{"id":47795,"date":"2018-12-12T08:27:25","date_gmt":"2018-12-12T07:27:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47795"},"modified":"2018-12-12T15:18:58","modified_gmt":"2018-12-12T14:18:58","slug":"finger-weg-von-der-filterblase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47795","title":{"rendered":"Finger weg von der Filterblase!"},"content":{"rendered":"<p>Gehasst, geliebt, gef&uuml;rchtet &ndash; soziale Netzwerke polarisieren. Der franz&ouml;sische Medienwissenschaftler Fr&eacute;d&eacute;ric Filloux bezeichnete Facebook j&uuml;ngst als die <a href=\"https:\/\/mondaynote.com\/how-facebook-is-fueling-the-french-populist-rage-27a86acb9d85\">&bdquo;gef&auml;hrlichste Waffe gegen die Demokratie&ldquo;<\/a>. Und die t&uuml;rkische Soziologin Zeynep Tufekci stellte in der New York Times <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/03\/10\/opinion\/sunday\/youtube-politics-radical.html\">die These auf<\/a>, dass YouTube &bdquo;eines der m&auml;chtigsten Radikalisierungswerkzeuge des 21. Jahrhundert&ldquo; sei. Schon <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/filterblase-facebook-youtube-soziale-netzwerke-1.4245243\">machen sich Stimmen breit<\/a>, die Facebook und Co. dazu zwingen wollen, den Nutzern bestimmte Inhalte zu zeigen, um &bdquo;ihr Programm zu diversifizieren&ldquo;. Eine Schnapsidee, die man auch als Vorstufe zu einer umfassenden Zensur der Netzwerke interpretieren kann. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4562\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47795-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47795-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181212_Finger_weg_von_der_Filterblase_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Facebook ist ein unaufl&ouml;sbares Mysterium. Viele kritische Menschen sehen Facebook vornehmlich als <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17911\">US-Datenkrake<\/a>, die unsere Daten f&uuml;r die globalen Konzerne und die US-Geheimdienste ausspioniert. Diese sehen Facebook jedoch vornehmlich als Propagandawerkzeug Russlands und vor allem linksliberale Politiker und Journalisten verdammen das Netzwerk zudem als Sprachrohr der Trump-Anh&auml;nger. Die etablierten Medien <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36265\">wettern gegen echte und vermeintliche Fake News<\/a> und werfen Facebook vor, zur Radikalisierung der Menschen beizutragen.  Und in der Tat nutzen rechtsradikale Brunnenvergifter die sozialen Netzwerke sehr intensiv, um &ndash; zum gro&szlig;en Teil auch mit Falschmeldungen &ndash; Stimmung zu machen. Auf der anderen Seite w&auml;ren sowohl der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34671\">Erfolg eines Jeremy Corbyn<\/a> als auch der Massenprotest der &bdquo;Gelbwesten&ldquo; ohne Facebook gar nicht vorstellbar. Letztere sind binnen weniger Wochen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47247\">aus einer kleinen Facebook-Gruppe entstanden<\/a> und stellen heute eine Massenbewegung dar. Wenn dies nun von Medienwissenschaftlern wie Fr&eacute;d&eacute;ric Filloux als &bdquo;Gefahr f&uuml;r die Demokratie&ldquo; gesehen wird, muss man sich schon fragen, ob hier der Kompass nicht ein wenig verr&uuml;ckt ist. Um dies zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die zentralen Kritikpunkte.<\/p><p><strong>Filterblasen sind nichts Neues<\/strong><\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34836\">Algorithmen von Facebook und Co.