{"id":4781,"date":"2010-03-15T08:39:30","date_gmt":"2010-03-15T07:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4781"},"modified":"2019-07-25T11:28:22","modified_gmt":"2019-07-25T09:28:22","slug":"franziska-augstein-von-treue-und-verrat-jorge-semprun-und-sein-jahrhundert-muenchen-beck-verlag-2008-382-s","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4781","title":{"rendered":"Franziska Augstein: Von Treue und Verrat. Jorge Sempr\u00fan und sein Jahrhundert, M\u00fcnchen (Beck Verlag) 2008, 382 S."},"content":{"rendered":"<p>Die Generation von Menschen, die man als &bdquo;alte K&auml;mpfer&ldquo; bezeichnen m&ouml;chte, die gegen ein Zwangsregime wie die Franco-Diktatur aufbegehrten, gar eine KZ-Haft &uuml;berlebten und dar&uuml;ber auch noch in literarischer Form geschrieben haben, stirbt aus. Umso verdienstvoller ist es, wenn die Historikerin und Journalistin Franziska Augstein mit einem der schillerndsten von ihnen, dem spanischen Autor Jorge Sempr&uacute;n, &uuml;ber mehrere Jahre hinweg Gespr&auml;che gef&uuml;hrt und diese zu einem Buch geb&uuml;ndelt hat, das Zeitgeschichte und Biographie vereint. Von Petra Frerichs*<br>\n<!--more--><br>\nSelten hat mich eine Mono- oder Biographie so tief beeindruckt wie diese. Sie brilliert an Kenntnisreichtum, Materialf&uuml;lle und sorgf&auml;ltiger Aufbereitung, an Einf&uuml;hlung, Respekt und Distanz sowie an sprachlicher Fl&uuml;ssigkeit, die bei Sachb&uuml;chern nicht unbedingt zu erwarten ist. Es ist in meinen Augen auch kein Sachbuch &ndash; viel zu dicht f&uuml;hrt uns die Autorin an das Leben und Wirken dieses Mannes heran, konfrontiert uns mit seinen Eigenarten, beteiligt uns beim Revuepassieren-Lassen eines Lebens voller durchlebter Gefahren, ertragener Leiden, durchstandener K&auml;mpfe, errungener Siege und erlittener Niederlagen. Eines Granden mit Herkunft aus dem Gro&szlig;b&uuml;rgertum, der im Spanischen B&uuml;rgerkrieg als Junge mit seiner Familie ins franz&ouml;sische Exil getrieben wird, der schon fr&uuml;h in der R&eacute;sistance agiert und der w&auml;hrend der Franco-Diktatur als Kommunist im Untergrund arbeitet &ndash; ganze neun Jahre lang mit gr&ouml;&szlig;tem Erfolg: er wird nie enttarnt, auch nicht verraten, fliegt nie auf, versteht es, seine &uuml;berm&auml;chtigen Widersacher, einen ganzen Apparat, auszuschalten und auszutricksen.<\/p><p>Die N&auml;he zu solchen spektakul&auml;ren Lebensumst&auml;nden im Widerstand ist das eine, was an Augsteins verlebendigender Darstellung so beeindruckt. Doch sie macht daraus keine Heldengeschichte, sondern wahrt sich als Autorin einen gewissen Abstand, um immer wieder kritisch urteilen und Stellung nehmen zu k&ouml;nnen. Das ist gerade im Fall Sempr&uacute;ns, eines so einnehmenden Menschen mit vermutlich gro&szlig;er Ausstrahlung, wohl kein leichtes Unterfangen. Es gelingt ihr aber dennoch meisterlich, sowohl die sachliche Ebene aufzusp&uuml;ren und engagiert nachzuvollziehen als auch das  recherchierte Material samt der Einsch&auml;tzungen der vorgestellten Personen autonom zu beurteilen &ndash; als Historikerin, als politisch Denkende, als Gespr&auml;chspartnerin und schlie&szlig;lich als Expertin der Romane