{"id":47582,"date":"2018-12-03T08:39:45","date_gmt":"2018-12-03T07:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47582"},"modified":"2026-01-27T11:31:22","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:22","slug":"das-modell-elitendemokratie-ist-historisch-verheerend-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47582","title":{"rendered":"\u201eDas Modell Elitendemokratie ist historisch verheerend gescheitert\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Herrschaft und Macht zu verschleiern, darum geht es in den demokratischen Systemen unserer Zeit. Zu diesem Ergebnis kommt <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40899\">Rainer Mausfeld<\/a><\/strong> bei seiner Auseinandersetzung mit Politik und Medien. Die Geschichte habe immer wieder bewiesen, wie real eine uners&auml;ttliche Gier nach Macht sei, eine Tatsache, die auch heute gelte. Deshalb, so Mausfeld, m&uuml;sse man auch in unserer gegenw&auml;rtigen politischen Situation Macht genau betrachten. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5431\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47582-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47582-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181203_Das_Modell_Elitendemokratie_ist_historisch_verheerend_gescheitert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Streng geht Mausfeld mit den Medien ins Gericht. Zwar existiere durchaus ein kritischer politischer Journalismus, allerdings finde dieser dort seine Grenzen, wo die gro&szlig;e Weltpolitik stattfinde. &bdquo;Wenn es um Themen geht, die die Stabilit&auml;t der Machtzentren gef&auml;hrden k&ouml;nnten, wird erkennbar, wie tief die Medien in &ouml;konomische und politische Machtstrukturen eingebunden sind&ldquo;, so Mausfeld. Ein Interview &uuml;ber Schein und Sein der politischen Verh&auml;ltnisse.<\/p><p><strong>Herr Mausfeld, bei der Auseinandersetzung <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/warum-schweigen-die-laemmer\/\">mit Ihrem Buch<\/a> f&auml;llt auf, dass immer wieder die Begriffe &bdquo;Herrschaft&ldquo;, &bdquo;Herrschaftsstrukturen&ldquo; oder &bdquo;Macht&ldquo; auftauchen. In den Medien finden sich diese Begriffe, wenn es um Deutschland geht, hingegen eher selten. Oder?<\/strong><\/p><p>Das ist eine interessante Beobachtung. Die Kernkategorie alles Politischen, n&auml;mlich Macht, kommt in politischen Diskussionen der Leitmedien so gut wie gar nicht vor. Und wenn, dann nur auf eine ziemlich oberfl&auml;chliche Weise. &Uuml;ber Herrschaft und Macht redet man im Zusammenhang mit unserer Demokratie bzw. unserem &bdquo;Herrschaftssystem&ldquo; einfach nicht mehr. Es soll wohl der Eindruck entstehen, au&szlig;erhalb des Volkes g&auml;be es keine Zentren politischer Macht. Also brauchen wir auch nicht dar&uuml;ber zu reden. Dabei ist es in unserer gegenw&auml;rtigen politischen Situation besonders wichtig, Macht genau zu betrachten. <\/p><p><strong>Was bedeutet denn Macht?<\/strong><\/p><p>Macht hei&szlig;t, dass jemand die M&ouml;glichkeit hat, seine Interessen gegen andere durchsetzen zu k&ouml;nnen und Entscheidungen zu treffen, die ihm zu Gute kommen. Wer Macht hat, kann durchsetzen, was zu seinem Vorteil ist. Macht &uuml;ber andere zu haben bedeutet, andere dem eigenen Willen unterwerfen zu k&ouml;nnen. Noch einmal: Macht ist die Kernkategorie des Politischen. Und deswegen ist es eigenartig und bemerkenswert, wenn Medien nicht mehr &uuml;ber Macht und Herrschaft reden. Das w&auml;re so, als w&uuml;rde man in einer Akademie f&uuml;r Fische nicht &uuml;ber Wasser reden.