{"id":477,"date":"2005-02-28T16:29:44","date_gmt":"2005-02-28T14:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=477"},"modified":"2016-03-18T11:55:33","modified_gmt":"2016-03-18T10:55:33","slug":"familienministerin-schmidt-armut-hangt-nicht-nur-vom-geld-ab-haushaltskurse-gegen-armut-eintopf-statt-fast-food","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=477","title":{"rendered":"Familienministerin Schmidt: Armut h\u00e4ngt nicht nur vom Geld ab. Haushaltskurse gegen Armut. Eintopf statt Fast Food."},"content":{"rendered":"<p>Am Mittwoch den 2. M&auml;rz wird der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Kabinett behandelt. Die wichtigsten Ergebnisse sind: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer; nahezu jeder siebte Haushalt lebt in Armut. Der Anteil der von Armut betroffenen Haushalten ist seit 1998 von 12,1 auf 13,5% gestiegen. Dagegen verf&uuml;gt ein Zehntel der reichen Haushalte &uuml;ber 47% (1998 waren es noch 45%) des Nettoverm&ouml;gens von 5 Billionen Euro.<br>\nDie Bundesfamilienministerin Renate Schmidt kommentiert die zunehmende Armut in &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; vom 27.2.05 vorab so: &bdquo;Armut h&auml;ngt nicht nur vom Geld ab&ldquo;. Sie fordert von den &bdquo;klugen M&uuml;ttern&ldquo; Eintopf mit Saisongem&uuml;se statt Fast Food und pl&auml;diert f&uuml;r &bdquo;Haushaltskurse&ldquo; damit Eltern und auch Kinder &bdquo;mit ihrem Geld wirtschaften lernen&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nDer <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/docs\/Lebenslagen%20in%20Deutschland_Bericht.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 1.5 MB] zu http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/docs\/Lebenslagen%20in%20Deutschland_Bericht.pdf\">2. Armuts- Reichtumsbericht [1.5 MB]<\/a> der Bundesregierung ist eine &auml;u&szlig;erst informative Studie &uuml;ber &bdquo;Lebenslagen in Deutschland&ldquo;. Sie enth&auml;lt eine Vielzahl von Analysen und Daten &uuml;ber Einkommen und Verm&ouml;gen, &uuml;ber &Uuml;berschuldung, &uuml;ber die Lage von Familien mit Kindern oder &uuml;ber die Zusammenh&auml;nge von Bildung, Armut und Erwerbst&auml;tigkeit. Der Bericht k&ouml;nnte eine gute &bdquo;Grundlage einer Politik f&uuml;r die Bek&auml;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung&ldquo; (so die Begr&uuml;ndung aus der Koalitionsvereinbarung vom Oktober 2002) sein. Der weit &uuml;ber dreihundert Seiten umfassende Bericht, zusammengestellt von Experten und Verb&auml;nden, enth&auml;lt auch viele bemerkenswerte und vern&uuml;nftige Ma&szlig;nahmen der Bundesregierung zur Armutsbek&auml;mpfung und f&uuml;r einen sozialen Ausgleich. <\/p><p>Dennoch ist es nat&uuml;rlich gerade f&uuml;r eine rot-gr&uuml;ne Bundesregierung keine Erfolgsmeldung, wenn ihr in dem Bericht bescheinigt wird, dass sich in ihrer Regierungszeit, die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft hat. Dass es mehr Arme und mehr Kinder gibt, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, und dass insgesamt das Armutsrisiko zugenommen hat, w&auml;hrend sich die Zahl der Million&auml;re erh&ouml;ht und das Verm&ouml;gen sich immer mehr beim oberen Zehntel der Einkommensbezieher ansammelt. Kurz: In der Regierungszeit von Sozialdemokraten und Gr&uuml;nen hat sich Armut weiter ausgebreitet und gleichzeitig sind die wirklich Reichen mehr und reicher geworden. <\/p><p>Nun h&auml;tte man in einer vorbereitenden Kommentierung der Bundesfamilienministerin erwartet, dass sie etwa aus dem Kapitel &bdquo;Familien f&ouml;rdern &ndash; Deutschland kinderfreundlicher machen&ldquo; einige der Vorschl&auml;ge vorstellt, wie einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft entgegengewirkt werden k&ouml;nnte. Und was in dem Bericht in punkto Kinderbetreuung, verbesserte Bildungschancen, Vereinbarung von Beruf und Familie u.v.a. gesagt wird, lohnte sogar der Erw&auml;hnung.<br>\nAber nein, Renate Schmidt begibt sich auf das Niveau von &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; und spendet einen wahrhaft billigen Trost: &bdquo;Armut h&auml;ngt nicht nur vom Geld ab&ldquo; sagt sie. Entscheidend sei, &bdquo;ob es eine Familie versteht, mit Geld gut umzugehen&ldquo;. So sei ein Mittagessen in einem Fast-Food-Restaurant f&uuml;r Kinder und Jugendliche &bdquo;nicht nur weniger gesund, sondern auch erheblich teurer als ein Eintopf mit Saisongem&uuml;se&ldquo;.