{"id":47315,"date":"2018-11-20T14:45:54","date_gmt":"2018-11-20T13:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47315"},"modified":"2018-11-22T07:49:22","modified_gmt":"2018-11-22T06:49:22","slug":"journalisten-im-dickicht-des-duenkels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47315","title":{"rendered":"Journalisten im Dickicht des D\u00fcnkels"},"content":{"rendered":"<p>Wie unter einem Brennglas zeigt ein aktuelles Interview mit einer prominenten Journalistin die Ursachen f&uuml;r das Niveau der Berichterstattung vieler gro&szlig;er Medien: Ein aus dem eigenen Werdegang abgeleiteter verengter Redakteurs-Blick auf das Soziale. Ein Hang zur emotionalen Meinungsmache, der Neutralit&auml;t als &bdquo;absurd&ldquo; abtut &ndash; w&auml;hrend Zuspitzung und Fake News bei den politischen Gegnern beklagt werden. Sowie das Betrauern einer Zeit, in der Fakten angeblich &bdquo;noch gez&auml;hlt&ldquo; h&auml;tten &ndash; w&auml;hrend gleichzeitig die Empirie und der Wert der kalten Fakten diffamiert werden. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7088\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47315-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47315-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181121_Journalisten_im_Dickicht_des_Duenkels_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Medienkritik hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Auch wenn es noch nicht f&uuml;r die Mehrheit der B&uuml;rger gilt: Zahlreiche Menschen sind mittlerweile sensibilisiert und stehen der Berichterstattung der gro&szlig;en deutschen Medien distanziert gegen&uuml;ber. Scharfe und fundierte Medienkritik ist gerechtfertigt und sie hat nichts mit den &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo;-Rufen von Pegida gemein. Diese fundierte Kritik schl&auml;gt sich aber nicht in der Berichterstattung nieder. Darum w&auml;re es trotz langsam um sich greifender Erkenntnis fatal, die Medienkritik als &bdquo;abgeschlossen&ldquo; oder &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssig&ldquo; zu betrachten. Sie muss kontinuierlich fortgef&uuml;hrt werden. Interessante Ans&auml;tze zur Analyse und Blicke auf die Selbstsicht gro&szlig;er Medien liefert nun ein aktuelles und bedenkliches <a href=\"http:\/\/www.planet-interview.de\/interviews\/anja-reschke\/50581\/\">Interview<\/a> mit Anja Reschke. <\/p><p>Anja Reschke ist eine unter Kollegen hoch geachtete Journalistin. Die Moderatorin der Sendungen &bdquo;Panorama&ldquo; und &bdquo;Zapp&ldquo; ist auch Leiterin der Abteilung Innenpolitik des NDR Fernsehens. Sie wurde in j&uuml;ngerer Vergangenheit mit <a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/aktuell\/Anja-Reschke-fuer-publizistisches-Wirken-geehrt,bingenpreis100.html\">mehreren<\/a> &bdquo;wichtigen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.haz.de\/Nachrichten\/Medien\/Uebersicht\/Anja-Reschke-ist-Journalistin-des-Jahres\">Medienpreisen<\/a> geehrt. Vor allem seit einem Kommentar gegen &bdquo;rechte Hass-Sprache&ldquo; im Internet im Jahr 2015 gilt sie als eine der Galionsfiguren des einst als &bdquo;linksliberal&ldquo; beschriebenen Milieus. <\/p><p><strong>&bdquo;Gerechtigkeit liegt im Auge des Betrachters&ldquo;<\/strong><\/p><p>Man kann also mutma&szlig;en, dass ihre Haltungen zur sozialen Gerechtigkeit und zu den Defiziten der deutschen Medienlandschaft sowie ihre &Auml;u&szlig;erungen zur medialen Selbstwahrnehmung exemplarisch f&uuml;r weite Teile des etablierten deutschen Journalismus stehen. Das ist sehr bedenklich. Denn man muss Reschkes Einlassungen zum Thema soziale Gerechtigkeit als entweder naiv oder grob verzerrend bezeichnen. Gerechtigkeit sei &bdquo;nichts, was man absolut messen&ldquo; k&ouml;nne. Gerechtigkeit sei auch kein Zustand, den man herstellen k&ouml;nne, &bdquo;sondern letztlich immer ein Gef&uuml;hl. Es liegt stets im Auge des Betrachters: Ist es gerecht, wenn jeder das Gleiche hat?&ldquo; Reschke steht mit der Verbreitung dieser so falschen wie medial akzeptierten Sicht nur exemplarisch f&uuml;r weite Teile der deutschen Presselandschaft.