{"id":47329,"date":"2018-11-21T11:08:56","date_gmt":"2018-11-21T10:08:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47329"},"modified":"2026-01-27T11:31:27","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:27","slug":"abschaffung-hartz-iv-die-waechter-ueber-den-neoliberalen-sozialstaat-melden-sich-zu-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47329","title":{"rendered":"Abschaffung Hartz IV: Die W\u00e4chter \u00fcber den neoliberalen \u201aSozialstaat\u2018 melden sich zu Wort"},"content":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns: Als die SPD und Gr&uuml;nen die Agenda 2010 durchgesetzt haben, applaudierten weite Teile des B&uuml;rgertums und der Presse. Nun, 15 Jahre sp&auml;ter, nachdem l&auml;ngst klar geworden ist, wie tief die gesellschaftliche Spaltung durch die rot-gr&uuml;nen &bdquo;Reformen&ldquo; geworden ist, &uuml;berlegen SPD, aber auch die Gr&uuml;nen, wie sie ihr Hartz-IV-Projekt abwickeln k&ouml;nnen. Irgendwie. Doch kaum kommt ein vern&uuml;nftiger Vorsto&szlig;, wie der von Gr&uuml;nen-Chef Robert Habeck, formiert sich der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/die-gruene-robert-habecks-plaene-fuer-hartz-iv-abkehr-stossen-auf-widerstand-a-1238428.html\">Widerstand<\/a> gegen die Armen erneut. Einige Aussagen, die sich gegen eine menschenw&uuml;rdige Umgestaltung des Sozialstaates richten, verdienen Aufmerksamkeit. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3254\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47329-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47329-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181121_Abschaffung_Hartz_IV_Waechter_melden_sich_zu_Wort_.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Hartz IV abschaffen, keine Arbeitszwang und keine Sanktionen mehr: So sollen laut Medienberichten die Weichenstellungen f&uuml;r ein neues sozialstaatliches Konzept aussehen, das dem Gr&uuml;nen-Chef Robert Habeck vorschwebt. Kaum waren am Mittwoch vergangener Woche die Vorstellungen von Habeck in den Medien verbreitet, sahen sich diejenigen auf den Plan gerufen, die f&uuml;r einen harten Kurs gegen&uuml;ber den Armen sind.<\/p><p>So meldete sich der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner mit folgender Aussage zu Wort: &bdquo;Jeder, der arbeiten kann, der muss auch arbeiten.&ldquo; Stegners Aussage kn&uuml;pft nahtlos an die &Auml;u&szlig;erungen von Franz M&uuml;ntefering (&bdquo;Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen&ldquo;) oder Gerhard Schr&ouml;der (&ldquo;Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarit&auml;t rechnen. Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft!&rdquo;) an &ndash; ganz so, als h&auml;tte die SPD seit Schr&ouml;der nicht &uuml;ber 10 Millionen W&auml;hler verloren. Ganz so, als m&uuml;sste die SPD nicht ansatzweise f&uuml;rchten, bald bei Wahlen im einstelligen Bereich zu liegen.<\/p><p>Stegner bedient mit seiner Aussage ein schlimmes Vorurteil und legt den Fokus auf angeblich arbeitsunwillige Arbeitslose. Das ist in etwa so, als w&uuml;rde er bei jeder Gelegenheit davon sprechen, dass es auch kriminelle Ausl&auml;nder gibt. In Stegners Worten kommt jener Argwohn gegen&uuml;ber den Arbeitslosen zum Ausdruck, der keinen Millimeter vom rassistischen Vorurteil entfernt ist. Man kann &uuml;ber Menschen reden, die keine Lust zum Arbeiten haben und die es geben mag. Aber wer bei einer menschenw&uuml;rdigen Umgestaltung des Sozialstaates im Handumdrehen den Fokus auf eine kleine Minderheit richtet und diese zum Ma&szlig;stab der Sozialpolitik macht, darf sich nicht wundern, wenn ihm das Sch&uuml;ren von Vorurteilen vorgeworfen wird. Stegners &Auml;u&szlig;erungen zeigen einmal mehr, in welchem desolaten Zustand die SPD ist.