{"id":472,"date":"2005-02-19T11:09:18","date_gmt":"2005-02-19T09:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=472"},"modified":"2016-03-19T11:10:13","modified_gmt":"2016-03-19T10:10:13","slug":"dementiert-der-dgb-das-spiegel-interview-mit-dgb-chef-michael-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=472","title":{"rendered":"Dementiert der DGB das SPIEGEL-Interview mit DGB-Chef Michael Sommer?"},"content":{"rendered":"<p>Die Homepage des DGB liefert nachtr&auml;glich eine Kurzfassung des Interviews des DGB-Vorsitzenden mit dem SPIEGEL. Dieser Text mutet wie eine gl&auml;ttende Interpretationshilfe an, um die Proteste gegen die &ldquo;Kapitulation&ldquo; Michael Sommers vor der Agenda 2010 und den Hartz-&bdquo;Reformen&ldquo; abzufangen. Man hat in der DGB-Zentrale wohl einen Schreck bekommen und versucht jetzt zu retten, was kaum noch zu retten ist.<br>\n<!--more--><br>\nVergleicht man die Kurzfassung mit dem Wortlaut des Interviews, so f&auml;llt auf, dass fast alle Aussagen Michael Sommers weggelassen wurden, in denen er von sich aus &ndash; ohne Hinweis auf die Zw&auml;nge politisch geschaffener Tatsachen &ndash; bisherige gewerkschaftliche Positionen preisgibt. So lautet der erste Satz der Kurzfassung: &bdquo;DGB-Chef Sommer sagte, er habe von seiner Kritik an der Agenda 2010 nichts zur&uuml;ckzunehmen&ldquo;, er m&uuml;sse aber zur Kenntnis nehmen, dass &bdquo;dieser Weg&hellip;unumkehrbar eingeschlagen&ldquo; sei. In dem Text auf der Homepage wird aber tunlichst verschwiegen, dass Michael Sommer im Interview kritiklos nachredete, was die Bef&uuml;rworter der Agenda-Politk st&auml;ndig als Begr&uuml;ndung vorgeben:<br>\n&bdquo;Ich akzeptiere, dass sich die Grundlagen des Sozialstaates durch die demografische Entwicklung, die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und die Globalisierung stark ver&auml;ndert haben&ldquo; und dass sich daraus die Notwendigkeit ergebe, &bdquo;den Sozialstaat gr&uuml;ndlich umzugestalten&ldquo;. Wo bleibt da die bisherige Kritik aus dem Gewerkschaftslager, dass mit dem Schreckbild einer &bdquo;&Uuml;beralterung&ldquo; ma&szlig;los &uuml;bertrieben wird, dass der demografische Wandel, durch mehr Besch&auml;ftigung oder einen h&ouml;heren Frauenanteil an den Erwerbst&auml;tigen oder zur Not auch durch eine Heraufsetzung des Renteneintrittalters und vor allem durch eine Umverteilung der Produktivit&auml;tszuw&auml;chse zwischen jung und alt weitgehend aufgefangen werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Auch bei der &ndash; obwohl noch nicht einmal vollzogen, von Sommer aber offensichtlich vorweg akzeptierten &ndash; Reduzierung der Sozialsysteme auf eine &bdquo;Grundversorgung&ldquo; tut die Kurzfassung so, als m&uuml;sse der DGB eben notgedrungener Ma&szlig;en mit den von der Politik getroffenen Entscheidungen leben. Im Interview ist der Tonfall aber ein v&ouml;llig anderer: &bdquo;Wir brauchen (bei der Rente) eine Erg&auml;nzung durch kapitalgedeckte Systeme&ldquo;, die Umlagefinanzierung k&ouml;nne morgen keine umfassende Altersversorgung mehr abdecken. Die Riesterrente werde &bdquo;das Modell auch f&uuml;r andere Zweige der Sozialversicherung werden&ldquo;, sagte Sommer dem Spiegel.<br>\nWo bleibt da die bisherige Kritik der meisten Gewerkschaften, dass ein (k&uuml;nftig alle Einkommen einbeziehendes) Umlageverfahren nach wie vor das sicherste, das billigste und das effizienteste Altersversicherungssystem ist und dass die kapitalgedeckte Rente f&uuml;r den einzelnen nicht nur erheblich teurer, sondern wie sich mehr und mehr auf der ganzen Welt zeigt, die weitaus unsicherere Alterssicherung darstellt. <\/p><p>Die Einlassungen Sommers zum Gesundheitswesen im SPIEGEL werden in der Kurzfassung vorsichtshalber gleich weggelassen, denn dass er dabei ganz offen die bisherigen Prinzipien des Solidarsystems der Krankenversicherung verlassen hat und dar&uuml;ber spekuliert, ob wir Gesundheitsleistungen k&uuml;nftig eben auch &bdquo;privat finanzieren&ldquo;, ist gewiss eine klare Absage an gewerkschaftliche Positionen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich wird in der Homepage des DGB die k&auml;mpferische Frage Sommers zitiert, ob die Arbeitnehmer f&uuml;r den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung von 6,5% &bdquo;eigentlich noch eine angemessene Gegenleistung bekommen,&hellip;wenn alles, was nach einem Jahr Eintritt in die Arbeitslosigkeit passiert, Sozialhilfe ist&ldquo;.