{"id":47023,"date":"2018-11-13T08:30:05","date_gmt":"2018-11-13T07:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47023"},"modified":"2019-02-27T12:37:51","modified_gmt":"2019-02-27T11:37:51","slug":"macht-es-heute-noch-sinn-die-kriegsschuldfrage-1914-1918-zu-behandeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47023","title":{"rendered":"Macht es heute noch Sinn, die Kriegsschuldfrage 1914-1918 zu behandeln?"},"content":{"rendered":"<p>Der Autor und Jurist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> hat einen Essay &uuml;ber &bdquo;Deutsche Au&szlig;enpolitik 2018 &ndash; Die &sbquo;balancierte Partnerschaft&lsquo; des Au&szlig;enministers Heiko Maas und die Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs&ldquo; geschrieben. Vom fr&uuml;heren Parlamentarischen Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium <strong>Willy Wimmer<\/strong> kam fast gleichzeitig ein Text zum feierlichen Gedenken an 100 Jahre 1. Weltkrieg. Es f&uuml;gt sich gut, beide Texte gemeinsam zu ver&ouml;ffentlichen. Beide besch&auml;ftigen sich auch mit der Frage, wer verantwortlich war f&uuml;r den Ersten Weltkrieg, welche Rolle das Friedensdiktat Versailles f&uuml;r die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa spielte und wie diese Themen heute und vor allem im Zusammenhang mit &bdquo;100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs&ldquo; behandelt werden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch war zun&auml;chst skeptisch, ob die Er&ouml;rterung der Kriegsschuld nach 100 Jahren noch Sinn macht. Aber Willy Wimmer machte mich darauf aufmerksam, dass das damalige Verhalten gegen&uuml;ber Deutschland heute auf internationaler Ebene nach dem gleichen Muster gegen&uuml;ber Russland fortgeschrieben werde, mit uns als Schlachtfeld, wie er meint. <\/p><p>Auf seinen Hinweis hin fand ich in unserem eigenen Medium <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24965\">&Uuml;berlegungen zum Thema<\/a>. Am 10. Februar 2015 hatte ich darauf aufmerksam gemacht, f&uuml;r wie wichtig westliche Strategen die Beantwortung der Schuldfrage f&uuml;r die Vorbereitung k&uuml;nftiger Kriege halten. W&ouml;rtlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der jetzt &ouml;ffentlich gef&uuml;hrten Auseinandersetzung geht es in einem ersten Versuch darum, Russland ohne Krieg zu isolieren, wirtschaftlich zu schaden, zu destabilisieren, und die Ukraine und sp&auml;ter auch weitere Nachbarstaaten in den Westen zu ziehen, zun&auml;chst nahe an die EU, dann in die EU und in die NATO. Die Bundeskanzlerin Merkel hat das mit ihrer Erinnerung an den Mauerfall und die daf&uuml;r notwendige Geduld als Ziel beschrieben, die strategische &Uuml;berlegung also ausdr&uuml;cklich genannt und bekannt.<\/p>\n<p>Falls dies nicht ohne gr&ouml;&szlig;eren Krieg m&ouml;glich sein sollte, dann geht es aus der Sicht Deutschlands und des Westens darum, die Kriegsschuldfrage jetzt schon zu beantworten, bevor der gro&szlig;e Krieg begonnen hat: die Russen sind schuld, genauer Putin, der seltsam gewendete Putin, wie es in einigen Einlassungen westlicher Politiker hei&szlig;t.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nach diesem Hinweis auf einen fr&uuml;heren einschl&auml;gigen Text nun aber zu den beiden Artikeln &ndash; verbunden mit einem gro&szlig;en Dank an die Autoren und der Bitte an unsere Leser, diese profilierten Meinungen als Ansto&szlig; zur eigenen Meinungsbildung zu verstehen:<\/p><ol type=\"I\">\n<li><strong>Willy Wimmer:<\/strong>\n<p>Die Bilder aus London am Waffenstillstandstag des 11. November 2018 suchte man in den Hauptnachrichten von ARD und ZDF vergebens. Auch BBC r&uuml;ckte erst sp&auml;t damit heraus. Bilder, die den deutschen Bundespr&auml;sidenten Steinmeier bei einer Kranzniederlegung in London zeigten. Hielt man diese Bilder deshalb zur&uuml;ck, weil weder der deutsche Bundespr&auml;sident Steinmeier noch die noch im Amt befindliche Bundeskanzlerin Merkel es an diesem denkw&uuml;rdigen Wochenende f&uuml;r n&ouml;tig gehalten haben, der deutschen Soldaten und Opfer des Ersten Weltkrieges in angemessener Weise dort zu gedenken, wo diese Toten ihre letzte Ruhe finden mussten? Damit macht die deutsche Staatsspitze deutlich, welchem Geschichtsbild sie anh&auml;ngt. Vor allem im Vorfeld von Versailles 1919, an dem man sich im Sommer 2019 in besonderer Weise erinnern wird.