{"id":47684,"date":"2018-12-06T17:00:51","date_gmt":"2018-12-06T16:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47684"},"modified":"2019-01-02T07:50:34","modified_gmt":"2019-01-02T06:50:34","slug":"der-geheimdienst-und-der-gekonnte-kontrollverlust-seit-62-jahren-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47684","title":{"rendered":"Der Geheimdienst und der gekonnte \u201eKontrollverlust\u201c seit 62 Jahren (2\/2)"},"content":{"rendered":"<p>Sind die &bdquo;Fehler&ldquo; der Geheimdienste Ergebnis individuellen Versagens oder Ergebnis bewusster Entscheidungen, die nicht hinter dem R&uuml;cken, sondern in Einverst&auml;ndnis mit den politisch Verantwortlichen getroffen wurden? Vor etwa einem Monat hat <strong>Wolf Wetzel<\/strong> f&uuml;r NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46927\">einen kritischen Blick auf den Verfassungsschutz geworfen<\/a>. Nun nimmt sich Wetzel in einer zweiteiligen Reihe den  deutschen Auslandsgeheimdienst namens Bundesnachrichtendienst vor.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Hier finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47631\">den ersten Teil<\/a>.<\/em><\/p><p>Was fr&uuml;her nicht explizit verboten war, ist jetzt ausdr&uuml;cklich erlaubt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;An diesem Freitag hat der Bundestag nun die gr&ouml;&szlig;te BND-Reform aller Zeiten verabschiedet. Das Gesetz verpasst dem Dienst neue Regeln. Regeln, die f&uuml;r Transparenz und Klarheit sorgen, schw&auml;rmt die Gro&szlig;e Koalition. Kritiker schimpfen: Das Gegenteil ist der Fall, fr&uuml;here Rechtsbr&uuml;che werden f&uuml;r die Zukunft legitimiert.&ldquo;<br>\n(spiegel.de vom 21.Oktober 2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Sicher ist nun jedenfalls eines: &Uuml;ber 6.000 BND-Mitarbeiter sind gerettet und wurden psychisch stabiler gemacht. Denn &uuml;ber 50 Jahre lang mussten Geheimdienstmitarbeiter in fast unertr&auml;glicher Ungewissheit leben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die fr&uuml;here Rechtsgrundlage, die fast nichts verboten habe, habe die BND-Mitarbeiter verunsichert, sagte der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Clemens Binninger (CDU).&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mehr Kafka ist in einem Satz nicht unterzubringen. Mir kommen die Tr&auml;nen. Jahrzehntelang mussten BND-Mitarbeiter v&ouml;llig verunsichert abh&ouml;ren, &uuml;berwachen, zusammenarbeiten und auswerten! Endlich k&ouml;nnen sie in Ruhe das tun, was noch vor einiger Zeit bestritten wurde: Der BND ist Teil eines globalen &Uuml;berwachungssystems, das sich &uuml;ber alle Rechtsnormen und Rechtszusagen hinwegsetzt. <\/p><p>Mehr &bdquo;Rechtstaat&ldquo; geht wirklich nicht. Wer den Abgrund ausmessen will, der sei an den einen knappen Satz der Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Jahr 2013 erinnert, als die Ver&ouml;ffentlichung geheimer Unterlagen durch Edward Snowden f&uuml;r Fassungslosigkeit sorgten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Deutschland ist kein &Uuml;berwachungsstaat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auch die SZ zeigte sich emp&ouml;rt, lie&szlig; nicht locker und legte mit der Ausgabe vom 8. Dezember 2017 nach: <\/p><blockquote><p>\nBND behindert Kontrollgremium bei der Arbeit<br>\nDie Kontrolle des Bundesnachrichtendienstes (BND) gestaltet sich trotz aller Reformen weiter sehr schwierig. Ein erst im Fr&uuml;hjahr installiertes neues &sbquo;Unabh&auml;ngiges Gremium&lsquo;, das aus zwei Bundesrichtern und einem Bundesanwalt besteht, kommt in seinem