{"id":4717,"date":"2010-03-09T09:10:38","date_gmt":"2010-03-09T08:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4717"},"modified":"2014-11-25T09:37:12","modified_gmt":"2014-11-25T08:37:12","slug":"bachelor-schoengeschrieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4717","title":{"rendered":"Bachelor sch\u00f6ngeschrieben?"},"content":{"rendered":"<p>Am Donnerstag und Freitag dieser Woche findet eine Konferenz der Europ&auml;ischen BildungsministerInnen in Budapest und Wien statt. Thema ist der Bologna-Prozess. Dieser hatte im vergangenen Jahr zahlreiche Studierende, Sch&uuml;lerInnen und Besch&auml;ftigte auf die Stra&szlig;e getrieben. In der Folge sind Studien erschienen, die zu dem Ergebnis kommen, dass alles nicht so schlimm sei. Ein Leser der NachDenkSeiten hat sich die Methodik zweier Studien genauer angesehen und kommt zu interessanten Ergebnissen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDer Bildungsstreik im Jahr 2009 hat die Bef&uuml;rworterinnen und Bef&uuml;rworter der derzeitigen Umsetzung der Bolognareform an den Hochschulen kalt erwischt. Allzu offensichtlich haben Studierende und Sch&uuml;lerInnen Probleme artikuliert, die aller sch&ouml;nen Propaganda entgegenstehen: Es ist eben nicht alles besser, sondern im Gegenteil vieles schlechter geworden als vorher. Dabei h&auml;tte die Reform einiges Potential gehabt &ndash; dazu h&auml;tte man sich jedoch auf die bedingungslose soziale &Ouml;ffnung der Hochschulen und auf die Debatte &uuml;ber einen Bildungs- und einen Praxisbegriff einlassen m&uuml;ssen. Beides ist nicht geschehen, und bei allen kleineren Nachbesserungen, die in der Folge des Bildungsstreiks stattfinden, wird dies auch nicht geschehen.<br>\nUm aus der Defensive herauszukommen bedarf es daher einer positiven Wendung der &ouml;ffentlichen Debatte. Kaum verwunderlich also, dass in j&uuml;ngster Zeit Studien ver&ouml;ffentlicht wurden, in denen mehr oder weniger deutlich Entwarnung gefunkt wurde. Betrachtet man die Studien n&auml;her, dann ergeben sich jedoch erhebliche methodische Zweifel &ndash; anhand von zwei Studien sei das im Folgenden exemplarisch aufgezeigt.<\/p><p><strong>INCHER-Studie<\/strong><\/p><p>In einer <a href=\"http:\/\/idw-online.de:8008\/de\/news337099?print=1&amp;id=337099\">Pressemitteilung<\/a> zur Vorstellung der ersten Ergebnisse einer Absolventenstudie des Internationalen Zentrums f&uuml;r Hochschulforschung der Universit&auml;t Kassel (INCHER-Kassel) vom Oktober 2009 hei&szlig;t es: &bdquo;&lsquo;Bachelor geht doch!&lsquo; lautet die Antwort des Kasseler Projektteams auf kritische Stimmen, die die Akzeptanz des Bachelorabschlusses auf dem Arbeitsmarkt in Frage stellen und dessen N&uuml;tzlichkeit sowohl f&uuml;r Studierende als auch f&uuml;r das Besch&auml;ftigungssystem bezweifeln.&ldquo; Damit sollte Entwarnung gemeldet werden &ndash; die protestierenden Studierenden und alle anderen KritikerInnen des neuen Systems &uuml;bertreiben wohl ma&szlig;los. Doch auf welche Grundlagen st&uuml;tzt sich das INCHER? So ganz genau wei&szlig; man das noch nicht, denn die eigentliche Studie ist der &Ouml;ffentlichkeit bis heute nicht zug&auml;nglich. Das ist ein ungew&ouml;hnliches Vorgehen, da &Uuml;berpr&uuml;fbarkeit bekanntlich zu den wichtigsten wissenschaftlichen Grundstandards geh&ouml;rt. Allerdings ist inzwischen eine <a href=\"http:\/\/www.e-fi.de\/fileadmin\/Studien\/Studien_2010\/13_2010_Humankapitalpotenziale_Bologna_INCHER.pdf\">Teilstudie [PDF &ndash; 522 KB]<\/a>  ver&ouml;ffentlich worden, und diese l&auml;sst tief blicken.<\/p><ol>\n<li>Zun&auml;chst: Die Arbeitsmarktintegration der FH-Bachelor und FH-Master ist (mit dem FH-Diplom verglichen) verl&auml;uft besser als bei den entsprechenden Studieng&auml;ngen an den Universit&auml;ten. Nur: Es sind im Sample lediglich 485 FH-Bachelor und 203 FH-Master enthalten. Teilt man diese noch auf verschiedene Fachrichtungen und Hochschulen auf, dann bleibt vermutlich keine den methodischen Standards gen&uuml;gende Fallzahl &uuml;brig. Auf dieser Grundlage Aussagen &uuml;ber Einkommensniveaus zu machen, ist also zumindest problematisch.