<\/a> sind apolitisch. Den Serverfarmen der Konzerne ist es egal, ob die Nutzer Katzenvideos oder rechte Hetze anklicken, weiterempfehlen oder teilen. Wichtig ist, dass sie die Netzwerke so oft und so lange wie m&ouml;glich nutzen und dabei Werbeeinnahmen generieren. Nun verbringen Nutzer aber umso mehr Zeit in Netzwerken, die ihnen Inhalte pr&auml;sentieren, die ihrem Weltbild entsprechen. Das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal der sozialen Netzwerke. Welcher &uuml;berzeugte Antikapitalist w&uuml;rde viel Zeit mit der freiwilligen Lekt&uuml;re des Handelsblatts verbringen und welcher &bdquo;besorgte B&uuml;rger&ldquo; w&uuml;rde den Artikeln der Jungen Welt gr&ouml;&szlig;ere Aufmerksamkeit widmen? Wir lesen und schauen am liebsten Inhalte, die unserem Weltbild entsprechen und es immer wieder best&auml;tigen. Diesen Effekt nutzen auch die sozialen Netzwerke, um ihre Nutzer an sich zu binden. <\/p><p>Verst&auml;rkend kommen hier die Algorithmen hinzu. Wir alle kennen ja die Kauf-Empfehlungen gro&szlig;er Shopping-Portale &ndash; &bdquo;Kunden, die dies kauften, kauften auch das&ldquo;. Genau so funktioniert &ndash; verk&uuml;rzt betrachtet &ndash; der Algorithmus von Facebook und Co. Der Nutzer kriegt vor allem Inhalte vorgesetzt, die seinem Nutzungsverhalten und dem Nutzungsverhalten &auml;hnlicher Nutzer entsprechen. Wenn Sie also beispielsweise Facebook verraten haben, dass sie eine 50-j&auml;hrige Frau aus Berlin sind, die die NachDenkSeiten, Telepolis und die Anstalt mag, kriegen Sie mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit vor allem Inhalte angezeigt, die anderen Frauen ihres Alters gefallen haben, die &auml;hnliche Pr&auml;ferenzen haben wie sie. Je aktiver man in diesen Netzwerken ist, desto &bdquo;pr&auml;ziser&ldquo; werden dabei die Empfehlungen der Algorithmen und irgendwann geht die Wahrscheinlichkeit gegen Null, dass sie als progressive Frau in den besten Jahren Inhalte angezeigt bekommen, die fast ausschlie&szlig;lich von jungen rechten M&auml;nnern gelesen und empfohlen werden. Das nennt sich dann in der Medienwissenschaft &bdquo;Filterblase&ldquo;. Und wenn sie ihre Nachrichten nur noch &uuml;ber soziale Netzwerke beziehen, kann es vorkommen, dass ihnen ihre &bdquo;Filterblase&ldquo; nicht mehr nur noch wie ein Ausschnitt aus dem gesamten politischen und publizistischen Spektrum vorkommt. Progressive Nutzer denken dann gerne, das ganze Volk sei gegen eine private Altersvorsorge und rechte Nutzer sind &uuml;berzeugt, ganz Deutschland habe kein anderes Problem als Asylmissbrauch.<\/p><p>Auch das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal. Seit 15 Jahren weisen die NachDenkSeiten darauf hin, dass vor allem die etablierten Medien nur einen kleinen Teil des Spektrums abbilden, bestimmte Themen gar nicht erst aufgreifen und bei anderen Themen erstaunlich gleichgeschaltet wirken. Auch mit der Meinungspluralit&auml;t im Fernsehen ist das so eine Sache. Abseits des Netzes haben wir seit langer Zeit eine gro&szlig;e Filterblase, die uns tagt&auml;glich beeinflusst und uns auch von wichtigen Meinungen und Argumenten abschneidet, die dann in den alternativen Medien ihren Platz finden (m&uuml;ssen). Der gro&szlig;e Unterschied zu Facebook und Co. ist, dass diese gro&szlig;e Blase nicht auf unseren Pr&auml;ferenzen oder den Pr&auml;ferenzen von Gleichgesinnten beruht, sondern vorgegeben ist &ndash; vorgegeben von den Medienkonzernen und von der Politik. Fragt sich, was demokratischer ist.<\/p><p><strong>Intellektueller Inzest<\/strong><\/p><p>Auch wenn Filterblasen beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der sozialen Netzwerke sind, sind sie dennoch ein Problem. Sie schotten ihre Insassen n&auml;mlich von den Argumenten der Gegenseite ab und f&uuml;hren so zu einer Art intellektuellen Inzest. Dies ist bei AfD-Anh&auml;ngern zu beobachten, die sich fast nur noch in &bdquo;ihren&ldquo; Gruppen auf Facebook aufhalten, dort gezielt Links aus dem rechten Netz zugespielt bekommen, sich radikalisieren und nicht mehr f&uuml;r Argumente von &bdquo;drau&szlig;en&ldquo; zu erreichen sind. Dies trifft aber auch auf wirtschaftsliberale FDP-Anh&auml;nger zu, deren Horizont nicht mehr &uuml;ber Handelsblatt, den Wirtschaftsteil von SZ und FAZ und die Wirtschaftswoche hinausgeht. Verst&auml;rkt wird der intellektuelle Inzest durch den echten oder simulierten Herdentrieb &ndash; hier spricht man dann von einer &bdquo;Echokammer&ldquo;. Nat&uuml;rlich haben Nutzer, denen stetig die gleichen Inhalte vorgesetzt werden, ein &auml;hnliches Weltbild und best&auml;tigen sich gegenseitig. Man kommt schlichtweg an Menschen, die in ihrer Echokammer verankert sind, nicht mehr heran &ndash; das gilt sowohl f&uuml;r den Facebook nutzenden AfD-Anh&auml;nger beim Thema Asyl als auch f&uuml;r den FDP-Anh&auml;nger, der sich sein Weltbild &uuml;ber den Wirtschaftsteil von SZ und FAZ bildet. Versuchen Sie doch mal einem Exemplar dieser Gattung zu erkl&auml;ren, warum die private Altersvorsorge ein Holzweg ist; viel Spa&szlig; und vor allem Ausdauer.