{"id":47262,"date":"2018-11-17T11:45:01","date_gmt":"2018-11-17T10:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47262"},"modified":"2018-11-19T07:25:41","modified_gmt":"2018-11-19T06:25:41","slug":"leserbriefe-zur-buchbesprechung-integriert-doch-erst-mal-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47262","title":{"rendered":"Leserbriefe zur Buchbesprechung \u201eIntegriert doch erst mal uns!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Rezension von &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47004\">Integriert doch erst mal uns!<\/a>&ldquo; rief einige Nachdenkseitenleser auf den Plan.  Einiges von dem, was sie schrieben, ver&ouml;ffentlichen wir hier, um auch mal wieder Ansichten aus der &ouml;stlichen Richtung zu haben, von Menschen, deren Staat &ndash; und bei vielen die Existenz &ndash; von der BRD weitgehend r&uuml;cksichtslos plattgemacht wurde im Interesse des Profits. Symbolisch steht hier f&uuml;r mich der Abriss des Palastes der Republik und der uns&auml;gliche Wiederaufbau eines K&ouml;nigsschlosses durch einen Staat, der sich als Demokratie bezeichnet.  Wie bei allen Leserbriefen wird hier die Sicht der Leser ver&ouml;ffentlicht, die auch nur ein Teil der Gesamtansicht sein kann. Dass bei der ersten Volkskammerwahl nach der Wende die Blockpartei CDU die DDR-B&uuml;rgerrechtler aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &uuml;bertrumpfte, ist leider auch ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte.  Der letzte Brief kommt von einer 89-j&auml;hrigen politisch aktiven Frau, die den 17. Juni 1953 pers&ouml;nlich in Berlin erlebt hat. Weil wir meinen, dass die NachDenkSeiten offen sein sollten f&uuml;r verschiedene Erfahrungsberichte, geben wir auch diesen Text wieder. Vielen Dank an alle, die uns geschrieben haben.  Zusammengestellt von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Liebes Nachdenkseiten-Team,<\/p><p>als Erg&auml;nzung zu Petra K&ouml;ppings Buch m&ouml;chte ich Ihnen Siegfried Wenzels &bdquo;Was war die DDR wert?&ldquo; empfehlen. <\/p><p>Ich hatte es mir bald nach Erscheinen gekauft und es wurde zu einem wahren Augen&ouml;ffner. Als westdeutsch gepr&auml;gt mu&szlig;te ich mich erst an bestimmte DDR-spezifische Ausdr&uuml;cke gew&ouml;hnen, das tat dem Inhalt aber keinen Abbruch.<\/p><p>Nach der Lekt&uuml;re des Buches wunderte ich mich dar&uuml;ber, da&szlig; es nirgends auf den Bestsellerlisten erschien oder in den einschl&auml;gigen Buchbesprechungen auftauchte. Oder eben auch nicht &ndash; denn dieses Werk ist viel zu unbequem und kratzt zu sehr am Mythos der r&uuml;ckst&auml;ndigen DDR und dem goldenen Westen&hellip;..<\/p><p>Die Langzeitfolgen arbeitet nun Frau K&ouml;pping heraus. Da kann man nur sagen, armes Deutschland, das sich so pl&uuml;ndern und manipulieren l&auml;&szlig;t &ndash; und immer noch nicht gegen die asozial Reichen und ihre geldgesteuerte Politik rebelliert.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nAmeli Ganz<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>2. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Liebe Nachdenkseiten, <\/p><p>Vielen Dank f&uuml;r den heutigen Buchtipp. &nbsp;Ich verdanke den Nachdenkseiten schon viel lesenswerten &bdquo;Stoff&ldquo;, &nbsp;und ich habe mir das Buch &nbsp;bestellt und bin &nbsp;sehr gespannt drauf.<\/p><p>Immer wieder stelle ich fest, dass im Westen nichts bekannt ist &uuml;ber die Problematik . &nbsp;Der Film &bdquo;Der Mordanschlag&ldquo; &nbsp;letzte Woche hat einiges angedeutet, doch fand ich , dass die anschlie&szlig;ende Doku die Probleme relativiert hat und wieder nur&nbsp; von den unrentablen Betrieben im Osten die Rede war , die es sicher gab. Leider habe ich dann weggeschaltet, so dass ich den Rest der Doku nicht gesehen habe.<br>\n&nbsp;<br>\nIch wei&szlig; noch, dass damals meine Mutter, eine politisch ungebildete Hausfrau, bei &nbsp;jeder Nachrichtensendung &nbsp;furchtbar geschimpft hat &uuml;ber das , was den Menschen im Osten angetan wird. Empathie &nbsp;sch&auml;rft das Urteilsverm&ouml;gen ! &nbsp;Sie hat immer auch Probleme in der Zukunft, vor allem mit Rechtsradikalen, vorausgesagt, was niemand so recht ernst genommen hat damals. <\/p><p>Eine Freundin von mir hat nach der Wende in einer psychosomatischen Klinik &nbsp;gearbeitet und sich gewundert, dass so viele Menschen nach Verlust ihrer Arbeit in Depression &nbsp;verfallen sind! &nbsp;<\/p><p>Leider &nbsp;war ich damals so mit Existenzkampf besch&auml;ftigt, dass ich mich nicht weiter damit befasst habe, erst der Film &bdquo;Catastroika&ldquo; vor einigen Jahren hat mir die Augen ge&ouml;ffnet. <\/p><p>Ich hoffe, die Deutschen k&ouml;nnen nach und nach all diese Probleme aufarbeiten. <\/p><p>Mit herzlichen Gr&uuml;&szlig;en,<br>\nMaria McCray<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>3. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller, sehr geehrtes Team,<\/p><p>danke f&uuml;r die Vorstellung des Buches. Leider ein Buch, eine Streitschrift (wie mutig!), von vielen.