{"id":47698,"date":"2018-12-07T09:20:38","date_gmt":"2018-12-07T08:20:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47698"},"modified":"2018-12-07T16:48:13","modified_gmt":"2018-12-07T15:48:13","slug":"hilferuf-fuer-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47698","title":{"rendered":"Hilferuf f\u00fcr Syrien"},"content":{"rendered":"<p>Christen f&uuml;rchten Sturz von Assad. Sanktionen und Abwerbung von Fachkr&auml;ften treffen das kriegszerst&ouml;rte Land. <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong> gibt f&uuml;r die NachDenkSeiten einen &Uuml;berblick und schildert ein Dilemma, das so gar nicht zur Syrien-Berichterstattung des medialen Mainstreams passt.<br>\n<!--more--><br>\nDas weltweite p&auml;pstliche Hilfswerk &bdquo;Kirche in Not&ldquo; unterst&uuml;tzt mit einer Spendenkampagne den Wiederaufbau der syrischen Stadt Aleppo. Im laufenden Jahr werden &uuml;ber 120 Einzelma&szlig;nahmen in Syrien mit einer Gesamtsumme von sieben Millionen Euro gef&ouml;rdert. Es sind Tropfen auf den hei&szlig;en Stein in dem seit bald acht Jahren kriegsgeplagten und kriegszerst&ouml;rten Land. Millionen Euro Spendengelder lindern die Not, notwendig sind Milliarden f&uuml;r den Wiederaufbau. Syrien braucht einen Marshall-Plan.<\/p><p>Aleppo, wo &bdquo;Kirche in Not&ldquo; vornehmlich engagiert ist, geh&ouml;rt zu den vom bald acht Jahre dauernden Krieg am meisten betroffenen St&auml;dten des Landes. In den von islamistischen Kampfgruppen besetzten &ouml;stlichen Bezirken tobten monatelang schwere K&auml;mpfe. Ende 2016 befreite die syrische Armee mit Unterst&uuml;tzung der russischen Luftwaffe die okkupierten Stadtteile, die Waffen schweigen. Rund ein Drittel der Geb&auml;ude in der Stadt sind zerst&ouml;rt. Auch zahlreiche Kirchen sind von Treffern gezeichnet. Die Al-Qaida-nahen Kampfgruppen wollten mit ihnen die Symbole f&uuml;r die jahrhundertelange christliche Tradition in der Stadt ausl&ouml;schen. <\/p><p>Das katholische Hilfswerk unterst&uuml;tzt unter anderem die Wiederherstellung von drei Kathedralen: der armenisch-katholischen, der maronitischen und der syrisch-katholischen. Das nicht aus missionarischem Eifer, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe. &bdquo;Die Kirchen sind so etwas wie Leuchtt&uuml;rme im Meer. Sie vermitteln Sicherheit und Hoffnung. Das gesamte soziale Leben spielt sich in den Kirchengemeinden ab&ldquo;, erkl&auml;rt Projekt-Referent Andrzej Halemba. Von den wiederaufgebauten Kirchen gehe eine &bdquo;wichtige Signalwirkung&ldquo; aus: &bdquo;Die vertriebenen Christen k&ouml;nnen den ersten Schritt Richtung R&uuml;ckkehr wagen.&ldquo;<\/p><p>Dazu passend ist in der Hamburger Wochenzeitung &bdquo;Die Zeit&ldquo; vom 29. November ein Interview mit Michael Theuerl erschienen, das mit &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/49\/syrische-christen-baschar-al-assad-willkommenspolitik-deutschland\">In Damaskus erregt ein Kreuz keinen Ansto&szlig;<\/a>&ldquo; &uuml;berschrieben ist. Der Teltower Pfarrer berichtet von seinen bei einer Syrien-Reise gewonnenen Eindr&uuml;cken, die so gar nicht zum medialen Mainstream der Konfliktbeschreibung passen. &bdquo;Syrische Christen w&uuml;nschen sich mehr Solidarit&auml;t westlicher Staaten und Kirchenf&uuml;hrer. Es gen&uuml;gt ihnen nicht, dass der Westen fordert: Assad muss weg! Sie glauben, Deutschland werbe durch seine Willkommenspolitik wichtige B&uuml;rger des Landes ab und beschleunige so auch das Sterben der orientalischen Kirchen. Au&szlig;erdem f&uuml;rchten sie, dass es nach einem Sturz Assads f&uuml;r sie gef&auml;hrlicher werden k&ouml;nnte.&ldquo; Dieses &bdquo;Dilemma&ldquo; sei in Deutschland kaum Thema, beklagt Pfarrer Theuerl, der in Damaskus, Homs und Aleppo war, aber auch Maalula und Saidnaja besucht hat. In der Omaijaden-Moschee sei er als katholischer Priester von den Muslimen herzlich willkommen gehei&szlig;en worden. Der von Papst Franziskus berufene Nuntius Mario Zenari habe ihm berichtet, das Verh&auml;ltnis zu den Muslimen sei v&ouml;llig unkompliziert. Nirgendwo in Damaskus errege es Ansto&szlig;, wenn er als Kardinal mit roter Kopfbedeckung und Brustkreuz Moscheen besuche. <\/p><p>Christen und Muslime seien in Syrien &uuml;ber Jahrhunderte gut miteinander ausgekommen, erinnert Theuerl in der Zeit. &bdquo;Erst im Zuge des aufkommenden Terrors formierten sich in Syrien auch radikale Gruppen, die Andersgl&auml;ubige bedrohen.