\n<\/li>\n<li>Am fragw&uuml;rdigsten ist jedoch die Auswertung der Antworten der Befragten. Gefragt wurde auf einer Skala von 1 (&bdquo;in sehr hohem Ma&szlig;e&ldquo; \/ &bdquo;sehr zufrieden&ldquo; \/ &bdquo;sehr gut&ldquo;) bis 5 (&bdquo;gar nicht&ldquo; \/ &bdquo;sehr unzufrieden&ldquo; \/ &bdquo;sehr schlecht&ldquo;). Man kann demnach  unterstellen, dass eine &bdquo;3&ldquo; ein &bdquo;teils-teils&ldquo; ist, also weder besonders gut, noch besonders schlecht. Das INCHER sieht das offensichtlich fallweise anders. Gefragt danach, ob die erworbenen Qualifikationen bei der derzeitigen T&auml;tigkeit zum Einsatz kommen, wertet das INCHER die Antworten 1 bis 3 als &bdquo;Ja&ldquo;! Wie hoch der Anteil der Zustimmung zu den Kategorien 1 und 2 ist, wird dem Leser und der Leserin leider verschwiegen. Bei der Berufszufriedenheit wird das Vorgehen allerdings umgedreht: hier wird nur 1 und 2 als hohe Zufriedenheit gewertet. Dass das INCHER offensichtlich irgendwann selbst nicht mehr wusste, welche Interpretation denn nun die richtige sei, zeigt die Frage nach der Angemessenheit der beruflichen Situation: Im Text wird erl&auml;utert, dass die Antworten 1 bis 3 als &bdquo;Ja&ldquo; gewertet werden, unter der Tabelle hei&szlig;t es dagegen, dass 1 und 2 als &bdquo;Ja&ldquo; gewertet werden. Es mag vielleicht kleinkariert erscheinen, es w&auml;re jedoch interessant zu erfahren, wie h&auml;ufig denn jeweils &bdquo;3&ldquo; angekreuzt wurde und ob die Zufriedenheit beim neuen Studiensystem geringer ausf&auml;llt, wenn man die Antwort 3 eben als &bdquo;teils-teils&ldquo; werten w&uuml;rde.\n<\/li>\n<li>Bei der Frage nach der Dauer der Besch&auml;ftigungssuche werden nur die &bdquo;Erfolgreichen&ldquo; nach 1,5 Jahren betrachtet, also diejenigen, die 1,5 Jahre nach dem Abschluss in einem regul&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis stehen. Es wird aber nicht angegeben, wie viele Personen noch immer nach einem Arbeitsplatz suchen. Und es ist unklar, welche Arbeitspl&auml;tze (z.B. Branche, Aufgabenspektrum, Platz in der betrieblichen Hierarchie) die Personen innehaben. Es wird auch nicht mit Methoden f&uuml;r zensierte Daten gearbeitet, also mit Methoden, die eine Sch&auml;tzung der Dauer der Besch&auml;ftigungssuche unter Einbeziehung der noch nicht erfolgten Berufseintritte erm&ouml;glicht.\n<\/li>\n<li>Die einseitige Ergebnisinterpretation wird besonders im Fazit deutlich: &bdquo;Die Ergebnisse der KOAB-Absolventenbefragung 2009 k&ouml;nnen die Bef&uuml;rchtungen &uuml;ber eine fragliche Akzeptanz der universit&auml;ren Bachelor-Absolventen im Allgemeinen nicht st&uuml;tzen.&ldquo; Zu diesem Ergebnis f&uuml;r AbsolventInnen des universit&auml;ren Bachelors kommen die AutorInnen wie folgt: Ein Unterschied von z.T. mehr als 10 Prozentpunkten wird als unproblematisch angesehen. Im Fazit liest man hierzu Formulierungen wie &bdquo;ein wenig ung&uuml;nstiger&ldquo;, gaben &bdquo;etwas seltener&ldquo; an und es gab &bdquo;etwas schlechtere&ldquo; Einsch&auml;tzungen. Mit derartigen Beschreibungen versehen werden etwa die Antworten auf die Frage, ob die im Studium erworbenen Qualifikationen tats&auml;chlich im Beruf verwendet werden k&ouml;nnen (73 zu 84 Prozent), die Frage, ob der Bildungsabschluss dem geforderten Qualifikationsniveau entspricht (74 zu 81 Prozent im Durchschnitt) und die Frage, ob die berufliche Gesamtsituation der Ausbildung angemessen ist (76 gegen&uuml;ber 86 Prozent im Durchschnitt). Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Das Einkommen der universit&auml;ren Bachelor-Absolventen liegt im Durchschnitt etwa 20 Prozent unter dem von Master-Absolventen und von traditionellen Absolventen. Dies kann angesichts der Unterschiede in der Studiendauer und der beabsichtigten Stufung als normal betrachtet werden.