<\/p><p>Wer,&nbsp; der etwas ver&auml;ndern kann, wird sich wohl angesprochen f&uuml;hlen und handeln? Nehmen wir doch nur die Bundesbeaufragten f&uuml;r die NBL mit SPD-Mitgliedschaft &ndash; Schwanitz, Stolpe, Tiefensee und Gleicke &ndash; <\/p><p>was haben die im Sinne der Ostdeutschen verbessert? Wie viele Briefe werden die Bundesbeauftagten von Ostdeutschen mit Bitte um Hilfe bekommen haben? W&auml;re es nicht interessant, diese Briefe und die Antworten (falls erfolgt) auszuwerten?<\/p><p>Ich m&ouml;chte Ihnen empfehlen, mal einen Blick in ein Buch von 1992 zu werfen. Es hei&szlig;t: WEISSBUCH &ndash; Unfrieden in Deutschland &ndash; Diskriminierung in den neuen Bundesl&auml;ndern, herausgegeben von der Gesellschaft<\/p><p>zum Schutz von B&uuml;rgerecht und Menschenw&uuml;rde. Auf 500 Seiten bekommen individuelle Schicksale einen Namen, auch die Verantwortlichen werden teilw. benannt. Die ganze Breite des Wahnsinns der Vernichtung von Lebensleistungen der Ostdeutschen wird <\/p><p>deutlich gemacht. Da kann man sehen, dass Frau K&ouml;pping sehr, sehr sp&auml;t munter geworden ist. Na ja, wenn die SPD-H&uuml;tte brennt, ist halt vieles m&ouml;glich.<\/p><p>Ich w&uuml;nsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit.<\/p><p>Viele Gr&uuml;&szlig;e<br>\nBernd Freund<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>4. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Der Rezension zu dem Buch &ldquo;Integriert doch erst mal uns!&rdquo; kann ich als Ostdeutscher mit meinen Erinnerungen und meiner &Uuml;berzeugung nur zustimmen. Doch schon werden Stimmen laut, z.B. Herr Richling (MDR, Riverboot), die die Sichtweise zu relativieren versuchen und eine gewisse Ungerechtigkeit in der Betrachtung konstatieren. Schlie&szlig;lich m&uuml;sse man dabei ber&uuml;cksichtigen, dass nicht nur ein soziales Gef&auml;lle zwischen Ost und West besteht, sondern eben auch zwischen Nord und S&uuml;d, z.B. zwischen Schleswig Holstein und Bayern. Die jammern auch nicht.<\/p><p>Das mag so sein, aber warum treibt es ausgerechnet die Ostdeutschen auf die Stra&szlig;e, um sich dort ihrer Wut zu entledigen? Ist es nicht vielleicht so, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung im Osten etwas ausgepr&auml;gter ist? W&auml;re ansonsten die friedliche Wende 1989 &uuml;berhaupt zustande gekommen? Das Problem, welches hier eigentlich besteht ist, dass die Menschen, die sich hinter PEGIDA versammeln und AfD w&auml;hlen, leider den falschen Propheten auf den Leim gehen. Von linker Politik kann man im Osten (bis auf die Stammw&auml;hler) kaum jemanden begeistern. Ist das ein Wunder nach 45 Jahren DDR? Allerdings ist es ja wohl im Westen auch nicht viel anders. Aus Gespr&auml;chen wei&szlig; ich, dass der deutsche Michel sich lieber zu linken Themen nicht &auml;u&szlig;ern mag, jedenfalls nicht bei Tageslicht, wegen der Nachbarn. W&auml;re es anders, w&uuml;rden auch die Wahlergebnisse im Westen anders aussehen.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nBj&ouml;rn Ehrlich<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>5. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Ich (89) lege keinen Wert darauf, in diese unheilbar kranke Gesellschaft integriert zu werden, aber dennoch besten Dank an Petra K&ouml;pping und den Rezensenten ihres Buches.<\/p><p>Das Ausma&szlig; der geschilderten Verachtung und H&auml;me gegen den Osten habe ich selbst &uuml;ber mehr als ein Jahrzehnt in verschiedenen Internetforen erfahren. Es w&auml;re sehr w&uuml;nschenswert, dass die NachDenkSeiten an diesem Thema dranbleiben. Allerdings d&uuml;rfte dessen Aufarbeitung dann bitte nicht erst bei 1989\/1990 beginnen, sondern nach 1945, d.h.&nbsp; im Kalten Krieg. <\/p><p>Da das Schreiben mir inzwischen doch einige M&uuml;he zu machen beginnt, an Stelle weiterer Erl&auml;uterungen meine beiden (evtl. sogar im doppelten Wortsinn) letzten Texte. <\/p><ol type=\"A\">&nbsp;\n<li>Meine Gedanken zum 17. Juni 1953<br>\n<strong>Volksaufstand?<\/strong> Als 89J&auml;hrige blicke ich nicht nur auf meine Erlebnisse in den Junitagen 1953, sondern auch auf die Ereignisse der Jahre 1989\/1990 zur&uuml;ck<br>\n&nbsp;<br>\nVor 65 Jahren verbrachte ich an zwei aufeinander folgenden Tagen jeweils einige Stunden inmitten protestierender Bauarbeiter der Stalinallee, den aus Westberlin in den Osten str&ouml;menden &ldquo;Aufstands&rdquo;-Akteuren sowie zahlreichen Mitl&auml;ufern oder Neugierigen und verfolgte aufgeregt die Ereignisse vor dem Haus der DDR-Ministerien an der Leipziger Stra&szlig;e.\n<p>Irgendwo auf den verschwommenen Fotos von den &ldquo;Volksaufst&auml;ndischen&rdquo; muss auch mein Haarschopf zu sehen sein, und am Montag, dem 16. Juni stand ich unserem mutigen Redner &ndash; dem vormaligen Bergmann, furchtlosen antifaschistischen Widerstandsk&auml;mpfer und inzwischen DDR-Minister Fritz Selbmann sogar derart nahe, dass ich ein spa&szlig;iges Detail seiner Kleidung wahrnahm. Alles andere war nicht spa&szlig;ig, und der von ihm verk&uuml;ndete Regierungsbeschluss &uuml;ber eine R&uuml;cknahme der umstrittenen 10%igen Normerh&ouml;hung wurde kaum zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>In sp&auml;teren Jahren dachte ich nur gelegentlich an das Erlebte zur&uuml;ck, und auch in Gespr&auml;chen zwischen Kollegen und Genossen war der in der Bundesrepublik allj&auml;hrlich lautstark gefeierte &bdquo;Volksaufstand&ldquo; eigentlich kein Thema &ndash; wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil die ihn verursachenden Entwicklungen kaum als Ruhmesblatt in die DDR-Geschichte eingehen w&uuml;rden.