{"id":47656,"date":"2018-12-05T16:01:47","date_gmt":"2018-12-05T15:01:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47656"},"modified":"2019-04-11T14:28:02","modified_gmt":"2019-04-11T12:28:02","slug":"aber-der-putin-die-uebliche-leier-so-auch-am-sonntag-wieder-bei-anne-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47656","title":{"rendered":"Aber der Putin! Die \u00fcbliche Leier, so auch am Sonntag wieder bei Anne Will."},"content":{"rendered":"<p>Putin, der Leibhaftige, so muss man nach Genuss vieler Medien denken. Und auch in Gespr&auml;chen &uuml;ber die Notwendigkeit der Verst&auml;ndigung mit Russland taucht dieses &bdquo;Aber der Putin!&ldquo; wie der Schlussstrich immer wieder auf. Inzwischen hat diese Formel die gleiche Funktion wie die &bdquo;Juden&ldquo; in fr&uuml;heren Zeiten. An allem schuld. Darin steckt eine entlastende B&uuml;ndelung der Aggression. Ohne R&uuml;cksicht auf Wahrheit und Wirklichkeit. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>. 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Die &ouml;ffentliche Debatte zu diesem Thema ist, wenn man auch nur einen kleinen Anspruch auf eine aufgekl&auml;rte Debatte erhebt, eine einzige Katastrophe.<\/p><p><strong>R&uuml;ckgriff auf alte Aggressionsmuster<\/strong><\/p><p>Wenn man schon etwas &auml;lter ist und durch gl&uuml;ckliche Umst&auml;nde schon in der ersten Friedensbewegung Deutschlands mitgemacht hat, dann kennt man diese Aggression aus den f&uuml;nfziger Jahren. Damals hat der Innenminister Adenauers, ein CDU-Mann der 1. Stunde, Gustav Heinemann, sp&auml;terer Bundespr&auml;sident, Widerstand geleistet gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland. Er und seine neu gegr&uuml;ndete Partei, die Gesamtdeutsche Volkspartei, GVP, wollten die Neutralit&auml;t Deutschlands anbieten, um schon zu jener Zeit die beiden getrennten Teile Deutschlands wieder zusammenzuf&uuml;gen; sie wollten au&szlig;erdem ohne eine neue Armee, also ohne Bundeswehr, und die sogenannte Westbindung Deutschlands auskommen. Die GVP und alle, die schon damals Frieden und Freundschaft mit Russland wollten, wurden heftig befehdet. Zur Untermauerung wurden damals schon alle Register des Feindbildaufbaus gegen Russland und alle Slawen gezogen. Das ist der rassistische Sumpf, auf dem auch heute die Aggression gegen Russland und Putin aufbaut.<\/p><p>Da ich damals als Sch&uuml;ler und sp&auml;ter als Student in diesen Auseinandersetzungen und auch als Unterst&uuml;tzer Heinemanns aktiv war, kann ich mit heute vergleichen. In der Mehrheit unseres Volkes findet die Aggression gegen Russland keine so gro&szlig;e Basis wie damals, in den Medien und vermutlich auch in einem Teil des liberalen B&uuml;rgertums &ndash; Typus Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung &ndash; hat die Aggression nach meiner Einsch&auml;tzung mehr Resonanz. Man muss sich nur <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JUPaZqiBtxk\">die Sendung von Anne Will vom vergangenen Sonntag<\/a> ansehen. Selbst die Ankerperson des ZDF-Magazins, Gerhard L&ouml;wenthal, war in den sechziger Jahren insgesamt nicht so verbissen aggressiv wie Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der Berliner &ldquo;Tagesspiegel&rdquo;-Chefredaktion, am vergangenen Sonntag. Auch Anne Will selbst und die CDU-Generalsekret&auml;rin und CDU-Vorsitzenden-Kandidatin Kramp-Karrenbauer bedienten das g&auml;ngige Aggressionsmuster gegen den Russen Putin. Der Titel der Sendung personalisierte &uuml;brigens bezeichnenderweise schon den West-Ost-Konflikt: &bdquo;Anne Will: Eskalation im Ukraine-Konflikt &ndash; wie umgehen mit Pr&auml;sident Putin?