ersten geheimen Bericht zu einem f&uuml;r Bef&uuml;rworter von Kontrollen des Bundesnachrichtendienstes deprimierenden Ergebnis. (&hellip;) Die Datenschutzbeauftragte des Bundes, Andrea Vo&szlig;hoff, erhob bereits im September 2016 massive Vorw&uuml;rfe gegen den Auslandsnachrichtendienst. Sie sprach von &sbquo;systematischen Gesetzesverst&ouml;&szlig;en&lsquo;. Der BND habe ihre &sbquo;Kontrolle rechtswidrig mehrmals beschr&auml;nkt. Eine umfassende, effiziente Kontrolle&lsquo; sei ihr nicht m&ouml;glich gewesen, kritisierte damals die Datenschutzbeauftragte. Es scheint so zu sein, wie es immer war. (&hellip;)<br>\nIm Grunde macht das neue Gremium die Erfahrungen, die schon die fr&uuml;heren Kontrolleure gemacht haben. Was wirklich wichtig sein kann, ist von irgendjemand geschw&auml;rzt worden. Vier Jahre ist es her, dass der Whistleblower Edward Snowden die Massenaussp&auml;hung der amerikanischen National Security Agency (NSA) enth&uuml;llt hat. Dann kam heraus, dass BND und NSA eng zusammengearbeitet hatten und schlie&szlig;lich stand fest, dass auch der BND Ausl&auml;nder wie Freiwild behandelte und sie kr&auml;ftig ausspionierte. Sch&auml;rfere, strengere Kontrollen wurden gefordert. Ein neues BND-Gesetz wurde verabschiedet. So wurde auch das neue Unabh&auml;ngige Gremium geschaffen. Aber es scheint so zu sein, wie es immer war.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Zugespielt und Mitgespielt<\/strong><\/p><p>Wenn man diese harsche Kritik noch im Ohr hat, wundert folgender Vorgang doch sehr. Ein Kurier brachte der SZ so richtig Post:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Vergangenheit kommt in zwei Pappkartons. Schmale Ordner, ein paar Schnellhefter, Stapel eng mit Maschine beschriebenes Papier (&hellip;). 46 Blechdosen, in Leinens&auml;ckchen oder gelben Kodak-Schachteln, in jeder Filmdose eine Spule mit meterlangem Zelluloidstreifen (&hellip;). Mehr als 100.000 Dokumente, sauber abfotografiert, systematisch auf Zelluloid archiviert, oft &sbquo;geheim&lsquo; oder &sbquo;streng geheim&lsquo; gestempelt.&ldquo;<br>\n(SZ vom 2.\/3. Dezember 2017)\n<\/p><\/blockquote><p>Es handelt sich dabei um das Geheimarchiv des verstorbenen Chefs des Auslandsgeheimdienstes, Reinhard Gehlen. Trippelstark spricht die SZ davon, dass man all das &bdquo;aus vertraulicher Quelle zugespielt&ldquo; bekommen habe. Wer ein bisschen weniger verspielt ist, fragt sich: Warum bekommt die SZ das Archiv eines Ex-Nazis? Was versteht die SZ unter einer &bdquo;vertraulichen Quelle&ldquo;? Und woher wei&szlig; die SZ, dass es das ganze Privatarchiv ist? Inhaltlich findet sich bemerkenswert wenig Neues, wenn man andere Quellen danebenlegt, wie zum Beispiel das Privatarchiv von Konrad Adenauer, des ersten Bundeskanzlers Deutschlands und Pate dieses &bdquo;Schattenreiches&ldquo;.<\/p><p>Ganze drei Seiten widmet die SZ vom 2.\/3. Dezember 2017 der &bdquo;Auswertung&ldquo;: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;J&auml;ger, Sammler, Vogelfreund. Blick ins Schattenreich des ber&uuml;chtigten BND-Chefs Reinhard Gehlen: In seinem bisher unbekannten Privatarchiv, das der SZ vorliegt, finden sich Belege f&uuml;r die Bespitzelung von Willy Brandt. Der Agent hielt auch Kontakte zu Alt-Nazis.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Man st&ouml;&szlig;t auf zahlreiche Nazis, die das Dritte Reich ungebrochen &uuml;berlebt haben und nun neben und mit Ex-Generalmajor Gehlen Karriere und einen auf Demokratie machen: Hans Globke, Adenauers &bdquo;rechte Hand&ldquo; (Staatssekret&auml;r), Alois Brunner und viele andere mehr.