<\/p>\n<p>Der Commonwealth-Historiker Christopher Clark hat es deutlich gemacht. Nichts hat Versailles und das Verdikt der Entente-Staaten &uuml;ber das Deutsche Reich gerechtfertigt. Clark hat sogar mit dem Segen der deutschen &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten dekretiert, dass es f&uuml;r den Ausbruch des Ersten Weltkrieges keine Sonderverantwortung von irgendeinem Staat gebe, obwohl der deutsche Historiker Wolfgang Effenberger und andere auf die &uuml;ber ein Jahrzehnt laufende Vorbereitung des Ersten Weltkrieges durch britische und franz&ouml;sische Zirkel, einschlie&szlig;lich der &uuml;ber das Deutsche Reich zu verh&auml;ngenden Hungerblockade, hingewiesen haben. Eine Hungerblockade wohlgemerkt, die bis weit nach dem Waffenstillstand in den Sommer 1919 Millionen deutsche Opfer und den Verlust einer ganzen Generation von Kindern zur Folge haben sollte. Wenn es selbst nach Christopher Clark keine deutsche Sonderverantwortung f&uuml;r den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegeben hatte, ist die in Versailles von den Alliierten dekretierte &ldquo;deutsche Alleinschuld&rdquo; nicht aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>Die Vernichtung Deutschlands war das Ziel von Versailles und mittels Hitler und dem Zweiten Weltkrieg sollte es gelingen. Steinmeier und Merkel laufen Gefahr, Versailles und die gegen Deutschland gerichtete Vernichtungspolitik auf Dauer zu legitimieren.<\/p>\n<p>Das k&ouml;nnte man der Geschichte &uuml;berantworten, wenn dies nicht ins n&auml;chste Verh&auml;ngnis f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Zun&auml;chst einmal in grunds&auml;tzlicher Hinsicht. Wer heute Versailles legitimiert, beantwortet eine Frage nicht: Wer kann Frieden? Darauf hat es in der Geschichte Antworten gegeben, wie der Friedensschluss 1648 von M&uuml;nster und Osnabr&uuml;ck sowie der Wiener Kongress nach Ende der napoleonischen Kriege zeigen konnte. Man lie&szlig; dem besiegten Land sein Gesicht und schuf das &ldquo;Recht auf Vergessen&rdquo;.<\/p>\n<p>Es war der russische Zar Alexander I, gemeinsam mit dem &ouml;sterreichischen Kanzler Metternich, einem Rheinl&auml;nder aus Koblenz, der das europ&auml;ische &Uuml;berlebensprinzip schlechthin in die internationale Politik einzuf&uuml;hren versuchte: eine erneute Auseinandersetzung in Europa sollte vermieden werden, um nicht der Vernichtung der europ&auml;ischen Zivilisation ins Auge sehen zu m&uuml;ssen. Absprache, wo  Absprache m&ouml;glich sein sollte, sehr zum Widerwillen der Angelsachsen. London wollte auf dem Kontinent schalten und walten, wie es wollte. Das wurde gemeinsam mit dem sp&auml;teren Marschall Foch aus Frankreich unter Beweis gestellt und ist bis heute der &ldquo;rote Faden&rdquo;, der jede Beruhigung der europ&auml;ischen Lage hintertreiben soll. Washington ist in Londoner Fu&szlig;stapfen getreten, da kann bei den franz&ouml;sischen Feierlichkeiten in Paris der amerikanische Pr&auml;sident Trump des russischen Pr&auml;sidenten Putin anl&auml;cheln, wie er will.<\/p>\n<p>Es ist schon pervers, wenn ausgerechnet ein franz&ouml;sischer Pr&auml;sident ein permanentes &ldquo;Friedens-Forum&rdquo; am Arc de Triomphe ank&uuml;ndigt. War es doch zuletzt und in Abfolge gerade Frankreich, das Libyen und Syrien mit allen sich daraus ergebenen Konsequenzen auf dem Kerbholz hat und in Afrika nichts anderes mehr fertigbringt, als Kriege zu f&uuml;hren. Statt &ldquo;Friedens-Forum&rdquo; h&auml;tte Selbstverpflichtung f&uuml;r die Zukunft den Menschen mehr gebracht.