<\/p><p>Auf jeden Fall zeigt die Geschichte, dass das Streben nach Macht dazu neigt, uners&auml;ttlich zu sein. Diese Gier f&uuml;hrt uns zu den dunklen Seiten des Menschen, und sie hat im Laufe der Zivilisationsgeschichte gigantische Blutspuren hervorgebracht. In der Zivilisationsentwicklung ging es deshalb darum, Wege zu finden, wie man Macht einhegen kann. Die zentrale Frage lautete und lautet: Wie kann man verhindern, dass eine Gesellschaft so organisiert ist, dass der St&auml;rkere den Schw&auml;cheren seinem Willen unterwirft?  <\/p><p><strong>Und dabei kommt die Demokratie ins Spiel. <\/strong><\/p><p>Ja. Wir alle haben ein nat&uuml;rliches Freiheitsbed&uuml;rfnis. Wir haben einen Widerwillen gegen Zwang. Wir wollen uns nicht dem Willen eines anderen unterwerfen. Dieses Bed&uuml;rfnis ist die erste Quelle in der Zivilisationsgeschichte, aus der die Demokratie entstanden ist. <\/p><p>Die zweite Quelle ist das Bem&uuml;hen, den Frieden zu sichern &ndash; und zwar den Frieden innerhalb der Nationen, also den sozialen Frieden,  sowie den Frieden zwischen den Nationen.  Innenpolitisch f&uuml;hrt das zur Idee der Demokratie, au&szlig;enpolitisch zur Idee eines V&ouml;lkerrechts. Es ging bei diesen Bem&uuml;hungen  stets darum, unterschiedliche Meinungen und Interessen auf friedlichem Weg in Einklang zu bringen. <\/p><p>Das Problem ist, dass diejenigen, die Macht haben, kein Interesse daran haben, ihre Macht abzugeben oder mit jemandem zu teilen.<\/p><p><strong>Das ist im Grunde genommen eine ziemlich banale Erkenntnis.<\/strong><\/p><p>Das ist in der Tat eine ganz banale und offenkundige Einsicht in das Wesen von Macht &ndash; zumindest f&uuml;r diejenigen, die nicht ideologisch vernebelt sind. <\/p><p><strong>Weiter mit Ihren Gedanken zur Demokratie.<\/strong><\/p><p>Die Lehre aus den Blutspuren der Zivilisationsgeschichte war immer wieder, zu versuchen, Macht einzuhegen. <\/p><p>Nur: Warum sollten die M&auml;chtigen sich &uuml;berhaupt darauf einlassen, ihre Macht begrenzen zu lassen oder zu teilen? Sie k&ouml;nnen ja schlie&szlig;lich ihre Macht auch mit physischer Gewalt durchsetzen.  Dies ist jedoch mit betr&auml;chtlichen Kosten verbunden, so dass man auf eine wirkungsvollere Idee kam. Angesichts unseres nat&uuml;rlichen Bed&uuml;rfnisses nach Freiheit und Selbstbestimmung und dem daraus resultierenden Druck des Volkes gab man diesem schlie&szlig;lich die Demokratie. Genauer jedoch: Man gab ihm etwas, das oberfl&auml;chlich und dem Namen nach so aussieht, jedoch so beschaffen ist, dass es den Status und die Interessen herrschender Gruppierungen nicht beeintr&auml;chtigt. Die so entstandene Form einer sogenannten Elitendemokratie hat den Vorteil, dass sie Macht und Herrschaft verschleiert und am Ende die B&uuml;rger glauben, ihre Wahlentscheidungen seien f&uuml;r die gegenw&auml;rtige gesellschaftliche Situation verantwortlich, schlie&szlig;lich haben sie die Regierenden ja selbst gew&auml;hlt. <\/p><p><strong>Wie gestaltet sich nun die Realit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Unsere politischen Alltagserfahrungen zeigen zur Gen&uuml;ge, dass die Realit&auml;t weit von der offiziellen Demokratierhetorik abweicht. Dieses subjektive Erleben hat auch ein solides objektives empirisches Fundament in Erhebungen der Politikwissenschaft &ndash; insbesondere die <a href=\"https:\/\/scholar.princeton.edu\/sites\/default\/files\/mgilens\/files\/gilens_and_page_2014_-testing_theories_of_american_politics.doc.pdf\">Princeton-Studie<\/a> der