{"id":47774,"date":"2018-12-11T10:02:45","date_gmt":"2018-12-11T09:02:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47774"},"modified":"2018-12-12T07:21:33","modified_gmt":"2018-12-12T06:21:33","slug":"rezension-zu-goetz-eisenberg-zwischen-anarchie-und-populismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47774","title":{"rendered":"Rezension zu G\u00f6tz Eisenberg: \u201eZwischen Anarchismus und Populismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich noch halbwegs einen klaren Verstand bewahrt hat, muss angesichts der Zumutungen und Verr&uuml;cktheiten der Gegenwart oft schier verzweifeln. Dass sich die Leitmedien in ihrer gro&szlig;en Mehrheit der Manipulation der Leser und Zuschauer verschrieben haben, statt die t&auml;glich auf uns einprasselnden Nachrichten zu analysieren und Hintergr&uuml;nde auszuleuchten, vertieft diese Verzweiflung noch. Umso wichtiger sind linke Autoren wie der Gie&szlig;ener G&ouml;tz Eisenberg, die genau das tun, was eigentlich Aufgabe der Journalisten w&auml;re: Ereignisse einordnen, Zusammenh&auml;nge aufdecken, Ursachen benennen. Von <strong>Kristian Stemmler<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181211_Eisenberg-Zwischen-Anarchismus-und-Populismus-Cover.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seine Texte sind Zeitansage und Kompass zugleich, seine Analysen liefern ein zuverl&auml;ssiges Koordinatensystem, in das man Ph&auml;nomene der gro&szlig;en Politik ebenso einordnen kann wie Ereignisse, die einem im Alltag begegnen. Das gilt auch f&uuml;r den dritten Band seiner Reihe zur &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, den Eisenberg vor kurzem unter dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.polkowski-verlag.de\/content\/titel\/zwischen-anarchismus-und-populismus\">Zwischen Anarchismus und Populismus<\/a>&ldquo; vorgelegt hat. Der Band umfasst Texte, die seit Mitte 2016 entstanden und in Blogs wie den <em>NachDenkSeiten, Hinter den Schlagzeilen<\/em> oder <em>Auswege<\/em> und in der Tageszeitung <em>junge Welt<\/em> erschienen sind. Die Anordnung im Buch folgt der Chronologie der Entstehung der Beitr&auml;ge, die alle &uuml;berarbeitet und erg&auml;nzt wurden. Das gebe dem Buch etwas von einer Collage, schreibt Eisenberg.<\/p><p>Auch mit diesem Buch zeigt der Gie&szlig;ener Politikwissenschaftler und Psychologe, der bis zu seiner Pensionierung von 1985 bis 2016 als Gef&auml;ngnispsychologe in der JVA Butzbach gearbeitet hat, was ihn &uuml;ber das Gros linker Autoren hinaushebt. Es ist die sprachliche Dichte und Brillanz seiner Texte, die Bereitschaft, linke Defizite beim Namen zu nennen, ohne von grunds&auml;tzlicher Kritik am Kapitalismus abzuweichen, und die Kunst, im Kleinen das Gro&szlig;e zu erkennen. Oft sind eigene Beobachtungen, auf der Stra&szlig;e oder im Supermarkt, f&uuml;r Eisenberg Ausgangspunkt f&uuml;r grunds&auml;tzliche Er&ouml;rterungen. Dann kommt er wieder auf die gro&szlig;e Politik zur&uuml;ck, erkl&auml;rt in wenigen S&auml;tzen schl&uuml;ssig den Aufstieg von Donald Trump. Auch dieser Wechsel macht seine Analysen so lebendig und lesenswert.<\/p><p>Es ist sicher nicht verfehlt, G&ouml;tz Eisenberg als einen hellsichtigen Mahner zu bezeichnen. Bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1993, hat seine (zusammen mit Reimer Gronemeyer verfasste) Schrift &bdquo;Jugend und Gewalt&ldquo; f&uuml;r Aufsehen gesorgt. In seinem fulminanten Werk &bdquo;Amok &ndash; Kinder der K&auml;lte&ldquo; im Jahr 2000 vertiefte er die Thesen des Buches. Eisenberg w&auml;hlte einen f&uuml;r viele &uuml;berraschenden Zugang: Er setzte das Ph&auml;nomen Amoklauf, das damals zunehmend auch in Deutschland zum Problem wurde, in Bezug zu gesellschaftlichen Erosionsprozessen.