<br>\nSo richtig dieser Rat im Hinblick auf eine ges&uuml;ndere Ern&auml;hrung ist, so sehr zeigt er, dass sich unsere Familienministerin die Lebenslagen vieler armen Familien offenbar nicht (mehr) vorstellen kann. <\/p><p>Als arm gilt bei uns, wer von weniger als 60% des durchschnittlichen Nettoeinkommens lebt. Das nominale Nettodurchschnittseinkommen (das reale liegt noch niedriger) liegt im Westen Deutschlands bei 1217 Euro, im Osten bei 1008 Euro. Die 60-%-Armutsgrenze bedeutet ein Einkommen von 730 Euro im Westen bzw. 604 Euro im Osten. (Gabriele Gillen, Hartz IV, Hamburg 2004, S. 173).<br>\nMeint Renate Schmidt wirklich, dass man sich mit diesem Einkommen noch t&auml;glich Hamburger mit Pommes leisten k&ouml;nnte? War Frau Schmidt in letzter Zeit einmal auf einem Markt und hat sich nach den Preisen f&uuml;r &bdquo;Saisongem&uuml;se&ldquo; erkundigt? Wei&szlig; sie noch, wie viel Arbeit eine Gem&uuml;sesuppe macht und wie viel Zeit das Kochen beansprucht? Kann sie sich vorstellen, dass eine Mutter, die mehreren Mini-Jobs nachjagen muss, um sich und ihr Kind &uuml;ber Wasser zu halten, weder die Zeit f&uuml;r eine Gem&uuml;sesuppe, noch das Geld f&uuml;r das Gem&uuml;se, geschweige denn f&uuml;r eine dazugeh&ouml;rige Fleischbr&uuml;he hat? <\/p><p>Vielleicht sollte Renate Schmidt als erg&auml;nzende Lekt&uuml;re zum Armuts-Reichtumsbericht das rororo-B&auml;ndchen von Gabriele Gillen unter dem Titel &bdquo;Hartz IV. Eine Abrechnung&ldquo; (s.o.) lesen, dort k&ouml;nnte sie wirklichkeitsnahe Beschreibungen von &bdquo;Lebenslagen&ldquo; armer Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen nachlesen. Vielleicht w&uuml;rde sie dann wieder ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r bekommen, wie abgehoben ihre Rat-&bdquo;Schl&auml;ge&ldquo; &uuml;ber die Boulevardpresse auf die Armen in unserer reichen Gesellschaft wirken m&uuml;ssen.<br>\nEigentlich m&uuml;sste es die Mutter von drei Kindern, die lange Zeit allein erziehend war, besser wissen &ndash; oder hat sie ihre fr&uuml;here Lebenslage v&ouml;llig verdr&auml;ngt?<br>\nMein Eindruck ist, dass unsere F&uuml;hrungsschicht, die Lebenswirklichkeit der am unteren Rand der Gesellschaft lebenden Menschen verdr&auml;ngt, nicht nachvollziehen oder nicht wahrnehmen will. Vielleicht brauchten nicht die Armen sondern diese Schicht der Saturierten die von Renate Schmidt vorgeschlagenen &bdquo;Haushaltskurse&ldquo;. Sie k&ouml;nnten und m&uuml;ssten dabei &ndash; und sei es nur einen Monat lang &ndash; einmal konkret erfahren, wie man etwa mit dem Regelsatz des Arbeitslosengeldes II in H&ouml;he von 345 Euro monatlich &bdquo;wirtschaften&ldquo; und &bdquo;den Umgang mit Geld&ldquo; lernt.<br>\nVorsorglicher Hinweis: Sollte das Geld nicht f&uuml;r den t&auml;glichen &bdquo;Eintopf mit Saisongem&uuml;se&ldquo; reichen, bleibt immer noch der Weg in die Suppenk&uuml;che einer der Wohlfahrtsorganisationen. Vielleicht h&auml;tte Renate Schmidt bei einem Besuch einer solchen Armenk&uuml;che oder eines Wohnprojekts im Rahmen der &bdquo;Hilfe zur Erziehung&ldquo; mehr &uuml;ber Armut in Deutschland erfahren, als durch die Lekt&uuml;re des amtlichen Armuts- Reichtumsberichtes. Sicherlich h&auml;tte sie dann weniger herablassende Ratschl&auml;ge gegeben als in ihrem Gastkommentar in Bild am Sonntag.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Mittwoch den 2. M&auml;rz wird der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Kabinett behandelt. Die wichtigsten Ergebnisse sind: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer; nahezu jeder siebte Haushalt lebt in Armut. Der Anteil der von Armut betroffenen Haushalten ist seit 1998 von 12,1 auf 13,5% gestiegen. Dagegen verf&uuml;gt ein Zehntel der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=477\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[167,123,132],"tags":[1383,217,1880,389,291],"class_list":["post-477","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-familienpolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armuts-und-reichtumsbericht","tag-kinderarmut","tag-schmidt-renate","tag-sozialrassismus","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/477","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=477"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/477\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32258,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/477\/revisions\/32258"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=477"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=477"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=477"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}