{"id":47824,"date":"2018-12-13T11:36:36","date_gmt":"2018-12-13T10:36:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47824"},"modified":"2018-12-13T14:18:25","modified_gmt":"2018-12-13T13:18:25","slug":"duesterer-jahresausklang-in-den-philippinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47824","title":{"rendered":"D\u00fcsterer Jahresausklang in den Philippinen"},"content":{"rendered":"<p>Im S&uuml;den des Landes bleibt das Kriegsrecht bestehen, w&auml;hrend Pr&auml;sident Duterte f&uuml;r eine eigene Todesschwadron wirbt und zur T&ouml;tung missliebiger Bisch&ouml;fe aufruft. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas &uuml;ber den gesamten S&uuml;den der Philippinen seit Ende Mai 2017 bestehende Kriegsrecht wird mindestens bis Ende 2019 in Kraft bleiben. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Sitzung des philippinischen Kongresses, die am Mittwoch, dem 12. Dezember, stattfand. Das Votum fiel deutlich aus: Insgesamt stimmten 235 Mitglieder des Repr&auml;sentantenhauses und Senats mit Ja, 28 mit Nein bei einer Enthaltung. F&uuml;r den seit Sommer 2016 amtierenden Pr&auml;sidenten Rodrigo Duterte ein glatter Durchmarsch. Er und seine Gener&auml;le versprechen sich von dieser drakonischen Ma&szlig;nahme ein &bdquo;Ende von Terror und Gewalt&ldquo; im unruhigen S&uuml;den, wo seit langem muslimische Widerstandsgruppen und die Neue Volksarmee (NPA), die Guerillaorganisation der Kommunistischen Partei (CPP), f&uuml;r Selbstbestimmung beziehungsweise f&uuml;r eine volksdemokratische Republik k&auml;mpfen.<\/p><p>Inner- wie au&szlig;erparlamentarische Kritiker des Kriegsrechts bef&uuml;rchten indes eine Eskalation von Gewalt infolge anhaltender Willk&uuml;rma&szlig;nahmen seitens der Streitkr&auml;fte (AFP). Au&szlig;erdem, so ihre Kritik, seien in einem solchen Klima keine freien und fairen Midterm-Wahlen durchf&uuml;hrbar, die im Mai n&auml;chsten Jahres stattfinden sollen. Schlie&szlig;lich haben die AFP und Mitglieder zahlreicher von ihnen dirigierter Paramilit&auml;rs weiterhin freie Hand, gegen Indigene vorzugehen, die sich Gro&szlig;projekten nationaler und internationaler Minengesellschaften widersetzen. Immer wieder kommt es im Osten und Nordosten der s&uuml;dlichen Insel Mindanao zu Schikanen und Schulschlie&szlig;ungen von indigenen Gemeinschaften, weil die staatlichen &bdquo;Sicherheits&ldquo;kr&auml;fte sie bezichtigen, &bdquo;Brutst&auml;tten der NPA&ldquo; zu tolerieren.<\/p><p>70 Jahre nach der Unterzeichnung der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 haben philippinische B&uuml;rgerrechtler und Menschenrechtsorganisationen allen Grund, tiefer in Deckung zu gehen. Dennoch hatten linke und fortschrittliche Vereinigungen und Gruppen, darunter die von zahlreichen bekannten Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens unterst&uuml;tzte &bdquo;Bewegung gegen Tyrannei&ldquo; (MAT), auch an diesem 10. Dezember Kr&auml;fte mobilisiert, um gegen staatliche Gewalt und Terror im Rahmen des pr&auml;sidialen &bdquo;Anti-Drogenkrieges&ldquo; zu demonstrieren. Die Oppositionspolitikerin und Senatorin Risa Hontiveros ver&ouml;ffentlichte am selben Tag eine Erkl&auml;rung, in der sie Duterte als &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Bedroher der Menschenrechte in den Philippinen&ldquo; bezeichnete. Ein Statement, das Frau Hontiveros schon bald teuer zu stehen kommen k&ouml;nnte, wenngleich Duterte in ihr keine ernsthafte politische Herausforderin sieht.