Politologen Martin Gilens und Benjamin Page aus dem Jahr 2014. <\/p><p>Sie hat zum Vorschein gebracht, dass das durchschnittliche Stimmgewicht eines US-amerikanischen W&auml;hlers auf politische Entscheidungen praktisch bei null liegt. Das hei&szlig;t: Es l&auml;sst sich in quantitativen empirischen Studien zeigen, wie illusion&auml;r in unseren kapitalistischen Elitendemokratien die Vorstellung von echter Demokratie ist. Aus diesem eindeutigen Befund m&uuml;ssen wir endlich angemessene Schlussfolgerungen ziehen, denn immer wieder wird behauptet, dass die Meinung der B&uuml;rger, im Einklang mit demokratischen Prinzipien, ein wesentliches Gewicht bei grundlegenden politischen Entscheidungen h&auml;tte. <\/p><p>Die Strukturen, mit denen wir es zu tun haben, sind jedoch so gebaut, dass die politischen Pr&auml;ferenzen normaler  B&uuml;rger nicht in die tats&auml;chlichen Entscheidungsprozesse eingehen. Auch bei uns l&auml;sst sich das bei einem Vergleich dieser Entscheidungen mit den in Umfragen erhobenen Pr&auml;ferenzen erkennen. Die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger liegen meist weit links von denen der Regierung. Auslandseinsatz der Bundeswehr? Beziehungen zu Russland? Krieg? Soziale Gerechtigkeit? In zentralen Fragen stellen Volksvertreter und Exekutive oft ganz anders die Weichen, als die B&uuml;rger es mehrheitlich w&uuml;nschen. Faktisch haben also die B&uuml;rger, das war ja gerade die Leitidee einer Elitendemokratie, keinen Einfluss, sie sind politisch entmachtet. Wolfgang Sch&auml;uble sagte einmal, Wahlen d&uuml;rften den wirtschaftspolitischen Kurs nicht &auml;ndern. Er bringt damit offen zum Ausdruck, wo die tats&auml;chliche Grenze des Einflusses liegt, den B&uuml;rger haben. <\/p><p>Nat&uuml;rlich k&ouml;nnten die strukturellen demokratischen Elemente, die in unserem politischen System enthalten sind und in der Tat wichtige demokratische Elemente erkennen lassen, wie etwa Wahlen, durchaus zu einer Re-Demokratisierung genutzt werden. Aber: Derzeit werden diese Elemente neutralisiert und k&ouml;nnen sich nicht im Sinne einer Demokratisierung der Demokratie entfalten. <\/p><p><strong>Welche Rolle spielen die Medien in diesem System?<\/strong><\/p><p>Die Leitmedien spielen bei politisch relevanten Themen &uuml;berwiegend die Rolle, die Herolde fr&uuml;her bei Hofe gespielt haben. <\/p><p><strong>Das ist eine ziemlich harte Aussage.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es Ausnahmen, doch sind viele Journalisten so sehr mit den Machtstrukturen identifiziert, dass sie gleichsam als deren Boten agieren. Wenn wir auf die Medien blicken, ist die Situation &auml;hnlich wie bei der Demokratie. Es gibt den Anschein, dass Medien die vierte S&auml;ule der Demokratie sind, aber dieser Anschein t&auml;uscht &uuml;ber die Realit&auml;t hinweg. Tats&auml;chlich sind sie in &ouml;konomische und politische Machtstrukturen eingebunden und damit Teil der Kr&auml;fte, die demokratische Strukturen zu unterminieren suchen. Das alles ist seit langem bekannt und empirisch gut belegt.<\/p><p><strong>Es gibt doch durchaus einen kritischen politischen Journalismus. Journalisten decken Missst&auml;nde auf, Medien legen sich mit Politikern an.