{"id":47,"date":"2004-01-06T16:16:02","date_gmt":"2004-01-06T14:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=47"},"modified":"2024-10-14T20:57:36","modified_gmt":"2024-10-14T18:57:36","slug":"elite-universitat-eine-weiterer-sozialdemokratischer-tabubruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47","title":{"rendered":"Elite-Universit\u00e4t &#8211; eine weiterer sozialdemokratischer Tabubruch"},"content":{"rendered":"<p>Die Forderung des SPD-Generalsekret&auml;rs Olaf Scholz nach einer Spitzenuniversit&auml;t nach amerikanischem Vorbild besagt nicht mehr und nicht weniger als die generelle Herabstufung der deutschen Hochschulen in die Zweit- oder Drittklassigkeit. &ldquo;Elite&rdquo;- Universit&auml;t und die Prinzipien der Chancengerechtigkeit und gleichwertiger Qualifikation sind nur schwer miteinander vereinbar. Ein weiterer Bruch mit sozialdemokratischen Grundwerten zeichnet sich ab &ndash; diesmal auf dem Feld der Bildung. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNach der &ldquo;Normalisierung&rdquo; von Milit&auml;reins&auml;tzen der Bundeswehr, nach dem Aufbrechen der parit&auml;tischen Finanzierung der Sozialsysteme, nach der &Ouml;ffnung der Umlagefinanzierung der Renten hin zum Kapitaldeckungsprinzip soll nun offenbar ein weiterer sozialdemokratischer Grundwert &ldquo;modernisiert&rdquo; werden: das Prinzip der Chancengerechtigkeit in der Bildung.<\/p><p>Die Sozialdemokratie hat sich ehedem im Gegensatz zum Konservativismus mit dem Begriff der &ldquo;Elite&rdquo; schwer getan. Nicht weil sie etwas gegen die Bestenauslese gehabt h&auml;tte &ndash; im Gegenteil. Aber f&uuml;r Republikaner hat &ldquo;Elite&rdquo; (vom franz&ouml;sischen &ldquo;auserw&auml;hlt&rdquo; oder &ldquo;auserlesen&rdquo;) historisch etwas mit Privilegien qua Stand und sp&auml;ter sogar etwas mit &ldquo;Herrenmenschentum&rdquo;, in jedem Falle aber nichts mit Chancengleichheit oder speziell mit demokratischer Durchl&auml;ssigkeit des Bildungswesens zu tun.<\/p><p>Es geht bei Chancengleichheit und Durchl&auml;ssigkeit keineswegs nur um die Bewahrung von Tradition und ehernen Werten, sondern es geht darum, das Bildungspotential der Bev&ouml;lkerung m&ouml;glichst optimal auszusch&ouml;pfen, um damit nicht nur ein H&ouml;chstma&szlig; an demokratischer Mitwirkung, sondern auch an volkswirtschaftlicher Wertsch&ouml;pfung zu erreichen. Und da wird jetzt einfach ohne weitere Begr&uuml;ndung behauptet, das amerikanische Hochschulsystem sei besser, das produzierte Wissen w&uuml;rde schneller umgesetzt und deshalb wir m&uuml;ssten uns anpassen. Dabei sollte doch nicht verborgen geblieben sein, dass die amerikanische Spitzenforschung seit Jahrzehnten vom Import ausl&auml;ndischer Spitzenwissenschaftlern lebt. Das seit Jahren gr&ouml;&szlig;er werdende Leistungsbilanzdefizit der USA spricht auch nicht gerade daf&uuml;r, dass das Wissenschaft rascher in wirtschaftlichen Erfolg umgesetzt worden w&auml;re.<\/p><p>Dennoch will &ndash; unter &ldquo;Beratung&rdquo; der Chefs von McKinsey, von Siemens, BMW und VW (und nicht etwa &ndash; horribile dictu &ndash; der einstmals renommierten SPD-Bildungskommission) &ndash; der SPD-Vorstand in Weimar, der Stadt der Klassik und der ersten Republik, einen &ldquo;Innovations&rdquo;-Plan auflegen, dessen provokatorische Zuspitzung offenbar der Vorschlag einer Elite-Universit&auml;t sein soll.