{"id":47303,"date":"2018-11-20T08:40:04","date_gmt":"2018-11-20T07:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47303"},"modified":"2019-01-30T09:38:11","modified_gmt":"2019-01-30T08:38:11","slug":"das-moralische-ozonloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47303","title":{"rendered":"Das moralische Ozonloch"},"content":{"rendered":"<p><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat den NachDenkSeiten einen Text (&bdquo;Das moralische Ozonloch&ldquo;) &uuml;berlassen, der ein grundlegendes Problem behandelt &ndash; die Frage n&auml;mlich, welche Auswirkungen unser Wirtschaftssystem und seine Regeln auf unser Verhalten und auf unsere Moral haben. Der Text ist am 17. November im Gie&szlig;ener Anzeiger erschienen. Die NachDenkSeiten wollen ihn als Denkansto&szlig; multiplizieren. Es lohnt sich, dar&uuml;ber nachzudenken und in den Blick zu nehmen, dass die Wirtschaftsweise die Moral und den Umgang unter uns pr&auml;gen. Wie gut wir leben, h&auml;ngt wesentlich davon ab, wie wir miteinander umgehen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8013\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47303-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47303-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181120_Das_moralische_Ozonloch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn ein System auf dem Glauben aufbaut, jeder sei seines Gl&uuml;ckes Schmied, dann verhalten sich die Menschen tendenziell dementsprechend, nicht nur als Wirtschaftssubjekte, sondern oft auch im privaten Leben, im Wohnzimmer und auf dem Fu&szlig;ballplatz, in der Stra&szlig;enbahn und auf der Stra&szlig;e. Wenn die Gesellschaft akzeptiert und in sich aufgenommen hat, dass Solidarit&auml;t ein wichtiges Teilelement des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist, wenn diese Vorstellung sogar die Stammtische erreicht, dann werden die Menschen tendenziell anders miteinander umgehen. Alles kommt darauf an, welche Werte und welches Verhalten hoff&auml;hig und bestimmend sind.<\/p><p>Dar&uuml;ber zu sprechen und zu streiten lohnt sich. Deshalb kommen demn&auml;chst dazu ein paar weitere Gedanken auf den NachDenkSeiten. Heute aber, quasi zum Anpfiff, der Text von G&ouml;tz Eisenberg: <\/p><p><strong>Das moralische Ozonloch<\/strong><\/p><p>Markt und Moral verhalten sich umgekehrt proportional zueinander: Je mehr Markt, desto weniger Moral. Die kapitalistische Modernisierung zehrt von einer Moral, sie sie verschlei&szlig;t und innerhalb ihrer Funktionsgesetzlichkeiten selbst nicht produziert. Der Markt verh&auml;lt sich zu diesen Moralbest&auml;nden wie die Industrie zu den fossilen Brennstoffen: Sie werden im Zuge ihrer Expansion aufgezehrt. Moral ist aber f&uuml;r den Zusammenhalt und das Funktionieren einer Gesellschaft, wie wir sie kennen, unverzichtbar. Die im Namen des Neoliberalismus betriebene Deregulierung von Sozialstaat, Wirtschaft und Gesellschaft geht mit einer psychischen und moralischen Deregulierung einher, so dass wir uns nicht wundern d&uuml;rfen, wenn die Waren- und Geldsubjekte mehr und mehr moralisch verwildern. Wenn wir nicht energisch gegensteuern und f&uuml;r eine soziale und moralische Ver&auml;nderung der Gesellschaft sorgen, werden Polizeistaat und digitale Kontrollnetze &uuml;ber uns kommen.