<br>\nMan erf&auml;hrt, was auch nicht besonders neu ist, dass auch der BND alle bespitzelte, die man f&uuml;r Linke hielt, was damals noch die SPD einschloss. So wurde auch der Politologe Wolfgang Abendroth beschattet, als er sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands aussprach, was dem BDN ein eigenes Dossier wert war. Und last but not least verf&uuml;gte der BND &uuml;ber einen Spitzel &bdquo;ganz oben an der Spitze der SPD&ldquo;, den SPD-Informationsdirektor Fried Wesemann.<br>\nDas Ganze endet mit den Worten Gehlens, der bis zum letzten Atemzug ein Antikommunist und Nazi blieb: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Hitlers Entschluss, in die Sowjetunion einzufallen, war milit&auml;risch und politisch richtig, nur die Art, wie er den Feldzug f&uuml;hrte, war falsch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Man bekommt eine weitere Ahnung, wie viel deutscher Faschismus und deutsche Nachkriegsgeschichte gemein haben, was mit den &bdquo;Lehren aus dem deutschen Faschismus&ldquo; gemeint ist. Eine &bdquo;Enth&uuml;llungsstory&ldquo; als Akt der Neuverh&uuml;llung.<br>\nDas hier ausgebreitete, also tr&ouml;pfchenweise verabreichte Material aus dem Privatarchiv zeigt Eines und etwas Anderes gar nicht.<\/p><p>Es soll zeigen, dass der BND ein eigenes &bdquo;Schattenreich&ldquo; aufgebaut hat, was nichts Anderes umschreibt als eine Form des &bdquo;tiefen Staates&ldquo;. Es zeigt auch, dass all dies bis heute nicht angegriffen, geschweige denn zerschlagen wurde. Man sollte sich zumindest fragen: Warum lassen die Parlamentarier, die Regierungs- und regierungswilligen Parteien dies zu? Warum st&auml;rken sie dieses &bdquo;Schattenreich&ldquo; noch? Zeigt nicht die geschichtliche Erfahrung, dass sich das gegebenenfalls auch gegen &bdquo;unliebsame&ldquo; Parlamentarier richten k&ouml;nnte?<br>\nUnd damit kommen wir zum Ausgangspunkt dieser &bdquo;Fundsache&ldquo; zur&uuml;ck: Warum bekommt also ausgerechnet die SZ das Privatarchiv zur freien Verf&uuml;gung? Wer die ganze Geschichte des BND kennt, wozu auch die SZ z&auml;hlt, fragt sich: Fanden sich im Privatarchiv keine Dokumente zu der Mitte der 50er Jahre aufgebauten &bdquo;stay-behind&ldquo;-Terrorgruppen? Warum ist es absolut unwahrscheinlich, dass das Lieblingskind des Herrn Gehlen nicht in seinem Privatarchiv einen w&uuml;rdigen Platz gefunden hat?<\/p><p>Aber selbst wenn Herr Gehlen &uuml;ber diese &bdquo;Lieblingswaffe&ldquo; gegen die ewig angreifenden Russen nichts aufbewahrt hat, warum erw&auml;hnt die SZ nicht &ndash; gerade in diesem Kontext &ndash; dass Gehlen ein Gr&uuml;ndungsvater, ein Pate dieses staatlichen Terrornetzes war? Warum verliert die Enth&uuml;llungsstory &uuml;ber &bdquo;Gehlens Geheimarchiv&ldquo; dar&uuml;ber kein einziges Wort?<\/p><p><strong>Die M&auml;r vom au&szlig;er Kontrolle geratenen Geheimdienst<\/strong><\/p><p>Wenn es nach der SZ geht, so mag keine im Bundestag vertretene Partei den BND &ndash; bis auf die CSU. Hans Leyendecker wei&szlig; in der Ausgabe vom 1. Juni 2017 f&uuml;r seine LeserInnen zu berichten: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit Verachtung, Spott und Misstrauen reagierte viele Jahre die Politik au&szlig;erhalb Bayerns auf Aktivit&auml;ten des Bundesnachrichtendienstes (BND). CDU-Kanzler Ludwig Erhard verwies den Verbindungsstab der Geheimen aus der Dachstube des Kanzleramts, weil er &sbquo;mit solchen Leuten&lsquo; nichts zu tun haben wollte. Der SPD-Kanzler Helmut Schmidt h&ouml;hnte &uuml;ber den &sbquo;Dilettantenverein&lsquo;.