{"id":4751,"date":"2010-03-11T11:03:23","date_gmt":"2010-03-11T10:03:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4751"},"modified":"2014-11-25T09:30:44","modified_gmt":"2014-11-25T08:30:44","slug":"luftbuchungen-wie-wenig-steigende-aktienkurse-ueber-den-wohlstand-eines-volkes-aussagen-finanzkrise-xxxiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4751","title":{"rendered":"Luftbuchungen &#8211; wie wenig steigende Aktienkurse \u00fcber den Wohlstand eines Volkes aussagen (Finanzkrise XXXIV)"},"content":{"rendered":"<p>Das Platzen der so genannten Internet-Blase feiert in diesen Tagen Jubil&auml;um. 10-J&auml;hriges. (Dazu siehe auch den <a href=\"?p=4747#h14\">letzten Hinweis von heute<\/a>.) Im M&auml;rz des Jahres 2000 brach die Illusion vieler Zeitgenossen zusammen, mit den Aktienkursen ginge es immer bergauf. Immer schon konnte man wissen, dass steigende Aktienkurse volkswirtschaftlich ohnehin ohne Belang sind. Ich habe im Oktober 1999 dazu eine Kolumne im &bdquo;vorw&auml;rts&ldquo; geschrieben. Das gilt alles noch und ist immer noch aktuell. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDen Text der Kolumne finden Sie im Anschluss an diese Vorbemerkungen:<\/p><ul>\n<li>In der Kolumne war ein Ausriss aus BUSINESS WEEK eingebaut. Dort wurde behauptet, es seien in Deutschland auf dem Neuen Markt &ndash; sichtbar an den gestiegenen Aktienkursen &ndash; f&uuml;r 59 Milliarden Dollar neue Verm&ouml;genswerte geschaffen worden. Dieser Ausriss ist im folgenden Text nicht enthalten. Es wird aber darauf Bezug genommen. Deshalb der Hinweis.<\/li>\n<li>Die Kolumne hat mir Zustimmung und bittere Kritik eingebracht. Ein Ingenieur aus Stuttgart zum Beispiel schrieb in einem Leserbrief, meine Skepsis gegen&uuml;ber der volkswirtschaftlichen Bedeutung von B&ouml;rsenspekulationen zeige mal wieder, dass die Sozis den Leuten ihre Verm&ouml;gensgewinne nicht g&ouml;nnen. Und er schilderte seine eigenen positiven Erfahrungen auf den B&ouml;rsen. Die Dax-Kurse sackten nach dem Platzen der Blase im M&auml;rz 2000 in den folgenden zwei Jahren auf ein Viertel ab. Ich wollte keine H&auml;me verbreiten und habe deshalb darauf verzichtet, den Ingenieur aus Stuttgart im Jahr 2003 nach seinen gro&szlig;artigen Gewinnen zu fragen.<\/li>\n<li>Auch heute gehen die Spekulationen weiter. Jeden Tag erreichen uns die &bdquo;Frontmeldungen&ldquo; von den B&ouml;rsen. Es wird nach wie vor so getan, als h&auml;tten die Bewegungen im Casino der B&ouml;rsen irgendetwas wichtiges mit unserem realen Leben zu tun.<\/li>\n<li>Jubil&auml;um des Platzens der Internetblase und meine Kolumne machen implizit auch darauf aufmerksam, wie verlogen die Behauptung ist, eine Finanzkrise habe es erst nach der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 gegeben. Schon das Platzen der Blase im Jahr 2000 hat eine Krise ausgel&ouml;st. Die Spitzen der deutschen Finanzwirtschaft trafen sich mit den Spitzen der Bundesregierung schon im Februar 2003, um &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer Bad Bank zu reden. Wir haben ausf&uuml;hrlich dar&uuml;ber berichtet. Vielleicht sollten Sie sich dazu die <a href=\"?cat=50\">Rubrik Finanzkrise<\/a> anschauen. Der erste Beitrag <a href=\"?p=3689\">Finanzkrise I<\/a> ist f&uuml;r die Einsicht in die Nutzlosigkeit beziehungsweise die Sch&auml;dlichkeit der Spekulation auf den Finanzm&auml;rkten besonders einschl&auml;gig.<\/li>\n<li>Zum Hintergrund der wiedergegebenen Kolumne: Fast sieben Jahre lang schrieb ich monatlich eine Kolumne im vorw&auml;rts unter der Gesamt&uuml;berschrift &bdquo;Gegen den Strom&ldquo;. Obwohl viele Mitglieder der SPD und Leserinnen und Leser des vorw&auml;rts diese Kolumne sehr sch&auml;tzten, wurde meine Kolumne nach Erscheinen meines Buches <a href=\"?page_id=23\">&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;<\/a> abgeknipst. Diese Kritik an der Schr&ouml;derschen Reformpolitik passte der damaligen SPD-F&uuml;hrung um Schr&ouml;der, M&uuml;ntefering und Benneter nicht in den Kram. Ich konnte das ja verstehen. Wenn einer Parteif&uuml;hrung keinen Wert mehr auf inhaltliche Debatten legt, dann muss sie gegen aufm&uuml;pfige Texte einschreiten. Die Begr&uuml;ndung &ndash; &bdquo;Platzmangel&ldquo; &ndash; war schlicht feige.