<\/p><p>Man fragt sich, was Olaf Scholz und andere in der Parteispitze zu dieser Provokation treibt? Offenbar h&ouml;rt man dort, obwohl die bisherigen Reformvorschl&auml;ge alles andere als erfolgreich waren, immer noch auf die inzwischen breit bekannt gewordenen Berater. Weder bessere Argumente noch die Meinung der Bev&ouml;lkerung scheinen diesen selbstzerst&ouml;rerischen Kurs aufhalten zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Wenn man, wie die Bundesregierung, erst einmal den Weg zur Entstaatlichung durch permanente Steuersenkungen und Einsparungen von &ouml;ffentlichen Leistungen eingeschlagen hat, dann kann man sich eben auch f&uuml;r die Bildung und f&uuml;r ein &ouml;ffentlich verantwortetes Hochschulwesen nicht mehr das Geld f&uuml;r notwendige Verbesserungen leisten. Da hilft dann wie in der Sozialpolitik auch bei der Bildung nur noch ein radikaler Kurswechsel. Und eine solche Wende l&auml;sst sich mit dem Schlagwort &ldquo;Elite&rdquo;-Universit&auml;t trefflich kommunizieren. Wie das &ouml;ffentliche Echo jetzt schon zeigt, klappt die Kommunikation besser als mit jedem anderen (durchaus auch vern&uuml;nftigen) Vorschlag, der in der Innovationsoffensive angesprochen wird.<\/p><p>Was aber soll mit einer solchen Debatte angesto&szlig;en werden?<br>\nHinter einer &ldquo;Elite&rdquo;-Universit&auml;t nach amerikanischem Vorbild verbergen sich folgende &ldquo;Reform&rdquo;-Vorstellungen:<\/p><ul>\n<li> Private oder weitgehend privatisierte Hochschulen. (Etwa zur Umgehung der L&auml;nderzust&auml;ndigkeit f&uuml;r das Hochschulwesen?)<\/li>\n<li> Studiengeb&uuml;hren in H&ouml;he bis zu 40.000 Dollar pro Jahr. (K&ouml;nnte man so das bisherige Studiengeb&uuml;hrenverbot im Hochschulrahmengesetz umgehen?)<\/li>\n<li> Freie Auswahl der Studierenden durch die Hochschule, sicherlich auch nach Leistung, aber eben auch nach Geld und gesellschaftlichem Rang. (K&ouml;nnte man damit nicht das Abitur als allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und damit als eines der letztverbliebenen Instrumente der gleichen Zugangschancen auf h&ouml;here Bildung aushebeln?)<\/li>\n<li> Einige wenige Spitzenunis und eine Vielzahl (in USA &uuml;ber 3000) zweit- oder drittklassige terti&auml;re Ausbildungsst&auml;tten mit teilweise nicht einmal Oberstufenniveau. (K&ouml;nnte man damit die Studentenstr&ouml;me nicht von den Universit&auml;ten weg, auf Hochschulen mit niedrigerem Qualifikationsniveau umlenken?)<\/li>\n<li> Forschendes Lernen als klassische Universit&auml;ts-&ldquo;Bildung&rdquo; nur noch f&uuml;r eine Minderheit und Zertifizierung der &uuml;brigen Abschl&uuml;sse auf status quo bezogene Funktionsert&uuml;chtigung. (K&ouml;nnte man damit das Spezifikum der deutschen Universit&auml;t, n&auml;mlich die Einheit von Forschung und Lehre, nicht ein f&uuml;r alle mal ad acta legen?)<\/li>\n<li> Abh&auml;ngigkeit von privatren Forschungsgeldern. (K&ouml;nnte man damit nicht die eine unmittelbare &ouml;konomische Verwertung des Wissens hemmende Freiheit der Forschung unter Kontrolle bekommen?)<\/li>\n<li> Konzentration der &ouml;ffentlichen Forschungsmittel auf die Spitzenuniversit&auml;ten. (K&ouml;nnte man damit nicht endlich von der von der Wissenschaft selbst verwaltete Vergabe von Forschungsmittel wegkommen?)