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Weiter berichtet Herr Leyendecker, dass man einige &bdquo;Wichtigtuereien&ldquo; in den 90er Jahren gekappt habe und dass der BND in dieser Zeit &bdquo;die letzten Getreuen&ldquo; verloren habe &ndash; die CSU.<br>\nWenn all das stimmen w&uuml;rde, warum ist dann der BND nach wie vor &bdquo;unkontrollierbar&ldquo;? Sind die parlamentarischen Kontrolleure entf&uuml;hrt worden? Ist das Parlament aufgel&ouml;st worden? Spa&szlig; beiseite.<\/p><p>Wenn das Parlament wollen w&uuml;rde, h&auml;tte es die Macht, im Handumdrehen: Es m&uuml;sste nur ein Gesetz verabschieden, das den BND dazu verpflichtet, das zu tun, was sie bis heute torpedieren.<br>\nDie Rede vom hilflosen, zahnlosen Parlament, von hintergangenen Parlamentariern ist mehr als windelweich. Es handelt sich um eine allseits gepflegte falsche F&auml;hrte.<\/p><p>Wer 60 Jahre vom Geheimdienst &bdquo;hintergangen&ldquo; wird, ist nicht hilflos, sondern Pate, Partner und Komplize. Es gibt f&uuml;r diese Annahme keinen besseren Zeugen &ndash; als Klaus-Dieter Fritsche. Ein Mann, der Ahnung hat und dessen &bdquo;Laufbahn&ldquo; f&uuml;r sich spricht: Von 1996 bis 2005 war er Vize-Chef des Geheimdienstes im Inneren, genannt Verfassungsschutz. <\/p><p>Um zu kl&auml;ren, wie versehentlich wichtige Akten von V-Leuten im Nahbereich des NSU vernichtet werden konnten, wurde Klaus-Dieter Fritsche am 18. Oktober 2012 als Zeuge vor dem NSU-Ausschuss in Berlin befragt. Im Gegensatz zu vielen anderen Bediensteten dieser Beh&ouml;rde gab er sich mit Bedauern und Erinnerungsl&uuml;cken nicht ab. Er machte klar und deutlich, worum es hier geht, warum seine Beh&ouml;rde so gehandelt hat, warum alles richtig war und ist:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es d&uuml;rfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren. Es darf auch nicht so weit kommen, dass jeder Verfassungsfeind und Straft&auml;ter am Ende genau wei&szlig;, wie Sicherheitsbeh&ouml;rden operativ arbeiten und welche V-Leute und verdeckten Ermittler im Auftrag des Staates eingesetzt sind. Es gilt der Grundsatz &sbquo;Kenntnis nur wenn n&ouml;tig&lsquo;. Das gilt sogar innerhalb der Exekutive. Wenn die Bundesregierung oder eine Landesregierung daher in den von mir genannten Fallkonstellationen entscheidet, dass eine Unterlage nicht oder nur geschw&auml;rzt diesem Ausschuss vorgelegt werden kann, dann ist das kein Mangel an Kooperation, sondern entspricht den Vorgaben unserer Verfassung. Das muss in unser aller Interesse sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als er den Parlamentariern die &bdquo;rote Linie&ldquo; zog, war er bereits im Bundeskanzleramt angekommen und arbeitete dort als Geheimdienstkoordinator. Nicht viel sp&auml;ter wurde er Staatssekret&auml;r im Bundeskanzleramt und Beauftragter f&uuml;r die Nachrichtendienste des Bundes, also oberster operativer Chef. Eine Traumkarriere.<\/p><p>In dieser Funktion war er wieder zur Stelle, als die mangelnde Kontrolle des BND beklagt wurde: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&hellip; er soll die Kontrolleure des Parlamentarischen Kontrollgremiums zu absoluter Vertraulichkeit im Zusammenhang mit dem Bericht des Unabh&auml;ngigen Gremiums ermahnt haben. Sollte der Bericht an die &Ouml;ffentlichkeit dringen, k&ouml;nne dies auch strafrechtliche Konsequenzen haben, soll Fritsche gewarnt haben.&ldquo; (SZ vom 8. Dezember 2017)\n<\/p><\/blockquote><p>Der immer wieder behauptete Vertrauensverlust zwischen Geheimdienst und politischer F&uuml;hrung existiert im Kern nicht. Sonst w&auml;re Klaus-Dieter Fritsche nicht da, wo er heute ist!