&ldquo;<\/p><p><strong>Warum die propagandistische Mobilmachung gegen Putin?<\/strong><\/p><p>Er hat die Ausbeutung seines Landes durch westliche Finanzgruppen in Kombination mit russischen Superreichen, im Falle Russlands werden sie &bdquo;Oligarchen&ldquo; genannt, gestoppt.<\/p><p>Er hat die Fremdbestimmung der Politik seines Landes verringert und m&ouml;glicherweise auch gestoppt. Um zu begreifen, was sich der Westen in Zeiten des fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten Jelzin erlaubt hat, sollten Sie die Kapitel 11, 12 und 13 von Naomi Kleins &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; lesen. <\/p><p>Jelzin umgab sich mit einer Gruppe von &Ouml;konomen und Politikern, die von der Chicago Schule beeinflusst waren und in Russland radikale sogenannte Reformen durchsetzten. Mit allem, was dazu geh&ouml;rte: Privatisierung und damit Raub &ouml;ffentlichen Eigentums, Deregulierung und Sozialabbau. &Ouml;konomen aus dem Westen, vor allem aus den USA, waren direkt an den konzeptionellen Arbeiten im Umfeld von Jelzin beteiligt. Als es Widerstand gegen die Reformen gab, lie&szlig; Jelzin 1993 das Parlament erst&uuml;rmen. Naomi Klein nennt das die &bdquo;Pinochet-Option&ldquo; des damaligen russischen Pr&auml;sidenten. <\/p><p>Naomi Klein berichtet auf den Seiten 352ff, wie sich in Washington Politiker und Wissenschaftler der Chicago Schule trafen, um &uuml;ber das weitere Vorgehen in Russland zu beraten. Das war die Situation. Eine autonome Politik Russlands gab es in Zeiten des Pr&auml;sidenten Jelzin nicht mehr. Die USA griffen sogar direkt in Wahlk&auml;mpfe ein. Jelzin h&auml;tte seine Wiederwahl 1996 ohne finanzielle Unterst&uuml;tzung durch Clinton und und den Westen nicht gepackt.<\/p><p>Jetzt wurden (siehe <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Politik\/Clinton-Jelzin-Wahlen-Nato-Osterweiterung-Brisante-Dokumente\">InfoSperber<\/a> vom 28. November 2018) Russland-Dokumente aus der Clinton Library ver&ouml;ffentlicht, die die enge Verzahnung von US-Pr&auml;sident Clinton und Pr&auml;sident Jelzin, genauer gesagt: die Abh&auml;ngigkeit Jelzins belegen. <\/p><p>Am 7. Mai 1996 bittet, ja bettelt Jelzin um Geld f&uuml;r den Wahlkampf. &bdquo;&hellip;Bill. Bitte versteh mich richtig. Bill, es geht um den Wahlkampf. Ich brauche dringend einen Kredit von 2,5 Milliarden $.&ldquo; <\/p><p>Am 21. M&auml;rz 1997 wird dokumentiert, dass sich Jelzin &uuml;ber die Ausdehnung der NATO Richtung Russland beschwert (immerhin) und darum bittet, damit nicht weiter fortzufahren. Clinton verspricht ihm, eine neue NATO aufzubauen, die keine Gefahr f&uuml;r Russland darstellen w&uuml;rde, aber es den USA und Kanada erm&ouml;gliche, in Europa zu bleiben.<\/p><p>Das sind alles Belege daf&uuml;r, dass der Westen und speziell die USA ihre Finger in der Innenpolitik Russlands hatten und mit der NATO-Osterweiterung Russlands Sicherheitsinteressen ber&uuml;hrten &ndash; weit &uuml;ber das Ma&szlig; hinaus, &uuml;ber das jedes Land versucht, auch die Politik eines anderen mitzubestimmen. <\/p><p>Die Dokumente belegen &uuml;brigens auch, dass Jelzin im September 1999 den US-Pr&auml;sidenten Clinton auf den kommenden Mann Russlands, auf Putin, aufmerksam machte und dessen Wahl zum Pr&auml;sidenten im Jahre 2000 als sicher betrachtet und