<\/p><p>Sie findet, dass es in Deutschland &bdquo;ziemlich gerecht&ldquo; zugeht. Schlie&szlig;lich h&auml;tten die Menschen theoretisch &bdquo;die gleichen Chancen, werden in Notlagen aufgefangen, haben alle den gleichen Zugang zu Bildung und gleiche M&ouml;glichkeiten, etwas aus ihrem Leben zu machen, Eigentum zu erwerben, ein Amt zu erwerben, Politik zu gestalten&ldquo;. Immerhin: &bdquo;Dass wir im Einzelnen oftmals Ungerechtigkeiten haben, sehe ich nat&uuml;rlich.&ldquo;<\/p><p>Gerechtigkeit als Naturgewalt und als ein Zustand, der sich nicht herstellen lasse. Ungerechtigkeit als Ausnahme und als blo&szlig;es individuelles &bdquo;Gef&uuml;hl&ldquo;, das nicht zu messen ist. Angeblich gleiche Bildungs- und Aufstiegs-Chancen f&uuml;r alle: Es st&ouml;rt Reschke nicht, dass sie sich mit dieser Darstellung in Widerspruch zu zahlreichen j&uuml;ngeren Untersuchungen zur strukturellen Ungerechtigkeit und Ungleichheit befindet, etwa zu <a href=\"https:\/\/www.nationale-armutskonferenz.de\/2018\/10\/17\/nationale-armutskonferenz-veroeffentlicht-dritten-schattenbericht-armut-stoert\/\">dieser<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/soziale-ungleichheit-101.html\">dieser<\/a>. Denn Reschke mag keine empirischen Untersuchungen und das sagt sie auch unverbl&uuml;mt: &bdquo;Bei Statistiken gehen bei mir immer sofort die Alarmglocken an.&ldquo; Vielleicht, weil diese Untersuchungen Reschkes Sicht von der nur gef&uuml;hlten Ungerechtigkeit fundamental widersprechen? <\/p><p>Es ist erstaunlich, dass eine Redakteurin mit solchen Ansichten als progressiv gelten kann. Das zeigt einmal mehr den Bedeutungsverlust des Wortes &bdquo;links&ldquo;, denn w&uuml;rde sich Reschke nicht wie viele ihrer neoliberal gepr&auml;gten Kollegen so einordnen? Marktradikalismus und das Leugnen sozialer Ungerechtigkeit gilt schon lange nicht mehr als &bdquo;rechts&rdquo;.<\/p><p><strong>Fake-News gef&auml;hrlicher als soziale Spaltung?<\/strong><\/p><p>Konkret geht es in dem Interview auch um eine <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/14_116759.htm\">Untersuchung<\/a> der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung zur relativ h&ouml;heren Armut in Ostdeutschland, die Reschke mitsamt der dort angesprochenen Benachteiligten vom Tisch wischt: &bdquo;Was sagt diese Statistik? Vermutlich gibt es mehr Reiche in West- als in Ostdeutschland, der Osten ist wirtschaftsschw&auml;cher als der Westen, was auch durch die Geschichte bedingt ist. (&hellip;) Anhand so einer Statistik w&uuml;rde ich nicht pauschal urteilen, dass es eine Gerechtigkeitsl&uuml;cke gibt.&ldquo;<\/p><p>Statt dessen zieht Reschke diese Gerechtigkeitsl&uuml;cke pauschal in Zweifel, wie eingangs zitiert. Es gebe zudem andere Priorit&auml;ten: &bdquo;F&uuml;r mich ist im Moment die gef&auml;hrlichste Spaltung, die zwischen Fake-News und Fakten. Die f&uuml;hrt dazu, dass wir keine gemeinsame Grundlage mehr haben, auf der wir diskutieren. Wahrheit gilt nichts mehr, weil jeder sich seine gef&uuml;hlte Wahrheit zusammenschraubt.&ldquo; Hier beschwert sich eine emotional argumentierende Redakteurin, die Fakten generierende Statistiken unter Generalverdacht stellt, &uuml;ber &bdquo;gef&uuml;hlte Wahrheiten&ldquo;. Auch diese Spaltung l&auml;sst sich bei vielen anderen Redakteuren beobachten.<\/p><p>Die unhaltbare, aber weit verbreitete Losung, dass die Fake News erst mit US-Pr&auml;sident Donald Trump in die Welt gekommen sind, wird ebenfalls von Reschke aufgefrischt: &bdquo;Fr&uuml;her war es wichtig, dass man Politiker dahingehend &uuml;berpr&uuml;ft, ob sie l&uuml;gen oder nicht.