{"id":47497,"date":"2018-11-29T09:00:12","date_gmt":"2018-11-29T08:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47497"},"modified":"2018-12-30T14:02:29","modified_gmt":"2018-12-30T13:02:29","slug":"zwischen-g20-gipfel-und-neoliberaler-unordnung-das-weltforum-ueber-erfolge-und-versaeumnisse-progressiver-regierungen-und-parteien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47497","title":{"rendered":"Zwischen G20-Gipfel und neoliberaler Unordnung, das Weltforum \u00fcber Erfolge und Vers\u00e4umnisse progressiver Regierungen und Parteien"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181129-G20-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seit Wochen vor dem Gipfel der G-20-Staatschefs, der ein Jahr nach Hamburg am kommenden 30. November und 1. Dezember in Buenos Aires stattfinden wird, tummeln sich Bataillone ausl&auml;ndischer Agenten in der argentinischen Hauptstadt und bewerten auf jedem Meter die angeblichen Sicherheitsanforderungen zum Schutz der erwarteten f&uuml;hrenden zwanzig Staats- und Regierungschefs der kapitalistischen Weltszene. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit von der Partie sind <a href=\"https:\/\/www.perfil.com\/noticias\/politica\/agentes-extranjeros-evaluan-la-seguridad-del-g20-para-detectar-futuras-amenazas.phtml\">nach argentinischen Quellen<\/a> Sicherheitskr&auml;fte aus den USA und Deutschland. Ihr angeblicher Auftrag bestehe in der st&auml;ndigen Untersuchung und &Uuml;berwachung der Widerstandsf&auml;higkeit von Absperrungen rund um das Messe- und Kongressgel&auml;nde von Buenos Aires, das den relevanten Tagungen des Gipfels als B&uuml;hne dient. Die ausl&auml;ndischen Agenten bewerten jedoch auch die Wirksamkeit sogenannter &bdquo;Korridore&rdquo;, schneller Wegabk&uuml;rzungen und &Uuml;berf&uuml;hrungen f&uuml;r Notfall-Evakuierungen f&uuml;hrender internationaler Beamter.<\/p><p><strong>Sicherheits-Spektakel zum Schutz des unpopul&auml;ren Donald Trump<\/strong><\/p><p>Das Man&ouml;ver ist nur zum Schein diskret, seine vor allem von den USA und der Regierung Mauricio Macri den Medien zugespielte Version ist die Beschw&ouml;rung eines &bdquo;terroristischen Anschlags&rdquo; gegen den US-Pr&auml;sidenten; eine Gaukelei, die eineinhalb tausend Kilometer im Norden auch der brasilianische Hardliner-General Augusto Heleno als &bdquo;Bedrohung&rdquo; des frischgew&auml;hlten, rechtsradikalen Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro aus dem Hut der doppeldeutigen Fantasien zauberte.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.clarin.com\/mundo\/trump-podria-acortar-vista-cumbre-g20_0_t94x8caJY.html\">Berichten zufolge<\/a> ist es wahrscheinlich, dass Trump Abstriche an seinen Besuch in Argentinien machen wird, um am 1. Dezember an der feierlichen Amtseinf&uuml;hrung des im Juli 2018 zum neuen Pr&auml;sidenten Mexikos gew&auml;hlten Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador teilzunehmen; eine Visite, die angesichts der dieser Tage von der US-Regierung angedrohten, vollst&auml;ndigen Sperrung der Grenze nach Mexiko lautstarke Proteste der Emp&ouml;rung im nordamerikanischen Nachbarland hervorrufen wird.