<\/p><p><strong>Im Zweifel: Finger weg!<\/strong><\/p><p>So klar die Analyse des Problems auch sein mag; eine einfache L&ouml;sung scheint nicht in Sicht. Die nun vorgeschlagene &bdquo;Zwangsdiversifizierung&ldquo; der Filterblase ist dabei sogar mehr als eine blo&szlig;e Schnapsidee. Einerseits ist es naiv anzunehmen, dass ein gefestigtes Weltbild schon dadurch ersch&uuml;ttert werden k&ouml;nnte, wenn man nur in Kontakt mit anderen Meinungen und Argumenten kommt. Das w&auml;re dann doch ein wenig zu einfach.<\/p><p>Viel entscheidender ist daher die Frage, wer die Auswahl treffen soll, mit welchen Inhalten die Filterblasen aufgebrochen werden sollen. Es ist ja eher unwahrscheinlich, dass man vorhat, linksliberale Communities nun mit Artikeln rechter Hetzblogs zu fluten. Es ist vielmehr zu vermuten, dass der Kampf gegen Filterblasen eigentlich ein trojanisches Pferd der Medienkonzerne und meinungsbildender Stiftungen ist. Da die demokratiegef&auml;hrdenden Symptome paradoxerweise nicht in der Mitte, sondern nur an den R&auml;ndern gesucht werden, d&uuml;rfte die vermeintliche Medizin dann sicherlich ja in der Mitte zu finden sein. Dies k&ouml;nnte man dann als staatsnahe Propaganda oder auch als Vorstufe zur Zensur betrachten; ein sehr gef&auml;hrlicher Ansatz. Facebook und Co. sollen also letztendlich die Filter einbauen, die in den K&ouml;pfen der Medienmacher schon heute ihr Werk tun.<\/p><p><strong>Aufkl&auml;rung w&auml;re der bessere Weg <\/strong><\/p><p>Dabei w&auml;re es doch vielversprechender, man w&uuml;rde den Menschen die Werkzeuge mit an die Hand geben, die ihnen helfen, Medien, soziale Netzwerke und die damit zusammenh&auml;ngenden Algorithmen besser zu verstehen. Die fehlende Medienkompetenz ist ein riesiges Problem, gegen das viel zu wenig unternommen wird. Wenn Menschen wissen, dass ihre Filterblase kein Abbild des gesamten Argumentationsspektrums ist und zahlreiche Meldungen gar nicht bis zum Nutzer vordringen l&auml;sst, wissen sie auch die sozialen Netzwerke besser einzuordnen und k&ouml;nnen kritischer mit ihnen umgehen. Von Seiten der Politik und der Medienkonzerne wirft dies jedoch ein Folgeproblem auf: Da die Filterproblematik der analogen und etablierten Medien ja durchaus vergleichbar mit der Problematik in den sozialen Netzwerken ist, w&uuml;rden m&uuml;ndige und kritische Nutzer ihre neue Sichtweise der sozialen Netzwerke auch auf die analogen und etablierten Medien &uuml;bertragen. Der damit einhergehende &ndash; faktisch ja l&auml;ngst vollzogene &ndash; Verlust des Meinungsmonopols des Establishments soll aber auf Teufel komm raus hinausgez&ouml;gert werden. <\/p><p>Dies f&uuml;hrt zu folgenden abschlie&szlig;enden Fragen: Genie&szlig;en nur etablierte Medien den Schutz der Pressefreiheit oder gilt er auch f&uuml;r soziale Medien? Gilt die Pressefreiheit eigentlich auch f&uuml;r Algorithmen? W&auml;re ein Eingriff in die Algorithmen ein Eingriff in die Pressefreiheit? Wenn man all diese Fragen mit einem &ndash; wenn auch nicht klaren &ndash; &bdquo;ja&ldquo; beantwortet, dann w&auml;re ein erzwungener Eingriff in die Algorithmen der sozialen Netzwerke ein Eingriff in die Pressefreiheit. <\/p><p>Titelbild: MichaelJayBerlin\/shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/299709b01d4f426aa826ee86c4a4996f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gehasst, geliebt, gef&uuml;rchtet &ndash; soziale Netzwerke polarisieren. Der franz&ouml;sische Medienwissenschaftler Fr&eacute;d&eacute;ric Filloux bezeichnete Facebook j&uuml;ngst als die <a href=\"https:\/\/mondaynote.com\/how-facebook-is-fueling-the-french-populist-rage-27a86acb9d85\">&bdquo;gef&auml;hrlichste Waffe gegen die Demokratie&ldquo;<\/a>. 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