<\/li>\n<li> Spitzengeh&auml;lter f&uuml;r (einige, wenige) Professoren. (K&ouml;nnte man damit nicht die Fesseln des Tarifs- und Besoldungsrecht endlich sprengen?)<\/li>\n<li> Freie Rekrutierung der Lehrkr&auml;fte auch aus der Wirtschaft ohne wissenschaftliche Qualifikationsnachweise. (K&ouml;nnte man damit nicht endlich den freien Austausch zwischen den Wirtschafts- und Wissenschaftseliten erm&ouml;glichen?)<\/li>\n<\/ul><p>Das sind nur einige der &ldquo;Reform&rdquo;-Strukturen, die sich hinter dem K&uuml;rzel &ldquo;Elite&rdquo;-Universit&auml;t verbergen und um den Richtungswechsel hin auf solche Reformen geht es in Wahrheit. Denn Stanford, Columbia, MIT oder Harvard kann es und wird es in Deutschland nicht (mehr) geben, dazu fehlt es schlicht am Geld oder genauer am Stiftungskapital der fr&uuml;hkapitalistischen amerikanischen Gesellschaft.<br>\nWoher sollen den die Milliarden an Stiftungsverm&ouml;gen kommen? Schon eine mittlere Stiftungsuniversit&auml;t br&auml;uchte f&uuml;r ihren Jahresetat ein Verm&ouml;gen von etwa drei bis vier Milliarden Euro. Die Wirtschaft wird das Geld nicht aufbringen, wie sich etwa an der chronisch unterfinanzierten privaten Universit&auml;t Witten-Herdecke zeigt. Und warum sollte die Wirtschaft auch so viel Geld aufbringen, so lange sie so gut ausgebildete Hochschulabsolventen von den staatlich finanzierten Hochschulen bekommt.<\/p><p>Will man das notwendige Geld f&uuml;r die Spitzenunis von den &uuml;brigen abziehen, dann schadet man allen zum zweifelhaften Nutzen einiger weniger.<\/p><p>Niemand behauptet, dass unsere Hochschulen in einem optimalen Zustand sind und dass wir nicht erheblichen Reformbedarf haben, aber genauso wenig ist die Behauptung richtig, dass das amerikanische oder das britische Hochschulwesen besser w&auml;ren als das unsrige. Dass z.B. die Ausbildungsleistungen unserer Hochschulen so schlecht nicht sein k&ouml;nnen, zeigt sich schon darin, dass jeder dritte ausl&auml;ndische post-doc an amerikanischen Spitzenhochschulen und jeder f&uuml;nfte Professor in den Naturwissenschaften aus Deutschland kommt.<\/p><p>Was ist die Ursache f&uuml;r diesen Brain-drain? Dar&uuml;ber lohnte sich, in einem Innovationsprogramm der SPD nachzudenken, aber nicht &uuml;ber Elite-Universit&auml;ten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forderung des SPD-Generalsekret&auml;rs Olaf Scholz nach einer Spitzenuniversit&auml;t nach amerikanischem Vorbild besagt nicht mehr und nicht weniger als die generelle Herabstufung der deutschen Hochschulen in die Zweit- oder Drittklassigkeit. &ldquo;Elite&rdquo;- Universit&auml;t und die Prinzipien der Chancengerechtigkeit und gleichwertiger Qualifikation sind nur schwer miteinander vereinbar. Ein weiterer Bruch mit sozialdemokratischen Grundwerten zeichnet sich ab &ndash;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,17,191],"tags":[235,561,831,234],"class_list":["post-47","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-spd","tag-drittmittel","tag-privatschulen","tag-scholz-olaf","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123098,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47\/revisions\/123098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}