<\/p><p>Urspr&uuml;nglich hatte Trump auch ein Treffen mit dem russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin in Buenos Aires geplant, mit dem er &uuml;ber den Tiefststand der bilateralen Beziehungen &ndash; insbesondere &uuml;ber die Wirkung der durch die Gift-Aff&auml;re Skripal in Gro&szlig;britannien versch&auml;rften US-Sanktionen gegen Moskau &ndash; nun &uuml;ber &bdquo;politische Entspannung&rdquo; sprechen will. Zu den kontroversen Themen der amerikanisch-russischen Agenda geh&ouml;ren nach amerikanischer Version auch die russische, jedoch umgekehrt nicht die wachsende US-Milit&auml;rpr&auml;senz in Syrien sowie die Lage in der Ukraine, die ebenso mit dem Marine-Zwischenfall &ndash; man spricht auch von einer ukrainischen Provokation &ndash; vor der Krim erneut zu eskalieren droht.<\/p><p>Der US-Pr&auml;sident plante auch, mit dem chinesischen Pr&auml;sidenten Xi Jinping einen Mini-Gipfel abzuhalten. Das zentrale Thema w&auml;re der weltweite Handelskrieg, ein hirnrissiger Zug, auf den bereits der brasilianische Pr&auml;sident Bolsonaro lautstark, amateurhaft und die USA umwinselnd aufgesprungen ist.<\/p><p>Wie auch immer, fest steht, dass selbst ein nur eint&auml;giger Aufenthalt Trumps am Rio de la Plata von spektakul&auml;ren Sicherheitsvorkehrungen umrahmt sein wird, die zum Preis der argentinischen Souver&auml;nit&auml;ts-Verletzung von einem einmaligen Aufgebot des US-Spionage- und Milit&auml;rapparats kommandiert werden. Bereits Mitte Februar hatte die Regierung Macri ihre landesweit umstrittene Ministerin f&uuml;r Innere Sicherheit, Patricia Bullrich, und Verteidigungsminister Oscar Aguad mit einem Hilfeersuchen zur Sicherung des G20-Gipfels zu einem Treffen mit dem S&uuml;dkommando der US-Streitkr&auml;fte entsandt.<\/p><p>Wie aus <a href=\"https:\/\/www.telam.com.ar\/notas\/201811\/306924-estados-unidos-aportara-un-avion-y-un-barco-de-comunicaciones-a-la-seguridad-del-g20.html\">Medienberichten &uuml;ber dieses Treffen<\/a> hervorging, habe die Trump-Regierung versprochen, Argentinien auf die gleiche Weise wie Brasilien bei der Fu&szlig;ballweltmeisterschaft und bei den Olympischen Spielen nachrichtendienstlich und polizeilich zu helfen. Dies wird mit dem Einsatz eines Flugzeugs und eines Fernmeldeschiffs der US-Spionage geschehen, die den f&uuml;r die Dauer des G-20-Gipfels gesperrten Luftraum &uuml;ber Buenos Aires mit leistungsstarken Radarger&auml;ten abtasten und Informationen an die argentinische Luftwaffe weitergeben.<\/p><p>Im Klartext: Mit an den Haaren herbeigezogenem Verdacht ist Washington bereits seit Monaten zur Vorbeugung angeblicher &bdquo;terroristischer Anschl&auml;ge&ldquo; in Argentinien aktiv und befeuert mit der an Psychose grenzenden Stimmung gleichzeitig &ndash; wie bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46158\">auf den Nachdenkseiten beschrieben<\/a> &ndash; die Militarisierung der Inneren Sicherheit in Argentinien und Brasilien.<\/p><p><strong>&bdquo;Maduro eine Lektion erteilen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Gleichzeitig heizen die USA auch die Stimmung gegen die venezolanische Regierung Nicol&aacute;s Maduro an; ein Kurs, auf den Trumps Sicherheitsberater John Bolton den Brasilianer Jair Bolsonaro sowie die ihn umgebenden Gener&auml;le vor seiner Ankunft in Buenos Aires w&auml;hrend einer Zwischenlandung in Rio de Janeiro einschw&ouml;ren will.