{"id":47283,"date":"2018-11-19T08:45:12","date_gmt":"2018-11-19T07:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47283"},"modified":"2018-11-23T12:15:38","modified_gmt":"2018-11-23T11:15:38","slug":"von-der-pressefreiheit-in-der-freien-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47283","title":{"rendered":"Von der Pressefreiheit in der freien Welt"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160623_chomsky.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Warum herrscht auf unserer Welt weiterhin so viel Ungleichheit? Steht die Menschheit am Rande der Selbstausl&ouml;schung? Warum begehren die &bdquo;99 Prozent&ldquo; nicht gegen die &bdquo;Eliten&ldquo;, die &bdquo;Herren der Menschheit&ldquo;, wie <strong>Noam Chomsky<\/strong> sie einst nannte, auf? In <strong>seinem neuen Buch<\/strong> <strong><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/kampf-oder-untergang\/\">&bdquo;Kampf oder Untergang!&ldquo;<\/a><\/strong>, das gerade p&uuml;nktlich zu Noam Chomskys 90. Geburtstag erschienen ist, spricht Chomsky genau &uuml;ber diese gro&szlig;en Fragen. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nMark Twain soll einst gesagt haben: &raquo;Dank Gottes Gnade besitzen wir in diesem Land drei unglaublich wertvolle Dinge: die Freiheit des Gewissens, die Freiheit der Rede und die Klugheit, keine der beiden jemals in Anspruch zu nehmen.&laquo;<br>\nIn seiner unver&ouml;ffentlichten Einleitung zu <em>Animal Farm<\/em>&nbsp;&ndash; gewidmet der &raquo;literarischen Zensur&laquo; im freien England&nbsp;&ndash; nannte George Orwell einen Grund f&uuml;r jene Klugheit, die Twain meinte. Es herrsche, so schrieb er, ein allgemeines, stillschweigendes Abkommen dar&uuml;ber, dass es nicht notwendig sei, bestimmte Tatsachen zu benennen. Dieses stillschweigende Abkommen bewirke eine &raquo;verschleierte Zensur&laquo; basierend &raquo;auf einer strengen Glaubenslehre, einer Sammlung von Ideen, die alle vern&uuml;nftigen Menschen ohne jegliche Hinterfragung anerkennen&laquo;, und &raquo;jeder, der diese vorherrschenden Ideen in Frage stellt, wird mit &uuml;berraschender Effizienz zum Schweigen gebracht&laquo;&nbsp;&ndash; sogar ohne &raquo;irgendein offizielles Verbot&laquo;.<\/p><p>Die Aus&uuml;bung jener Klugheit k&ouml;nnen wir in freien Gesellschaften permanent beobachten. Exemplarisch hierf&uuml;r ist die amerikanisch-britische Invasion des Iraks. Sie ist das Paradebeispiel einer Aggression ohne jeglichen glaubw&uuml;rdigen Vorwand, das &raquo;h&ouml;chste, internationale Verbrechen&laquo;, wie derartige Aktionen einst w&auml;hrend der N&uuml;rnberger Prozesse definiert wurden. Es ist legitim zu behaupten, dass dies ein &raquo;dummer Krieg&laquo;, ein &raquo;strategischer Missgriff&laquo; oder&nbsp;&ndash; um es mit Barack Obamas Worten, die von der liberalen Presse besonders gelobt wurden, auszudr&uuml;cken&nbsp;&ndash; sogar &raquo;der gr&ouml;&szlig;te strategische Fehler in der j&uuml;ngeren Geschichte der amerikanischen Au&szlig;enpolitik&laquo; gewesen ist.<\/p><p>Doch all dies reicht nicht aus, um zu beschreiben, was die Invasion des Iraks tats&auml;chlich gewesen ist, n&auml;mlich das Verbrechen des Jahrhunderts. Niemand w&uuml;rde sich str&auml;uben, derartige Worte zu benutzen, wenn ein offizieller Feind ein solches oder sogar ein kleineres Verbrechen begangen h&auml;tte. Die vorherrschende Lehre ist gewiss auch nur schwer mit den Aussagen von historischen Figuren wie Pr&auml;sident Ulysses S. Grant in Einklang zu bringen. Dieser war n&auml;mlich der Meinung, dass kein Krieg so &raquo;niedertr&auml;chtig&laquo; gewesen sei wie jener, den die USA einst gegen Mexiko f&uuml;hrten und dabei jene Gebiete eroberten, die heute Kalifornien und den S&uuml;dwesten des Landes ausmachen. Grant k&auml;mpfte bei diesem Krieg als Junior Officer mit. Sp&auml;ter meinte er auch, dass er sich daf&uuml;r sch&auml;men w&uuml;rde, nicht die moralische Tapferkeit aufgebracht zu haben, um zur&uuml;ckzutreten. Stattdessen beteiligte er sich an den Verbrechen.<\/p><p>Die Unterwerfung unter eine vorherrschende Glaubenslehre hat Konsequenzen. Unverhohlen wird davon gesprochen, dass wir nur jene Kriege f&uuml;hren, die klug, richtig und gerecht sind. Kriege, deren Ziele erreicht werden. In der Realit&auml;t sind sie jedoch absolut niedertr&auml;chtig und schreckliche Verbrechen. Die Beweislast daf&uuml;r ist erdr&uuml;ckend. In einigen F&auml;llen ist die Situation &auml;hnlich wie bei jenem Jahrhundertverbrechen, und auch die Praxis jener Kreise stimmt dort &uuml;berein.