<\/p><p>Der Amoklauf zeuge von einer &bdquo;Indifferenz und K&auml;lte, die die Praxis der Deregulierer und Modernisierer zum vorherrschenden gesellschaftlichen Klima gemacht hat&ldquo;, schrieb er. Der individuelle Amoklauf h&auml;nge viel enger mit dem &bdquo;Amoklauf des globalisierten Kapitals&ldquo; zusammen, &bdquo;als wir wahrhaben wollen&ldquo;. Der in den Rang einer Ersatzreligion erhobene Neoliberalismus greife alle Traditionen und sozialen Bindungen an, die Menschen verl&ouml;ren ihren Halt, so warnte der Gie&szlig;ener damals. Wie richtig er damit lag, l&auml;sst sich t&auml;glich im Fernsehen, beim Blick ins Internet oder Einkaufen im Supermarkt erkennen.<\/p><p>Auch in seinem neuen Buch zeigt sich Eisenberg auf der H&ouml;he der Zeit. Er hat seine Analysen fortgeschrieben, warnt vor der so genannten digitalen Revolution. &bdquo;Wollen wir es zulassen, dass Algorithmen uns versklaven und den menschlichen Geist abt&ouml;ten?&ldquo; fragt er schon im Vorwort und warnt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die sinnliche Dichte der Welt ist im Begriff zu verschwinden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Alltag ver&ouml;de zusehends, werde erfahrungsarm und monoton. Die Menschen kommunizierten zwar ununterbrochen, aber sie &bdquo;kennen sich nicht und haben sich eigentlich nichts zu sagen&ldquo;.<\/p><p>Wenn das Alltagsleben, so diagnostiziert Eisenberg, das die Funktion habe, uns vor &Uuml;berraschungen zu sch&uuml;tzen, selbst zur Quelle von &Auml;ngsten werde, sei das ein untr&uuml;gliches Anzeichen daf&uuml;r, &bdquo;dass eine Gesellschaft in die Krise und das Leben aus dem Lot geraten ist&ldquo;. Seine Diagnose ist oft schonungslos und klingt manchmal fast resignativ, das t&auml;uscht aber. Es geh&ouml;rt vielmehr zu den erstaunlichen Wirkungen auch dieses Eisenberg-Buches, dass seine Analysen aufr&uuml;tteln und den Leser mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren und ihm zugleich einen Teil seiner Angst nehmen.<\/p><p>Warum das so ist, daf&uuml;r bietet der Autor selbst eine Erkl&auml;rung an. Etwa in der Mitte seines Buches schreibt er &uuml;ber die Angst, die er unter R&uuml;ckgriff auf bedeutende Psychiater als den Urgrund aller psychischen Erkrankungen benennt. &bdquo;Angst macht, was unbegreiflich ist&ldquo;, zitiert er Anton Tschechow, sie komme bevorzugt mit dem Dunkelwerden, wenn man nicht sehen kann, was einen bedroht. Im Umkehrschluss nimmt es dem Menschen Angst, wenn er sieht, was auf ihn zukommt. Darum wohl sind Eisenbergs Texte so hilfreich, sie decken auf, bringen Licht ins Dunkel, sind darum ein Antidot gegen die eingangs erw&auml;hnte Verzweiflung angesichts des Trommelfeuers schlechter Nachrichten.<\/p><p>Mit seinem theoretischen Ansatz f&uuml;llt Eisenberg eine gro&szlig;e Leerstelle in den aktuellen linken Diskursen aus. Er trennt nicht k&uuml;nstlich zwischen Psychologie und Soziologie, erkl&auml;rt gesellschaftliche Fehlentwicklungen mit psychischen Deformationen des Einzelnen, f&uuml;hrt umgekehrt psychische Defekte auf gesellschaftliche Verwerfungen zur&uuml;ck. Das k&ouml;nnte Eisenberg von zwei Seiten Kritik eintragen. Von linken Dogmatikern den Vorwurf, er psychologisiere zuviel, und von Seiten seiner Zunft, er politisiere unn&ouml;tig. <\/p><p>Tats&auml;chlich l&auml;sst sich wenig einwenden gegen seine eindringlichen Beschreibungen des kapitalistischen Systems und seine Auswirkungen f&uuml;r die menschliche Psyche, zumal Eisenberg eine Vielzahl bedeutender Denker heranzieht von