&ldquo; Die gro&szlig;angelegten und mutma&szlig;lichen Fake-News-Kampagnen auch deutscher Medien zur Ukraine oder zu Syrien werden von Reschke nicht mitgedacht, fallen sie doch in die Zeit vor Trump. <\/p><p><strong>Guter Lokaljournalismus wiegt politische Meinungsmache nicht auf<\/strong><\/p><p>Wer so von seinem Berufsstand eingenommen ist, leugnet noch das Offensichtliche, etwa den Vertrauensverlust des eigenen Mediums: &bdquo;Mein Eindruck ist ja, dass es diese pauschale Glaubw&uuml;rdigkeitskrise bei ARD und ZDF nicht gibt. Wenn man zum Beispiel die Leute &uuml;ber den NDR befragt: Die lieben &sbquo;ihren&lsquo; NDR, der &uuml;ber &sbquo;ihre&lsquo; Region berichtet. (&hellip;) Die Vorw&uuml;rfe kommen immer nur bei Politik und vor allem bei Migrationsthemen. Ich denke, wir sind in keiner Glaubw&uuml;rdigkeitskrise, sondern in einer Demokratiekrise.&ldquo; Dass es neben den gro&szlig;en Kampagnen etwa gegen Russland viel guten Journalismus etwa auf lokaler Ebene gibt, wurde nie bestritten. Das eine wiegt das andere aber nicht auf, wie Reschke sich das w&uuml;nscht.<\/p><p>Selbstbewusst streift Reschke schlie&szlig;lich das &ldquo;Korsett&ldquo; der unparteiischen Distanz ab: &bdquo;Ich glaube, das ist eine falsche Erwartungshaltung. Diese fixe Idee der neutralen Berichterstattung halte ich f&uuml;r absurd.&ldquo;  Auch politische Einflussnahme gibt es in Reschkes Welt nicht: &bdquo;Ich bezweifle aber stark, dass die Mitgliedschaft in irgendwelchen Thinktanks wirklich einen so gro&szlig;en Einfluss auf das Programm hat, wie in manchen Kreisen gemutma&szlig;t wird. Die Strippenzieher im Hintergrund, das ist mir zu verschw&ouml;rungstheoretisch.&ldquo;<\/p><p><strong>Zentrale Defizite der Presselandschaft<\/strong><\/p><p>In dem Interview versammelt Anja Reschke hier wie unter einem Brennglas zahlreiche Ursachen f&uuml;r das Niveau der Berichterstattung vieler gro&szlig;er Medien und f&uuml;r den Unwillen, auf die massive und berechtigte Kritik zu reagieren: Ein aus dem eigenen Werdegang abgeleiteter und verengter Redakteurs-Blick auf das Soziale &ndash; Ungerechtigkeiten k&ouml;nnen nur &bdquo;gef&uuml;hlt&ldquo; sein in einem Land, &bdquo;dem es doch gut geht&ldquo;. Der in diesem Interview und anderen aktuellen Medienbeitr&auml;gen offenbar werdende kalte Blick auf Benachteiligte zeigt, wie sehr Reschke und viele ihrer Kollegen scheinbar im Dickicht des eigenen D&uuml;nkels verstrickt sind. <\/p><p>Dazu kommt ein Hang zur emotionalen Meinungsmache, der Neutralit&auml;t im Interview als &bdquo;absurd&ldquo; diffamiert &ndash; w&auml;hrend Zuspitzung und Fake News bei den politischen Gegnern beklagt werden. Und es wird eine Zeit betrauert, in der Fakten angeblich &bdquo;noch gez&auml;hlt&ldquo; h&auml;tten &ndash; w&auml;hrend gleichzeitig die Empirie und der Wert der kalten Fakten diffamiert werden. Zu guter Letzt wird eine bew&auml;hrte Taktik angewandt: mit (angeblicher) Naivit&auml;t das Offensichtliche abzuwehren.<\/p><p>Wenn sich im Verh&auml;ltnis der B&uuml;rger zu den gro&szlig;en Medien wieder echtes Vertrauen bilden soll, dann m&uuml;ssten einige der von Reschke hier exerzierten Mechanismen als erstes abgestellt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie unter einem Brennglas zeigt ein aktuelles Interview mit einer prominenten Journalistin die Ursachen f&uuml;r das Niveau der Berichterstattung vieler gro&szlig;er Medien: Ein aus dem eigenen Werdegang abgeleiteter verengter Redakteurs-Blick auf das Soziale. Ein Hang zur emotionalen Meinungsmache, der Neutralit&auml;t als &bdquo;absurd&ldquo; abtut &ndash; w&auml;hrend Zuspitzung und Fake News bei den politischen Gegnern beklagt werden.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47315\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,206,183,146,132],"tags":[881,2005,1844,408,687],"class_list":["post-47315","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-chancengerechtigkeit","category-medienkritik","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-fake-news","tag-reschke-anja","tag-soziale-herkunft","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47315","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47315"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47315\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47348,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47315\/revisions\/47348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}