<\/li>\n<\/ul><p>Es folgt die<br>\n<strong>Vorw&auml;rts-Kolumne &bdquo;Gegen den Strom&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\nOktober 1999<\/p><p><strong>Luftbuchungen. &ndash; Wie wenig steigende Aktienkurse &uuml;ber den Wohlstand eines Volkes aussagen.<\/strong><\/p><p>An jedem Abend informiert uns das Fernsehen dar&uuml;ber, wie sich die Aktienkurse entwickelt haben; schon tags&uuml;ber wird man von mehreren Sendern auf dem laufenden gehalten; der Wirtschafts- und B&ouml;rsenteil meiner Regionalzeitung ist mit drei Seiten genauso lang wie der politische Teil; der Fernsehsender n-tv, l&auml;sst die neuesten Aktienkurse im Programm mitlaufen und seine Berichterstatterinnen bekommen eine traurig-belegte Stimme, wenn sie Kursr&uuml;ckg&auml;nge vermelden. Man muss den Eindruck gewinnen, das deutsche Volk sei ein Volk von Aktienbesitzern und wir alle seien st&auml;ndig scharf darauf zu erfahren, wie viel reicher uns das Geschehen an den B&ouml;rsen gerade wieder gemacht hat.<\/p><p>Tats&auml;chlich sind heute 7,9 Prozent der Deutschen im Besitz von Aktien; Aktienfonds eingerechnet 12,7 Prozent. Warum wird trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl so ausf&uuml;hrlich &uuml;ber Aktienm&auml;rkte berichtet und so getan, als betr&auml;fe das Auf und Ab der B&ouml;rsenkurse uns alle oder zumindest eine Mehrheit von uns?<\/p><p>Das hat zum einen damit zu tun, dass wie beim Lotto diejenigen, die sich daran beteiligen, beachtlich gewinnen k&ouml;nnen. Das hat einen sportlichen Reiz, auch f&uuml;r die &bdquo;Zuschauer&ldquo;.<\/p><p>Zum andern r&uuml;hrt die hohe Aufmerksamkeit daher, dass in der &Ouml;ffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, der Anstieg von Aktienkursen w&uuml;rde auch volkswirtschaftlich betrachtet Werte schaffen. Dies sei ein Zeichen, dass es wirtschaftlich aufw&auml;rts geht. Das Zitat aus BUSINESS WEEK ist nur eine von vielen Meldungen. <\/p><p>Dass Aktienkursfeuerwerke nicht viel mit dem Wohlergehen einer Volkswirtschaft zu tun haben m&uuml;ssen, sieht man schon daran, dass der Dax &ndash; das Ma&szlig; der B&ouml;rsendurchschnittsentwicklung der wichtigsten deutschen Aktien &ndash; in den vergangenen Jahren h&auml;ufig stieg, w&auml;hrend gleichzeitig die Arbeitslosigkeit zunahm und die deutsche Volkswirtschaft nur m&auml;&szlig;ig wuchs, wenn &uuml;berhaupt.<\/p><p>Ohne Zweifel hat der Kapitalmarkt, dessen Teil der Aktienmarkt ist, eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion. Der Kapitalmarkt sorgt daf&uuml;r, dass die gesparten Finanzmittel zum &bdquo;besten Wirt&ldquo; gehen, wie die Volkswirte sagen, also dorthin str&ouml;men, wo dieses Kapital am produktivsten investiert wird. Diese Funktion des Kapitalmarkts ist wichtig. Auch der Teil, den man heute in Deutschland Neuer Markt nennt, wo also Aktien junger, risikoreicher Unternehmen ausgegeben und gehandelt werden, hat eine wichtige Teilfunktion. Es ist wichtig, dass Menschen mit guten neuen Ideen eine Chance haben, sich bei anderen, die Risiken einzugehen bereit sind, Kapital beschaffen k&ouml;nnen. Wenn mit dem Kapital in Maschinen oder Anlagen, in Computer oder andere Produktionsmittel investiert wird und Menschen mit diesem eingesetzten Kapital arbeiten, werden in der Tat Werte geschaffen. <\/p><p>Diese Art von Wertsch&ouml;pfung durch Einsatz von Kapital und Arbeitskr&auml;ften ist aber etwas anderes als das, was auf den Aktienm&auml;rkten geschieht, wenn dort die Kurse steigen. Richtig ist, dass der Buchwert eines Unternehmens sich verdoppelt, wenn der Aktienkurs sich verdoppelt. Aber mit dieser H&ouml;herbewertung werden genauso wenig Werte geschaffen, wie mit der Emis-sion, also der Ausgabe von Aktien gegen das Geld neuer Aktion&auml;re. Insofern ist die Vermutung von BUSINESS WEEK, es seien in Deutschland auf dem Neuen Markt f&uuml;r 59 Milliarden Dollar neue Verm&ouml;genswerte geschaffen worden, nicht richtig. <\/p><p>Wenn ein Unternehmen Aktien auf den Markt bringt, damit Geld einnimmt und bei sich Verm&ouml;gen &ndash; in der Sprache von BUSINESS WEEK &bdquo;wealth&ldquo; &ndash; schafft, muss es andere geben, die diese Ak-tien kaufen, daf&uuml;r mit Geld bezahlen, also ihr Konto r&auml;umen oder andere Wertpapiere verkaufen usw. Per saldo &ndash; das ist nach Adam Riese und der Saldenmechanik zwangsl&auml;ufig &ndash; entstehen dabei keine neuen Werte.