Sempr&uacute;ns, in denen er in der zweiten H&auml;lfte seines Lebens dieses reflektiert und seine Erfahrungen verarbeitet. <\/p><p>Eine besondere Herausforderung f&uuml;r diese Methode stellt die Schilderung der Zeit dar, als Sempr&uacute;n im KZ Buchenwald einsa&szlig;, nachdem man ihn als 20j&auml;hrigen in der franz&ouml;sischen R&eacute;sistance gefasst, festgenommen und interniert hatte. Unter Hinzuziehung der Romane, in denen Sempr&uacute;n selbst sich dieses schwierigen Themas angenommen hat, wie dies etwa in &bdquo;Was f&uuml;r ein sch&ouml;ner Sonntag!&ldquo; geschieht, geht es Augstein wie auch Sempr&uacute;n nicht prim&auml;r um die Darstellung des Grauens, der Qualen, der Gemeinheiten oder der Angst aufgrund der Allgegenwart des Todes. Es ist wieder dieser Schritt zur&uuml;ck, der es Augstein erm&ouml;glicht, dem &bdquo;System KZ&ldquo; auf die Spur zu kommen, um sich mit diesem St&uuml;ck Verallgemeinerung solchen Fragen stellen zu k&ouml;nnen: wie &bdquo;funktioniert&ldquo; ein solches Lager und was macht es aus den Menschen, die hier eingepfercht sind? Am Beispiel des Brotraubs wird nachvollziehbar, wie der Kampf um das nackte &Uuml;berleben jegliche Basis f&uuml;r auch nur ein Minimum an Solidarit&auml;t zerst&ouml;rt, und dass moralische Kategorien hier nicht mehr greifen k&ouml;nnen, wo Amoralit&auml;t das Handeln der einzelnen bestimmt:<\/p><p>Es ist in der Tat der Brotraub, freilich verstanden als Chiffre f&uuml;r jede Art von Versuch, das eigene Leben zu retten. Ethisch gesehen besteht das zutiefst Verwerfliche in dem Diebstahl nicht blo&szlig; darin, dass er sich im Interesse seiner Selbsterhaltung mit der waltenden Amoral gemein macht: Er kollaboriert mit dem KZ-System. Der Brotraub ist lediglich die versch&auml;rfte Variante jeglicher Anstrengungen eines H&auml;ftlings, f&uuml;r sein eigenes &Uuml;berleben zu sorgen. Es ist letztlich nichts anderes als das Bem&uuml;hen, sp&auml;t und doch zeitig genug am Suppentopf anzukommen, so dass man eine Kellevoll vom Bodensatz erh&auml;lt, in dem Fleischfasern und Gem&uuml;se schwimmen. Wem das gelingt, der wei&szlig;, dass andere nur w&auml;ssrige Br&uuml;he bekommen haben. Der Brotraub ist nichts anderes als das Bem&uuml;hen, beim Appell in der Mitte der Reihe zu stehen, so dass man keinem SS-Mann auffallen kann. Wem das gelingt, der wei&szlig;, dass andere die Angst vor den Pr&uuml;geln durchstehen m&uuml;ssen, zu denen die Posten wom&ouml;glich aufgelegt sind. Am Ende ist der Brotraub auch nichts anderes als die F&auml;higkeit, weiterzuarbeiten, w&auml;hrend der Nebenmann vor Ersch&ouml;pfung zusammenbricht. Wem das gelingt, der wei&szlig;, dass der andere geschlagen wird, w&auml;hrend er, der &Uuml;berlebenswillige, dazu verdammt ist, schweigend zuzuschauen und weiterzuarbeiten. (S. 153)<\/p><p>Sind dies die beklemmendsten Seiten des Buchs , so die Darstellung von Sempr&uacute;ns Leben im spanischen Untergrund, vorwiegend in Schlupfl&ouml;chern der Kapitale Madrid, die aufregendsten. Hier l&auml;sst Augstein einen wahren Reigen an interessanten Menschen, man m&ouml;chte sagen: verr&uuml;ckten Typen, auftreten &ndash; Literaten, K&uuml;nstler, Intellektuelle, Adlige &ndash; wer