<\/p>\n<p>Aber wir hatten nach notwendigen Kurskorrekturen unseren friedlichen Weg zum Sozialismus trotz aller Schwierigkeiten fortgesetzt und im Verlauf der nachfolgenden Jahrzehnte Erfolge errungen, die bis zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt kein kapitalistischer Staat aufweisen kann.<\/p>\n<p>Gemessen an den Umst&auml;nden unter denen sie erreicht werden mussten, waren sie zweifellos beachtlich.<\/p>\n<p>Mein Mann und ich standen 1989 bereits im Rentenalter und blickten auf ein erf&uuml;lltes, obwohl keineswegs leichtes oder gar bequemes Leben zur&uuml;ck. Aber vor allem hatten unsere vier Kinder in der DDR nicht nur eine gl&uuml;ckliche Kindheit und Jugend erlebt, sondern auch in den Jahren danach stets eine sichere Existenz und Perspektive gehabt.<\/p>\n<p>Deshalb bin ich noch heute stolz und froh, dass ich zu den knapp 100 unbewaffneten jungen DDR-B&uuml;rger geh&ouml;rte, die sich vom Zentralrat der FDJ Unter den Linden aus am Morgen des 17. Juni 1953 auf den Weg zum Haus der Ministerien machten.<\/p>\n<p>Als wir ankamen, war der Platz noch leer, doch wir sahen den Demonstrationszug bereits von weitem in der Leipziger Stra&szlig;e heranr&uuml;cken. Mir war unverst&auml;ndlich, dass unser wichtigstes Regierungsgeb&auml;ude an diesem Tag v&ouml;llig schutzlos lag. Die Fenster blieben geschlossen und nichts r&uuml;hrte sich, wahrend wir uns mit verschr&auml;nkten Armen bei den H&auml;nden fassten und zumindest die der Leipziger Stra&szlig;e zugewandte Ostseite des Platzes abzusperren versuchten. Dies konnte nicht mehr als eine symbolische Handlung sein, denn wir Jungen und Madchen bildeten lediglich eine leicht zu durchbrechende Kette, und der Rest des gro&szlig;en Platzes blieb offen. Es war danach ein beklemmendes Gef&uuml;hl, als die protestierenden Massen unaufhaltsam n&auml;herkamen. Alles schien m&ouml;glich. Doch dann schwenkte der Zug unmittelbar vor dem zwar schwachen, aber standhaften Hindernis zur Seite, lenkte um unsere offene linke Flanke herum und kam auf der Kreuzung Leipziger-\/Otto-Grotewohl-Str. zum Stehen. Bald waren die umliegenden Stra&szlig;en ebenfalls von nachr&uuml;ckenden Demonstranten besetzt. Sie str&ouml;mten nun auch aus westlicher Richtung heran. Erstaunlicher Weise blieb der zuvor durch uns halbseitig abgesperrte Platz aber selbst dann noch weitr&auml;umig frei, als wir von der Menschenmenge allm&auml;hlich aufgesogen und voneinander getrennt worden waren. Auf unserer Seite soll es dabei mindestens einen Verletzten gegeben haben.<\/p>\n<p>L&auml;ngst ist vor allem aus dem Selbstzeugnis des damaligen RIAS-Chefredakteurs Egon Bahr klar, dass man von Westberlin aus versuchte, die als Streiks gegen Normerh&ouml;hung begonnenen Ereignisse durch pausenlosen Einsatz des Senders und im stillschweigenden Verbund mit Geheimdiensten, der ber&uuml;chtigten &ldquo;Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit&rdquo;, Ostb&uuml;ro der SPD, alten und jungen Faschisten sowie kriminellen Randalierern, Schl&auml;gern, Pl&uuml;nderern, Brandstiftern und sogar M&ouml;rdern zum ersten Regime Change der sozialistischen L&auml;nder Europas hoch zu putschen.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r wurde sogar der ohnehin permanent gef&auml;hrdete Frieden aufs Spiel gesetzt. Der deutsche Sozialdemokrat Egon Bahr musste erst von seinem US-amerikanischen F&uuml;hrungsoffizier gefragt werden, ob er denn den 3.Weltkrieg ausl&ouml;sen wolle, bevor er die offenen Aufforderungen zum Aufstand gegen die Regierung der DDR einstellte. Aber der Westberliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski und andere sprangen gern f&uuml;r ihn ein. Au&szlig;erdem schickte der unver&auml;ndert zielstrebige RIAS 70 bis 75 Westdeutsche und Westberliner am Abend des 16. Juni in die Bauarbeiter-Wohnunterk&uuml;nfte der Stalinallee, um den organisatorischen Ablauf des Folgetages zu sichern. &ldquo;Es sollte sich dann alles von Berlin aus wie ein Lauffeuer ausdehnen&rdquo;, berichtete Jahrzehnte sp&auml;ter eine der Agitatorinnen dem diensthabenden Museumsw&auml;chter &ndash; rein zuf&auml;llig einer der Unseren. Doch sie hatte Westberlin leider befehlsgem&auml;&szlig; am 17.6.1953 fr&uuml;h um 6 Uhr aus &ldquo;Sicherheitsgr&uuml;nden&rdquo; mit dem Flugzeug verlassen und konnte sich nur aus der Ferne &uuml;ber den anf&auml;nglichen Erfolg ihrer Bem&uuml;hungen freuen.<\/p>\n<p>Nach dem Anschluss der DRR an die BRD verfolgte ich mit wachsender Emp&ouml;rung die sich mit jedem Jahrestag steigernde L&uuml;genpropaganda von Politik und Medien zum damaligen Geschehen. Denn allein schon die Darstellung der Ereignisse in Berlin und speziell vor dem Haus der Ministerien entsprach nicht der Wahrheit.