<\/p><p>Ein weiterer bekannter Aspekt jener Glaubenslehre ist das Verteufeln offizieller Feinde. Ich m&ouml;chte diesbez&uuml;glich auf ein Beispiel aufmerksam machen, das fast zuf&auml;lliger nicht sein k&ouml;nnte, n&auml;mlich der Ausgabe der <em>New York Times<\/em>, die zuf&auml;lligerweise vor mir liegt und in der ein kompetenter Wirtschaftsjournalist vor dem Populismus eines Hugo Ch&aacute;vez warnt, der nach seiner Wahl in den sp&auml;ten 1990er-Jahren angeblich &raquo;jedwede demokratische Institution, die ihm im Weg stand, bek&auml;mpfte&laquo;.<\/p><p>Um nun wieder auf die reale Welt zur&uuml;ckzukommen: Die Vereinigten Staaten unterst&uuml;tzten den Milit&auml;rputsch gegen die Ch&aacute;vez-Regierung voll und ganz, und die <em>New York Times<\/em> trug ihren Teil dazu bei, bevor der Putsch durch einen Volksaufstand wieder r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht wurde. Und was man auch immer von Ch&aacute;vez halten mag, muss man akzeptieren, dass er mehrmals Wahlen gewann, die von internationalen Beobachtern als frei und fair bezeichnet wurden. Zu diesen Beobachtern geh&ouml;rte auch die Carter Foundation, dessen Gr&uuml;nder, der ehemalige US-Pr&auml;sident Jimmy Carter, Folgendes meinte: &raquo;Von den 92&nbsp;Wahlen, die wir beobachtet haben, w&uuml;rde ich behaupten, dass der Wahlprozess in Venezuela der beste auf der Welt gewesen ist.&laquo; Venezuela unter Ch&aacute;vez schnitt im internationalen Vergleich immer sehr gut ab, wenn es um die Frage ging, inwiefern die &Ouml;ffentlichkeit die Regierung unterst&uuml;tzt.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gab es ohne Zweifel auch demokratische Defizite in den Ch&aacute;vez-Jahren, darunter etwa die Repressalien gegen den Fernsehsender RCTV, die sehr scharf kritisiert wurden. Auch ich geh&ouml;rte zu den damaligen Kritikern und war der Meinung, dass so etwas in einer freien Gesellschaft nicht geschehen darf. Wenn allerdings ein prominenter Fernsehsender in den USA einen Milit&auml;rputsch unterst&uuml;tzen w&uuml;rde, so wie es RCTV tat, dann w&uuml;rde er hierzulande wenige Jahre sp&auml;ter nicht unterdr&uuml;ckt werden, weil er gar nicht mehr existieren w&uuml;rde. Die Verantwortlichen w&uuml;rden im Gef&auml;ngnis sitzen, wenn sie denn &uuml;berhaupt noch am Leben w&auml;ren. Die herrschende Glaubenslehre &uuml;berdeckt solche Fakten allerdings vollst&auml;ndig. <\/p><p>Das Versagen, stichhaltige Informationen zu liefern, hat ebenso Konsequenzen. Die Amerikaner m&uuml;ssen sich dar&uuml;ber im Klaren sein, dass Umfragen, die von f&uuml;hrenden US-Agenturen zehn Jahre nach dem gr&ouml;&szlig;ten Verbrechen des Jahrhunderts durchgef&uuml;hrt wurden, deutlich gemacht haben, dass die Welt&ouml;ffentlichkeit die USA als die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r den Weltfrieden sieht. Kein Land macht den USA diese Rolle auch nur ann&auml;hernd streitig, nicht einmal der Iran, der hierzulande sicherlich als die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung gesehen wird. Anstatt diese Tatsache zu verdecken, h&auml;tte die Presse lieber ihrer Aufgabe nachgehen sollen. Sie h&auml;tte die &Ouml;ffentlichkeit darauf aufmerksam machen m&uuml;ssen, was all dies bedeutet. Doch auch die Vernachl&auml;ssigung von Pflichten hat Konsequenzen.<\/p><p>Die genannten Beispiele sind schlimm genug, doch es gibt andere, die noch viel folgenreicher sind&nbsp;&ndash; etwa die Pr&auml;sidentschaftskampagne des Jahres 2016. Sie fand im m&auml;chtigsten Staat der Geschichte statt. Die Berichterstattung war allgegenw&auml;rtig, und sie war lehrreich. Es gab Themen, die von den Kandidaten nahezu vollkommen gemieden und auch von den Kommentatoren ignoriert wurden. Dies stand in Einklang mit dem journalistischen Prinzip der &raquo;Objektivit&auml;t&laquo;, also genauestens dar&uuml;ber zu berichten, was die M&auml;chtigen tun und sagen&nbsp;&ndash; und blo&szlig; nicht &uuml;ber die Themen, die sie ignorieren. (Siehe auch Seite 158) Dieses Prinzip gilt selbst dann, wenn das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht&nbsp;&ndash; und genau das ist hier der Fall: sowohl bei der wachsenden Gefahr eines Atomkriegs als auch der schrecklichen Bedrohung einer Umweltkatastrophe.