Sartre bis Marcuse. Der Neoliberalismus, stellt er fest, habe &bdquo;treibhausm&auml;&szlig;ig eine Atmosph&auml;re der Konkurrenz und zwischenmenschlichen Feindseligkeit&ldquo; gez&uuml;chtet und die Herausbildung einer &bdquo;Kultur des Hasses&ldquo; (Eric J. Hobsbawm) bef&ouml;rdert. Die F&auml;higkeiten zu Mitleid, gegenseitiger Hilfe und Solidarit&auml;t verdorrten, weil sie durch gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse keine St&uuml;tzung erf&uuml;hren. &bdquo;Unter unseren Augen entsteht ein durch und durch kapitalistischer Menschentyp, der zur Einf&uuml;hlung in andere unf&auml;hig und dessen Innenwelt eine einzige Gletscherlandschaft ist&ldquo;, hei&szlig;t es an anderer Stelle.<\/p><p>Eisenberg warnt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sind im Begriff, ein Volk von digitalen Fellachen zu werden. Ein Blick auf die vor Apple Stores auf das neue Handymodell wartenden Leute gen&uuml;gt, um zu demonstrieren, dass wir vollends ins Zeitalter der Entfremdung zweiten Grades eingetreten sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Leute w&uuml;rden zu &bdquo;Hanswursten ihrer Ger&auml;te, sie erleiden ihre Vernetzung nicht, sondern erleben sie als ureigensten Impuls und intime Leidenschaft&ldquo;. So m&uuml;sse man die Menschen nicht mehr zur Preisgabe pers&ouml;nlicher Daten zwingen, sie entbl&ouml;&szlig;ten sich in den &bdquo;sozialen Netzwerken&ldquo; aus freien St&uuml;cken.<br>\nDie Demontage des Sozialstaates im Namen des Neoliberalismus steigere den Angst- und Panikpegel rapide, konstatiert Eisenberg. &bdquo;Die gesellschaftliche Atmosph&auml;re reichert sich mit Spannungen und Aggressionen an und es w&auml;chst das Bed&uuml;rfnis der Menschen nach S&uuml;ndenb&ouml;cken, auf die sich ihre Malaise verschieben l&auml;sst.&ldquo; Als solche S&uuml;ndenb&ouml;cke w&uuml;rden dem ver&auml;ngstigten Kleinb&uuml;rger Fl&uuml;chtlinge und Migranten hingestellt. Eisenberg:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie verk&ouml;rpern all das Fl&uuml;chtige und Fremde, unter dem die Menschen zu leiden haben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Rechtspopulismus organisiere und funktionalisiere die &bdquo;&uuml;ber den &ouml;konomischen Prozess freigesetzten &Auml;ngste&ldquo; und versuche, Kapital zu schlagen aus der Feindseligkeit, die den Fremden und Migranten entgegenschlage. F&uuml;r den Aufstieg des Rechtspopulismus und Rassismus tr&uuml;gen in erster Linie diejenigen Verantwortung, &bdquo;die durch ihre Deregulierungspraxis gro&szlig;fl&auml;chig Angst und Unsicherheit&ldquo; erzeugten. <\/p><p>Auch Amoklauf und Terror sind f&uuml;r Eisenberg im neuen Buch erneut ein Schl&uuml;sselthema. &bdquo;Der Amoklauf wird die kriminelle Physiognomie der Gesellschaft des entfesselten Kapitalismus pr&auml;gen&ldquo;, prophezeit er. Die in ihm zu Tage tretende Form des &bdquo;reinen und richtungslosen Hasses&ldquo; bilde die R&uuml;ckseite einer Gesellschaft, &bdquo;in der die Warenform universell geworden ist und sich die Menschen in totale Selbstverwertungsmonaden verwandelt haben&ldquo;.<\/p><p>Die von Amok und Terror heimgesuchten Gesellschaften h&auml;tten sich darauf geeinigt, die T&auml;ter in zwei Kategorien einzuteilen: den religi&ouml;s motivierten Terroristen und den psychisch gest&ouml;rten Einzelt&auml;ter. Diese Ettikettierung habe den unsch&auml;tzbaren Vorteil, &bdquo;dass die herrschenden Zust&auml;nde nicht mit diesen Taten in Zusammenhang gebracht werden&ldquo;. Der Terrorist werde zur Inkarnation des B&ouml;sen, man militarisiere die innere Sicherheit.