<\/p>\n<p>Stimmen des Widerspruchs gingen im hemmungslosen Geschrei der &ldquo;DDR-Delegitimierer&rdquo; unter. Weshalb ich mich Mitte der 90er entschloss, meine Altersruhe f&uuml;r einige Jahre zu unterbrechen, um die einsamen Rufer zu unterst&uuml;tzen und gemeinsam mit anderen Zeitzeugen den Verf&auml;lschungen der historischen Wahrheit ebenfalls entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Dazu gr&uuml;ndeten wir die unabh&auml;ngige Autorengemeinschaft &ldquo;So habe ich das erlebt&rdquo;.<\/p>\n<p>Unser erstes Buch erschien im Jahre 1999 &ndash; auf eigene Kosten und von vornherein ohne realistische Chance auf R&uuml;ckerstattung oder Gewinn &ndash; unter dem Titel &ldquo;Spurensicherung &ndash; Zeitzeugen zum 17. Juni 1953&rdquo; im GNN-Verlag Schkeuditz, der sich bis zum heutigen Tag unerm&uuml;dlich f&uuml;r die historische Wahrheitsfindung engagiert.<\/p>\n<p>Anderweitige Unterst&uuml;tzung hatten wir nicht. Und obwohl s&auml;mtliche F&auml;den bei mir zusammenliefen, ich das Gesamtmanuskript erarbeiten, in Berlin und Umgebung auch eigene Recherchen anstellen sowie st&auml;ndig allerhand Probleme mit Autoren, Verlag und Archiven kl&auml;ren musste, blieb ich ausnahmslos auf Schreibmaschine, Telefon, Post, &ouml;ffentliche Verkehrsmittel &ndash; und meine allm&auml;hlich streikenden Beine angewiesen.<\/p>\n<p>Unter besseren Voraussetzungen &ndash; beispielsweise mit einer leider vergeblich erbetenen Unterst&uuml;tzung der damaligen PDS bei der Suche nach Zeitzeugen &ndash; h&auml;tten wir weitaus umfassender berichten und analysieren k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Doch unter Ber&uuml;cksichtigung der damaligen Bedingungen bin ich mit den Ergebnissen zufrieden.<\/p>\n<p>Der nachfolgende Link f&uuml;hrt zum Eisensee-Report &ldquo;Funkstudio Stalinallee&rdquo; dem aussagest&auml;rksten Text unseres Gemeinschaftswerkes.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spurensicherung.org\/texte\/Band2\/eisensee.htm#top\">Dieses kann von dort aus vollst&auml;ndig durchgebl&auml;ttert werden.<\/a><\/p>\n<p>Besonders aufschlussreich sind au&szlig;erdem die Texte<\/p>\n<p>Einleitende Bemerkungen (Erkenntnisse und Meinungen des Redaktionskollektivs)<\/p>\n<p>Hintergr&uuml;nde des 17. Juni 1953 (Fakten zur Einflussnahme der sowjetischen Partei- und Staatsf&uuml;hrung)<\/p>\n<p>Jetzt warfen die Leute Steine auf sie (Augenzeugenbericht aus Berlin)<\/p>\n<p>Zum letztgenannten Beitrag eine pers&ouml;nliche Bemerkung.<\/p>\n<p>Bei meiner schwierigen Suche nach weiteren Augenzeugen f&uuml;r die Ereignisse in Berlin stie&szlig; ich auf den eindrucksvollen Bericht eines damaligen Assistenzarztes der Berliner Charit&eacute;, welcher &ldquo;nie ein Freund der Sowjets gewesen war&rdquo; weil sein Vater &ldquo;ja &acute;47 von denen umgebracht wurde&rdquo; &ndash; und der dessen ungeachtet in einer von Helle Panke e.V. im Jahre 1991 veranstalteten Gespr&auml;chsrunde offenkundig bei der Wahrheit geblieben war. Allerdings lagen diese noch unter vollem Namen get&auml;tigten Aussagen inzwischen l&auml;ngere Zeit zur&uuml;ck, und er war lediglich mit einer anonymen Ver&ouml;ffentlichung einverstanden. Vermutlich f&uuml;rchtete er berufliche oder sonstige Nachteile.<\/p>\n<p>&Uuml;ber die Geschichte seines Vaters sprach ich mit ihm nicht, obwohl dieser f&uuml;r mich kein Unbekannter war. Es handelte sich um unseren langj&auml;hrigen Dresdner Hausarzt. Ich erinnere mich seiner Bemerkung, ich &ldquo;sei ein echtes deutsches M&auml;dchen&rdquo; (weil ich &ndash; allerdings nur als gef&uuml;hlte Indianersquaw &ndash; im Alter von etwa zw&ouml;lf Jahren ohne Wimpernzucken zusah, wie er mir einen langen Schnitt am Unterarm beibrachte) und vermute, dass es sich bei ihm um einen Faschisten handelte. Sp&auml;ter wurde er als verantwortlicher Mediziner f&uuml;r ein gro&szlig;es Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Und dort soll es besonders viele Todesopfer gegeben haben.<\/p>\n<p>Im gleichen Jahr wie unsere Zeitzeugenberichte &uuml;ber den 17. Juni 1953 erschien auch das Buch &ldquo;Wege in die DDR&rdquo; sowie im Folgejahr &ldquo;Leben in der DDR&rdquo;.<\/p>\n<p>Zum Gl&uuml;ck fanden sich danach j&uuml;ngere Nachfolger f&uuml;r die bis dahin durch mich ausge&uuml;bte Koordinierungsfunktion. Ihrem unerm&uuml;dlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass mittlerweile 19 B&auml;nde der Buchreihe &ldquo;Spurensicherung\/Spuren der Wahrheit&rdquo; existieren, in denen hunderte fr&uuml;here DDR-B&uuml;rger &ndash; alte, aber auch zunehmend j&uuml;ngere &ndash; auf mehreren tausend Seiten &uuml;ber ihre Erfahrungen in unserem untergegangenen Land berichten: &uuml;berwiegend positiv und dankbar, aber zugleich auch kritisch und selbstkritisch.<\/p>\n<p>Mir brachte die anf&auml;ngliche Verantwortung f&uuml;r unser Projekt gewaltigen Stress, der jedoch durch das begl&uuml;ckende Erlebnis einer Gemeinschaft mehr als wett gemacht wurde, die mich an den schweren Anfang nach 1945 erinnerte. Denn Karrieristen, Mitl&auml;ufer, Feiglinge und Besserwisser hatten uns auch damals gemieden.