<\/p><p>Anmerkungen und Beobachtungen von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><\/p><p>Samstags gehe ich auf den Wochenmarkt. Wenn ich das nicht tue, bin ich entweder krank oder nicht in Gie&szlig;en. Neulich hatte ich an einem meiner Lieblingsst&auml;nde Brot und Eier gekauft. Als ich mich zum Gehen wandte, sah ich, dass nach mir ein alter Mann bedient wurde. Nachdem er seine Eink&auml;ufe bezahlt hatte, schickt er sich an, einen Laib Brot in seinem Einkaufstrolley zu verstauen. Er tat sich schwer damit, ihn in den Sack zu bugsieren. Neben ihm warteten ein Mann und sein vielleicht sechsj&auml;hriger Sohn darauf, dass sie an die Reihe kamen. Als der kleine Junge sah, wie der alte Mann sich abm&uuml;hte, fragt er ihn: &bdquo;Soll ich Ihnen den Sack aufhalten?&ldquo; Und schon zog er dessen &Ouml;ffnung auseinander, so dass der alte Herr sein Brot bequem verstauen konnte. Niemand hatte den Jungen zu dieser Hilfestellung aufgefordert. Er tat das von sich aus und wie selbstverst&auml;ndlich.<\/p><p>Warum geht mir diese Szene nicht aus dem Sinn? Weil gegenseitige Hilfe unter Fremden inzwischen alles andere ist als selbstverst&auml;ndlich, n&auml;mlich eine gro&szlig;e Ausnahme und Seltenheit. Der Junge verf&uuml;gte &uuml;ber eine intakte Wahrnehmung und die F&auml;higkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Notlage zu erkennen. Und vor allem setzte sich die Erkenntnis der Notlage in den Impuls zu helfen um. Diese F&auml;higkeit bildet sich unter unseren Augen dramatisch zur&uuml;ck. Und das nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen, die ihnen ja bei deren Erwerb Modell stehen sollten. Es herrscht ein Mangel an Gegenseitigkeit und Solidarit&auml;t in der Gesellschaft, die in lauter gegeneinander isolierte Sozialatome zerf&auml;llt. H&ouml;flichkeit und R&uuml;cksichtnahme, die einzig den sozialen Verkehr im darwinistischen Konkurrenzkampf halbwegs ertr&auml;glich gestalteten, bilden sich zur&uuml;ck und weichen der gnadenlosen Verfolgung eigener Interessen. Alte Leute und Sonderlinge werden im hektischen Alltagsbetrieb und beim Einkaufen nur noch als St&ouml;rfaktor wahrgenommen und an den Rand gedr&auml;ngt. <\/p><p>Um es nicht bei einem kulturkritischen Lamento zu belassen, m&uuml;ssen wir uns fragen: Welche Haltungen und F&auml;higkeiten gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche verdorren? Es macht einen gro&szlig;en Unterschied, ob man in einem entfalteten Sozialstaat aufw&auml;chst, der auf Solidarit&auml;t und Gemeinschaftlichkeit setzt und Schw&auml;cheren beispringt, oder in einer Gesellschaft des entfesselten Marktes, in der der Mitmensch zum Konkurrenten um knappe Lebenschancen wird und Gl&uuml;ck darin besteht, dass der Pfeil von Armut und Arbeitslosigkeit den anderen trifft. Die F&auml;higkeit, uns in andere Personen hineinversetzen und mit ihnen mitf&uuml;hlen zu k&ouml;nnen, mag in uns angelegt sein, aber sie bildet und formt sich vor allem in sehr fr&uuml;hen Erfahrungen mit unseren Bezugspersonen und unserer Um- und Mitwelt. Besser oder schlechter und manchmal auch gar nicht, je nachdem, welche Bedingungen ein Kind antrifft. Kinder brauchen verl&auml;ssliche Bindungen an leibhaftig anwesende Bezugspersonen (und nicht nur deren digitale Schatten), damit sie ihre psychische Geburt vollenden und sich zu Menschen mit menschlichen Eigenschaften entwickeln k&ouml;nnen.