<\/p><p>Zum Jahreswechsel offenbart das Duterte-Regime einmal mehr, dass sich politische Machinationen, Einsch&uuml;chterungen, Todesdrohungen und pr&auml;sidiales Maulheldentum noch immer toppen lassen. Offener Widerspruch und &ouml;ffentliche Kritik sind f&uuml;r den Pr&auml;sidenten ein rotes Tuch. Zuwiderhandlungen l&auml;sst er rasch durch ihm ergebene Beamte mit Festnahmen wie im Falle von Senatorin Leila de Lima oder Amtsenthebungen wie im Falle von Maria Lourdes Sereno, der fr&uuml;heren Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes, ahnden. Maria Ressa, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin des Online-Magazins <em>Rappler<\/em> und zuvor langj&auml;hrige CNN-Korrespondetin in S&uuml;dostasien, soll unter der Anschuldigung von Steuerhinterziehung mundtot gemacht werden. Der f&uuml;r seine frauenfeindlichen &Auml;u&szlig;erungen ber&uuml;chtigte Duterte hatte bereits vor einem Jahr Angeh&ouml;rige der AFP ermuntert, NPA-Kombattantinnen gezielt in die Geschlechtsteile zu schie&szlig;en, dann seien sie &bdquo;n&auml;mlich auch als Frauen nutzlos&ldquo;.<\/p><p>Rappler gilt Duterte als Dorn im Auge, weil es kritisch dessen ausufernden &bdquo;Anti-Drogenkrieg&ldquo; be&auml;ugt. Diesem sind bis zum Monatsbeginn laut Mitteilung der Philippinischen Nationalpolizei (PNP) an den Obersten Gerichtshof 22.983 Menschen zum Opfer gefallen, wobei ann&auml;hernd 5.000 Tote auf das Konto der PNP gehen. Bei den anderen ann&auml;hernd 18.000 Get&ouml;teten handelt es sich laut PNP um Opfer von Vigilantegruppen &ndash; allesamt unaufgekl&auml;rte Verbrechen. Nichts f&uuml;rchten Filipinos heute mehr, als in die N&auml;he von Drogens&uuml;chtigen oder -dealern ger&uuml;ckt zu werden. Selbst Juristen scheuen sich, in solche Rechtsverfahren, so es sie noch gibt, hineingezogen zu werden. Anfang November wurde mit Benjamin Ramos ein weiterer Menschenrechtsanwalt auf offener Stra&szlig;e in Kabankalan auf der Insel Negros erschossen. Ramos hatte sich vor allem engagiert f&uuml;r die Rechte landloser Bauern und mittelloser Landarbeiter eingesetzt. Er ist bis dato der 34. Anwalt, der unter dem Duterte-Regime ermordet wurde.<\/p><p><strong>Markenzeichen &bdquo;Duterte Death Squad&ldquo; (DDS)<\/strong><\/p><p>Um wirksamer gegen &bdquo;Drogens&uuml;chtige, Linke und Terroristen&ldquo; vorzugehen, k&uuml;ndigte Duterte am 27. November die Aufstellung einer eigenen Todesschwadron, der &bdquo;Duterte Death Squad&ldquo; (DDS), an. Zum Wohlgefallen seiner noch immer betr&auml;chtlichen politischen Fangemeinde. Das K&uuml;rzel &bdquo;DDS&ldquo; stand f&uuml;r &bdquo;Davao Death Squad&ldquo;, einer Todesschwadron, die w&auml;hrend der &uuml;ber 20-j&auml;hrigen Amtszeit von Duterte als B&uuml;rgermeister von Davao City im S&uuml;den des Landes ihr Unwesen trieb und f&uuml;r weit &uuml;ber tausend Morde verantwortlich war. Unbestritten ist, dass Duterte deren Treiben billigend in Kauf nahm. In- wie ausl&auml;ndische Menschenrechtsorganisationen &ndash; darunter Human Rights Watch sowie amnesty international &ndash; gehen indes davon aus, dass Duterte am Aufbau der DDS direkt beteiligt war und deren Mordreigen ausdr&uuml;cklich begr&uuml;&szlig;te. Bereits w&auml;hrend seines Wahlkampfs hatte Duterte keinen Hehl daraus gemacht, dass er als Pr&auml;sident das ganze Land gern in der Manier zu lenken gedenke, wie er es zuvor in Davao praktiziert hatte.<\/p><p>Einmal als Pr&auml;sident gew&auml;hlt, wurde DDS umgedeutet in &bdquo;Diehard Duterte Supporters&ldquo; (&bdquo;Eingefleischte Duterte-Unterst&uuml;tzer&ldquo;). Diese meist in Rothemden auftretenden Duterte-Sympathisanten sind mittlerweile auch au&szlig;erhalb des Landes aktiv und r&uuml;hren dort unter der philippinischen Diaspora die Trommel f&uuml;r den Pr&auml;sidenten. Nicht wenige DDS-ler werden von Regierungsstellen daf&uuml;r bezahlt, regimekritische Veranstaltungen in den USA oder in Europa gezielt zu st&ouml;ren oder in dortigen Kirchengemeinden Fu&szlig; zu fassen.