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sollen uns an den Anblick von Maschinenpistolen im Alltag gew&ouml;hnen und es hinnehmen, dass unsere b&uuml;rgerlichen Freiheitsrechte auf dem Altar der inneren Sicherheit geopfert werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Ein vom Westen selbst geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen!&ldquo;, schreibt der Autor weiter. Im &bdquo;Schlagschatten des Anti-Terror-Kampfes&ldquo; breiteten sich islamophobe Einstellungen wie ein Fl&auml;chenbrand aus und leiteten Wasser auf die M&uuml;hlen der Ausl&auml;nderfeinde, Rechtspopulisten und Rassisten. Ein S&uuml;ndenbock und Feind sei sozialpsychologisch eine Notwendigkeit, um eigene Konflikte auf ihn abzuw&auml;lzen. &Uuml;ber Jahrzehnte habe &bdquo;der Feind&ldquo; stabil im &bdquo;Osten&ldquo; verortet werden k&ouml;nnen, das sei mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vorbei gewesen. Eisenberg:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Seit dem 11. September haben wir uns darauf geeinigt, wer die neuen &bdquo;die&ldquo; sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Um diesen Entwicklungen entgegenzutreten, br&auml;uchte es eigentlich eine starke und schlagkr&auml;ftige linke Bewegung. Doch davon ist die Linke hierzulande noch weit entfernt. Ein Hinweis auf die historischen Hintergr&uuml;nde, die daf&uuml;r mitverantwortlich sind, geben Eisenbergs Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber den fr&uuml;hen Bruch zwischen dem Marxismus und Anarchismus.<\/p><p>Der war im Konflikt zwischen Marx und Bakunin bereits angelegt und vollzog sich mit der Entstehung der Zweiten Internationale Ende des 19.&#8197;Jahrhunderts. Das Schisma habe beiden Seiten geschadet. Aus dem marxistisch-sozialdemokratischen Lager seien &bdquo;die Spontaneit&auml;t und der revolution&auml;re Wille&ldquo; ausgewandert. Man habe begonnen, so stellt der Autor fest, die so genannten Lumpenproletarier zu verachten und eine &bdquo;Respektabilit&auml;tsknechtschaft&ldquo; zu betreiben, die auf den Versuch hinausgelaufen sei, &bdquo;das B&uuml;rgertum in puncto Anstand auf der &Uuml;ber-Ich-Seite zu &uuml;berholen. Die Anarchisten wiederum seien der irrigen Vorstellung gefolgt, man k&ouml;nne der Revolution Beine machen durch voluntaristische Akte und die &bdquo;Propaganda der Tat&ldquo;. <\/p><p>In der jungen Sowjetunion sei man dann dazu &uuml;bergegangen, sich der anarchistischen Mitstreiter zu entledigen, &bdquo;die mehr als einmal f&uuml;r die Bolschewiki die Kohlen aus dem Feuer geholt hatten&ldquo;. Der Bruch zwischen Anarchisten und Kommunisten habe sich nach dem Zerfall der anti-autorit&auml;ren Bewegung in der Bundesrepublik wiederholt. Dem von Freud beschriebenen Mechanismus des &bdquo;Narzissmus der kleinsten Differenz&ldquo; folgend, h&auml;tten sich erneut die untereinander zerfleischt, die sich eigentlich nahe standen.<\/p><p>Dass sein Herz f&uuml;r die Anarchisten schl&auml;gt, daraus macht Eisenberg keinen Hehl. Im spanischen B&uuml;rgerkrieg habe die anarchistischen Milizen vor allem eine &bdquo;enorme Lebensfreude, eine Lust am Fest und an der Liebe&ldquo; ausgezeichnet. Die K&ouml;pfe der spanischen Arbeiterschaft seien noch nicht vom kapitalistischen Geist kolonialisiert worden, ihre K&ouml;rper noch nicht zu blo&szlig;en Arbeitsinstrumenten geworden. Eisenberg zitiert Michel Foucault mit dem Hinweis, dass &bdquo;das Leben und die Zeit des Menschen nicht von Natur aus Arbeit sind, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bed&uuml;rfnisse, Zuf&auml;lle, Begierden, Gewaltt&auml;tigkeiten, R&auml;ubereien etc.