geschildert hat. <\/p><p>Was Jelzin dem US-Pr&auml;sidenten sicher nicht vorhergesagt hat: Der neue Pr&auml;sident Russlands, Vladimir Putin, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit f&uuml;r sich eine Konsequenz aus seiner Beobachtung und Erfahrung des Geschehens von 1990-1999 gezogen. Er hat diese Jelzin-Zeit vermutlich richtig verstanden: als eine Kette von Ausbeutung, Dem&uuml;tigung und Fremdbestimmung des russischen Volkes. Als intelligenter Mensch und Politiker hat er aus dieser Beobachtung die naheliegenden Konsequenzen gezogen:<\/p><p><strong>Bis hierher und nicht weiter &ndash; das scheint das Denken und Handeln des russischen Pr&auml;sidenten Putin zu bestimmen. Und daf&uuml;r muss man als normal denkender Mensch gro&szlig;es Verst&auml;ndnis haben.<\/strong><\/p><p>Putin hat sich gegen die weitere Ausdehnung der NATO gewendet. Er hat sich an den Bruch der entsprechenden Versprechen nicht gew&ouml;hnt. Man k&ouml;nnte es auch eher ironisch formulieren: Putin hat das SPD-Grundsatzprogramm vom 20. Dezember 1989 ernstgenommen. Damals hatte die SPD beschlossen, beide Bl&ouml;cke, also nicht nur der Warschauer Pakt, sondern auch die NATO sollte zur Disposition stehen. Auf Deutsch: aufgel&ouml;st werden. Die SPD hatte im Dezember 1989, wie dann 1990 auch zwischen West und Ost vereinbart, vorgeschlagen, einen Weg zu suchen, indem man Sicherheit durch Verabredungen schafft und deshalb auf milit&auml;rische Konfrontation und schon gar auf Abschreckung verzichten kann. &bdquo;Gemeinsame Sicherheit&ldquo; nannte man dieses Konzept. Dieses sollte Abr&uuml;stung m&ouml;glich machen, statt weiter aufzur&uuml;sten.<\/p><p>Putin ist des Lesens kundig und hat deshalb die Absichten des US-Vordenkers und fr&uuml;heren Sicherheitsberaters Zbigniew Kazimierz Brzezi&#324;ski wahrgenommen. Wer nicht bl&ouml;d ist, muss erkennen, dass hier die Vorherrschaft <strong>einer<\/strong> Macht &ndash; der USA &ndash; propagiert wird, einschlie&szlig;lich des daf&uuml;r zu diesem Zweck notwendigen Regime Change in Russland, sp&auml;ter vielleicht auch in China. <\/p><p>Putin hat die weiteren aggressiven Elemente der Politik des Westens mit Sicherheit beobachtet und in seinem Hirn und Herz gespeichert:<\/p><ul>\n<li>das Mitregieren in Moskau,<\/li>\n<li>die Ausbeutung von Ressourcen und Unternehmen Russlands durch westliche Unternehmen,<\/li>\n<li>wie beschrieben die NATO-Osterweiterung,<\/li>\n<li>die Vereinnahmung der Ukraine einschlie&szlig;lich der Krim und des russischen Milit&auml;rhafens Sewastopol durch den Westen, durch EU und NATO, mit der Folge, dass die NATO in der S&uuml;dflanke Russlands gesessen h&auml;tte,<\/li>\n<li>die innere Beeinflussung der ukrainischen Bev&ouml;lkerung &uuml;ber NGOs und andere Methoden mithilfe von 5 Milliarden &ndash; Milliarden, nicht Millionen &ndash; Dollar f&uuml;r Umerziehung und Regime Change,<\/li>\n<li>die Einflussarbeit der NATO,<\/li>\n<li>die steuernde Mitwirkung des Westens beim Maidan und <\/li>\n<li>die F&ouml;rderung des Putsches von 2014<\/li>\n<\/ul><p>Der Westen und seine beflissen sich unterwerfenden Medien haben &uuml;bersehen, dass mit der &Auml;ra Putin das erw&auml;hnte Stoppschild aufgestellt wurde: Bis hierher und nicht weiter.<\/p><p>Solche Erkenntnisse eines politischen Gegners m&ouml;gen die westlichen Macher und Scharfmacher nicht, obwohl solche Reaktionen eigentlich in ihrer eigenen Welt als selbstverst&auml;ndlich gelten. Aber man hat es eben von den Russen nicht erwartet. Deshalb die Konzentration der Aggressivit&auml;t auf diesen Pr&auml;sidenten, deshalb &bdquo;Aber der Putin!