<\/p><p>Am 8.&nbsp;November 2016 hatte diese Nachl&auml;ssigkeit einen H&ouml;hepunkt erreicht. An jenem Tag konnte Donald Trump zwei Siege erringen. Jener, der weniger von Bedeutung war, genoss massive mediale Aufmerksamkeit. Es war sein Wahlsieg, der zustande kam, obwohl er fast drei Millionen Wahlstimmen weniger hatte als seine Kontrahentin. Das haben wir nat&uuml;rlich den L&uuml;cken im US-amerikanischen Wahlsystem zu verdanken. Trumps weitaus bedeutsamer Sieg wurde allerdings so gut wie ignoriert. Es geht um seinen Sieg in Marrakesch in Marokko, wo sich &uuml;ber 200&nbsp;Staaten versammelt hatten, um die ernstzunehmenden Folgen des Klimawandels im Rahmen des Pariser &Uuml;bereinkommens zu diskutieren. Am 8.&nbsp;November wurde das Verfahren allerdings unterbrochen. W&auml;hrend die &uuml;brig gebliebenen Staaten damit besch&auml;ftigt waren, ein wenig Hoffnung zu sch&uuml;ren, traten die Vereinigten Staaten nicht nur aus dem &Uuml;bereinkommen aus. Sie zogen es auch vor, den gesamten Prozess zu sabotieren, indem sie den Gebrauch fossiler Brennstoffe massiv verst&auml;rkten, Regulierungen abbauten und ihr Versprechen zur&uuml;cknahmen, Entwicklungsl&auml;ndern beim Aufbau erneuerbarer Energien zu helfen.<\/p><p>Das, wor&uuml;ber Trump an diesem Tag gesiegt hatte, war nichts weniger als die Chance auf ein zivilisiertes Leben in der Form, wie wir es kennen. Doch die Berichterstattung diesbez&uuml;glich lag praktisch bei null, denn man wollte jene &raquo;Objektivit&auml;t&laquo; aufrechterhalten, die von den Praktiken und Doktrinen der Macht festgelegt wurde.<\/p><p>Eine wahrhaftig unabh&auml;ngige Presse weist eine Unterordnung zur&uuml;ck. Sie wehrt sich gegen Macht und Autorit&auml;t. Sie pr&uuml;ft die bestehende Glaubenslehre kritisch und stellt jene Fragen, die von Menschen, die meinen, <em>richtig<\/em> zu denken, nicht gestellt werden. Sie rei&szlig;t den Schleier der Zensur weg und macht der &Ouml;ffentlichkeit jene Informationen und Meinungsvielfalt zug&auml;nglich, die f&uuml;r eine politische Partizipation sowie f&uuml;r das soziale und politische Leben im Allgemeinen notwendig sind. Hinzu kommt, dass es Aufgabe einer unabh&auml;ngigen Presse ist, den Menschen eine Plattform anzubieten, die sie betreten und auf der sie &uuml;ber jene Themen, die sie als wichtig empfinden, debattieren k&ouml;nnen. Sobald sie das tut, erf&uuml;llt sie ihre Funktion als ein Fundament einer wahrhaftig freien und demokratischen Gesellschaft.<\/p><p><em>Noam Chomsky im Gespr&auml;ch mit Emran Feroz: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/kampf-oder-untergang\/\">Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen m&uuml;ssen<\/a>&ldquo;, Westend Verlag, 192 Seiten, November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160623_chomsky.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Warum herrscht auf unserer Welt weiterhin so viel Ungleichheit? Steht die Menschheit am Rande der Selbstausl&ouml;schung? Warum begehren die &bdquo;99 Prozent&ldquo; nicht gegen die &bdquo;Eliten&ldquo;, die &bdquo;Herren der Menschheit&ldquo;, wie <strong>Noam Chomsky<\/strong> sie einst nannte, auf? In <strong>seinem neuen Buch<\/strong> <strong><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/kampf-oder-untergang\/\">&bdquo;Kampf oder Untergang!&ldquo;<\/a><\/strong>,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47283\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,182,183,11],"tags":[1795,1269,2175,1711,1919,1163,1415,663,1800,1556,244],"class_list":["post-47283","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-chavez-hugo","tag-chomsky-noam","tag-interventionspolitik","tag-klimaabkommen","tag-lueckenpresse","tag-meinungspluralismus","tag-pressefreiheit","tag-putsch","tag-trump-donald","tag-usa","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47283","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47283"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47283\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47286,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47283\/revisions\/47286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47283"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47283"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47283"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}