hierbei ist aber anzumerken, dass f&uuml;r beiderseitige Vorw&uuml;rfe bis heute keine endg&uuml;ltigen Beweise f&uuml;r einen tats&auml;chlichen Vertragsbruch vorliegen. <\/p><p>Augenscheinlich ist aber, dass es bei den Vorw&uuml;rfen anscheinend gar nicht mehr darum geht, das Abkommen zu erhalten. Dies kann man daran erkennen, dass der f&uuml;r solche F&auml;lle vertraglich geregelte Weg gar nicht mehr eingehalten wird. Wenn es zu Verletzungen des INF-Abkommens gekommen sein sollte, hat der INF-Vertrag dazu klare Regelungen. Die entsprechende Kommission der beiden Unterzeichnerstaaten muss einberufen werden, um die Vertragsverletzungen aufzukl&auml;ren. Dieses ist seit 2017 nicht mehr geschehen. Es w&auml;re aber der einzig richtige Schritt gewesen, bevor man wie die USA die m&ouml;gliche Aufl&ouml;sung des Vertrages &ouml;ffentlich verk&uuml;ndet.<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie denn die Reaktion der Bundesregierung?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst muss lobend erw&auml;hnt werden, dass die Bundesregierung zumindest erkannt hat, dass der INF-Vertrag ein wichtiges Element der R&uuml;stungskontrolle ist und in besonderer Weise europ&auml;ischen und damit auch direkt Deutschlands Interessen dient. V&ouml;llig unverst&auml;ndlich sind die Aussagen von Au&szlig;enminister Heiko Maas, der allein Russland in der Pflicht sieht, den INF-Vertrag einzuhalten. Er und die Bundesregierung berufen sich hier auf eine Erkl&auml;rung des NATO-Gipfels im Juli, die besagt, dass die USA sich an den INF-Vertrag hielten, w&auml;hrend Russland keine &uuml;berzeugenden Antworten auf die Fragen geben k&ouml;nne, die sich im Zusammenhang mit neuen russischen Raketentypen stellen. Es &uuml;berrascht nicht, dass die NATO einseitig Russland f&uuml;r einen Bruch des INF-Vertrages verantwortlich macht, da dies in die momentane Feindbildkonstruktion passt. <\/p><p>Abr&uuml;stung und der Gedanke der gemeinsamen Sicherheit erfordern aber keine einseitigen Schuldzuweisungen, sondern Angebote zum Dialog und Vertrauen in geschlossene Abkommen. Propagandistische Anklagen helfen nicht weiter und lenken von den wahren Motiven ungehemmter Aufr&uuml;stung ab. Die Bundesregierung t&auml;te gut daran, auf beide Seiten zuzugehen und zu vermitteln. Darauf hinzuwirken, dass die bereits erw&auml;hnte Kommission der beiden Unterzeichnerstaaten einberufen wird, um die angeblichen Vertragsverletzungen aufzukl&auml;ren, w&auml;re ein erster wichtiger und richtiger Schritt.<\/p><p><strong>Worauf kommt es jetzt an?<\/strong><\/p><p>Wir von der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative fordern die Bundesregierung auf, in einer Regierungserkl&auml;rung &ouml;ffentlich positiv zu dem Vertrag Stellung zu nehmen. Sie muss unmissverst&auml;ndlich erkl&auml;ren, dass eine erneute Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden nicht infrage kommt. Au&szlig;erdem m&uuml;ssen die USA aufgefordert werden, die noch stationierten Atomwaffen aus B&uuml;chel abzuziehen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus muss der INF-Vertrag erhalten und unter Einbeziehung Chinas erweitert werden. Insbesondere sollten neben den landgest&uuml;tzten auch die seegest&uuml;tzten Mittelstreckenraketen verboten werden.<\/p><p>Ein weiterer Schritt zu einer atomwaffenfreien Welt ist der im vergangenen Jahr in der UN verabschiedete Atomwaffenverbotsvertrag. Dieser beinhaltet unter anderem ein Verbot der Stationierung von Atomwaffen in den Vertragsstaaten. Durch das Inkrafttreten des Vertrages k&ouml;nnte die Gefahr der Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen gemindert werden. Bisher haben ihn 69 Staaten unterschrieben und 19 ratifiziert. Deutschland geh&ouml;rt leider nicht dazu.<\/p><p>Au&szlig;erdem muss die Friedensbewegung aktiv werden. Wir brauchen jetzt einen lauten und un&uuml;berh&ouml;rbaren Protest gegen eine erneute atomare Aufr&uuml;stung. Wie schon zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses braucht es auch heute den Druck von der Stra&szlig;e, um die Politik zum Umdenken zu bewegen. Es muss deutlich werden, dass eine Welt ohne Atomwaffen das Ziel ist, dass nur so das &Uuml;berleben der Menschheit gesichert werden kann.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Pascal Luig<\/strong>, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative &ndash; Verantwortung f&uuml;r Frieden und Zukunftsf&auml;higkeit e. V., Koordinierungskreis der Stopp Air Base Ramstein Kampagne<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werden die USA wieder Mittelstreckenraketen in Europa stationieren? Das k&ouml;nnte zumindest dann der Fall sein, wenn die Ank&uuml;ndigungen von US-Pr&auml;sident Donald Trump umgesetzt werden. Dieser hatte vor kurzem gesagt, dass der so genannte INF-Vertrag zur atomaren Abr&uuml;stung aufgek&uuml;ndigt werde. 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