<\/p><p>Einer von Bolsonaros hitzk&ouml;pfigen S&ouml;hnen &ndash; der bei den j&uuml;ngsten Wahlen mit nahezu 1,8 Millionen Stimmen zum Abgeordneten gew&auml;hlte, freigestellte radikal-faschistische Polizei-Schriftf&uuml;hrer Eduardo Bolsonaro &ndash; hatte noch Ende des vergangenen September in einem Anflug von Maulheldentum vor krakeelender Menge gedroht, nach der Regierungs&uuml;bernahme durch seinen Vater werde Brasilien Venezuela &uuml;berfallen, um <a href=\"https:\/\/www.noticiasaominuto.com.br\/politica\/659427\/filho-do-bolsonaro-promete-invadir-a-venezuela-e-dar-licao-em-maduro\">&bdquo;Maduro eine Lektion zu erteilen&ldquo;<\/a>; in Wahrheit eine Wiederholung der mehrmals von Donald Trump ausposaunten Prahlerei, die sowohl in den USA als auch in Brasilien selbst von eingeschworenen &bdquo;anti-bolivarischen&ldquo; Milit&auml;rs unverz&uuml;glich ausgepustet wurde.<\/p><p>Gesetzt den hirnverbrannten Einsatzfall, h&auml;tte dieser verheerende milit&auml;rische Folgen f&uuml;r Brasilien. Zwar w&auml;re dessen Heer dem venezolanischen &uuml;berlegen, w&uuml;rde aber vernichtende Niederlagen durch die mit modernsten russischen Kampfflugzeugen ausger&uuml;stete venezolanische Luftwaffe einb&uuml;&szlig;en; ganz zu schweigen von der milit&auml;rischen Unterst&uuml;tzung und Beratung, jedoch ohne direkten Eingriff durch Russland und China, sowie von einem langandauernden und zerm&uuml;rbenden Guerillakampf, den Venezuela mit Beteiligung hunderttausender politisch motivierter Freiwilliger Brasilien aufzwingen w&uuml;rde.<\/p><p>So werden sich Bolton und die brasilianischen Milit&auml;rs vorl&auml;ufig mit einer Szenerie der sogenannten &bdquo;hybriden Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; &ndash; die Kombination nachrichtendienstlicher und milit&auml;rischer Sabotage mit medialen Angriffen &ndash; begn&uuml;gen m&uuml;ssen; ein Unternehmen, an dem sich die USA selbstverst&auml;ndlich auch die stellvertretende Teilnahme Kolumbiens w&uuml;nschen.<\/p><p><strong>Diskreditierte G-20-Agenda<\/strong><\/p><p>Als Gastgeberland &uuml;bernahm die argentinische Macri-Regierung in Absprache mit den &uuml;brigen G-20-Mitgliedern die Gestaltung der Arbeitsagenda, die unter der Devise &ldquo;<a href=\"https:\/\/g20.org\/es\/cumbre-de-lideres-leaders-summit\">Konsens schaffen f&uuml;r eine gerechte und nachhaltige Entwicklung<\/a>&rdquo; steht. &bdquo;Es scheint ein schlechter Witz zu sein&ldquo;, monierte der einflussreiche argentinische Publizist Ernesto L&oacute;pez die Verwendung von Begriffen wie &bdquo;Konsens&ldquo;, &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; und &bdquo;Nachhaltigkeit&ldquo; in der Gipfel-Devise. &bdquo;Die Regierung Macri, die sich mit der Sch&auml;digung von Rentnern, der Senkung der L&ouml;hne und der Attacke auf Tarifverhandlungen einen Namen gemacht hat, die au&szlig;erdem den Binnenmarkt bestraft, umgekehrt die Spekulation beg&uuml;nstigt und in zwei Jahren eine exorbitante Auslandsverschuldung erzeugt hat &ndash; diese Regierung redet nun von nachhaltiger und gerechter Entwicklung!&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.elcohetealaluna.com\/g20-futil-afan-figurar\/\">spottete L&oacute;pez<\/a>.