&ldquo; Die Christen in Syrien &bdquo;kritisieren die einseitige Schuldzuschreibung durch den Westen und beklagen, dass sie westliche Bisch&ouml;fe vergeblich einladen: Kommt doch, sprecht mit Christen und Muslimen! Ihr m&uuml;sst ja nicht mit Assad sprechen! Aber nein, sie kommen nicht.&ldquo;<\/p><p>Kardinal Zenari, der fr&uuml;her in Bonn als Vatikandiplomat arbeitete, glaube, ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen sei weiterhin m&ouml;glich. &bdquo;Christen in Syrien haben eine &uuml;berdurchschnittlich gro&szlig;e Pr&auml;senz in Schulen, Krankenh&auml;usern, Altersheimen. Das wird von der muslimischen Bev&ouml;lkerung gesch&auml;tzt. Der Nuntius bittet den Westen seit Jahren, syrische Fachkr&auml;fte nicht zur Flucht zu ermuntern.&ldquo; &ndash; &Auml;hnlich argumentiert Omar Abawi von Caritas Jordanien. Die meisten syrischen Christen, die vor dem Krieg in Jordanien gestrandet seien, h&auml;tten inzwischen in westliche L&auml;nder weiterreisen k&ouml;nnen. Das sei bei allem Verst&auml;ndnis zugleich ein schwerwiegender Aderlass f&uuml;r Syrien. Denn der Beitrag der religi&ouml;sen Minderheiten wie der Christen sei essenziell, um das Land wieder aufzubauen. Syrien <a href=\"https:\/\/www.kathpress.at\/goto\/meldung\/1706932\/winter-in-nahost-caritas-bittet-um-hilfe-fuer-syrien-fluechtlinge\">brauche<\/a> gut ausgebildete und moderate B&uuml;rger, &bdquo;und keine muslimischen Extremisten&ldquo;.<\/p><p>Pfarrer Theuerl schildert im Zeit-Gespr&auml;ch mit Martin Lohmann, der in den Neunzigern zur Chefredaktion des &bdquo;Rheinischen Merkur&ldquo; geh&ouml;rte, seine Erlebnisse in Aleppo. In den v&ouml;llig zerbombten &ouml;stlichen Vororten sehe man &uuml;berall kyrillische Schrift. Grund: &bdquo;Die russischen Soldaten mussten nach dem R&uuml;ckzug der Rebellen die H&auml;user nach Minen durchsuchen. War ein Haus sauber, schrieben sie auf die Wand &sbquo;min njet&lsquo;. Wir besuchten den ausgebombten melkitischen Bischof in seiner provisorischen Residenz. Er beklagte, dass nur noch etwa 200 Familien seiner Gemeinde &uuml;brig seien, die anderen 200 seien tot oder geflohen.&ldquo; <\/p><p>Auf Lohmanns Nachfrage, ob denn die Kirche in Syrien die Milit&auml;reins&auml;tze Russlands kritisiere, hat Pfarrer Theuerl eine knappe wie existentielle Antwort: &bdquo;Nein. Die Bisch&ouml;fe sagen: H&auml;tten Russen und Iraner nicht interveniert, wir w&auml;ren l&auml;ngst Kalifat.&ldquo; Christen wie Muslime erhofften, &bdquo;dass der Kampf um Geld, &Ouml;l und Macht in Syrien aufh&ouml;rt&ldquo;. Man argw&ouml;hne, &bdquo;der christliche Westen stehe aufseiten der Christenverfolger, aber wolle auch den Muslimen &uuml;bel&ldquo;. Viele Syrer machten die USA f&uuml;r die Destabilisierung verantwortlich. &bdquo;Man erinnert sich gut an die amerikanische L&uuml;ge von den Massenvernichtungswaffen im Irak.&ldquo;<\/p><p>Das Land befinde sich weiter im Kriegszustand, mit rund 500.000 Toten, zw&ouml;lf Millionen Fl&uuml;chtlingen und Binnenvertriebenen, einer zunehmenden Verelendung der Bev&ouml;lkerung, die auch unter den EU-Wirtschaftssanktionen leide. &bdquo;Es fehlt dramatisch an medizinischen Ger&auml;ten und Medikamenten&ldquo;, mahnt Theuerl. F&uuml;r die N&auml;he der Christen zum syrischen Pr&auml;sidenten Baschar Al-Assad habe er Verst&auml;ndnis, &bdquo;insofern er ihnen Sicherheit garantiert&ldquo;. Sein Appell am Ende: &bdquo;Ich w&uuml;nsche mir, dass mehr Politiker und Bisch&ouml;fe das Land besuchen, mit den Leuten dort reden und sich ihr eigenes Bild machen.&ldquo;<\/p><p>Es w&auml;re ein bescheidener Vorsatz f&uuml;r das kommende Jahr, wenn wenigstens die Religionsbeauftragten der im Bundestag vertretenen Fraktionen den Ruf des Pfarrers aus Berlin-Teltow h&ouml;rten und sich zu einer gemeinsamen Fact-Finding-Mission nach Syrien begeben. Und wenn bei der n&auml;chsten gro&szlig;en Talk-Sendung zum Syrien-Krieg Pfarrer Michael Theuerl in der Runde s&auml;&szlig;e anstelle eines Au&szlig;enpolitikers der waffenexportierenden Kriegsparteien.<\/p><p>Titelbild: anasalhajj\/shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christen f&uuml;rchten Sturz von Assad. 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