<\/p>\n<p>Denen, die da nun der in Politik und Medien betriebenen Hetze gegen die DDR unbeirrt ihre Lebenserfahrungen gegen&uuml;ber stellten, konnte man vertrauen, die Spreu hatte sich vom Weizen getrennt. Unabh&auml;ngig von fr&uuml;heren T&auml;tigkeiten oder Funktionen waren wir einander nah, jeder gewann durch seine Mitarbeit neue Erkenntnisse auf vielen Gebieten. Und manche f&uuml;r die Nachwelt wichtige Erkenntnis unserer &Auml;ltesten zur Zeit vor und w&auml;hrend des Faschismus wurde buchst&auml;blich kurz vor Toresschluss gerettet.<\/p>\n<p>So oft ich die B&auml;nde durchbl&auml;ttere, setze ich hinter die meisten Namen der ersten Autoren in Gedanken ein Kreuz, erinnere mich ihrer unterschiedlichen Lebensl&auml;ufe und sp&uuml;re neben Trauer auch Zorn. Denn jede neue Verunglimpfung der DDR h&auml;uft weiteren Unrat auf ihre sowie die Gr&auml;ber jener Millionen, die sich ehrlichen Herzens, oft &uuml;ber Jahrzehnte und meist unter pers&ouml;nlichen Opfern, unbeirrt f&uuml;r das friedliche Gedeihen unseres Landes und das Wohl seiner B&uuml;rger einsetzten &ndash; egal ob als Mitglieder der SED, einer Blockpartei, der Massenorganisationen, ob als Parteilose, Atheisten &hellip; oder Christen, die diesen Namen verdienten.<\/p>\n<p>Vor wenigen Jahren stie&szlig; ich auf eine &Auml;u&szlig;erung von Papst Franziskus: &raquo;Es sind die Kommunisten, die wie die Christen denken. (&hellip;)&laquo;<\/p>\n<p>Von ihm stammt auch die an eine biblische Formulierung ankn&uuml;pfende Forderung, seinen N&auml;chsten mehr zu lieben als sich selbst.<\/p>\n<p>Und nichts anderes war zu unserer Zeit die unausgesprochene Motivation Hunderttausender: Der Gesellschaft, den Menschen der DDR und der gesamten Welt mehr zu geben als von ihnen zu nehmen. Sie waren es auch, die stets dort einsprangen und in die Speichen griffen, wo andere versagten oder ihre Aufgaben aus anderen Gr&uuml;nden nicht erf&uuml;llten.<\/p>\n<p>Einige von ihnen kannte ich pers&ouml;nlich und lernte weitere durch die gemeinsame Arbeit an unseren B&uuml;chern kennen, deren Autoren aus den unterschiedlichsten Bev&ouml;lkerungsschichten und Berufen stammten.<\/p>\n<p>Doch alle betrachteten ihr Verhalten als Selbstverst&auml;ndlichkeit, machten davon wenig Aufhebens und erwarteten auch keinen Dank.<\/p>\n<p>Dieser wurde ihnen erst durch die siegreiche Bundesrepublik u. a. in Form massenhafter Vernichtung von Existenzgrundlagen, beruflichen Laufbahnen, Rentenanspr&uuml;chen sowie einer bis heute anhaltenden beispiellosen Verleumdung und pers&ouml;nlichen Diskriminierung zuteil. Ungez&auml;hlte wurden dadurch in anhaltendes psychisches aber auch physisches Siechtum, den fr&uuml;hzeitigen oder sogar selbst gew&auml;hlten Tod getrieben.<\/p>\n<p>Bekanntlich geh&ouml;rt die auf Beschluss der Warschauer Vertragsstaaten im August 1961 errichtete &ldquo;Mauer&rdquo; zu den beliebtesten &ldquo;Delegitimierungs-&ldquo;Argumenten gegen die DDR.<\/p>\n<p>Doch: &ldquo;Ohne Mauer h&auml;tte es Krieg gegeben&rdquo; lautet nicht nur der Titel eines Buches des fr&uuml;heren DDR-Verteidigungsministers Heinz Ke&szlig;ler, sondern auch eine sinngem&auml;&szlig;e &Auml;u&szlig;erung des damaligen US-Pr&auml;sidenten J. F. Kennedy.<\/p>\n<p>Und h&auml;tte die Mauer bereits 1953 existiert, w&auml;ren jene fernen Junitage sicher weitaus friedlicher verlaufen.<\/p>\n<p>Zu dieser &Uuml;berzeugung gelangte ich bereits nach Lekt&uuml;re des Eisensee-Reports, in Kenntnis der ebenfalls von uns beschriebenen Putsch-Agitatoren-Aktion des RIAS sowie Berichten unserer Autoren, wonach &auml;hnliche Typen damals auch in andere Orte der DDR einfielen, da sie ungehindert die Grenze passieren konnten.<\/p>\n<p>Best&auml;tigt fand ich meine Auffassung dann in einer Bildreportage des BRD-Journalisten Lutz Lehmann f&uuml;r den Hamburger Rundfunk aus dem Jahr 1973, auf die ich nach Erscheinen unseres Buches aufmerksam wurde.<\/p>\n<p>Denn die in der Sendung publizierten Augenzeugenberichte von Erich Onasch und Helmut W. Sonntag, beide als westdeutsche bzw. westberliner Wochenschaukameraleute vor Ort, lassen keinen Zweifel, woher die jungen Leute von &ldquo;zw&ouml;lf bis f&uuml;nfundzwanzig&rdquo; kamen, die dort randalierten &hellip; und Feuer legten &hellip; speziell im Columbushaus und im ehemaligen Caf&eacute; Vaterland. &hellip; Alle aus Westberlin.&rdquo; Und die Brandflaschen? &ldquo;Es war wohl auf jeden Fall eine russische Emigrantenorganisation, die dann da vieles verteilte &hellip; Flugbl&auml;tter, Benzinkanister oder Brandflaschen und St&ouml;cke und &auml;hnliche Dinge. Also &hellip; wer sich bedienen wollte, konnte von dort irgendwelche Dinge abholen.