<br>\nWirklich k&auml;mpferisch w&auml;re es gewesen und wirklich eine empfindliche Stelle von Hartz IV h&auml;tte der DGB-Vorsitzende getroffen, wenn er darauf hingewiesen h&auml;tte, dass es ungerecht ist und bleibt und dass es dem Versicherungsprinzip widerspricht, wenn Menschen, die jahrzehntelang einbezahlt haben, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit nicht einmal ihre einbezahlten Versicherungsbeitr&auml;ge zur&uuml;ck erstattet bekommen.<br>\nOb die Arbeitslosenversicherung k&uuml;nftig gesenkt und durch einen h&ouml;heren Steueranteil finanziert wird, verbessert die Situation der nach einem Jahr Arbeitslosigkeit in die Bed&uuml;rftigkeit Fallenden kein St&uuml;ck.<br>\nWarum hat Sommer nicht wenigstens das d&auml;nische Modell angesprochen, wo zwar ein vergleichbarer Druck auf Arbeitslose zur Aufnahme einer neuen Besch&auml;ftigung ausge&uuml;bt, wo aber immerhin bis zur Wiedereinstellung 90% des fr&uuml;heren Nettogehalts weitergezahlt wird. <\/p><p>Dass Sommer in dem Interview so unklug war, den &uuml;blen Vorwurf von Seiten der &bdquo;Reformer&ldquo; gegen&uuml;ber den Gewerkschaften, mit dem sie als &bdquo;betonk&ouml;pfige Bewahrer&ldquo; beschimpft werden, selbst in den Mund zu nehmen, verschweigt nat&uuml;rlich die Kurzfassung des DGB. Um den Eindruck zu verwischen, der DGB-Chef habe sich auf ganzer Linie den politischen Verh&auml;ltnissen angepasst, werden unter der &Uuml;berschrift &bdquo;manchmal ist Blockade der richtige Weg&ldquo; seine k&auml;mpferischen T&ouml;ne gegen ein weiteres Schleifen der Tarifautonomie, also des rudiment&auml;rsten aller Gewerkschaftsrechte zitiert.<br>\nAuch der harte aber hilflose Vorwurf an die Deutsche Bank &bdquo;da schl&auml;gt Geiz in Gier um&ldquo; ist eher eine verbale Ablenkung von der vorher eingestandenen &bdquo;Kapitulation&ldquo; vor dem Agenda-Kurs als der Versuch, eine gewerkschaftliche Gegenposition gegen den um sich greifenden Raffgier-Kapitalismus zu entwickeln. <\/p><p>Die Diskrepanz zwischen der vom DGB herausgegeben Kurzfassung und dem Wortlaut des Interviews ist bemerkenswert. Offenbar sind die zahllosen Proteste gegen das SPIEGEL-Interview nicht ohne Wirkung geblieben. Aber machen wir uns nichts vor, auch eine nachtr&auml;gliche &bdquo;Gl&auml;ttung&ldquo; der Aussagen des DGB-Vorsitzenden &auml;ndert nichts daran, dass diese so gemeint sind, wie sie gesagt worden sind. Interviews mit dem Spiegel werden vom Interviewpartner Wort f&uuml;r Wort autorisiert bevor sie ver&ouml;ffentlicht werden. Michael Sommer wusste oder h&auml;tte es wenigstens wissen m&uuml;ssen, auf welche Positionen man ihn k&uuml;nftig festnageln wird &ndash; von Seiten der &bdquo;Reformer&ldquo; aber auch von Seiten der Gewerkschafter. <\/p><p>Die Systemver&auml;nderer jubeln auch schon, so etwa Otto Graf Lambsdorff im K&ouml;lner Stadtanzeiger vom 18.2.05: &bdquo;Der Deutsche Gewerkschaftsbund bewegt sich. DGB-Chef Michael Sommer hat es im &bdquo;Spiegel&ldquo; dieser Woche noch einmal gesagt: Die Strukturen des Sozialstaates m&uuml;ssen umgebaut, &uuml;ber seine Aufgaben und Ziele muss neu geredet werden. Das ist erfreulich klar.&ldquo; <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/dgb\/gbv\/interviews\/sommer_spiegel1402.pdf\" title=\"Externer Link [PDF] zu http:\/\/www.dgb.de\/dgb\/gbv\/interviews\/sommer_spiegel1402.pdf\">DGB [PDF] &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Homepage des DGB liefert nachtr&auml;glich eine Kurzfassung des Interviews des DGB-Vorsitzenden mit dem SPIEGEL. Dieser Text mutet wie eine gl&auml;ttende Interpretationshilfe an, um die Proteste gegen die &ldquo;Kapitulation&ldquo; Michael Sommers vor der Agenda 2010 und den Hartz-&bdquo;Reformen&ldquo; abzufangen. 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