<\/p><p>&bdquo;Man wird vielleicht sagen, dass er (Macri) als Pr&auml;sident der G20 sich mit solchen Begriffen zwangsl&auml;ufig in die weltweite Agenda einklinken und Resonanz sichern musste. Doch wird die Sache von einer Ironie gestraft. Drei Priorit&auml;ten bestimmen n&auml;mlich diese gro&szlig;spurigen Absichten, die ja zu Hause nicht beachtet werden: a) die Zukunft der Arbeit, b) die Infrastruktur f&uuml;r die Entwicklung, und c) die nachhaltige Zukunft der Lebensmittel-Erzeugung und -Versorgung. Alles sehr nett, doch wo bleibt unser Eigeninteresse, ein St&uuml;ckchen von dieser Agenda abzubekommen?&ldquo;, schimpfte L&oacute;pez, der, ohne es zu beabsichtigen, den arbeits- und lohnabh&auml;ngigen und von sozialer Unsicherheit betroffenen Menschen weltweit die Worte von den Lippen las.<\/p><p><strong>Der Gegen-Gipfel des &bdquo;Ersten Weltforums des kritischen Denkens&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aus Anlass der seit mehreren Monaten vorbereiteten 26. Konferenz des Lateinamerikanischen Rates der Sozialwissenschaften (<a href=\"https:\/\/www.clacso.org.ar\/institucional\/que_es_clacso.php\">CLACSO<\/a>) &ndash; der 654 Forschungs- und Aufbaustudien auf dem Gebiet der Sozial- und Geisteswissenschaften in nahezu 20 L&auml;ndern Lateinamerikas und auf einzelnen Kontinenten betreibt &ndash; beriefen dessen Organisatoren das &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.clacso.org.ar\/difusion\/Conferencia_CLACSO_2018\/index.htm\">Erste Weltforum des kritischen Denkens<\/a>&ldquo; als eine von mindestens 30.000 Menschen besuchte Gegenveranstaltung zum G20-Gipfel ein.<\/p><p>Mit rund 600 renommierten internationalen G&auml;sten &ndash; darunter der deutsche Professor Klaus D&ouml;rre von der Friedrich-Schiller-Universit&auml;t Jena &ndash; debattierten Dutzende Redner &uuml;ber Themen wie:<\/p><ul>\n<li>50 Jahre Medell&iacute;n-Konferenz: Theologie der Befreiung und Theologie der Menschen<\/li>\n<li>Aktuelle soziale und politische K&auml;mpfe in Lateinamerika und der Karibik<\/li>\n<li>Afrolatinit&auml;ten, Rassismus und Widerstand<\/li>\n<li>Die Gegenwart verwandeln, um die Zukunft auszudenken<\/li>\n<li>China und Lateinamerika<\/li>\n<li>Digitale politische Kommunikation<\/li>\n<li>Kommunikation, Politik und Demokratie<\/li>\n<li>Kuba in der Revolution<\/li>\n<li>Demokratisierung des akademischen Wissens<\/li>\n<li>Die Herausforderungen f&uuml;r den offenen Zugang zum Wissen<\/li>\n<li>Das Recht auf die Stadt und neuer Gemeindebegriff<\/li>\n<li>Eliten, Einverleibung des Staates und Ungleichheit in Lateinamerika und der Karibik<\/li>\n<li>Staat, Volksbewegungen und Herausforderungen an die Demokratie<\/li>\n<li>Die Nationalstaaten unter Belagerung des globalen Kapitals<\/li>\n<li>Herausforderungen f&uuml;r die Volksbewegungen<\/li>\n<li>Rechtskriege und Ausnahmezustand in Lateinamerika<\/li>\n<li>Globale Hegemonie im Disput<\/li>\n<li>Die G20 und die internationale (Un-)Ordnung<\/li>\n<\/ul><p><strong>Kontinuit&auml;t und Scheitern der Mitte-Links-Regierungen: historischer Vortrag &Aacute;lvaro Lineras<\/strong><\/p><p>Dem bolivianischen Vizepr&auml;sidenten &Aacute;lvaro Linera gelang wohl <a href=\"https:\/\/iela.ufsc.br\/files\/clacso-extraordinaria-conferencia-de-alvaro-garcia-linera-junto-juan-carlos-monedero\">einer der mutigsten und zeitgem&auml;&szlig;en Vortr&auml;ge<\/a> mit dem spanischen Professor, Buchautor und Podemos-Mitbegr&uuml;nder Juan Carlos Monedero als Schriftf&uuml;hrer und Moderator. Zun&auml;chst fasste Linera, der als das eigentliche politische Hirn der seit 12 Jahren erfolgreich amtierenden Regierung Evo Morales gilt, die von ihm so genannten &bdquo;Tugenden&ldquo; der lateinamerikanischen Mitte-Links-Regierungen zusammen, die zwar allesamt auf Bolivien und eventuell Uruguay, jedoch kaum auf die f&uuml;hrenden L&auml;nder des Subkontinents, wie Argentinien und Brasilien, zutreffen.