<\/p>\n<p>Und dann die Dauerschelte f&uuml;r den amerikanischen Pr&auml;sidenten Trump. Man muss sich fragen, was das soll? Oder sind Merkel und Co. sauer dar&uuml;ber, dass Pr&auml;sident Trump bislang jedenfalls nicht dem Modell der von Merkel und Co. bejubelten kriegstreibenden Pr&auml;sidenten Clinton, Bush, dem Uns&auml;glichen, und Obama folgt? Der russische Pr&auml;sident Putin wird sich in Paris, und nicht nur dort, alles genau angeh&ouml;rt haben. Von Clinton bis Merkel beklagt man, dass die angels&auml;chsische Kriegspolitik durch Trump augenscheinlich nicht fortgesetzt wird. Trump wird mit K&uuml;beln von Dreck zugesch&uuml;ttet, weil er vorgibt, mit Russland eine Form gedeihlicher Zusammenarbeit anstreben zu wollen.<\/p>\n<p>Kriege haben die Merkels dieser Welt freudig hingenommen, aber Frieden in Europa geht gar nicht? Das entspricht dem EU-Modell auf Zerst&ouml;rung der bestehenden rechtsstaatlichen Ordnung durch diejenigen, die die D&auml;monen der Vergangenheit beschw&ouml;ren, obwohl gerade sie es sind, die diese D&auml;monen f&ouml;rdern. Trump kann gegen&uuml;ber Moskau nicht liefern, aber er unternimmt alles, um das kriegszerr&uuml;ttete Amerika wieder aufzurichten. Das mag ihm gelingen. Aber was kommt danach? Wieder ein Amerika, das sich Russlands &uuml;ber die amerikanischen Milit&auml;rbefehlshaber in Europa bem&auml;chtigen will? Paris war ein Gipfel an diesem Wochenende und zwar einer der politischen Heuchelei.<\/p>\n<p>(12.11.2018)<\/p>\n<p><em><strong>Willy Wimmer<\/strong> (CDU) war 33 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages, Parlamentarischer Staatssekret&auml;r beim Bundesminister der Verteidigung, Vizepr&auml;sident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)<\/em><\/p><\/li>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<li><strong>Wolfgang Bittner<\/strong>\n<p>Deutsche Au&szlig;enpolitik 2018 &ndash; Die &bdquo;balancierte Partnerschaft&ldquo; des Au&szlig;enministers Heiko Maas und die Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs<\/p>\n<p>Noch Mitte 2018 schlug Au&szlig;enminister Heiko Maas neue, ungew&ouml;hnliche T&ouml;ne hinsichtlich einer St&auml;rkung der europ&auml;ischen Autonomie gegen&uuml;ber den USA an. In einem im Handelsblatt am 21. August 2018 ver&ouml;ffentlichten Kommentar schrieb er, dass die USA und Europa seit Jahren auseinanderdrifteten.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das war offensichtlich, damit hatte er vollkommen recht. Ebenso, wenn er weiter erkl&auml;rte, dass dies keineswegs nur an Donald Trump liege, weil die Gemeinsamkeiten bei Werten und Interessen seit L&auml;ngerem schon abgenommen hatten. Er kam somit zu dem Ergebnis, die Konflikte w&uuml;rden die Pr&auml;sidentschaft Trumps &uuml;berdauern, sodass es keinen Zweck habe, das auszusitzen. Maas strebte ein &bdquo;neu zu vermessendes&ldquo; Verh&auml;ltnis mit den USA an, in dem &bdquo;wir ein Gegengewicht bilden, wo die USA rote Linien &uuml;berschreiten&ldquo;. Europa k&ouml;nne es nicht zulassen, dass die USA &bdquo;&uuml;ber unsere K&ouml;pfe hinweg zu unseren Lasten handeln&ldquo;. Deshalb sei es richtig, europ&auml;ische Unternehmen rechtlich vor Sanktionen zu sch&uuml;tzen. Weiter schrieb er, die europ&auml;ische Autonomie m&uuml;sse gest&auml;rkt werden, indem von den USA unabh&auml;ngige Zahlungskan&auml;le einzurichten sowie ein Europ&auml;ischer W&auml;hrungsfonds und ein unabh&auml;ngiges Swift-System zu schaffen seien. Au&szlig;erdem forderte er, US-Internet-Konzerne m&uuml;ssten angemessen besteuert werden.