&rdquo;<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf der Sendung stellen die Redakteure dem BRD-Journalisten Hans-Georg Schulz &ndash; damals durch enge Kontakte mit der Organisation Gehlen (Vorl&auml;uferin des BND) verbunden &ndash; die Frage nach der Rolle antikommunistischer Organisationen und Geheimdienste, die zu jener Zeit von Westberlin aus agierten und dazu problemlos auch die offene Grenze nutzen konnten. Dieser bestreitet zwar entsprechende Aktivit&auml;ten der Organisation Gehlen, (obwohl er zugibt, dass sie nat&uuml;rlich ihre Leute &ldquo;dr&uuml;ben&rdquo; hatte), best&auml;tigt jedoch &ldquo;Einstiegsversuche westberliner Untergrundorganisationen. Deren Anzahl habe bei &ldquo;etwa vierzig&rdquo; gelegen, &ldquo;von kleinen Splittergruppen abgesehen, die gab&rsquo;s nat&uuml;rlich zu Hunderten.&rdquo;<\/p>\n<p>Zwei damalige Streikteilnehmer best&auml;tigen, dass die Arbeiter vor allem &ldquo;gegen die Normen&rdquo; und f&uuml;r ihren Lohn auf die Stra&szlig;e gingen und nicht, um die DDR zu beseitigen. &ldquo;Das war kein Aufstand als solcher, das war, &hellip; wie man hier in Westdeutschland sagen w&uuml;rde, ein Streik.&rdquo;<\/p>\n<p>Prof. Arnulf Bahring stellte zum Anlass der Streiks sogar fest: &ldquo;&hellip; dass diese zehnprozentige Normerh&ouml;hung weder willk&uuml;rlich noch ungerechtfertigt war. &hellip; Man kann sagen, dass die Normen damals in der DDR sehr niedrig waren in vielen Bereichen &hellip;&rdquo; Allerdings &rdquo; &hellip; in einem Augenblick, wo man allen anderen, auch den so genannten kapitalistischen Schichten der Bev&ouml;lkerung Zugest&auml;ndnisse machte, das au&szlig;erordentlich deplatziert war.&rdquo;<\/p>\n<p>Keineswegs zuf&auml;llig tauchten damals an vielen Orten der DDR die gleichen Parolen &ndash; u. a. zum Sturz der DDR-Regierung &ndash; auf, denn sie waren mit Hilfe des RIAS erarbeitet und verbreitet worden.<\/p>\n<p>Damit entsprach die Rolle Westberlins auch in jenen Tagen den &uuml;ber Jahrzehnte ge&auml;u&szlig;erten Vorstellungen seiner Regierenden B&uuml;rgermeister. Die Herren Reuter, Suhr und Brandt r&uuml;hmten es wahlweise als billigste Atombombe, Frontstadt, Pfahl im Fleisch der DDR &hellip;<\/p>\n<p>Die Zahl der Todesopfer des Juni 1953 wurde von Politik und Medien der Bundesrepublik lange Zeit mit 507 angegeben und erst 2004 auf 55 reduziert.<\/p>\n<p>Nach Mitteilung der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung sind in dieser neuen Zahl allerdings auch f&uuml;nf Angeh&ouml;rige der DDR-Sicherheitsorgane, zwei Volkspolizisten und ein MfS-Mitarbeiter sowie der von einer w&uuml;tenden Menge erschlagene Mitarbeiter eines Betriebsschutzes und ein versehentlich von sowjetischen Soldaten erschossener Volkspolizist enthalten.<\/p>\n<p>Weiter hei&szlig;t es: &ldquo;Wegen angeblicher Befehlsverweigerung sollen in Berlin und Biederitz bei Magdeburg angeblich 41 sowjetischen Soldaten erschossen worden sein. Dazu konnten bisher keine gesicherten Hinweise gefunden werden. Dem aktuellen Forschungsstand zufolge handelt es sich um eine Legende des Kalten Krieges.&rdquo;<\/p>\n<p>Professor Arnulf Bahring antwortete in der bereits weiter oben zitierten Sendung des Hamburger Rundfunks auf die Frage nach dem Vorgehen der Sowjetarmee: &ldquo;&hellip; Ich w&uuml;rde sagen, dass die Sowjetunion insgesamt sehr vorsichtig und umsichtig ein Ende gesetzt hat, wenn man &uuml;berhaupt von einem Aufstand in dem Augenblick reden will, wo die sowjetischen Panzer eingriffen. &hellip; &rdquo;<\/p>\n<p>Ein weiterer Kommentar beschreibt den Versuch des sowjetischen Stadtkommandanten Dibrowa, von einem Panzer aus zu den Massen zu sprechen. Leider wird ihm kein Geh&ouml;r geschenkt.<\/p>\n<p>Sp&auml;ter, am Potsdamer Platz, werden die sowjetischen Kampfwagen direkt angegriffen, &ldquo;wurde Mann gegen Panzer gek&auml;mpft&rdquo;.<\/p>\n<p>&ldquo;Doch die Szenen zwischen Todesmut und Leichtsinn an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin&rdquo;, hei&szlig;t es dann im Bericht, &ldquo;hatten kaum noch Beziehung zur Protestbewegung der Arbeiter von der Stalinallee. &hellip;<\/p>\n<p>Als &hellip; am Potsdamer Platz Sch&uuml;sse fielen, wurden sieben Personen t&ouml;dlich verletzt. Sechs von ihnen waren Westberliner.&rdquo;<\/p>\n<p>Der in unserem Buch enthaltene Bericht &uuml;ber den beispiellos brutalen Lynchmord an dem Rathenower Wilhelm Hagedorn verweist auf einen weiteren Aspekt der offenen Grenze.<\/p>\n<p>Sein Anf&uuml;hrer soll Mitglied der SA sowie f&uuml;hrender Funktion&auml;r des Reichsluftschutzbundes in Rathenow gewesen sein. Offenbar entging der Verbrecher seiner Verhaftung, indem er sich rechtzeitig nach dem Westen absetzte. Und er war nicht der Einzige, der auf diese Weise davonkam.<\/p>\n<p>Unsere B&uuml;cher &uuml;ber die DDR sollen vor allem die heute Lebenden zum Nachdenken anregen sind aber auch ein Schatz f&uuml;r Historiker, sollte man meinen. Und in der Tat betrachten die seri&ouml;sen unter ihnen vor allem unseren Band zum 17. Juni 1953 als wichtige Quelle. Er hatte es sogar in das Literaturverzeichnis der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung geschafft, wurde jedoch irgendwann entfernt.<\/p>\n<p>Zu den Legenden um den &ldquo;Volksaufstand&rdquo; geh&ouml;rt bekanntlich auch der Versuch, ihn als Meilenstein auf dem Weg zur Einheit Deutschlands zu feiern.