<\/p><p>Demnach h&auml;tten, erstens, die fortschrittlichen Regierungen von den K&auml;mpfen der Frauen gelernt, vor allem ihre Anliegen ernstzunehmen. Zweitens h&auml;tten sie Regierbarkeit und Stabilit&auml;t erzeugt. &bdquo;Wir haben der Welt gezeigt, dass Regierbarkeit Mehrheiten im Parlament und auf den Stra&szlig;en bedeutet&rdquo;, zelebrierte der ehemalige Guerillero und Hochschulprofessor. Doch das von ihm beschriebene Erbe trifft h&ouml;chstens auf Bolivien und Uruguay zu, nicht so auf Argentinien und Brasilien. Die Regierung Cristina Kirchner verlor nach 12-j&auml;hriger Administration des Links-Peronismus die 2015-er Wahlen an den Konservativen Mauricio Macri und Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff wurde nach viermaligem Wahlsieg und 13-j&auml;hriger Amtszeit der Arbeiterpartei (PT) gar durch einen parlamentarischen Putsch von der Macht verjagt.<\/p><p>Drittens geh&ouml;re zu den Tugenden der fortschrittlichen Regierungen, so Linera, dass sie im Vorfeld der &bdquo;gro&szlig;en kathartischen Umw&auml;lzungen&rdquo; kulturelle Siege mit der Durchsetzung eines alternativen Gemeinsinns errungen h&auml;tten. Voraussetzung f&uuml;r jeden politischen oder milit&auml;rischen Sieg sei ein vorheriger &bdquo;kultureller Sieg&rdquo; &ndash; wenn man so will, eine neue Werteskala; von den Hochschulen und Gewerkschaften &uuml;ber die Medien bis zum Wohnbezirk. Viertens h&auml;tten die fortschrittlichen Regierungen Lateinamerikas gar eine weltweite, v.a. europ&auml;ische Debatte unter Sozialisten und &bdquo;radikalen Sozialdemokraten&rdquo; &uuml;ber das Freiheitsprinzip in Gang gesetzt.<\/p><p>&bdquo;In den 1960-er und 1970-er Jahren assoziierten wir die Forderung nach Freiheit stets rasch mit dem kapitalistischen Markt oder dem individuellen Egoismus. Doch nach intensivem Nachdenken dar&uuml;ber sind die fortschrittlichen Kr&auml;fte Lateinamerikas das Thema auf eine kreative Weise angegangen. N&auml;mlich mit dem Respekt vor den klassischen republikanischen Freiheiten haben wir die Macht durch freie Wahlen errungen und werden die Macht auch immer wieder durch neue Wahlsiege erringen&rdquo;, prophezeite Linera siegessicher.<\/p><p>&bdquo;Wenn Reue arg schmerzen t&auml;te, so w&uuml;rde so mancher Reum&uuml;tiger in den Tag hinein heulen&rdquo;, besagt ein brasilianisches Sprichwort. Und davon k&ouml;nnen die ehemaligen Pr&auml;sidenten Brasiliens, Luis In&aacute;cio Lula da Silva und Dilma Rousseff, &ldquo;ein Lied singen&rdquo;, kostete ihnen doch der exzessive Glaube und die Pflege der republikanischen Werte Kopf und Kragen. Die rechtsextreme Opposition durschaute die &bdquo;Schw&auml;che&rdquo; der demokratisch handelnden PT-Regierungen und machte sich Joseph Goebbels&lsquo; Spott zu eigen, als dieser in einer Rede vom 4. Dezember 1935 die demokratischen Kr&auml;fte im Reichstag verh&ouml;hnte: &bdquo;Wenn unsere Gegner sagen: Ja, wir haben Euch doch fr&uuml;her die [&hellip;] Freiheit der Meinung zugebilligt &ndash; &ndash;, ja, <em>Ihr<\/em> uns, das ist doch kein Beweis, da&szlig; <em>wir<\/em> das Euch auch tuen sollen! [&hellip;] Da&szlig; <em>Ihr<\/em> das uns gegeben habt, &ndash; das ist ja ein Beweis daf&uuml;r, wie dumm Ihr seid!