<\/strong><\/p><p>Das ist &uuml;berwiegend ein Trugbild. Man muss nur hartn&auml;ckig genug die Oberfl&auml;che durchdringen, um dieses Trugbild zu erkennen. Ich will nat&uuml;rlich nicht bestreiten, dass es einen kritischen Journalismus gibt und Journalisten Skandale, auch politische, aufdecken. Aber auch bei diesen journalistischen Glanzleistungen gilt es dennoch, genauer hinzuschauen. Bei allen Fragen, die nicht von hoher politischer Relevanz  sind, d&uuml;rfen Journalisten sich in der Regel austoben und kritisch sein, so viel sie wollen. Aber wenn es um Themen geht, die die Stabilit&auml;t der Machtzentren gef&auml;hrden k&ouml;nnten, wird erkennbar, wie tief die Medien in &ouml;konomische und politische Machtstrukturen eingebunden sind.  Ob es um die Ukraine, um Russland, um Syrien oder die NATO geht: das ist f&uuml;r Journalisten und Medien vermintes Terrain. Wer als Journalist bei einer gro&szlig;en Zeitung arbeitet und bei Themen wie diesen von der vorherrschenden Sicht &ndash; also der Sicht der Herrschenden &ndash; abweicht, wird gro&szlig;e Probleme bekommen. Um ein Beispiel anzuf&uuml;hren: Die New York Times hat vor einiger Zeit einen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2015\/06\/07\/world\/asia\/the-secret-history-of-seal-team-6.html\">gro&szlig;en Bericht<\/a> dar&uuml;ber gebracht, an wie vielen Morden die US-Special Forces beteiligt waren und wie brutal sie vorgegangen sind.  Der Bericht wurde oft als Musterbeispiel zelebriert, das deutlich mache, wie offen und schonungslos in der freiesten Presse der Welt Missst&auml;nde aufgezeigt w&uuml;rden. Die Botschaft war klar: F&uuml;r eine grunds&auml;tzliche Kritik an der Rolle unserer Medien gibt es eigentlich keinen Anlass. <\/p><p>Nur: Diese Verbrechen wurden von der New York Times in einer solchen Weise berichtet und in einen solchen Kontext eingebunden, dass sie die eigentlichen politischen Verantwortlichkeiten verdeckt haben. <\/p><p><strong>Konkret, was wurde verdeckt? Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Es ging bei dem New-York-Times-Bericht konkret um die verdeckten Mord-Operationen der Special Forces, insbesondere des geheimnisumwobenen SEAL Team 5, das auch Osama bin Laden ermordete. Die US-Special Forces, die &uuml;ber einen Jahresetat von vielen Milliarden Dollar verf&uuml;gen, f&uuml;hrten, dem Bericht zufolge, &uuml;berall auf der Welt verdeckte Operationen durch &ndash; auch undercover in Rollen als zivile Mitarbeiter. Mittlerweile seien sie zu einer &bdquo;global manhunting machine&ldquo;, einer Menschenjagd-Maschine,  geworden. Nun ist nat&uuml;rlich verst&auml;ndlich, dass man im Kampf gegen das B&ouml;se nicht darauf verzichten kann, auch gelegentlich die zivilisatorischen Samthandschuhe auszuziehen. Leider h&auml;tten die Special Forces dabei jedoch etwas &uuml;ber die Str&auml;nge geschlagen und &bdquo;Schlachtfeste an Zivilisten&ldquo; durchgef&uuml;hrt. Mit einer solchen interpretativen Einbettung derartig systematisch durchgef&uuml;hrter Morde verdeckt die New York Times nicht nur die politischen Verantwortlichkeiten, sondern sie verdeckt auch die historischen Kontinuit&auml;ten, indem sie die berichteten Morde als bedauerliche Einzelf&auml;lle erscheinen l&auml;sst. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Insgesamt wird der Eindruck erzeugt, dass die Medien ihrer kritischen Rolle als Kontrolleure der Macht gerecht geworden seien. Schlie&szlig;lich haben sie ja &uuml;ber diese schrecklichen Ausnahmeexzesse offen berichtet, doch d&uuml;rfe man nat&uuml;rlich von solchen Ausnahmef&auml;llen nicht darauf schlie&szlig;en, dass die entsprechenden staatlichen Apparate nicht von noblen Absichten getragen seien. Kurz: Trotz solcher scheu&szlig;licher und bedauerlicher Einzelf&auml;lle stehe im Grund politisch alles bestens.