{"id":47870,"date":"2018-12-15T11:45:24","date_gmt":"2018-12-15T10:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47870"},"modified":"2018-12-30T14:00:19","modified_gmt":"2018-12-30T13:00:19","slug":"mexiko-lopez-obradors-kampfansage-an-den-neoliberalismus-und-die-aussichten-eines-souveraenen-sozialstaates-in-us-nachbarschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47870","title":{"rendered":"Mexiko \u2013 L\u00f3pez Obradors Kampfansage an den Neoliberalismus und die Aussichten eines souver\u00e4nen Sozialstaates in US-Nachbarschaft"},"content":{"rendered":"<p>Seit vergangenem 1. Dezember und f&uuml;r die kommenden sechs Jahre hat die Republik Mexiko einen neuen Pr&auml;sidenten. Den ersten &bdquo;genuinen Linken&ldquo; in ihrer Geschichte, so wird im Land selbst und weltweit angemerkt. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAus bescheidenen Familienverh&auml;ltnissen spanischer Emigranten stammend, die sich im mexikanischen Bundesstaat Tabasco niederlie&szlig;en, ist der 65-j&auml;hrige Diplom-Politologe Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador &ndash; popularisiert durch sein Namensakronym AMLO &ndash; Protagonist einer politischen Chronik des sozialen und rechtlichen Widerstands, deren erste Seiten vor mehr als 25 Jahren in der s&uuml;dostmexikanischen Yucat&aacute;n-Halbinsel mit Blockaden gegen die schrittweise Privatisierung des staatlichen Erd&ouml;lkonzerns Pemex geschrieben wurden.<\/p><p>Obwohl seine politische Karriere in der bis zuletzt seit fast einem Jahrhundert regierenden Partei der Institutionellen Revolution (PRI) begann, bezeichnet die politische Standortbeschreibung &ndash; vor allem mit Verweis auf die wiederholten Massenprotestm&auml;rsche gegen soziale und politische Missst&auml;nde, die er vom S&uuml;dosten des Landes auf nahezu 800 Kilometern in die Hauptstadt anf&uuml;hrte &ndash; mehrheitlich sein Profil als das eines sozialen K&auml;mpfers.<\/p><p><strong>Das politische Erbe des <em>Cardenismo<\/em><\/strong><\/p><p>Selbst bezeichnet sich AMLO gern als Erbe der historischen Figur des L&aacute;zaro C&aacute;rdenas del R&iacute;o. General C&aacute;rdenas beteiligte sich an der Mexikanischen Revolution (20. November 1910 bis 1917, mit einem Nachspiel im Jahr 1934), die als Grundsteinlegung des eigentlichen, modernen mexikanischen Staates gilt, und war F&uuml;hrungsgr&uuml;nder der PRI. Mit dem Aufbau von Landgenossenschaften verwirklichte C&aacute;rdenas als erster mexikanischer Politiker die vom legend&auml;ren Revolutionsf&uuml;hrer Emiliano Zapata geforderte Agrarreform und k&auml;mpfte ebenso f&uuml;r die Verstaatlichung der mexikanischen Naturressourcen, insbesondere der Erd&ouml;lvorkommen.<\/p><p>Als Mexikos Pr&auml;sident (1934-1940) f&ouml;rderte C&aacute;rdenas zur Vereinheitlichung der sozialen und Arbeiterbewegung die Gr&uuml;ndung des mexikanischen Gewerkschaftsbundes (CTM) sowie den Aufbau von Bauern-Konf&ouml;derationen, setzte die erste Agrarreform mit sechsj&auml;hriger Dauer durch, womit Land an verarmte Bauern und indigene V&ouml;lker verteilt und ein Kreditsystem f&uuml;r Dorfgenossenschaften eingef&uuml;hrt, jedoch gleichzeitig und erstaunlicherweise die Vorrechte der Milit&auml;rs beschnitten wurden; ein Unikum in der Geschichte der lateinamerikanischen Kasernen-Geschichte.