&ldquo;.<\/p><p><strong>Die ausgestreckte Hand<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst h&auml;tte alles ja noch irgendwie gutgehen k&ouml;nnen. Obwohl Putin die Vorg&auml;nge in den neunziger Jahren wahrlich nicht verborgen geblieben sind, hat er in der Anfangsphase seiner Pr&auml;sidentschaft, die im Jahre 2000 begann, die Hand immer wieder ausgestreckt. Das war f&uuml;r uns Deutsche insbesondere sp&uuml;rbar bei seiner Rede im Deutschen Bundestag im September 2001. Dort <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/geschichte\/gastredner\/putin\/putin_wort\/244966\">hat Putin zum Beispiel gesagt<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was die europ&auml;ische Integration betrifft, so unterst&uuml;tzen wir nicht einfach nur diese Prozesse, sondern sehen sie mit Hoffnung. Wir tun das als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und aus der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat. Aber hier &ndash; so vermute ich &ndash; w&auml;re es angebracht, hinzuzuf&uuml;gen: Auch Europa hat keinen Gewinn aus dieser Spaltung gezogen. Ich bin der festen Meinung: In der heutigen sich schnell &auml;ndernden Welt, in der wahrhaft dramatische Wandlungen in Bezug auf die Demographie und ein ungew&ouml;hnlich gro&szlig;es Wirtschaftswachstum in einigen Weltregionen zu beobachten sind, ist auch Europa unmittelbar an der Weiterentwicklung des Verh&auml;ltnisses zu Russland interessiert.<\/p>\n<p>(Beifall)<\/p>\n<p>Niemand bezweifelt den gro&szlig;en Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als m&auml;chtiger und selbstst&auml;ndiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen M&ouml;glichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.<\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man sich damit zufrieden geben kann und hier Halt machen darf. Es bleibt noch genug Spielraum f&uuml;r die deutsch-russische Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>(Beifall)<\/p>\n<p>Ich bin &uuml;berzeugt: Wir schlagen heute eine neue Seite in der Geschichte unserer bilateralen Beziehungen auf und wir leisten damit unseren gemeinsamen Beitrag zum Aufbau des europ&auml;ischen Hauses.<\/p>\n<p>(Beifall)<\/p>\n<p>Zum Schluss will ich die Aussagen, mit denen Deutschland und seine Hauptstadt vor einiger Zeit charakterisiert wurden, auf Russland beziehen: Wir sind nat&uuml;rlich am Anfang des Aufbaus einer demokratischen Gesellschaft und einer Marktwirtschaft. Auf diesem Wege haben wir viele H&uuml;rden und Hindernisse zu &uuml;berwinden. Aber abgesehen von den objektiven Problemen und trotz mancher &ndash; ganz aufrichtig und ehrlich gesagt &ndash; Ungeschicktheit schl&auml;gt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches f&uuml;r eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft ge&ouml;ffnet ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das waren Zitate aus der Rede des russischen Pr&auml;sidenten vom 25.9.2001 im Deutschen Bundestag, zum Teil auf Deutsch gehalten. Im Schulunterricht fr&uuml;herer Zeiten w&auml;ren unsere ignoranten Medien und alle jene mit dem Sto&szlig;seufzer &bdquo;Aber der Putin!&ldquo; verpflichten worden, diese Rede handschriftlich zehnmal abzuschreiben.