<\/p>\n<p>Alles nachvollziehbar und richtig, das und mehr sagen unabh&auml;ngige Publizisten und Analysten schon lange. Der Direktor der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, ist vor einigen Jahren noch viel weiter gegangen: Er hat sich gegen die Vorherrschaft des Dollars als Weltleitw&auml;hrung gewandt.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] So auch der damalige franz&ouml;sische Pr&auml;sidentschaftskandidat und Direktor des Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, den man dann unverz&uuml;glich &uuml;ber eine Schmuddel-Sex-Aff&auml;re ein f&uuml;r alle Mal aus dem Verkehr gezogen hat.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Warum? Weil die USA bankrott w&auml;ren, wenn der Dollar als Weltleitw&auml;hrung wegfiele. Das werden sie niemals zulassen, solange sie die h&ouml;chstger&uuml;stete Armee und den r&uuml;cksichtslosesten Geheimdienst der Welt haben. Denn sie k&ouml;nnen trotz einer immens hohen Staatsverschuldung von etwa 22 Billionen Dollar nicht &bdquo;pleitegehen&ldquo; und sogar noch unbek&uuml;mmert Staatsanleihen ausgeben, die jederzeit einzul&ouml;sen sind, weil sie sich in der Weltleitw&auml;hrung US-Dollar verschulden und &ndash; wie der ehemalige Vorsitzende der Notenbank, Alan Greenspan einmal gesagt hat &ndash; bei Bedarf jede beliebige Menge Geld drucken k&ouml;nnen. Das hat weitgehende Auswirkungen auf die ganze Welt.<\/p>\n<p>Der deutsche Au&szlig;enminister hat also einige sehr vern&uuml;nftige &Uuml;berlegungen ge&auml;u&szlig;ert. Doch dann kam sogleich der Schwenk: Im Rahmen der &bdquo;balancierten Partnerschaft&ldquo; sollen die Europ&auml;er einen Teil der Verantwortung &uuml;bernehmen. Zu fragen ist: welche Verantwortung? Interventionskriege zu f&uuml;hren, andere L&auml;nder zu ruinieren oder in Schutt und Asche zu bomben? Zum Beispiel terrorisieren die USA auf die brutalste Weise die Bev&ouml;lkerungen in Venezuela und Brasilien, die einen durch Boykott, die anderen durch Regime Change. Aber worum geht es Heiko Maas, wenn er von Verantwortung spricht? Er meint die europ&auml;ische Sicherheitspolitik, konkret geht es ihm um die Erh&ouml;hung der Verteidigungsausgaben (und das entspricht auch den Forderungen von Kanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen). Maas schreibt: &bdquo;Die Kehrtwende bei den Verteidigungsausgaben ist Realit&auml;t. Jetzt kommt es darauf an, Schritt f&uuml;r Schritt eine Europ&auml;ische Sicherheits- und Verteidigungsunion aufzubauen &ndash; als Bestandteil der transatlantischen Sicherheitsordnung und als eigenes europ&auml;isches Zukunftsprojekt.&ldquo;<\/p>\n<p>Das zeigt die Richtung, damit betreibt Maas die Kriegspolitik der USA mit ihrem milit&auml;risch-industriellen Komplex. Obwohl die Milit&auml;rausgaben der NATO-Staaten einschlie&szlig;lich der USA mehr als dreizehn Mal h&ouml;her sind als die Russlands, soll mit zig Milliarden immer noch weiter aufger&uuml;stet werden. Dazu passt PESCO, die st&auml;ndige strukturierte milit&auml;rische Zusammenarbeit, die Ende 2017 beschlossen worden ist. Danach k&ouml;nnen die NATO-Truppen grenzenlos in ganz Europa bis an die russischen Grenzen &ndash; b&ouml;se gesagt: bis an die k&uuml;nftige Ostfront &ndash; operieren. Und ein Europ&auml;isches Sicherheits- und Verteidigungsb&uuml;ndnis als Bestandteil der transatlantischen Sicherheitsordnung? Bekanntlich wird die NATO von den USA gesteuert. Soll das deutsche Milit&auml;r dann vollkommen der Befehlsgewalt der USA ausgeliefert werden? Es handelt sich also um einen weiteren Schritt in Richtung einer &bdquo;Kolonisierung&ldquo; Europas.