&rdquo;.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zu Linera, der &ndash; f&uuml;nftens &ndash; behauptete, die Mitte-Links-Regierungen h&auml;tten eine breite Koalition gesellschaftlicher Kr&auml;fte zustande gebracht, und &ndash; sechstens &ndash; wie nie zuvor auch die regionale Integration und politische Souver&auml;nit&auml;t vorangetrieben und gefestigt.<\/p><p>An Lineras letztgenannter Tugend besteht kein Zweifel. Die Gr&uuml;ndungen der inzwischen von der konservativen Restauration weitgehend zerst&ouml;rten Union S&uuml;damerikanischer Nationen (UNASUR\/UNASUL) und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) sowie der Ausbau des Gemeinsamen S&uuml;damerikanischen Marktes (Mercosur\/Mercosul) bedeuteten Meilensteine der politischen Souver&auml;nit&auml;t Lateinamerikas. Dennoch, die breite Koalition gesellschaftlicher Kr&auml;fte traf auch in diesem Punkt h&ouml;chstens auf Bolivien und Uruguay zu, ihr Nichtzustandekommen im &uuml;brigen Kontinent l&auml;utete die fatale konservative Wende ein.<\/p><p><strong>Vers&auml;umnisse und Herausforderungen<\/strong><\/p><p>Sodann ging Linera mit den Mitte-Links-Regierungen ins politische Gericht. &bdquo;Erst wenn wir unsere eigenen Begrenzungen begreifen, sind wir auch im Hegelschen Sinne und im Hinblick auf eine neue progressive Welle dazu f&auml;hig, unsere eigenen Schranken zu &uuml;berwinden&rdquo;, mahnte der bolivianische Vizepr&auml;sident und nannte die dramatischsten Vers&auml;umnisse beim Namen.<\/p><p>Zum Beispiel die &ouml;konomische Nachhaltigkeit und Zufriedenstellung. Wladimir I. Lenin zitierend &ndash; &bdquo;Die Politik ist Wirtschaft in konzentrierter Form&rdquo; &ndash; warnte der Bolivianer vor der Illusion progressiver Wahlerfolge und Regierungsbildungen. Diese allein seien keineswegs ausreichend f&uuml;r die politische Stabilit&auml;t einer Regierung links von der Mitte. Vielmehr k&ouml;nne ihre Erhaltung und ihr Fortleben nur mit einer rigoros nachhaltigen Wirtschaftspolitik gesichert werden. Im Einzelnen: Wirtschaftswachstum, Neuverteilung des Erwirtschafteten, Nachhaltigkeit des Wachstums und neue soziale Umverteilung.<\/p><p>Nein, Linera dozierte nicht &uuml;ber eine post-revolution&auml;re, sozialistische Wirtschaftsdoktrin, sondern meinte gewissenhaftes Wirtschaften unter rigorosen Bedingungen des Kapitalismus. Dies sei durch selektive Formen der Beteiligung der National&ouml;konomien an der Globalisierung sowie durch selektiven Schutz des Binnenmarktes und der sozialen Eingliederung geschehen. Wenn die Konservativen grobe Fehler in der Wirtschaftspolitik begehen, so werden sie als bedeutungslose Entgleisung unter den Teppich gekehrt, wenn jedoch einer linken Regierung Fehler unterlaufen, k&ouml;nne dies ihr das Genick brechen, warnte der Bolivianer.