<\/p>\n<p>Dagegen nannte der bekannt westdeutsche Professor L&ouml;wenthal den 17. Juni 1953 eine &ldquo;verpasste Chance der westlichen Politik&rdquo; und erl&auml;uterte dies in der hier bereits mehrfach genannten Sendung des Hamburger Rundfunks:<\/p>\n<p><em>&ldquo;Die verpasste Chance war nicht so sehr der 17.Juni selbst, wie die Wochen zwischen dem Tod Stalins und dem 17. Juni.&rdquo;<\/em><\/p>\n<p>Prof. L&ouml;wenthal verwies darauf, dass die neue sowjetische F&uuml;hrung in dieser Zeit &ndash; um die Eingliederung der Bundesrepublik in die NATO zu verhindern &ndash; &ldquo;nach indirekten Beweisen&rdquo; zu Verhandlungen &uuml;ber die Einheit Deutschlands &ndash; auch unter Aufgabe der DDR &ndash; bereit war, aber weder Dulles noch Adenauer auf solche Signale reagieren oder selbst Verhandlungen vorschlagen wollten. Nach den Juniereignissen <em>&ldquo;entschied sich in Moskau die Abkehr von diesem Versuch. Und insofern beendete der Verlauf des 17. Juni diese Chance.&rdquo;<\/em><\/p>\n<p>In Kenntnis dieser Umst&auml;nde erscheint mir sogar das in unserem Buch (Artikel: &ldquo;Hintergr&uuml;nde des 17. Juni 1953&rdquo;) beschriebene Verhalten der Moskauer F&uuml;hrung nicht als zuf&auml;llig, obwohl es weder fair gegen&uuml;ber den leitenden DDR-Funktion&auml;ren noch einer Entsch&auml;rfung der Situation dienlich war, sondern im Gegenteil erhebliche Verwirrung stiftete.<\/p>\n<p>Mein Vorschlag an die &Ouml;ffentlich-Rechtlichen zum bevorstehenden 65. Jahrestag der Ereignisse w&auml;re, einfach diese Sendung aus der Mottenkiste zu holen, anstatt neue Geschichtsklitterungen zu produzieren und dazu ganz ungeniert auch mal dem einen oder anderen Zeitzeugen v&ouml;llig sinnentstellend das Wort im Munde umzudrehen, wie es dem 1916 in Bremen geborene Oberingenieur Otto Pfeng &ndash; 1953 Oberbauleiter der Stalinallee &ndash; erging.<\/p>\n<p>Wer den Eisensee-Report liest, lernt ihn als hoch anst&auml;ndigen Menschen kennen, und ich kann diesen Eindruck nur best&auml;tigen. Zu seinem &ldquo;Weg in die DDR&rdquo; schrieb er: &ldquo;DDR-B&uuml;rger wurde ich ohne mein Zutun&rdquo; &ndash; weil er zuf&auml;llig in Ostberlin wohnte &ndash; , machte auch in &ldquo;Leben in der DDR&rdquo; keinen Hehl daraus, dass mit der Grenzschlie&szlig;ung am 13. August 1961 f&uuml;r ihn schmerzliche famili&auml;re Probleme verbunden waren &ndash; und verteidigte sie in Kenntnis der damaligen Lage dennoch als zwingend notwendig.<\/p>\n<p>In unserem Buch zum 17. Juni 1953 ist er Kronzeuge f&uuml;r die Authentizit&auml;t des Eisensee-Reports und vermittelte uns au&szlig;erdem den Kontakt zur bewundernswerten Isi Henselmann, die ihn ebenfalls best&auml;tigte und durch einen eigenen Text erg&auml;nzte.<\/p>\n<p>Und dann passierte ausgerechnet ihm, dass er nach Ver&ouml;ffentlichung unseres Buches von irgendwelchen &uuml;blen TV-Machern zum Interview gebeten wurde. Wonach man seine Aussagen derart geschickt zurechtschnitt, dass sich ihr Inhalt ins Gegenteil verkehrte und schlie&szlig;lich den politischen Vorgaben f&uuml;r die Darstellung des &ldquo;Volksaufstandes&rdquo; entsprach.<\/p>\n<p>Nach Ausstrahlung der Sendung rief er mich voller Emp&ouml;rung an und lie&szlig; sich danach gewiss nicht wieder &uuml;bert&ouml;lpeln.<\/p>\n<p>Ich besitze noch immer eine winzige Brosch&uuml;re mit M. A. Leonows &Uuml;berlegungen zu &ldquo;Kritik und Selbstkritik&rdquo;. Sie schlie&szlig;en wie folgt: &ldquo;In unserer Sowjetgesellschaft, in der die antagonistischen Klassen liquidiert sind, vollzieht sich der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen und folglich auch die Entwicklung vom Niederen zum H&ouml;heren nicht in Form eine Kampfes antagonistischer Klassen und durch Katastrophen wie im Kapitalismus, sondern in Form der Kritik und Selbstkritik, die eine wahre Triebkraft unserer Entwicklung und ein m&auml;chtiges Instrument in den H&auml;nden der Partei darstellt.&rdquo;<\/p>\n<p>Das Heft stammt aus dem Jahr 1949. Die darin enthaltenen Forderungen wurden nicht nur in vielen tausend SED- und FDJ-Versammlungen und -Konferenzen diskutiert, sondern auch praktiziert. Ich selbst erlebte gro&szlig;e Veranstaltungen, in denen das Pr&auml;sidium vor allem fehlende Kritiken bem&auml;ngelte.<\/p>\n<p>Mein fr&uuml;herer Chef, Th&uuml;ringens Ministerpr&auml;sident Werner Eggerath, wurde von der Parteif&uuml;hrung &ouml;ffentlich f&uuml;r die Duldung von Liebedienerei u. a. ger&uuml;gt (wie er damit umging, beschreibe ich in einem meiner Texte zur &ldquo;Spurensicherung&rdquo;), noch 1952 Ernst Lohagen, SED Landesvorsitzender von Sachsen &ldquo;wegen Unterdr&uuml;ckung der Kritik&rdquo; abgel&ouml;st u. a. m.<\/p>\n<p>Nach meiner Erinnerung begann die Triebkraft &ldquo;Kritik und Selbstkritik&rdquo; erst nach dem Juni 1953 allm&auml;hlich zu versiegen. Zugleich geschah es immer h&auml;ufiger, dass offen gelegte Fehler und M&auml;ngel, selbst wenn sie eher unbedeutend waren, vom Westen ins Gigantische aufgebl&auml;ht und propagandistisch ausgeschlachtet wurden, um die Stimmung der DDR-Bev&ouml;lkerung negativ zu beeinflussen. (Daran denke ich angesichts mancher aktuellen Panne, beispielsweise im Hinblick auf die teils chaotischen Zust&auml;nde bei der Berliner S-Bahn. Nicht vorstellbar, welches Geschrei sie ausgel&ouml;st h&auml;tten, als die DDR noch Verantwortung f&uuml;r Netz und Technik trug!)