&ldquo; Dass der Mittelwert, der gew&auml;hlt wurde, ein ziemlich fragw&uuml;rdiger Ma&szlig;stab ist (&bdquo;Bill Gates und sein Chauffeur sind im Durchschnitt Million&auml;re&ldquo;), sollte auch dem INCHER bekannt sein. Interessanter w&auml;ren Dezile oder wenigsten Quartile gewesen.\n<\/li>\n<li>Grunds&auml;tzlich kritisch angemerkt sei, dass die Daten nicht nach Geschlecht getrennt ausgewiesen werden. Das ist vor dem Hintergrund der Debatte um einen Geschlechterbias bei der Umsetzung der Reform kaum zu erkl&auml;ren. Zumal eine Auswertung nach Geschlecht heute g&auml;ngige Praxis ist, um m&ouml;gliche strukturelle Auswirkungen identifizieren zu k&ouml;nnen.\n<\/li>\n<\/ol><p>Die INCHER-Studie h&auml;tte genutzt werden k&ouml;nnen, Probleme der neuen Studienstruktur aufzuzeigen. Stattdessen werden die Ergebnisstufen ziemlich willk&uuml;rlich zusammengefasst und z.T. erhebliche Abweichungen als &bdquo;etwas seltener&ldquo; klassifiziert. Wenn man die Daten so interpretiert, dann kann man eben auch schreiben: &bdquo;Bachelor &ndash; geht doch&ldquo;. Interessanter w&auml;re aber zu erfahren, wem eine Reform nutzt, die offenbar keinerlei Verbesserungen gebracht hat.<\/p><p><strong>Bachelor-Studierende &ndash; Erfahrungen in Studium und Lehre<\/strong><br>\nDie zweite Studie, die hier genannt werden soll, stammt u.a. vom <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/pub\/bachelor_zwischenbilanz_2010.pdf\">Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel [PDF &ndash; 4.4 MB]<\/a>. Die Kritikpunkte sind vergleichsweise geringf&uuml;gig, aber wenigstens zwei sollen dennoch genannt werden:<\/p><ol>\n<li>Auch diese Studie weist die Daten nicht nach Geschlecht aus.<\/li>\n<li>In der Studie hei&szlig;t es, dass an Universit&auml;ten die Bachelorstudierenden weniger Zeitaufwand f&uuml;r ihr Studium h&auml;tten als die Diplomstudierenden. Die Arbeits&uuml;berlast war bekanntlich eines der zentralen Themen der Proteste. Der entsprechende Wert der Bachelorstudierenden wird auch nach Fachrichtung ausgewiesen, wobei es &ndash; wenig &uuml;berraschend &ndash; starke Schwankungen bei der Arbeitsbelastung gibt. F&uuml;r die Diplomstudieng&auml;nge werden die Fachrichtungen jedoch nicht ausgewiesen, so dass sich folgende Frage aufdr&auml;ngt: Ist die Zusammensetzung der Studierenden nach Fachrichtung oder der angestrebte Studienabschluss ausschlaggebend f&uuml;r den Unterschied bei der Arbeitsbelastung? Durch die nicht gleichzeitige Umstellung der Studieng&auml;nge kann es ohne weiteres sein, dass die zeitaufwendigen Studienf&auml;cher noch &uuml;berproportional h&auml;ufig dem alten System folgen.\n<\/li>\n<\/ol><p>Entgegen dem INCHER wird hier nicht wild interpretiert, aber die Frage, was wirklich gemessen wird, bleibt leider offen.<br>\nIn der Tat sind viele Wirkungen der neuen Studienarchitektur noch nicht abzusch&auml;tzen. Und in der Tat ist es hilfreich, hierzu auch Daten zu bekommen. Wenig hilfreich ist aber die methodische Unklarheit (wie bei der Studie aus Konstanz) bzw. der h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Umgang mit Daten und die schwer nachzuvollziehende Interpretation wie beim INCHER. Sch&ouml;n w&auml;re es, wenn endlich eine &Uuml;berpr&uuml;fbarkeit der Ergebnisse erm&ouml;glicht w&uuml;rde. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag und Freitag dieser Woche findet eine Konferenz der Europ&auml;ischen BildungsministerInnen in Budapest und Wien statt. Thema ist der Bologna-Prozess. Dieser hatte im vergangenen Jahr zahlreiche Studierende, Sch&uuml;lerInnen und Besch&auml;ftigte auf die Stra&szlig;e getrieben. In der Folge sind Studien erschienen, die zu dem Ergebnis kommen, dass alles nicht so schlimm sei. 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