{"id":47402,"date":"2018-11-24T11:45:32","date_gmt":"2018-11-24T10:45:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47402"},"modified":"2019-01-04T12:11:25","modified_gmt":"2019-01-04T11:11:25","slug":"der-spiegel-verruehrt-etwas-export-esoterik-mit-einem-schuss-querfront-rhetorik-und-nennt-das-ganze-dann-auch-noch-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47402","title":{"rendered":"Der \u201eSPIEGEL\u201c verr\u00fchrt etwas Export-Esoterik mit einem Schuss Querfront-Rhetorik und nennt das Ganze dann auch noch \u201eAnalyse\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Also, man hat sich ja mittlerweile schon daran gew&ouml;hnt, dass die Debatte um die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse mehr durch Mythen, M&auml;rchen und Glaubenss&auml;tze gepr&auml;gt ist als durch &ouml;konomischen Sachverstand. Insofern ist es wohl auch vergebliche Liebesm&uuml;h&rsquo;, jeder abweichenden Meinung mit rationalen Argumenten hinterherzujagen. Was allerdings in der Printausgabe des &bdquo;SPIEGEL&ldquo; vom vergangenen Wochenende geschrieben steht, bedarf dann doch der Kommentierung. Konkret geht es um den Artikel <a href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/SP\/2018\/47\/160834474\/index.html?utm_source=spon&amp;utm_campaign=centerpage\">&bdquo;Bachbl&uuml;ten&ouml;konomie &ndash; Warum Deutschlands Handels&uuml;bersch&uuml;sse keine Arbeitslosigkeit verursachen&ldquo;<\/a> des SPIEGEL-Redakteurs Christian Reiermann. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47402#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181124-Export-Esoterik-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Dieser versucht n&auml;mlich dem Leser weiszumachen, dass Deutschlands Export&uuml;bersch&uuml;sse keine Arbeitslosigkeit verursachen und dass die negativen Auswirkungen eben jener Export&uuml;bersch&uuml;sse im Grunde nur die Erfindungen irrlichternder Populisten vom Schlage Donald Trumps und Oskar Lafontaines sind. Garniert wird das Ganze dann noch mit etwas Querfront-Rhetorik: &bdquo;Es gilt die Hufeisentheorie: Linkes und rechtes politisches Spektrum kommen sich h&auml;ufig sehr nah.&ldquo;<\/p><p>Leider ist der Artikel online nur teilweise einsehbar[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Wer den vollst&auml;ndigen Text lesen will, muss also zur Printausgabe greifen oder die Bezahlschranke &uuml;berwinden. Die Kernargumentation in dem Artikel ist folgende: Deutschland und die USA sind derzeit nahe der Vollbesch&auml;ftigung, die USA haben aber weltweit das h&ouml;chste Handelsbilanzdefizit, Deutschland dagegen den h&ouml;chsten &Uuml;berschuss. F&uuml;r Reiermann steht somit fest: die Frage, ob die Handelsbilanz im Plus oder im Minus ist, ist f&uuml;r die wirtschaftspolitische Debatte schlichtweg irrelevant. Konkret hei&szlig;t es dazu in dem Artikel:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn es aber m&ouml;glich ist, dass zwei L&auml;nder mit komplett gegens&auml;tzlichen Leistungsbilanzen wie Deutschland und die USA am Rande der Vollbesch&auml;ftigung operieren, dann dr&auml;ngt sich eine Erkenntnis auf: Leistungsbilanzsalden taugen nicht als Orientierungsgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r wirtschaftspolitisches Handeln. Sie sind nicht viel mehr als Restgr&ouml;&szlig;en, die sich aus Entscheidungen von Milliarden Verbrauchern auf dem ganzen Globus ergeben. Dass l&auml;sst nur einen Schluss zu: Es gibt dr&auml;ngendere Probleme zu l&ouml;sen auf der Welt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Aha! Leistungsbilanzsalden sind also das Ergebnis individueller Entscheidungen &uuml;berall auf der Welt, sie haben somit nichts mit der Entwicklung &ouml;konomischer Gr&ouml;&szlig;en wie L&ouml;hnen, Preisen, Einkommen oder Wechselkursen zu tun. So einfach ist das also! Darauf muss man ja erstmal kommen. Reiermann spricht in seinem Text &uuml;brigens von &bdquo;Trumps und Lafontaines Bachbl&uuml;ten&ouml;konomie&ldquo;, betreibt selbst aber mit obiger Aussage Export-Esoterik in Reinkultur. Getoppt wird das Ganze dann nur noch vom &bdquo;SPIEGEL&ldquo;, der diesen Text auch noch mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Analyse&ldquo; versieht.