<\/p><p>Putin hat in dieser Rede das gute Verh&auml;ltnis Deutschlands zu den USA anerkannt. Er hat anerkannt, dass wir mit den anderen V&ouml;lkern Europas weiter gut zusammenarbeiten wollen. Er hat aber auch daran erinnert, welche gro&szlig;e Verbundenheit zwischen Deutschen und Russen in der Vergangenheit herrschte und dass unsere Zusammenarbeit ein besonderes Potenzial enth&auml;lt. Nicht als Sonderweg, sondern als M&ouml;glichkeit. <\/p><p>Diese M&ouml;glichkeit wird in reaktion&auml;ren Kreisen der USA als kritisches Moment betrachtet. Bestes Beispiel daf&uuml;r ist George Friedman von Stratfor &ndash; eine Person mit offensichtlich gro&szlig;em Einfluss in den USA. Siehe dazu auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25398\">ein Beitrag auf den NachDenkSeiten<\/a>. <\/p><p><strong>Die ausgestreckte Hand wurde zur&uuml;ckgewiesen<\/strong><\/p><p>Dass die deutsche Bundesregierung und damit die entscheidenden Kr&auml;fte in der aktuellen Politik, &uuml;brigens trotz pers&ouml;nlicher N&auml;he von Bundeskanzler Schr&ouml;der zu Pr&auml;sident Putin, mit dem Angebot nicht viel anfangen konnten, war schon auf der Regierungsbank zu sehen, als Putin sein Angebot im Deutschen Bundestag machte: bei Au&szlig;enminister Joschka Fischer, bei Innenminister Schily, bei der Justizministerin D&auml;ubler-Gmelin und bei Bundeskanzler Schr&ouml;der betretenes Schweigen in den Gesichtern. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31326\">Hier<\/a> finden Sie das Foto. Manchmal zeigen Bilder mehr als gro&szlig;e Worte. Jedenfalls ging weder unser Land noch gingen andere L&auml;nder auf diese Angebote zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Lissabon bis Wladiwostok ein und auf die speziellen Freundschaftsbezeigungen gegen&uuml;ber Deutschland sowieso nicht. Und dann wundern wir uns heute, dass dieser so bem&uuml;hte Pr&auml;sident heute resigniert und seinem Land r&auml;t, sich auf die eigene Kraft zu verlassen und keine Zugest&auml;ndnisse mehr zu machen. <\/p><p>Das deutete sich 2007 bei der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz schon an. Da hielt Putin eine nicht mehr so &uuml;berschw&auml;nglich freundschaftliche Rede. <a href=\"http:\/\/www.ag-friedensforschung.de\/themen\/Sicherheitskonferenz\/2007-putin-dt.html\">Siehe hier<\/a>.<\/p><p><strong>T&ouml;dlicher Wandel durch Konfrontation &ndash; was uns vermutlich ins Haus steht.<\/strong><\/p><p>Die Ost- und Friedenspolitik Willy Brandts, die uns ganz wesentlich das Ende der Blockkonfrontation in Europa gebracht hat, wurde eingeleitet und begr&uuml;ndet von strategischen &Uuml;berlegungen zum Umgang zwischen West und Ost: &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; &ndash; das war die Formel und die Arbeitsanleitung, die sich ein Kreis um Willy Brandt beginnend schon in den f&uuml;nfziger Jahren in Berlin ausgedacht hatte. Willy Brandt und Egon Bahr haben dann auf einer Tagung in Tutzing in Oberbayern &uuml;ber dieses Konzept referiert und diskutiert. Das war 1963. Es dauerte dann weitere drei Jahre bis zur Absicherung dieser Politik im westlichen B&uuml;ndnis und dann weitere drei Jahre bis zum Beginn der Umsetzung nach der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler im Oktober 1969. Dann ging es Schlag auf Schlag und die Atmosph&auml;re zwischen Ost und West, auch zwischen Russland und Deutschland, ver&auml;nderte sich sp&uuml;rbar zum Positiven. <\/p><p>Ich hatte in dieser Zeit meine eigenen erfreulichen Erlebnisse: In unserer Volleyball-Mannschaft spielte ein russischer Journalist aus der Nachbarschaft regelm&auml;&szlig;ig mit. Er und andere