<\/p><p>Am 5. Dezember schlie&szlig;lich benannte Duterte in einer Rede vor Lokalpolitikern aus verschiedenen St&auml;dten und Gemeinden seine neuesten ausgemachten Feinde &ndash; Mitglieder des oberen Klerus. In dieser Rede merkte er beil&auml;ufig Ungeheuerliches an: &bdquo;Eure Bisch&ouml;fe, t&ouml;tet sie. Diese dummen Leute sind nutzlos. Alles, was sie tun, ist, nur zu kritisieren.&rdquo; Namentlich hatte es der Pr&auml;sident auf den Bischof der Dioz&ouml;se von Caloocan (im Norden Manilas), Pablo Virgilio David, abgesehen, der mehrfach als beredter Kritiker von Dutertes &bdquo;Anti-Drogenkrieg&ldquo; in Erscheinung trat.<\/p><p>Wie stets in solch h&ouml;chst kontroversen Situationen wiegelte Dutertes Sprecher und Rechtsberater Salvador Panelo sofort ab und versuchte alles herunterzuspielen. Der Pr&auml;sident, so Panelo, bediene sich halt h&auml;ufig &bdquo;dramatischer Effekte&ldquo; und &bdquo;gezielter &Uuml;bertreibungen&ldquo;. W&ouml;rtlich f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Wir sollten uns mittlerweile an den Pr&auml;sidenten gew&ouml;hnt haben. Worauf er einfach hinaus will, ist dies: H&ouml;rt auf mit dem Kritisieren und tut einfach Gutes f&uuml;r dieses Land.&rdquo;<\/p><p>Dem widerspricht vehement Randy David, ein angesehener Soziologe, Kolumnist der englischsprachigen Tageszeitung <em>The Philippine Daily Inquirer<\/em> (PDI) und Bruder des inkriminierten Bischofs. In seinem Beitrag f&uuml;r die Sonntagsausgabe des PDI vom 9. Dezember, den er mit &bdquo;Blood on the President&rsquo;s hands&rdquo; betitelte, sorgt sich David um die Sicherheit seines Bruders und schlie&szlig;t nicht aus, dass Lakaien des Pr&auml;sidenten tats&auml;chlich dessen Aufruf zum Mord folgen. Er zitierte sodann jene Passagen, die Duterte in seiner Tirade gegen seinen Bruder bem&uuml;hte. &bdquo;F&uuml;r die bisherigen 4.000 plus Zwischenf&auml;lle mit der Polizei (gemeint waren die von der PNP knapp 5.000 get&ouml;teten vermeintlichen Drogenabh&auml;ngigen &ndash; <em>RW<\/em>) &uuml;bernehme ich die volle Verantwortung und stehe daf&uuml;r grade. Sollte ich daf&uuml;r im Gef&auml;ngnis landen, so sei es denn.&rdquo;<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/%20ea66b385080f4f2b8802b29a85e80eeb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><br>\nDr. <strong>Rainer Werning<\/strong>, Politikwissenschaftler &amp; Publizist mit dem Schwerpunkt S&uuml;dost- und Ostasien, befasst sich u.a. seit 1970 intensiv mit den Philippinen. Zur Jahreswende erscheint das von ihm ko-herausgegebene <strong>Handbuch Philippinen<\/strong> in mittlerweile 6., aktualisierter und erweiterter Auflage (regiospectra Verlag, Berlin).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im S&uuml;den des Landes bleibt das Kriegsrecht bestehen, w&auml;hrend Pr&auml;sident Duterte f&uuml;r eine eigene Todesschwadron wirbt und zur T&ouml;tung missliebiger Bisch&ouml;fe aufruft. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,20],"tags":[2183,2196,2539,305,2520,1971,2360],"class_list":["post-47824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","tag-duterte-rodrigo","tag-indigene-voelker","tag-kriegsrecht","tag-menschenrechte","tag-mord","tag-philippinen","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47824"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47835,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47824\/revisions\/47835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}