<\/p><p>Doch Stegner ist mit seinen Worten l&auml;ngst nicht allein. Johannes Vogel, der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, sagte: &bdquo;Die Gr&uuml;nen wollen offenbar vor allem mehr Geld ausgeben und sich vom Grundsatz &lsquo;F&ouml;rdern und Fordern&rsquo; verabschieden. Das ist der falsche Weg.&ldquo;<\/p><p>Auch von der FDP also eine Haltung, die nicht im Ansatz ein Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Realit&auml;t der <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armen<\/a> aufweist. Im Motto &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;, so plausibel es auf den ersten Blick scheint, ist das Vorurteil angelegt, dass die Arbeitslosen nicht bereit w&auml;ren, sich einzusetzen, um eine Arbeitsstelle zu finden. Auf eine schlimme Weise manipuliert es unterschwellig unsere Wahrnehmung der Menschen, die keine Arbeit haben. Das w&auml;re so, als w&uuml;rde man unentwegt gegen&uuml;ber Fl&uuml;chtlingen sagen: Wir geben Dir etwas, aber Du musst uns auch etwas zur&uuml;ckgeben (nur damit das klar ist!). Sofort wird mit dieser Aussage ein negatives Bild installiert, das den Gefl&uuml;chteten als jemanden zeigt, dem man etwas Selbstverst&auml;ndliches sagen muss. Er wird dargestellt als jemand, dem man unterstellen darf, dass er nur nehmen, aber nichts geben will. Wer im Zusammenhang von Arbeitslosigkeit von einem F&ouml;rdern und Fordern spricht, bedient sich einer hintert&uuml;ckischen Manipulation.<\/p><p>Markus Blume, CSU-Generalsekret&auml;r, zeigte sich &uuml;ber den Umbau des Sozialstaates ebenfalls wenig begeistert. &bdquo;Wer Hartz IV abschaffen will, f&ouml;rdert Arbeitslosigkeit und legt die Axt an den jahrelangen Aufschwung am Arbeitsmarkt.&ldquo; Au&szlig;erdem: Der Arbeitszwang d&uuml;rfe nicht abgeschafft werden, dass sei &bdquo;v&ouml;llig falsch&ldquo;. Da glaubt der CSU-Mann offensichtlich tats&auml;chlich daran, dass Hartz IV f&uuml;r einen Aufschwung am Arbeitsmarkt gesorgt hat &ndash; &uuml;ber die vielen prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, die seit der rot-gr&uuml;nen Agenda entstanden sind, h&uuml;llt er das Schweigen.<\/p><p>Gegenwind kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Kein Geringerer als der DGB-Chef selbst, &uuml;bt sich in Realit&auml;tsverkl&auml;rung. <a href=\"https:\/\/www.waz.de\/politik\/dgb-chef-hoffmann-lehnt-gruenen-plaene-fuer-hartz-iv-ab-id215815093.html?fbclid=IwAR0svL7VwQ54WDTJU35u9v348sd_hi1MumE0qjUP1cnG_tJ7BB6mqVmpbWE\">Reiner Hoffmann sagte<\/a> gegen&uuml;ber der WAZ, er k&ouml;nne die &bdquo;Schnappatmung, die viele bei dem Begriff Hartz IV bekommen, nicht nachvollziehen. Au&szlig;erdem merkte der Top-Gewerkschafter an, es sei keine gute Idee, wenn man Arbeitslose nicht mehr zur Aufnahme von Arbeit zwinge, schlie&szlig;lich sei Arbeit doch &bdquo;Teilhabe&ldquo;. Dass Arbeit &bdquo;Teilhabe&ldquo; bedeuten kann (bei anst&auml;ndiger Entlohnung), ist unbestritten, aber auch hier wird, sozusagen im Vorbeigehen, das Vorurteil vom faulen Arbeitslosen bedient (siehe zu den Einlassungen Hoffmanns auch die Anmerkungen in den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47280#h02\">NachDenkSeiten-Hinweisen des Tages<\/a>).