<\/p>\n<p>Da akzeptierten sogar solche wie mein Mann und ich, dass man mit &ouml;ffentlicher Kritik wohl vorsichtiger umgehen musste, konnten aber andererseits in den Folgejahren nicht mehr &uuml;bersehen, dass es sich mancher Verantwortliche nun zunehmend leichter machte und allerhand selbstherrliche Karrieristen in leitende Positionen vordrangen.<\/p>\n<p>In den 80er Jahren herrschte innerparteilich dann eine oft geradezu l&auml;hmende Atmosph&auml;re, die dringend der Ver&auml;nderung bedurfte. Weshalb mein Mann und ich &ndash; und mit uns wohl die Mehrheit der Genossen &ndash; zun&auml;chst auf Gorbatschows Perestroika-\/Glasnost-Masche hereinfielen. Auch in meiner Parteigruppe wurde begeistert dar&uuml;ber diskutiert, denn dort nahmen wir nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Dass der faule Zauber Gorbatschows unseren Karren endg&uuml;ltig gegen die Wand fahren w&uuml;rde, merkten zumindest mein Mann und ich erst w&auml;hrend einer Urlaubsreise in die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Als die &ldquo;DDR-B&uuml;rgerrechtsbewegung&rdquo; von westdeutschen Politikern unter v&ouml;lliger Missachtung der Souver&auml;nit&auml;t unseres Staates immer dreister manipuliert und voran getrieben wurde, war schnell klar, wohin der Weg f&uuml;hren sollte. Um diese Entwicklung zu verhindern, w&auml;ren wir wie Hunderttausende DDR-B&uuml;rger den zun&auml;chst vom Westen mit Deutschlandfahne eingeschleusten &ldquo;Wir-sind-ein-Volk&rdquo;-Demonstranten gern rechtzeitig entgegen getreten. Doch auf ein Signal der Parteif&uuml;hrung warteten wir vergeblich und hatten keine ausreichende Autorit&auml;t oder Verbindungen, um den Widerstand selbst zu organisieren. Bald war es dann f&uuml;r friedliche Gegenwehr zu sp&auml;t, die tobs&uuml;chtige Hetzjagd aufgeputschter Massen auf DDR-Sympathisanten in vollem Gange und bis zur Bereitschaft zu Lynchmorden aufgeheizt &ndash; eine regelrechte Pogromstimmung. Obwohl freundlich garniert mit der Parole &ldquo;Keine-Gewalt!&rdquo; von DDR-B&uuml;rgerrechtlern, die ja mehrheitlich zun&auml;chst nur &ldquo;eine bessere DDR&rdquo; anstrebten, bis dieser fromme Wunsch der &uuml;berm&auml;chtigen westdeutschen Propagandakampagne zum Opfer fiel. W&auml;hrend meines Kuraufenthalts im zeitigen Fr&uuml;hjahr 1990 in Bad Sulza\/Th&uuml;r. dr&ouml;hnte mir selbst noch auf der Massagebank eine Rede von Bundeskanzler Kohl lautstark in die Ohren, und jeder au&szlig;er mir schien ergriffen zu lauschen. Immerhin &auml;u&szlig;erte sp&auml;ter eine meiner Mitpatientinnen, man m&uuml;sse aber wohl oder &uuml;bel demjenigen f&uuml;hrenden DDR-Funktion&auml;r unendlich dankbar sein, der im Herbst 1989 auf den Einsatz bewaffneter Kr&auml;fte gegen die Demonstranten verzichtet hatte. So viel ich wei&szlig;, handelte es sich dabei um den Honecker-Nachfolger Egon Krenz. Bei dem sich die bundesdeutsche Justiz ja dann auch prompt bedankte &ndash; indem sie ihn jahrelang einkerkerte.<\/p>\n<p>&ldquo;Vielleicht waren wir zu naiv&rdquo; schrieb eine der DDR-B&uuml;rgerrechts-Ikonen, meine Altersgef&auml;hrtin Christa Wolf, sinngem&auml;&szlig; in ihrem letzten Roman. Das halte ich ihr zugute. Wo und wie sie die Junitage 1953 verbrachte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber man musste wohl den ersten Versuch zur Liquidierung der DDR nicht nur erlebt, sondern auch als solchen erkannt haben, um danach gegen die hinterh&auml;ltigen Phrasen der angeblichen &ldquo;Br&uuml;der und Schwestern&rdquo; gefeit zu sein.<\/p>\n<p>Die Frage, wie es vermutlich um ihn selbst, seine Familie, Deutschland, Europa und die Welt heute bestellt w&auml;re, h&auml;tten die Feinde der DDR damals gesiegt und danach eine Kettenreaktion in anderen sozialistischen L&auml;ndern auszul&ouml;sen versucht, sollte sich jeder am 65. Jahrestag des &ldquo;Volksaufstandes&rdquo; stellen. Die Antworten werden unterschiedlich bis krass gegens&auml;tzlich ausfallen.<\/p>\n<p>Ich pers&ouml;nlich bin froh &uuml;ber den historischen Zeitgewinn f&uuml;r mich, meine Familie, Ost- wie Westdeutsche, alle Europ&auml;er und die gesamte Menschheit.<\/p><\/li>\n<li>Zum <strong>Klimawandel<\/strong> erschien im &ldquo;Freitag&rdquo; <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/noch-kann-die-katastrophe-abgewendet-werden#1533839487059151\">der nachstehend verlinkte Artikel<\/a>.\n<p>Der Kommentar als &ldquo;AltDresdnerin&rdquo; ist mein (vorl&auml;ufiges?) Letztes Wort zum Weltgeschehen<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Besten Dank f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit sowie die von Ihnen trotz aller Anfeindungen geleistete unverzichtbare Aufkl&auml;rungsarbeit!<br>\nUrsula M&uuml;nch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rezension von &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47004\">Integriert doch erst mal uns!<\/a>&ldquo; rief einige Nachdenkseitenleser auf den Plan. 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