&ldquo;. <\/p><p>In seiner Schilderung der antiautorit&auml;ren Bewegung der 68er nimmt der Autor diese Formulierung noch einmal auf. &bdquo;Lust, Heiterkeit, Spiel, Fest und Spontaneit&auml;t&ldquo; seien damals in die revolution&auml;re Bewegung zur&uuml;ckgekehrt, die (von Kundera beschriebene) &bdquo;d&uuml;ster dreinblickenden Priester&ldquo; des orthodoxen Marxismus aus ihr vertrieben hatten. Das sei eine der wesentlichen Qualit&auml;ten der 68er-Bewegung gewesen, dass es f&uuml;r eine gewisse Zeit gelungen sei, &bdquo;den Kampf f&uuml;r den Sozialismus mit dem f&uuml;r eine befreite Sinnlichkeit zu verkn&uuml;pfen&ldquo;. Nach ihrem Zerfall habe sich das wieder entmischt, in eine &bdquo;bierernste Parteipolitik&ldquo; und eine &bdquo;zunehmend wahrheitsvergessene und sinnentleerte Spa&szlig;kultur&ldquo;.<\/p><p>Die explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie des Lebens m&uuml;sse das Kapital, so zitiert Eisenberg Focault weiter, &bdquo;in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren&ldquo;. Diesen Vorgang habe der Psychiater Klaus D&ouml;rner als &bdquo;gr&ouml;&szlig;tes verhaltensmodifikatorisches Experiment aller Zeiten&ldquo; bezeichnet. Schlie&szlig;lich, so wird Marx zitiert, entstehe eine Arbeiterklasse, die &bdquo;aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverst&auml;ndliche Naturgesetze anerkennt&ldquo;. Sie benehme sich manierlich, verzichte auf Gewalt, organisiere sich in Parteien und Gewerkschaften, die die Lage der Arbeiter in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft verbessern wolle, sie als Ganzes nicht mehr in Frage stelle. <\/p><p>Das dies durch Erziehungspraktiken ins Werk gesetzt wird, die Katharina Rutschky unter dem Begriff &bdquo;schwarze P&auml;dagogik&ldquo; zusammengefasst hat, beschreibt Eisenberg weiter hinten, den Begriff Entfremdung aufgreifend. Eine &bdquo;p&auml;dagogische Paranoia, die man bis heute Erziehung nennt&ldquo;, sorge daf&uuml;r, dass Kinder nicht ihrem eigenen inneren Reifungs-Rhythmus folgen, sondern sich den Forderungen der Erwachsenen unterwerfen. Von dieser &bdquo;prim&auml;ren Unterwerfung&ldquo; profitierten alle nachfolgenden Autorit&auml;ten und gesellschaftlichen Instanzen von den Lehrern bis zu den Fabrikherren und politischen F&uuml;hrern.<\/p><p>An anderer Stelle legt Eisenberg &uuml;berzeugend dar, wie verheerend sich das Festhalten an linken Dogmen in der Geschichte ausgewirkt hat, zum Beispiel an der Vorstellung von gesetzm&auml;&szlig;ig aufeinander folgenden geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklungsstufen, ein hegelianisches Erbe im Marxismus. Hegel lehrte, dass die Etappen des Weltgeistes mit logischer Notwendigkeit einander folgen, dass keine &uuml;bersprungen werden kann. In den Niederungen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung h&auml;tte dieses Erbe die Form &bdquo;einer quasi-religi&ouml;sen Gewissheit&ldquo; angenommen, dass der &bdquo;eherne Gang der Geschichte&ldquo; quasi von selbst eine sozialistische Gesellschaft hervorbringen w&uuml;rde.<\/p><p>Das habe dazu gef&uuml;hrt, hei&szlig;t es im Buch, dass Kampfgeist durch Geduld ersetzt wurde. Diese &bdquo;Haltung des fatalistischen Abwartens&ldquo; habe den Widerstand gegen Hitler gel&auml;hmt, so schreibt Eisenberg. Man dachte, es handle sich um das letzte Aufb&auml;umen des Kapitalismus vor seinem endg&uuml;ltigen Zusammenbruch.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die bestorganisierte und geschulte Arbeiterklasse Europas kapitulierte 1933 und gab &uuml;ber Nacht ihren Geist auf. Statt zum Totengr&auml;ber des Kapitalismus wurde sie, wie der Leipziger Historiker Jan Gerber schrieb, zum Totengr&auml;ber ihrer j&uuml;dischen Nachbarn.