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t: Das Blatt berichtet zwar journalistisch kritisch &uuml;ber einen gro&szlig;en Skandal, zeigt auf, legt dar, aber die Kritik bewegt sich nur an der Oberfl&auml;che, weil die politisch Verantwortlichen nicht in den Vordergrund ger&uuml;ckt werden? <\/strong><\/p><p>Ja, das ist der Punkt. Eine solche Form der Kritik f&ouml;rdert die gedankliche Fragmentierung, weil sie die Vorg&auml;nge aus ihrem eigentlichen Sinnzusammenhang l&ouml;st. Sie blockiert geradezu unsere M&ouml;glichkeiten, angemessene Schlussfolgerungen aus den berichteten Vorg&auml;ngen zu ziehen. Nach einer kurzen &ouml;ffentlichen Emp&ouml;rung ist dann auch alles schnell wieder vergessen. Bis zum n&auml;chsten bedauerlichen Einzelfall. Mit der Einzelfallrhetorik wird ein Interpretationsrahmen angeboten, der die eigentlich politisch Verantwortlichen gerade verbirgt.<\/p><p>Im &Uuml;brigen machte sich die New York Times auch das Argument zu eigen, dass &auml;hnlich wie Drohnenmorde auch die verdeckten Operationen der Special Forces eine sehr effiziente Alternative zu kostspieligen Kriegen seien. Um wirksam zu sein, brauche man dazu nun einmal ein Bollwerk der Geheimhaltung um derartige Mordoperationen. Die New York Times bekr&auml;ftigt damit die Kultur der Verantwortungslosigkeit, die bereits weite Bereiche der Staatsapparate durchzieht &ndash; und der Wirtschaft ohnehin. Die strukturell systematisch erzeugten Formen einer Verantwortungsdiffusion  entziehen also weite Bereiche unserer Gesellschaft grunds&auml;tzlich jeder demokratischen Kontrolle.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten haben denn die B&uuml;rger, um die Demokratie zu st&auml;rken?<\/strong><\/p><p>Das ist in der Tat eine entscheidende Frage, denn Demokratie muss von unten errungen und kontinuierlich erhalten werden. Eine konkrete Antwort auf diese Frage zu geben, ist schwierig und banal zugleich. Denn nat&uuml;rlich hat jeder von uns in seinem sozialen Lebensbereich eine Vielzahl von M&ouml;glichkeiten, einen Beitrag hierzu zu leisten. Zugleich w&auml;chst das Gef&uuml;hl, dass unter den gegenw&auml;rtigen Organisationsformen der  Macht Ver&auml;nderungsenergien nicht mehr nach oben wirksam werden, es w&auml;chst also ein Gef&uuml;hl der Aussichtslosigkeit. Dieses Gef&uuml;hl gezielt zu f&ouml;rdern, war und ist bekanntlich seit jeher ein wichtiger Bestandteil eines Demokratiemanagements. Wir m&uuml;ssen uns also damit auseinandersetzen. Das wird gerade unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung nicht einfach sein. Und es kann daf&uuml;r keine allgemeinen einfachen Rezepte geben. Zwar k&ouml;nnte man hier auf Antonio Gramscis Bemerkung verweisen, dass uns auch bei einem Pessimismus des Intellekts der Optimismus des Willens bleibt. Leider hilft das jedoch auch nicht sonderlich, eine konkrete Antwort auf Ihre Frage zu geben. Es hilft jedoch, den Blick darauf zu lenken, dass so oder so die Zukunft unserer Gesellschaft von uns abh&auml;ngt, von unserer Duldung und unserem Schweigen oder aber von unserem Ver&auml;nderungswillen.<\/p><p><strong>Ihr Buch zeigt ein Lamm auf dem Titel, das zusammengebunden ist. Warum dieses Bild?