waren auch ganz selbstverst&auml;ndlich mit Willy Brandt im Wahlkampf-Sonderzug unterwegs. Heute werden russische Journalisten als Vertreter von Feindesland betrachtet. Der helle Wahnsinn! Als f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, f&uuml;r Umfragen und f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe verantwortlicher Mitarbeiter des SPD-Parteivorstandes informierte ich auf dessen Anfrage regelm&auml;&szlig;ig den bei der russischen Botschaft f&uuml;r Umfragen und die Stimmung in Deutschland zust&auml;ndigen Legationsrat &uuml;ber die Stimmungslage in unserem Land. Er wollte die neuesten Informationen und ich hatte volles Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass er seiner Regierung melden musste, wie es hierzulande aussieht, ob die Ostpolitik 1970, 1971 und 1972 eine Mehrheit hat und Willy Brandt als Bundeskanzler bei der entscheidenden Bundestagswahl im Jahre 1972 best&auml;tigt werden wird.<\/p><p>Wir alle haben uns darauf eingestellt, dass nach so vielen Kriegsopfern, 27 Millionen Kriegstoten in Russland und Millionen Toten in Deutschland und anderen L&auml;ndern, die Konflikte endlich begraben sind. Wir setzten auf Verst&auml;ndigung und gemeinsame Sicherheit. <\/p><p><strong>Die R&uuml;ckkehr von R&uuml;stung und Abschreckung als Mittel der Politik<\/strong><\/p><p>Wir konnten es uns 1972 und auch 1990 nicht vorstellen, dass wir nach dem Ende von Bedrohung und Abschreckung als Mittel der Politik zu diesem Wahnsinn irgendwann mal wieder zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Aber da sind wir heute wieder angelangt.<\/p><p>Und diese Ver&auml;nderung ist ausgesprochen gef&auml;hrlich: Ich beginne mit der Feststellung, dass wir mit Putin ausgesprochen gut bedient sind. Er ist im Grunde seines Herzens jemand, der den Ausgleich mit dem Westen will, der Zusammenarbeit statt Aufr&uuml;stung will. <\/p><p>Aber ob er sein eigener Herr bleiben kann, das ist ausgesprochen unsicher. Denken wir doch einfach mal &uuml;ber die erfolgreiche Formel der Ostpolitik nach: Wandel durch Ann&auml;herung! Beim Nachdenken dar&uuml;ber m&uuml;ssten wir, wenn wir ehrlich mit uns selbst umgehen, darauf kommen, dass aus der neuen Konfrontation ein anderer Wandel folgen k&ouml;nnte. Ich habe f&uuml;r das Buch &bdquo;Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen&ldquo; einen kleinen Artikel geschrieben. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46344\">Siehe hier<\/a>. Er hat die &Uuml;berschrift: <\/p><blockquote><p>\nT&ouml;dlicher Wandel durch Konfrontation &ndash; was uns vermutlich ins Haus steht\n<\/p><\/blockquote><p>Mit diesem Text habe ich nicht &uuml;bertrieben, sondern eine Logik nachvollzogen. Wenn wir statt Freundschaft Gegnerschaft suchen, wenn wir die ausgestreckte Hand missachten und zur&uuml;ckschlagen, dann ist doch nicht auszuschlie&szlig;en, dann ist logisch, dass sich in Russland andere Kr&auml;fte durchsetzen. Das liegt sogar sehr nahe. Und wenn es nur solche Kr&auml;fte sind, die weniger aufgeschlossen sind als Putin. Er ist ja kein Alleinherrscher, er muss sich auch danach richten, was in seinem Land, in Russlands Medien, in der Administration, in Russlands Milit&auml;r gedacht und diskutiert wird.