<br>\nTats&auml;chlich schwei&szlig;en die von Fritsche angesprochenen &bdquo;Staatsgeheimnisse&ldquo; alle zusammen: Die regierungswilligen und &ndash;bereiten Parteien, die Medien, die sich um sie scharen. Das betrifft ganz besonders die &bdquo;Staatsgeheimnisse&ldquo; im Zust&auml;ndigkeitsbereich des BND wie die beim Verfassungsschutz.<\/p><p>Denn wer m&ouml;chte ernsthaft als regierungswillige beziehungsweise &ndash;bereite Partei das Fass &bdquo;stay behind&ldquo; aufmachen und sich damit m&ouml;glicherweise selbst belasten? Wer will die &bdquo;Staatsgeheimnisse&ldquo; im Kontext der NSU-Terror- und Mordserie l&uuml;ften, die dann nicht nur den Verfassungsschutz belasten w&uuml;rden, sondern auch all jene, die diesen politisch und dienstrechtlich f&uuml;hren?<\/p><p>Wenn also die SZ &uuml;ber das, wof&uuml;r &bdquo;Gehlen&ldquo; steht, nur die halbe Wahrheit schreibt, die andere wissentlich unterschl&auml;gt, dann verscherzt sie es sich nicht mit den Geheimdiensten, sondern bedient bestimmte Str&ouml;mungen und Handlungsoptionen.<\/p><p>Und genau dort darf man auch die &bdquo;vertrauliche Quelle&ldquo; vermuten, die die SZ so reichlich beschenkt hat.<\/p><p><strong>&bdquo;Verrechtstaatlichung&ldquo; &ndash; nach 62 Jahren?!<\/strong><\/p><p>Nach 62 Jahren BND (in Eigenregie) und f&uuml;nf Jahre nach den Enth&uuml;llungen von Snowden wurde im Auslandsgeheimdienst &bdquo;aufger&auml;umt&ldquo;. Das l&auml;sst uns der Artikel: &bdquo;Vier Augen beim Lauschen&ldquo; der SZ vom 6. Juni 2018 wissen. Was war 62 Jahre davor passiert? <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jeder suchte sich &Uuml;berwachungsobjekte f&uuml;r seinen Interessenbereich selbst, eine schriftliche Begr&uuml;ndung war nicht n&ouml;tig. Die Folge: v&ouml;lliges Durcheinander. Bei vielen Menschen, die der BND belauschte, waren die Gr&uuml;nde irgendwann vergessen. Abgeh&ouml;rt wurden auch viele europ&auml;ische Politiker, UN-Funktion&auml;re und unabh&auml;ngige Gerichte, ohne dass angeblich selbst die Vorgesetzten im BND noch einen &Uuml;berblick hatten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was will uns diese Erz&auml;hlung vormachen? Der BND war bis zum Jahr 2018 ein Haufen spielender, streunender und unbeaufsichtigter Kinder. Jedes machte, wozu es gerade Lust hatte. Die Chefs spannten nichts oder mit und lie&szlig;en einfach alle so machen.<\/p><p>Die einen h&ouml;rten ihre Ex-Freundin ab, die anderen Politiker, die sie nicht mochten, andere ihren Nachbarn, der sie nervte. Wieder andere h&ouml;rten Europa-Abgeordnete ab, weil, ja, weil sie einfach mal Bock darauf hatten &hellip; Und die Chefs wussten davon nichts und machten es genauso.<br>\nJetzt wird aber alles ganz anders. Schon allein das Wort &bdquo;Qualit&auml;tssicherung&ldquo; fl&ouml;&szlig;t in diesem Kontext ungeheuren Respekt ein. Denn nun, man kann es ohne Schenkelklopfen kaum niederschreiben, m&uuml;ssen zwei dieser herumtollenden &bdquo;Kinder&ldquo; sich gegenseitig einbremsen. Das nennt man jetzt das &bdquo;Vier-Augen-Prinzip&ldquo; und das sei der neuste Schrei. Wie das funktioniert, das erkl&auml;rt uns die SZ so: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das hei&szlig;t: Jeder BND-Mitarbeiter muss einen Antrag schreiben, bevor er jemanden &uuml;berwachen l&auml;sst. Das ist neu. Ein weiterer Mitarbeiter pr&uuml;ft dann, ob die Zielperson tats&auml;chlich interessant genug ist, um den politischen Schaden zu rechtfertigen, falls ihre &Uuml;berwachung bekannt wird.