<\/strong><\/p><p>Das Lamm symbolisierte schon in der alten j&uuml;dischen Tradition das Tier, das vor seinen Scherern verstummt. Allgemeiner symbolisierte es Unschuld und Ahnungslosigkeit gegen&uuml;ber b&ouml;sen Absichten. Im Bereich des politischen Denkens kam, vor allem in der griechischen Tradition, noch die Metapher von Herde und Hirte hinzu. Das Buchcover zeigt ein Bild des spanischen Barockmalers Francisco de Zurbar&aacute;n. In einem politischen Kontext aktiviert das gefesselte Lamm beim Betrachter vermutlich weitverbreitete Gef&uuml;hle einer politischen Ohnmacht und eines Ausgeliefertseins &ndash; Gef&uuml;hle, die auch mir gegen&uuml;ber immer wieder in Gespr&auml;chen und Diskussionen zu meinen Vortr&auml;gen artikuliert werden. Viele Menschen haben das Gef&uuml;hl, dass die Politik der neoliberalen Alternativlosigkeit sie und nachfolgende Generationen um ihre Zukunftsplanung betrogen hat. Die neoliberale Transformation der Gesellschaft mit ihrer Ideologie des &sbquo;flexiblen Menschen&lsquo;, der seine Fremdverwertbarkeit durch den Markt zu optimieren habe, hat eine  tiefe Verunsicherung in der Gesellschaft hervorgebracht. Eine Verunsicherung und soziale &Auml;ngste, die &ndash; wie vielfach aufgezeigt wurde &ndash; gezielt und systematisch erzeugt wurden. <\/p><p><strong>Die Planungssicherheit ist bei vielen Menschen unter dem Neoliberalismus verlorengegangen.<\/strong><\/p><p>Absolut, nicht zu vergessen  die Erh&ouml;hung beruflicher Unsicherheit, die Schaffung sozialer Verh&auml;ltnisse, unter denen viele nicht mehr wissen, wie lange sie sich noch ihre Wohnung leisten k&ouml;nnen und vieles andere mehr hat nat&uuml;rlich eine massive Auswirkung auf das politische Verhalten und auf die Bereitschaft zu einer politischen Partizipation der B&uuml;rger. Soziale &Auml;ngste engen den Denkraum auf die Dinge ein, die zur Sicherung der eigenen Existenz notwendig sind. <\/p><p><strong>Sie meinen also, dass unter den gegebenen Umst&auml;nden viele B&uuml;rger einfach gar nicht mehr den Kopf haben, um sich politisch zu engagieren?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r politische Fragen des Gemeinwohls und damit f&uuml;r Demokratie l&auml;sst f&uuml;r viele die gegenw&auml;rtige Realit&auml;t keinen Platz. Im Gegenteil: Abstiegs&auml;ngste, Gef&uuml;hle eines sozialen Kontrollverlustes, &Auml;ngste, die mit Gef&uuml;hlen eines Identit&auml;tsverlustes und &auml;hnlichem verbunden sind, lassen die Bereitschaft wachsen, Gef&uuml;hle der Ohnmacht in dunklen menschlichen Kan&auml;len rassistischer und nationalistischer Ressentiments zu entladen. Das Aufbl&uuml;hen des Rechtspopulismus ist also eine direkte Folge der vorhergegangenen Jahrzehnte neoliberaler Politik und Alternativlosigkeit. Zugleich sucht nun die neoliberale &sbquo;Mitte&lsquo; den von ihr bef&ouml;rderten Rechtspopulismus f&uuml;r eine weitere Angsterzeugung zu nutzen, um sich durch eine solche Drohkulisse bei Wahlen zu stabilisieren. <\/p><p>Die systematische Erzeugung von Angst ist ja seit jeher ein wichtiges Herrschaftsinstrument.<\/p><p><strong>Ihre Ausf&uuml;hrungen lassen wohl keinen optimistischen Ausblick zu, oder?<\/strong><\/p><p>Ein realit&auml;tsleerer Optimismus mag sich gut anf&uuml;hlen, kann uns hier jedoch nicht helfen. Gesellschaftlicher Optimismus muss auf Einsicht in die politische Realit&auml;t gegr&uuml;ndet sein und mit einem ernsthaften Ver&auml;nderungswillen einhergehen. Jedenfalls wird es nicht einfach, diesen Zirkel und die mit ihm verbundenen Ohnmachtsgef&uuml;hle zu durchbrechen. Historisch waren es h&auml;ufig gerade zivilisatorische Katastrophen, die die Bereitschaft erh&ouml;hten, Macht und ihre Exzesse einzuhegen und grundlegende &Auml;nderungen der