<\/p><p>Noch klarere Worte kommen von journalistischer Seite. Ulrich Reitz, ehemaliger Focus-Chefredakteur, hat sich mit den &Auml;u&szlig;erungen von Andrea Nahles <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/angespitzt\/angespitzt-kolumne-von-ulrich-reitz-die-panik-attacke-von-spd-chefin-nahles-auf-hartz-iv_id_9934509.html\">auseinandergesetzt<\/a>, die ebenfalls zu einem Kurswechsel in Sachen Hartz IV pl&auml;diert (siehe dazu auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47292\">Nahles hinter der Bezahlschranke der FAZ<\/a>). Reitz schreibt, dass der Verzicht auf Sanktionen im Sozialsystem falsch sei und fragt dann rhetorisch relativierend: &bdquo;Wobei &ndash; was hei&szlig;t das schon: Sanktionen?&ldquo; &bdquo;Heute treffen sie vor allem jene, die Termine in der Arbeitsagentur vers&auml;umen oder Weiterbildungen gar nicht erst antreten&ldquo;, f&uuml;hrt der Journalist aus. Diese Gruppe entziehe sich ihrer &bdquo;Mitwirkungspflicht&ldquo;. &bdquo;Weshalb sollte man ihnen das durchgehen lassen?&ldquo;, so Reitz weiter und findet: &bdquo;Hat die steuerzahlende Allgemeinheit, die Hartz IV f&uuml;r ann&auml;hernd sechs Millionen Menschen in Deutschland bezahlen muss, nicht ein Anrecht darauf, dass f&uuml;r dieses Geld eine Gegenleistung erbracht wird?&ldquo;<\/p><p>So sieht Klassenkampf von oben aus. F&uuml;r Mitgef&uuml;hl und Verst&auml;ndnis gegen&uuml;ber den oft <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341\">brutalen Lebenslagen<\/a> in den armen Schichten ist da kein Platz. Wer Geld vom Staat bekommt, soll auch arbeiten. Aber zack, zack, so der Tenor. Die Tatsache, dass manche &ndash; auch und gerade junge &ndash; Arbeitslose aufgrund schwerwiegender pers&ouml;nlicher Hintergr&uuml;nde nicht so funktionieren k&ouml;nnen, wie ehemalige Chefredakteure es erwarten, spielt bei dieser Positionierung keine Rolle (zur Frage, was Sanktionen f&uuml;r die Betroffenen bedeuten, sei <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/343946.jugendarmut-brd-strafen-statt-hilfe.html\">dieser Artikel<\/a> empfohlen). Wer Zwang als rechtm&auml;&szlig;iges Mittel im Umgang mit Arbeitslosen bef&uuml;rwortet, zeigt, so darf man es sehen, ein p&auml;dagogisches Verst&auml;ndnis, das dem &bdquo;Konzept&ldquo; der Pr&uuml;gelstrafe in nichts nachsteht.<\/p><p>Aussagen wie die hier angef&uuml;hrten sind sicherlich nicht neu und waren zu erwarten. Aber sie lassen erahnen, dass diejenigen in der Gesellschaft, die Probleme mit einem Sozialstaat haben, in dem die Menschenw&uuml;rde im Vordergrund steht, mit Argusaugen &uuml;ber ihre neoliberale Vorstellung von &bdquo;Sozialstaat&ldquo; wachen. Sollten Pl&auml;ne einer Abschaffung von Hartz IV weiter Gestalt annehmen, ist zu erwarten, dass es einen massiven Widerstand geben wird &ndash; vermutlich auch wieder unter Sch&uuml;tzenhilfe gro&szlig;er Medien.  Die rhetorischen Scharfmacher, Sozialstaatshasser, Rechtsausleger, Vorurteilssch&uuml;rer und Klassenk&auml;mpfer von oben werden zur Stelle sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns: Als die SPD und Gr&uuml;nen die Agenda 2010 durchgesetzt haben, applaudierten weite Teile des B&uuml;rgertums und der Presse. Nun, 15 Jahre sp&auml;ter, nachdem l&auml;ngst klar geworden ist, wie tief die gesellschaftliche Spaltung durch die rot-gr&uuml;nen &bdquo;Reformen&ldquo; geworden ist, &uuml;berlegen SPD, aber auch die Gr&uuml;nen, wie sie ihr Hartz-IV-Projekt abwickeln k&ouml;nnen. Irgendwie. 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