<\/p>\n<p>Wenn Maas meint, das geeinte Europa k&ouml;nne ein Gegengewicht zu den USA bilden, ist das bei dem heutigen Zustand Deutschlands eine Illusion. Erstens ist das Besatzungsrecht zwar 1990 beendet worden und Deutschland wurde de jure souver&auml;n &ndash; unter wesentlicher Beteiligung Russlands, das sollte nicht vergessen werden, ist jedoch inzwischen verdr&auml;ngt. Aber die USA haben 1993 ein Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut f&uuml;r die in Deutschland stationierten ausl&auml;ndischen Truppen durchgesetzt, wonach sie zum Schutz ihrer Truppen alles Erforderliche unternehmen d&uuml;rfen. Und dieses Erforderliche ist weit auslegbar und beinhaltet zum Beispiel die &Uuml;berwachung der inl&auml;ndischen Kommunikation. Dass das Handy der Bundeskanzlerin abgeh&ouml;rt wurde, war also rechtlich gedeckt, um nur ein Beispiel zu nennen.<\/p>\n<p>Zweitens haben die USA weitgehende M&ouml;glichkeiten der N&ouml;tigung und Erpressung gegen&uuml;ber der deutschen Regierung. Wie w&auml;re sonst die Zustimmung und Mitwirkung an den Sanktionen gegen Russland zu erkl&auml;ren? Die Sanktionen richten sich schlie&szlig;lich nicht nur gegen Russland, sondern sie sch&auml;digen in erheblichem Ma&szlig;e auch Deutschland. Zur Durchsetzung der Boykottma&szlig;nahmen ist aus Washington erheblicher Druck ausge&uuml;bt worden, was der ehemalige Vizepr&auml;sident Joe Biden &ouml;ffentlich zugegeben hat. Am 2. Oktober 2014 prahlte er in einer Rede an der Harvard Kennedy School in Cambridge\/Massachusetts: &bdquo;Wir haben Putin vor die einfache Wahl gestellt: Respektieren Sie die Souver&auml;nit&auml;t der Ukraine oder Sie werden sich zunehmenden Konsequenzen gegen&uuml;bersehen. Dadurch waren wir in der Lage, die gr&ouml;&szlig;ten entwickelten Staaten der Welt dazu zu bringen, Russland echte Kosten aufzuerlegen. Es ist wahr, dass sie [die EU] das nicht tun wollten. Aber wiederum war es die F&uuml;hrungsrolle Amerikas und die Tatsache, dass der Pr&auml;sident der Vereinigten Staaten darauf bestanden hat, ja Europa des &Ouml;fteren in Verlegenheit bringen musste, um es dazu zu zwingen, sich aufzuraffen und wirtschaftliche Nachteile einzustecken, um Kosten [f&uuml;r Russland] verursachen zu k&ouml;nnen. Und die Folgen waren eine massive Kapitalflucht aus Russland, ein regelrechtes Einfrieren von ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen, der Rubel auf einem historischen Tiefststand gegen&uuml;ber dem Dollar, und die russische Wirtschaft an der Kippe zu einer Rezession.&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p>\n<p>Absurd, dass die Sanktionen gegen Russland von der EU immer noch beibehalten werden. Und der Schulterschluss mit Frankreich, den Maas propagiert, zeugt von ebenso ausgepr&auml;gter Kurzsichtigkeit. Der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron tritt schlau f&uuml;r eine gemeinsame EU-Verteidigungs- und Finanzpolitik ein &ndash; zu Lasten Deutschlands.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Er beteuert nat&uuml;rlich st&auml;ndig die Freundschaft mit Deutschland, ebenso wie Frau Merkel mit Frankreich, wo ein gutnachbarliches Verh&auml;ltnis durchaus gen&uuml;gen w&uuml;rde. Zugleich wird am 11. und 12. November das Ende des Ersten Weltkriegs im Beisein von 60 Staats- und Regierungschefs, darunter US-Pr&auml;sident Donald Trump, mit gro&szlig;en Auftritten, unter anderem einer Zeremonie am Arc de Triomphe, gefeiert &ndash; und damit Deutschland vor Augen gef&uuml;hrt, dass es schon 1918 vor den USA, England und Frankreich am Boden lag.<\/p>\n<p>Was ist von Macrons angeblicher Freundschaft oder Kooperation zu halten, wenn so etwas passiert und er zudem eine von Putin angeregte Zusammenkunft mit Trump in Paris verhindert? Der franz&ouml;sische Pr&auml;sident und die britische Premierministerin Theresa May gedachten mit einer Kranzniederlegung auf dem Soldatenfriedhof von Thiepval der Opfer ihrer L&auml;nder w&auml;hrend des Krieges gegen das Deutsche Reich,[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] wohingegen Macron mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel den Platz im Wald von Compi&egrave;gne aufsuchte, wo am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, der zu dem erzwungenen, f&uuml;r Deutschland ruin&ouml;sen Versailler Vertrag mit den bekannten Folgen f&uuml;hrte.