<br>\nDie hinter uns liegenden eisigen Jahre unter der Hegemonie des Neoliberalismus haben die Menschen selbst eisig werden lassen. Sie k&ouml;nnen gar nicht anders, als diese K&auml;lte weiterzugeben und auf ihre Umgebung und Mitmenschen abzustrahlen. Empathie und Mitgef&uuml;hl bilden sich zur&uuml;ck, w&auml;hrend Narzissmus und Eigennutz einen Boom erleben und den neoliberalen Sozialcharakter pr&auml;gen. Eine Gesellschaft, die sich als Ganze den Imperativen des Marktes unterwirft und menschliche Bindungen im Namen von Flexibilit&auml;t und Mobilit&auml;t systematisch zerst&ouml;rt, bringt auf der subjektiven Seite nur noch die psychischen Entsprechungen des Marktes hervor: kalte Schonungs- und R&uuml;cksichtslosigkeit, moralische Indifferenz und eine latente Feindseligkeit, die jederzeit in offenen Hass umschlagen kann &ndash; bevorzugt auf Minderheiten und Fremde, die den Menschen als S&uuml;ndenb&ouml;cke f&uuml;r ihre eigene Malaise dienen.<br>\nEs sind also nicht nur Tier- und Pflanzenarten, die heute unterm Diktat der Gewinnmaximierung vernichtet werden, sondern peu &agrave; peu auch unsere menschliche Werteordnung. &bdquo;Sie wird&ldquo;, schrieb der britische Schriftsteller John Berger, &bdquo;systematisch bespr&uuml;ht &ndash; nicht mit Pestiziden, sondern mit Ethiziden &ndash; Wirkstoffen, die die Ethik und damit auch jeden Sinn f&uuml;r Geschichte und Gerechtigkeit t&ouml;ten.&ldquo; &Uuml;ber den Gesellschaften des entfesselten Marktes bildet sich so ein st&auml;ndig gr&ouml;&szlig;er werdendes moralisches Ozonloch. Was durch das permanente Verspr&uuml;hen von Ethziden abstirbt, ist unwiderruflich dahin und auch durch Ethikunterricht nicht wiederzubeleben. Wenn wir wirklich etwas gegen die wachsende psychische Verelendung und moralische Verwahrlosung unternehmen wollen, sollten wir uns f&uuml;r eine solidarische &Ouml;konomie und neue Vergesellschaftungsformen jenseits von Ware, Geld und Markt einsetzen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die menschliche Bindungen hervorbringt und f&ouml;rdert, statt sie systematisch zu zerst&ouml;ren, wie es das System des flexiblen Kapitalismus tut, das in Bindungen und moralischen Grunds&auml;tzen eine Form der Behinderung erblickt. <\/p><p>Dieser Text ist am 17.11.2018 als Kolumne im Gie&szlig;ener Anzeiger erschienen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete jahrzehntelang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Er ist Mitinitiator des Gie&szlig;ener Georg-B&uuml;chner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, deren dritter Band unter dem Titel &bdquo;Zwischen Anarchismus und Populismus&ldquo; soeben im Verlag Wolfgang Polkowski in Gie&szlig;en erschienen ist.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat den NachDenkSeiten einen Text (&bdquo;Das moralische Ozonloch&ldquo;) &uuml;berlassen, der ein grundlegendes Problem behandelt &ndash; die Frage n&auml;mlich, welche Auswirkungen unser Wirtschaftssystem und seine Regeln auf unser Verhalten und auf unsere Moral haben. Der Text ist am 17. November im Gie&szlig;ener Anzeiger erschienen. Die NachDenkSeiten wollen ihn als Denkansto&szlig; multiplizieren. Es lohnt sich,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47303\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,161],"tags":[284,1504,442,1759,909,866],"class_list":["post-47303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-deregulierung","tag-egoismus","tag-eigenverantwortung","tag-entsolidarisierung","tag-kapitalismus","tag-konkurrenzdenken"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47303"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47303\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48800,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47303\/revisions\/48800"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}