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auch das l&auml;sst sich als Warnung verstehen, den Faschisten heute nicht wieder die B&uuml;hne zu &uuml;berlassen.<\/p><p>Eisenberg bleibt aber nicht bei seiner niederschmetternden Diagnose stehen, er schl&auml;gt auch Therapien vor. Eine Option k&ouml;nne sein, gegen den &bdquo;regressiven Sog&ldquo; des rechten Populismus dem R&auml;te- und Selbstverwaltungsgedanken neues Leben einzuhauchen, wozu dieser freilich auf die H&ouml;he der Zeit gebracht werden m&uuml;sste. Es sei jedenfalls alternativlos, das &bdquo;Regime der &ouml;konomischen N&uuml;tzlichkeit, das die b&uuml;rgerliche, und leider auch die sich sozialistisch\/kommunistisch nennende Welt beherrscht&ldquo;, zu beenden. &bdquo;Wir sollten also fragen&ldquo;, schreibt Eisenberg, &bdquo;warum m&uuml;ssen 114 Millionen US-Haushalte 80 Millionen Bohrmaschinen besitzen, die im Schnitt jeweils 13 Minuten benutzt werden? Also weg mit ihnen. Es reicht eine pro Stra&szlig;e. Schluss mit dem Individualverkehr, weg mit diesen idiotischen SUVs, mit denen aus den besseren Stadtteilen ihre hochbegabten Kleinen &uuml;ber vierspurige Stadtautobahnen zur Schule fahren und auf dem R&uuml;ckweg, nachdem sie den 150-Liter-Tank aufgef&uuml;llt haben, nochmal kurz in der zweiten Reihe vorm Bio-Laden anhalten.&ldquo;<\/p><p>Dass es mit ein paar Ref&ouml;rmchen nicht getan ist, sondern dieses System von Grund auf umgekrempelt werden muss, daran sollte nach der Lekt&uuml;re dieses Buches eigentlich kein Zweifel mehr bestehen. Nur wenn es gelinge, so konstatiert der Autor, &bdquo;den auf dem Wettbewerb beruhenden Existenzkampf zu beenden und den st&auml;ndigen Einsatz der Ellbogen &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen&ldquo;, werde der &bdquo;rassistische Furor&ldquo; aufh&ouml;ren, die Menschen zu beherrschen. Auch wenn das heute wenig vorstellbar erscheint &ndash; in der Geschichte der Menschheit hat es schon viele &uuml;berraschende Wendungen gegeben. <\/p><p><em>Zwischen Anarchismus und Populismus &ndash; Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus Band 3<\/em><br>\n<em>Edition Georg-B&uuml;chner-Club<\/em><br>\n<em>Verlag Wolfgang Polkowski<\/em><br>\n<em>Gie&szlig;en 2018<\/em><br>\n<em>ISBN 978-3-9818195-3-3<\/em><br>\n<em>450 Seiten; 24,90 Euro <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich noch halbwegs einen klaren Verstand bewahrt hat, muss angesichts der Zumutungen und Verr&uuml;cktheiten der Gegenwart oft schier verzweifeln. Dass sich die Leitmedien in ihrer gro&szlig;en Mehrheit der Manipulation der Leser und Zuschauer verschrieben haben, statt die t&auml;glich auf uns einprasselnden Nachrichten zu analysieren und Hintergr&uuml;nde auszuleuchten, vertieft diese Verzweiflung noch. Umso wichtiger sind<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47774\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,208,161],"tags":[352,865,1941,2094,1904,864,1055,925,909,866,1352,2132,2037],"class_list":["post-47774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ideologiekritik","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-68er","tag-amok","tag-anarchismus","tag-digitalisierung","tag-direkte-demokratie","tag-eisenberg-goetz","tag-fluechtlinge","tag-foucault-michel","tag-kapitalismus","tag-konkurrenzdenken","tag-rechtsruck","tag-sozialismus","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47774"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47789,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47774\/revisions\/47789"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}