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Das geht weit hinter die Politik von de Gaulle, Mitterand und Helmut Kohl zur&uuml;ck, zeugt davon, dass Macron nicht zu trauen ist und Angela Merkels Geschichtsverst&auml;ndnis offensichtlich den falschen Vorgaben der Siegerm&auml;chte des Zweiten Weltkriegs entspricht. Dasselbe trifft auf Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier zu, der gemeinsam mit dem britischen Thronfolger Prinz Charles an den Feiern der Briten teilnahm und am Ehrenmal in London einen Kranz niederlegte, wobei er &bdquo;f&uuml;r die Ehre&ldquo; dankte, &bdquo;Seite an Seite der Opfer zu gedenken&ldquo;.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p>\n<p>Der ehemalige Parlamentarische Staatssekret&auml;r und Vizepr&auml;sident der OSZE, Willy Wimmer, kommentierte: &bdquo;Fast scheint es so, dass 100 Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe zwar Platz f&uuml;r die Erinnerung ist, doch ein Schleier die schicksalhaften Ereignisse noch immer kaschieren soll. Angeblich rutschten die europ&auml;ischen Staaten ja schlafwandlerisch in den Ersten Weltkrieg, doch neuere Forschungen und freigegebenes Archivmaterial belegen, dass sie von bestimmten Kr&auml;ften geradezu hineinorchestriert wurden. Ziel war die Ausschaltung Deutschlands und &Ouml;sterreich-Ungarns; es galt, zwei in jeder Hinsicht prosperierende Staaten m&ouml;glichst von der Landkarte zu tilgen. &Uuml;ber die Waffenruhe am 8. November 1918, den Waffenstillstand am 11. November 1918, Versailles und sp&auml;ter Hitler sollte weitaus mehr gelingen. Einen Weltkrieg weiter, der zur bedingungslosen deutschen Kapitulation und der fast vollst&auml;ndigen Vernichtung der Substanz der Sowjetunion gef&uuml;hrt hatte, steht die Koalition der Kriegswilligen erneut an den Grenzen Russlands &ndash; Deutschland als Spielball mittendrin.&ldquo;[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p>\n<p>Es zeigt sich, dass im offiziellen Deutschland 73 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch nicht die historische Gemengelage begriffen worden ist. Und in Richtung USA wird nach dem von Donald Trump eingeleiteten globalpolitischen Schwenk einerseits mehr Abstand gefordert, aber nat&uuml;rlich nicht zu viel; andererseits wird nach wie vor gegen Russland zu Felde gezogen, anstatt gerade da mit neuen politischen Vorstellungen anzusetzen und Skepsis auch gegen&uuml;ber den NATO-Verb&uuml;ndeten England und Frankreich walten zu lassen. Hier wird deutlich, wie unreflektiert und konfus deutsche Au&szlig;enpolitik &ndash; in Abh&auml;ngigkeit von den USA &ndash; betrieben wird. Das ist Berliner Politik 2018. Die alles entscheidende Frage bleibt, ob und gegebenenfalls wie sich Deutschland aus der Umklammerung durch die Siegerm&auml;chte des Zweiten Weltkriegs, insbesondere der USA, befreien kann, aus dieser Zwangslage, die ihren Anfang 1945 genommen hat, als damals die Weichen gestellt wurden. Dazu findet sich in der deutschen Politik nach wie vor kein auch nur halbwegs &uuml;berzeugender Ansatz.<\/p>\n<p>(12.11.2018)<\/p>\n<p><em>Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> lebt in G&ouml;ttingen. 2017 erschien von ihm im Westend Verlag in Frankfurt am Main das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-eroberung-europas-durch-die-usa-2\/\">Die Eroberung Europas durch die USA &ndash; eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><\/li>\n<p>\n<\/p><\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Heiko Maas, <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/gastbeitraege\/gastkommentar-wir-lassen-nicht-zu-dass-die-usa-ueber-unsere-koepfe-hinweg-handeln\/22933006.html?ticket=ST-253251-PFMFCTHA1iMxYO9UZl0W-ap4\">Wir lassen nicht zu, dass die USA &uuml;ber unsere K&ouml;pfe hinweg handeln<\/a>, Handelsblatt, 21.8.2018, 10.