Gesellschaftsorganisation durchzuf&uuml;hren. Diese M&ouml;glichkeit, zur Vernunft zu kommen, ist uns heute wohl versperrt, denn der n&auml;chste gro&szlig;e Krieg wird vermutlich der letzte sein. Wir m&uuml;ssen uns also auf anderen Wegen zu der Einsicht durchringen, dass das ideologische Modell, auf dem unsere gesellschaftliche Macht- und Gewaltordnung basiert, mindestens genauso gescheitert ist wie das ideologische Modell der damaligen Sowjetunion. Wir haben jetzt seit &uuml;ber 50, ja 100 Jahren eine kapitalistische Elitendemokratie, deren zerst&ouml;rerische Wirkungen in unserer Gesellschaft und auf dem Planeten mehr und mehr zutage treten. Immer mehr B&uuml;rger erkennen oder erahnen dies, andere k&ouml;nnen oder wollen es nicht sehen und suchen, apathisch oder trotzig, ihren Status quo zu retten, wie mancher Passagier auf der Titanic. Das Modell Elitendemokratie ist jedenfalls, daran kann bei n&uuml;chterner Betrachtung wohl kein Zweifel bestehen, in verheerendem Ma&szlig;e historisch gescheitert. Diese Einsicht wird interessanterweise offensichtlich auch von den gegenw&auml;rtigen politischen und &ouml;konomischen Zentren der Macht geteilt. Nur dass sie daraus entgegengesetzte Konsequenzen ziehen: Sie verzichten n&auml;mlich zunehmend vollends auf eine Demokratierhetorik und bedienen sich lieber einer Sicherheits- und Stabilit&auml;tsrhetorik, mit dem Ziel, die B&uuml;rger zu einer weiteren Selbstentm&uuml;ndigung zu verleiten, sodass die Widerst&auml;nde gegen die Errichtung eines autorit&auml;ren Pr&auml;ventions- und Sicherheitsstaats m&ouml;glichst gering sind. <\/p><p>Wir stehen also gegenw&auml;rtig, was die Gestaltung unserer Gesellschaft angeht und was unsere Zukunft allgemein betrifft, an mehrfachen Scheidewegen: gesellschaftlich, hinsichtlich einer Friedenssicherung sowie &ouml;kologisch.  In solchen Situationen stellt auch ein Nichthandeln bereits eine Entscheidung dar. F&uuml;r unser Nichthandeln tragen wir in gleicher Weise Verantwortung wie f&uuml;r unser Handeln. Wie die Zukunft aussehen wird, liegt also in unserer Hand. M&ouml;glichkeiten zum politischen Handeln gibt es genug. Wir m&uuml;ssen uns nur entschlie&szlig;en, sie zu ergreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herrschaft und Macht zu verschleiern, darum geht es in den demokratischen Systemen unserer Zeit. Zu diesem Ergebnis kommt <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40899\">Rainer Mausfeld<\/a><\/strong> bei seiner Auseinandersetzung mit Politik und Medien. Die Geschichte habe immer wieder bewiesen, wie real eine uners&auml;ttliche Gier nach Macht sei, eine Tatsache, die auch heute gelte. Deshalb, so Mausfeld, m&uuml;sse man auch in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47582\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":47583,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,126,209,182],"tags":[374,441,1782,919,1779,1352,1254,244,2037],"class_list":["post-47582","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-eliten","tag-freiheit","tag-mausfeld-rainer","tag-nyt","tag-pr-journalismus","tag-rechtsruck","tag-tina","tag-vierte-gewalt","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/181103_T1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47582"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83043,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47582\/revisions\/83043"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/47583"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}