da alles mitmischte und mit welcher List und Raffinesse man an der gemeinsamen Sache arbeitete, innerhalb und am Rande der Kommunistischen Partei Spaniens: das muss eine illustre Gesellschaft gewesen sein. Die ersten F&uuml;nfziger Jahre waren denn auch f&uuml;r Sempr&uacute;ns politisches Leben die gl&uuml;cklichsten wie erfolgreichsten, in denen er F&uuml;hrungspositionen und &ndash;aufgaben in der Partei wahrnahm und gro&szlig;es Ansehen genoss. Bis zur Wende im Jahr 1956 &ndash; ab da n&auml;hrten sich Zweifel am Kommunismus, insbesondere am Stalinismus, ab da versch&auml;rften sich die Auseinandersetzungen in der KP, die sp&auml;ter zum Ausschluss Sempr&uacute;ns und weiterer Weggef&auml;hrten f&uuml;hrten.<br>\nEin Leben voller Z&auml;suren, das immer wieder auch einen Wechsel der Identit&auml;t und des Selbstverst&auml;ndnisses erforderte &ndash; ganz abgesehen davon, wie viele menschliche und politische Entt&auml;uschungen es zu verarbeiten galt. <\/p><p>Was das Buch so interessant und lebendig macht, sind auch die vielen verstreuten Einsch&auml;tzungen zur Person Sempr&uacute;n, die Augstein aufgrund ihrer pers&ouml;nlichen Bekanntschaft und sachbezogenen N&auml;he zu ihm vorzunehmen in der Lage ist. Es ist schon spannend zu erfahren, wie Sempr&uacute;n ist, welche Eigenschaften, Eigenheiten, Eigenarten sie an ihm w&auml;hrend der Zeit der Zusammenarbeit festgestellt hat. Wer einmal einen Roman von Sempr&uacute;n gelesen hat, m&ouml;chte gerne wissen, was f&uuml;r ein Mensch sich dahinter verbirgt. Auch diese Neugier befriedigt das Buch, ohne je ins Voyeuristische abzugleiten. Es ist die Leistung einer Journalistin &bdquo;aus gutem Hause&ldquo;, der man gerne eine weite Verbreitung dieses ungew&ouml;hnlichen Buchs w&uuml;nschen m&ouml;chte, weil es Nahaufnahmen aus einer ereignisreichen Zeit &uuml;ber die politischen Verh&auml;ltnisse in Frankreich und Spanien zeigt und zugleich einen Einstieg in die literarischen Werke Sempr&uacute;ns gew&auml;hrt. <\/p><p><em>* Petra Frerichs, K&ouml;ln, promovierte zum Thema &bdquo;B&uuml;rgerliche Autobiographie und proletarische Selbstdarstellung&ldquo;, erschienen beim Verlag Haag + Herchen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Generation von Menschen, die man als &bdquo;alte K&auml;mpfer&ldquo; bezeichnen m&ouml;chte, die gegen ein Zwangsregime wie die Franco-Diktatur aufbegehrten, gar eine KZ-Haft &uuml;berlebten und dar&uuml;ber auch noch in literarischer Form geschrieben haben, stirbt aus. Umso verdienstvoller ist es, wenn die Historikerin und Journalistin Franziska Augstein mit einem der schillerndsten von ihnen, dem spanischen Autor Jorge<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4781\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,161],"tags":[1018,912,416,564],"class_list":["post-4781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-augstein-franziska","tag-buergerkrieg","tag-nationalsozialismus","tag-spanien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4781"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53679,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4781\/revisions\/53679"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}