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Zhou Xiaochuan, <a href=\"http:\/\/www.bis.org\/review\/r090402c.pdf\">Reform the international monetary system<\/a>, BIS Review 41\/2009, 23.3.2009, 10.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Dazu Wolfgang Bittner, Die Eroberung Europas durch die USA&ldquo;, Westend Verlag, Frankfurt am Main, 2017, S. 181 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Joe Biden, Zeitdokument: Wir zwangen die EU zu Sanktionen gegen Russland, zit. n.: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JLO7uKVarB8\">Zeitdokument: US-Vize Biden: WIR zwangen die EU zu Sanktionen gegen Russland.<\/a>&ldquo;, 11.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] ZEIT Online, dpa, AFP, ces, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2018-04\/eu-reform-emmanuel-macron-frankreich-parlament-reaktionen-deutschland\">Macron wirbt f&uuml;r seine Reformpl&auml;ne<\/a>, 17.4.2018, 10.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Albrecht Meier, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/britisch-franzoesisches-weltkriegsgedenken-freundlichkeiten-vor-dem-brexit-finale\/23601856.html\">Freundlichkeiten vor dem Brexit-Finale<\/a>, Der Tagesspiegel, 9.11.2018, 11.11.2018<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] ARD-Tagesschau, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/merkel-macron-193.html\">Am Ort der &bdquo;allerletzten Vers&ouml;hnung&ldquo;<\/a>, 10.11.2018, 11.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Deutschlandfunk, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/weltkriegsgedenken-steinmeier-gedenkt-zusammen-mit-prinz.1939.de.html?drn:news_id=944596\">Steinmeier gedenkt zusammen mit Prinz Charles<\/a>, 11.11.2018, 11.11.2018.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Willy Wimmer, <a href=\"https:\/\/zeitgeist-online.de\/exklusivonline\/dossiers-und-analysen\/1072-deutschland-vor-der-bewaehrung-erneuter-rammbock-gegen-russland-oder-lernen-aus-der-geschichte.html\">Deutschland vor der Bew&auml;hrung: erneuter &ldquo;Rammbock&rdquo; gegen Russland oder Lernen aus der Geschichte?<\/a>, zeitgeist Verlag, 7.11.2018, 10.11.2018.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor und Jurist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> hat einen Essay &uuml;ber &bdquo;Deutsche Au&szlig;enpolitik 2018 &ndash; Die &sbquo;balancierte Partnerschaft&lsquo; des Au&szlig;enministers Heiko Maas und die Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs&ldquo; geschrieben. Vom fr&uuml;heren Parlamentarischen Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium <strong>Willy Wimmer<\/strong> kam fast gleichzeitig ein Text zum feierlichen Gedenken an 100 Jahre 1. Weltkrieg. Es f&uuml;gt sich gut,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47023\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,212,171,11],"tags":[1460,2517,2208,1043,2161,469,2175,458,2066,315,466,2267,915,1367,259,252,1977,1800,1556,2518,966,1019],"class_list":["post-47023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-biden-joe","tag-clark-christopher","tag-europaeische-verteidigungsunion","tag-frankreich","tag-friedensabkommen","tag-grossbritannien","tag-interventionspolitik","tag-maas-heiko","tag-macron-emmanuel","tag-merkel-angela","tag-nato","tag-pesco","tag-putin-wladimir","tag-ruestungsausgaben","tag-russland","tag-steinmeier-frank-walter","tag-transatlantische-partnerschaft","tag-trump-donald","tag-usa","tag-versailler-vertrag","tag-weltkrieg","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47023"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49056,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47023\/revisions\/49056"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}