<\/p><p>Beim Lesen des Artikels bekommt man dagegen so nach und nach den Eindruck, dass es Reiermann mit seiner Philippika vor allem darum geht, den &bdquo;Populisten&ldquo; Trump und Lafontaine ein schlichtes und naives Verst&auml;ndnis von &Ouml;konomie anzudichten. So etwa hier:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit seiner Steuerreform hat er (Trump) f&uuml;r die US-Wirtschaft den Nachbrenner eingeschaltet, die ohnehin schon gute US-Konjunktur wird durch die Steuererleichterungen zus&auml;tzlich befeuert. Amerikanische Unternehmen und Verbraucher haben mehr Geld auf dem Konto, das sie zumindest zum Teil daf&uuml;r verwenden, G&uuml;ter aus dem Ausland zu ordern. Die Folge: Das Leistungsbilanzdefizit wird in diesem Jahr wahrscheinlich steigen. H&auml;tten Trump und Lafontaine recht, m&uuml;sste die Zahl der Besch&auml;ftigten gleichzeitig sinken. Doch das Gegenteil ist passiert: Im September erreichte die Arbeitslosenquote den niedrigsten Stand seit 1969, es herrscht fast Vollbesch&auml;ftigung.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Oder hier:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auch der umgekehrte Fall widerspricht Trumps und Lafontaines Bachbl&uuml;ten&ouml;konomie: W&uuml;rde die Bundesregierung ein brachiales Sparprogramm auflegen und die Konjunktur abw&uuml;rgen, stiege zwar die Arbeitslosigkeit. Zugleich aber fiele der deutsche Leistungsbilanz&uuml;berschuss h&ouml;her aus, weil die Deutschen weniger Geld h&auml;tten, um im Ausland einzukaufen. Ein Fall, den es nach Trumps und Lafontaines Weltsicht nicht geben d&uuml;rfte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das Problem dabei; nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Stellen wirkt Reiermanns Argumentation wirr, abstrus oder konstruiert. So etwa hier: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Angenommen, jede Regierung strebte mit ihrer Politik Vollbesch&auml;ftigung an und w&auml;re erfolgreich, dann m&uuml;ssten alle L&auml;nder Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse erwirtschaften.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Oder hier: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Parallele aus dem Privatleben macht das deutlich: Fast jeder hat ein Handelsbilanzdefizit mit seinem Lebensmittelh&auml;ndler, seinem Buchladen und seinem Getr&auml;nkelieferanten. Der Grund liegt auf der Hand, jeder bezieht viel mehr Waren von ihnen als andersherum. Das ist so lange kein Problem, wie jeder seine Rechnungen bezahlen kann. Was passiert, wenn ein Kunde dieser drei Einzelh&auml;ndler eine Gehaltserh&ouml;hung bekommt? Sein ganz privates Handelsbilanzdefizit wird weiter wachsen, gegen&uuml;ber einem Juwelier beispielsweise, weil er sich nun endlich die teure mechanische Armbanduhr leisten kann. Geht es ihm deswegen schlechter? Eher nicht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Na gut, das muss man im Einzelnen nicht verstehen. Deswegen zum Schluss noch ein paar grunds&auml;tzliche Bemerkungen:<\/p><p>Nicht jedes Defizit und jeder &Uuml;berschuss im internationalen Handel stellen ein Problem dar, sondern sind etwas ganz Normales. Hier hat Reiermann sogar recht. Zu einem Problem werden sie aber vor allem dann, wenn sie lange andauern und exorbitant hoch sind. Dies ist bei Deutschland mit einem Export&uuml;berschuss von inzwischen knapp 300 Milliarden Euro oder fast acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts nun einmal der Fall. Ein Problem sind die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse aber weniger f&uuml;r die USA, sondern vielmehr f&uuml;r die L&auml;nder der Eurozone, wie etwa Italien, Griechenland und Frankreich. Denn diese k&ouml;nnen sich nicht mehr wie fr&uuml;her mit Abwertungen ihrer W&auml;hrung gegen das deutsche Lohndumping sch&uuml;tzen. Darauf geht Reiermann aber mit keinem Wort ein.