<\/p><p>Wer das bedenkt, kann nicht optimistisch in die Zukunft blicken, wenn der Westen mit seiner Politik, der neuen Konfrontation, weitermacht. Das Problem wird noch dadurch verst&auml;rkt, dass die Formel &bdquo;Aber der Putin&ldquo; ein gemeines Element enth&auml;lt. Wir, der Westen, schieben der Person des russischen Pr&auml;sidenten die Vorreiterrolle f&uuml;r eine Entwicklung zu, f&uuml;r die er vermutlich am allerwenigsten kann. Haben Sie sich schon einmal &uuml;berlegt, wie eine solche Schuldzuweisung bei Ihnen wirken w&uuml;rde?<\/p><p><strong>&Uuml;brigens: die westliche Agitation gegen Russland und seinen Pr&auml;sidenten und die Zur&uuml;ckweisung der ausgestreckten Hand wirkt schon<\/strong><\/p><p>Die erstaunlich gro&szlig;e Zuneigung vieler Russen gegen&uuml;ber den Deutschen und das gro&szlig;e Vertrauen &ndash; trotz Weltkrieg II und trotz der vielen Kriegstoten &ndash; br&ouml;ckelt. Das ist meine Beobachtung aus einigen Kontakten mit Russen. Frau Krone-Schmalz,  wirklich eine Kennerin Russlands &ndash; hat diese Beobachtung gestern bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion best&auml;tigt.<\/p><p>Wir treten damit in einen sich gegenseitig hochschaukelnden  Feindbildaufbau ein. Die Kriegsgefahr ist dann nicht nur eine dramatisierende Parole, sondern echt.<\/p><p>Das ist &uuml;brigens zu einem beachtlichen Teil dann das Werk von Mitarbeitern &ouml;ffentlich-rechtlicher Sender, die wir mit unseren Geb&uuml;hren bezahlen. Das sollten Sie auch beachten, wenn Sie die aggressiven T&ouml;ne im Deutschlandfunk oder der Tagesschau, im Heutejournal oder bei Anne Will h&ouml;ren.<\/p><p><strong>Es ist h&ouml;chste Zeit, auf westlicher Seite, jedenfalls auf deutscher Seite, umzusteuern<\/strong><\/p><p>Ob wir noch eine Chance haben, die falsche Entwicklung einzufangen, ob wir noch eine Chance haben, zur Konzeption Gemeinsame Sicherheit zur&uuml;ckzukehren, ist schwer abzusch&auml;tzen. Sicher ist nur, dass dies dringend n&ouml;tig w&auml;re. Wenn es geht, wenn es irgend geht, dann sollten wir den Wiederaufbau der Konfrontation auf unserer und auf russischer Seite stoppen. D. h., wir sollten bewusst auf Freundschaftsaufbau setzen, wir sollten Freundschaft mit Russland schlie&szlig;en, die Sanktionen abbauen, viele Begegnungen m&ouml;glich machen, komplizierte Visumsbestimmungen schleifen und wir sollten dazu alle anderen in Europa mit animieren: die Franzosen, die Engl&auml;nder, die Schotten, die Italiener und wenn es irgend geht auch die Polen, die s&uuml;dosteurop&auml;ischen und die baltischen V&ouml;lker usw.<\/p><p>Wenn die Bundesregierung Sicherheitspolitik im wahren Sinne des Wortes ernstn&auml;hme, dann m&uuml;sste sie der Konfrontation entgegenwirken und ihre gesamte Politik in Freundschaftsaufbau umpolen. Das w&auml;re ja auch von gro&szlig;em Vorteil: wir k&ouml;nnten abr&uuml;sten statt aufzur&uuml;sten. Wir k&ouml;nnten die Zusammenarbeit mit Russland auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet so wie versprochen und verabredet ausbauen, zum beiderseitigen Vorteil.<\/p><p>Warum sollten wir heute, warum sollten unsere politischen F&uuml;hrungspersonen heute nicht so klug sein wie Willy Brandt, Helmut Schmidt, Egon Bahr, Helmut Kohl, Gorbatschow und Wladimir Putin!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Putin, der Leibhaftige, so muss man nach Genuss vieler Medien denken. Und auch in Gespr&auml;chen &uuml;ber die Notwendigkeit der Verst&auml;ndigung mit Russland taucht dieses &bdquo;Aber der Putin!&ldquo; wie der Schlussstrich immer wieder auf. Inzwischen hat diese Formel die gleiche Funktion wie die &bdquo;Juden&ldquo; in fr&uuml;heren Zeiten. An allem schuld. 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