<\/p><p>Nehmen wir eine aktuelle Neuemission, das Beispiel von Constantin-Film, eines Unternehmens der Film- und Medienwirtschaft, das im September an die B&ouml;rse ging. Der Ausgabekurs lag bei 19,50 Euro. Er sprang noch am selben Tag auf 80 Euro. Der Tages-Schlusskurs lag bei 63 Euro, am n&auml;chsten Tag bei 50 Euro, eine Woche nach dem Tag der Emission bei 49 Euro. Diese Schwankungen zeigen, dass das Buchwerte sind, deren realer Hintergrund bestenfalls die Erwartung ist, dass das Unternehmen mit dem eingenommenen Geld etwas Vern&uuml;nftiges anf&auml;ngt, gut wirtschaftet und Gewinne erzielt. Dass Aktienkursschwankungen auch ganz andere Hintergr&uuml;nde haben k&ouml;nnen, hat die Zeitung &bdquo;Die Woche&ldquo; vom 3. September beschrieben. Da werden Anlegern am Neuen Markt Tipps gegeben, unter anderem: &bdquo;Wer ausschlie&szlig;lich auf Zeichnungsgewinne spekuliert, sollte sich vor allem auf Unternehmen konzentrieren, die im Vorfeld des B&ouml;rsengangs mit gro&szlig;en PR-Kampagnen f&uuml;r hohe Aufmerksamkeit sorgen und die Investoren sprichw&ouml;rtlich &bdquo;hei&szlig;&ldquo; machen.&ldquo; Und man solle darauf achten, dass die Branche, zu der die Aktien emittierende Firma geh&ouml;rt, &bdquo;derzeit an der B&ouml;rse &bdquo;in&ldquo; ist&ldquo;.<\/p><p>Kurzfristige Wertsteigerungen sind &ndash; so das Kalk&uuml;l &ndash; Ergebnis von Spekulationen darauf, dass die Propaganda f&uuml;r die Emission einer Aktie so professionell gemacht ist, dass es aus diesem Grund zu einem Kursfeuerwerk kommt, bei dem man kurz einsteigt und mit etwas Gl&uuml;ck rechtzeitig wieder aussteigt. <\/p><p>Aber merke: Auch dabei gibt es neben den Gewinnern immer auch Verlierer. Volkswirtschaftlich sind solche Vorg&auml;nge ohne positive Bedeutung. Es ist eine Art von Spekulationsspiel, das nichts dar&uuml;ber sagt, ob dabei Werte geschaffen werden.<\/p><p>Der Pr&auml;sident des Club of Rome, einer Vereinigung von Industriellen und Wissenschaftlern, warnte im Juli vor den spekulativen Elementen der heutigen Kapitalm&auml;rkte. Der wirkliche Wert eines Unternehmens und seine Bewertung am Aktienmarkt klafften oft zu weit auseinander, meinte er. Noch gewichtiger d&uuml;rfte die Einsch&auml;tzung des US-Notenbankpr&auml;sidenten Alan Greenspan sein, der seit l&auml;ngerem schon die Sorge &auml;u&szlig;ert, am Aktienmarkt entwickle sich eine &bdquo;gef&auml;hrliche spekulative Blase&ldquo;.<\/p><p>Soweit der Text der Kolumne. Es folgt noch eine Folie, die Ihnen einen schnellen &Uuml;berblick &uuml;ber die DAX Entwicklung von 1960 bis 2008 bietet:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/dax_entwicklung_bis_heute.jpg\" alt=\"DAX Entwicklung von 1960 bis 2008\" title=\"DAX Entwicklung von 1960 bis 2008\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Platzen der so genannten Internet-Blase feiert in diesen Tagen Jubil&auml;um. 10-J&auml;hriges. (Dazu siehe auch den <a href=\"?p=4747#h14\">letzten Hinweis von heute<\/a>.) Im M&auml;rz des Jahres 2000 brach die Illusion vieler Zeitgenossen zusammen, mit den Aktienkursen ginge es immer bergauf. Immer schon konnte man wissen, dass steigende Aktienkurse volkswirtschaftlich ohnehin ohne Belang sind. Ich habe im<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4751\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,212],"tags":[294,223,293,618,251,411],"class_list":["post-4751","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-gedenktagejahrestage","tag-aktienkurse","tag-bad-bank","tag-finanzwirtschaft","tag-lehman-brothers","tag-muentefering-franz","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4751"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4754,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751\/revisions\/4754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}