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus sei noch bemerkt, dass die USA in punkto Au&szlig;enhandel weltweit ein Sonderfall sind. Denn sie haben nicht nur das h&ouml;chste Defizit der Welt, sondern auch einen chronisch defizit&auml;ren Au&szlig;enhandel. Dies liegt zum einen an der Gr&ouml;&szlig;e und St&auml;rke der Binnenwirtschaft, aber vor allem auch daran, dass die USA mit dem Dollar die Reservew&auml;hrung der Welt stellen. Dadurch ist die weltweite Nachfrage nach Dollar besonders hoch. Dies bringt den USA einige Vorteile, etwa einen g&uuml;nstigen Zugang zu den Finanzm&auml;rkten und eine stetige Nachfrage nach US-Staatsanleihen, die preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit amerikanischer Produkte wird dadurch aber geschw&auml;cht. <\/p><p>Bereits 1959 wies der US-&Ouml;konom Robert Triffin den US-Kongress darauf hin, dass ein Land, dessen W&auml;hrung als globale Reservew&auml;hrung fungiert, zwangsl&auml;ufig Handelsdefizite anh&auml;ufen wird. Ein Ph&auml;nomen, das seither als das &bdquo;Triffin&acute;s-Dilemma&ldquo; bekannt ist. Insofern sind die Handelsdefizite der USA kein neues Ph&auml;nomen. Allerdings sind die Fehlbetr&auml;ge der USA mit China und Deutschland besonders hoch, beides &uuml;brigens L&auml;nder, die sich mit Dumpingma&szlig;nahmen Vorteile im internationalen Handel verschafft haben. F&uuml;r Trump ist das nat&uuml;rlich ein gefundenes Fressen. Auch auf diese Zusammenh&auml;nge geht Reiermann in seiner &bdquo;Analyse&ldquo; so gut wie gar nicht ein.<\/p><p><strong>P.S.:<\/strong> Reiermann war &uuml;brigens vor zehn Jahren schon einmal Thema auf den &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo;. Albrecht M&uuml;ller kommentierte damals in den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3470\">&bdquo;Hinweisen des Tages&ldquo; (Hinweis #4)<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eigentlich nicht lesenswert. Aber beispielhaft: Ein Dokument der Naivit&auml;t und Ahnungslosigkeit oder blinder Gefolgschaft und Bereitschaft zur Agitation. Zugleich ein weiterer Beleg f&uuml;r den unfassbaren Niedergang des Spiegel. &Uuml;brigens in Kontinuit&auml;t. Der Beitrag Reiermanns vom vergangenen Montag hatte eine &auml;hnliche &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo;. Dass sich der Spiegel solche Mitarbeiter leistet, ist schon beachtlich.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In dem Beitrag damals ging es &uuml;brigens auch um Oskar Lafontaine.<\/p><p><em>Dazu auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2961\">Nachtrag zum Spiegel: Offenbar lernunf&auml;hig und zur weiteren Talfahrt entschlossen. Es gibt auf Dauer keinen Bedarf an einem unkritischen Mainstream-Spiegel<\/a><\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] <strong>Thomas Trares<\/strong> ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] magazin.spiegel.de &ndash; <a href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/SP\/2018\/47\/160834474\/index.html?utm_source=spon&amp;utm_campaign=centerpage\">Bachbl&uuml;ten&ouml;konomie<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also, man hat sich ja mittlerweile schon daran gew&ouml;hnt, dass die Debatte um die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse mehr durch Mythen, M&auml;rchen und Glaubenss&auml;tze gepr&auml;gt ist als durch &ouml;konomischen Sachverstand. Insofern ist es wohl auch vergebliche Liebesm&uuml;h&rsquo;, jeder abweichenden Meinung mit rationalen Argumenten hinterherzujagen. 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