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dabei verr&auml;t uns der Journalist noch ganz unfreiwillig ein offensichtlich geteiltes Rechtsverst&auml;ndnis: Es geht nicht darum, etwas nicht zu tun, was deutschen und internationalen Rechtsnormen widerspricht. Es geht vor allem darum, dass man das, was man jetzt zu zweit macht, mit dem &bdquo;politischen Schaden&ldquo; abzuw&auml;gen hat, falls es herauskommt.<br>\nMan kann diese Art von &bdquo;Qualit&auml;tssicherung&ldquo; &ndash; um in der Kindersprache zu bleiben &ndash; auch ganz leicht verst&auml;ndlich decodieren: Schmiere stehen.<\/p><p>Und was sagten die Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags dazu, als sie sich dieses ausgefuchste System haben vorf&uuml;hren lassen?<\/p><p>Sie waren<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;partei&uuml;bergreifend beeindruckt von den neuen Abl&auml;ufen, die man ihnen erkl&auml;rte. Von &sbquo;Verrechtstaatlichung&lsquo; sprach einer hinterher, von einer &sbquo;Verbesserung um 200 Prozent&lsquo; (&hellip;).&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Manchmal kann auch die Begeisterung f&uuml;r die &bdquo;Verrechtstaatlichung&ldquo; des Auslandsgeheimdienstes verr&auml;terisch sein. Denn wenn diese Erz&auml;hlung partei&uuml;bergreifend so geteilt wird, dann st&uuml;nde zumindest fest, dass 62 Jahre lang recht(staat)los gehandelt worden war und dass f&uuml;r diesen rechtsfreien Raum doch jemand verantwortlich ist! Denn auch in diesen 62 zur&uuml;ckliegenden Jahren wurde der BND nicht vom Himmel geworfen und sich selbst &uuml;berlassen. Er wurde und wird gef&uuml;hrt und beaufsichtigt vom Bundeskanzleramt.<br>\nMan darf getrost einen vorl&auml;ufigen Schlussstrich unter diese Posse ziehen: Die parlamentarischen Kontrollgremien sind nicht die L&ouml;sung, sondern ein Teil des Problems.<\/p><p>Foto: Gorodenkoff\/Shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Gr&uuml;ndungsgeschichte des BND, seine Patenrolle als F&uuml;hrer von Terrorgruppen (stay behind) und seine vordringliche Aufgabe, ehemalige Nazis zu sch&uuml;tzen und Anstrengungen zu torpedieren, deren Staatsverbrechen zu verfolgen (am Beispiel des Staatsanwaltes Fritz Bauer) <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2017\/05\/01\/stay-behind-eine-staatlich-organisierte-terrorstruktur-mit-unbelasteten-paten\">zeichnet dieser Beitrag nach<\/a>.<\/li>\n<li>&bdquo;Geheime Akte Adenauer. Machtmissbrauch, Bestechung &ndash; und Sp&auml;hangriffe gegen Willy Brandt&ldquo;, DER SPIEGEL, Nr.15, 2017<\/li>\n<li>Der Stenografische Bericht der 236. Bundestagssitzung (Plenarprotokoll 17\/236) <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btp\/17\/17236.pdf\">ist auch dokumentiert<\/a>, S. 29634.<\/li>\n<li>J&auml;ger, Sammler, Vogelfreund, SZ vom 2.\/3. Dezember 2017<\/li>\n<li>Rechtes Netzwerk in der Bundeswehr |Hannibals Schattenarmee, taz vom 16. November 2018<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p_3iefLe80g&amp;t=5347s\">Schattenarmee in der Bundeswehr, Robert Fleischer spricht mit Dirk Pohlmann<\/a> (1:27 bis 1:48)<\/li>\n<li>Wo bleibt die Resonanz auf die &ldquo;Hannibal&rdquo;-Recherche? deutschlandfunkkultur.de vom 24.11.2018<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind die &bdquo;Fehler&ldquo; der Geheimdienste Ergebnis individuellen Versagens oder Ergebnis bewusster Entscheidungen, die nicht hinter dem R&uuml;cken, sondern in Einverst&auml;ndnis mit den politisch Verantwortlichen getroffen wurden? Vor etwa einem Monat hat <strong>Wolf Wetzel<\/strong> f&uuml;r NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46927\">einen kritischen Blick auf den Verfassungsschutz geworfen<\/a>. 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