<\/p><p>Gravierender als fehlgeleitete Politische &Ouml;konomie seien jedoch &bdquo;die Umwandlungsschw&auml;chen des politischen und sozialen <em>common senses<\/em>&ldquo;. In seiner Kritik an progressiver <em>Governance<\/em> in S&uuml;damerika brachte Linera die mangelnde F&auml;higkeit zur Sprache, neue menschliche, moralische, politische und gemeinschaftliche Werte erfolgreich in Szene zu setzen, und zitierte als Beispiel die Erfordernis an eine &bdquo;Architektur der Sprache&rdquo;, der effektiven Kommunikation im Umgang mit der Bev&ouml;lkerung. Denn die Nichtbeachtung dieses neuen &bdquo;gesunden Menschenverstandes&rdquo; f&uuml;hre unerbittlich in die Restauration der alten, konservativen Werte und damit in die sinnbildliche politische Entf&uuml;hrung der breiten Massen durch die politische Rechte.<\/p><p>Die Missachtung von Lineras nahezu allegorisch umschriebener &ldquo;Erziehung der Sinne&rdquo; &ndash; eine Sammlung, wie er es nennt, &bdquo;algorithmischer Verhaltensmuster f&uuml;r das t&auml;gliche Leben&rdquo; &ndash; l&auml;sst sich hart und treffend mit einem einzigen Satz zusammenfassen: das Vers&auml;umnis der politischen Bildung. Die Mitte-Links-Regierungen S&uuml;damerikas h&auml;tten zusammen zwar 75 Millionen ehemals verelendeter und armer Menschen in die Konsumgesellschaft und in den Genuss von Grundrechten bef&ouml;rdert, jedoch auf ihre politische Aufkl&auml;rung zu demokratisch gesinnten und widerstandswilligen B&uuml;rgern gegen neoliberale Generalangriffe und wertkonservative Wenden verzichtet. Respektvollerweise nannte Linera auch diesmal keine Namen, doch dieses Vers&auml;umnis kostete mindestens drei Regierungen den Kopf: Dilma Rousseff in Brasilien, Cristina Kirchner in Argentinien und Rafael Correa in Ecuador.<\/p><p>Solle man die Millionen B&uuml;rger, die einst aus der Armut befreit wurden, doch nun konservative Pr&auml;sidentschaftskandidaten gew&auml;hlt haben, etwa als &bdquo;Verr&auml;ter&rdquo; beschimpfen? Nein, in keinem Fall! Vielmehr m&uuml;sse die Linke eine bittere Lektion lernen, warnte Linera. Die Lektion hei&szlig;e: Auch wenn er kurzlebig einzusch&auml;tzen sei, ist der mit dem Aufstieg der Mitte-Links-Regierungen zu Beginn des neuen Millenniums totgeglaubte, alte politische und soziale <em>common sense<\/em> wegen der Unachtsamkeit der Linken und ihrer leichtsinnigen Vernachl&auml;ssigung einer neuen demokratischen Kultur wieder restauriert und an der Macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181129-G20-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Seit Wochen vor dem Gipfel der G-20-Staatschefs, der ein Jahr nach Hamburg am kommenden 30. November und 1. Dezember in Buenos Aires stattfinden wird, tummeln sich Bataillone ausl&auml;ndischer Agenten in der argentinischen Hauptstadt und bewerten auf jedem Meter die angeblichen Sicherheitsanforderungen zum Schutz der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47497\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,37,20,211],"tags":[965,2454,1613,593,2007,2145,2523,1943,1800,1556,1333],"class_list":["post-47497","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-globalisierung","category-landerberichte","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-argentinien","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-g7820","tag-kirchner-cristina","tag-lateinamerika","tag-restauration","tag-rousseff-dilma","tag-trump-donald","tag-usa","tag-venezuela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47497"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48055,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47497\/revisions\/48055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}