<\/p><p>Im aktuellen weltpolitischen Vergleich k&ouml;nnte AMLOs ideologische Zuordnung daher als mexikanische Spielart eines sozialdemokratischen Nationalismus beschrieben werden, der zwar den Markt nicht ablehnt, doch die St&auml;rkung des Nationalstaates und der nationalstaatlichen Souver&auml;nit&auml;t zur Maxime hat.<\/p><p><strong>L&oacute;pez Obradors politische Karriere<\/strong><\/p><p>Dreimal bewarb er sich als Pr&auml;sidentschaftskandidat, zweimal scheiterte er; einmal wegen fragw&uuml;rdiger Transparenz der Wahlen. Dass er sich auch gern auf die sogenannte &bdquo;indianische Demokratie&ldquo; beruft, hat eher pers&ouml;nliche Gr&uuml;nde und erkl&auml;rt auch seinen ersten Wahlerfolg als Pr&auml;sidentschaftsbewerber.<\/p><p>In den sp&auml;ten 1970-er Jahren hatte er das Koordinationszentrum Chontal f&uuml;r Indigene Fragen in Nacajuca geleitet, anschlie&szlig;end als Direktor des Nationalen Plans f&uuml;r unterentwickelte Gebiete und marginalisierte Gesellschaftsgruppen und schlie&szlig;lich f&uuml;nf Jahre lang als Beauftragter des Nationalen Instituts f&uuml;r Indigene Angelegenheiten (INI) gewirkt.<\/p><p>In diesen Funktionen lernte AMLO die basisorientierten Versammlungen und plebiszit&auml;ren Beschlussfassungen der von vielf&auml;ltiger Ausgrenzung betroffenen, rund 12 Millionen Menschen z&auml;hlenden &bdquo;rein&ldquo; indigenen Bev&ouml;lkerung (ca. 110 unterschiedliche ethnische Gruppen) sch&auml;tzen, die ihn mehrheitlich im Juli 2018 w&auml;hlte und deren Vertreter ihn am vergangenen 1. Dezember mit einem Ritual unter spirituellen Schutz stellten.<\/p><p>Bisheriger H&ouml;hepunkt seiner 25-j&auml;hrigen politischen Karriere &ndash; deren Kurzfassung in der NachDenkSeiten-Ausgabe vom 2. Juli 2018 mit dem Titel &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44731\">Mexiko &ndash; Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador, der Hoffnungstr&auml;ger<\/a>&rdquo; nachzulesen ist &ndash; war AMLOs Amtszeit als Gouverneur und B&uuml;rgermeister von Mexico City (2000-2006). Als vielf&auml;ltig preisgekr&ouml;nter Verwalter beendete er wegen der rigorosen Transparenz und der Korruptionsbek&auml;mpfung seine Amtszeit mit einer mehr als 80-prozentigen Popularit&auml;tsrate.<\/p><p>Die breite Masse der im Mutterland (130 Millionen) und in den USA (20 Millionen) lebenden Mexikaner hatte ihn w&auml;hrend der j&uuml;ngsten Wahlkampagne jedoch aus einem zus&auml;tzlichen und entscheidenden Grund in Erinnerung. N&auml;mlich wegen seiner Sozialpolitik, die die allgemeine Altersrente in der Hauptstadt, die kostenfreie Verteilung von Lehr- und Schulmaterial an Grundsch&uuml;ler, den Mutterschafts-Zuschuss f&uuml;r alleinerziehende M&uuml;tter sowie kostenlose Gesundheitspflege und Medikamenten-Verteilung an benachteiligte Bev&ouml;lkerungsgruppen eingef&uuml;hrt hatte; Programme, die damals von neoliberalen Heilspredigern des &bdquo;Minimalstaates&ldquo; kritisiert, sp&auml;ter jedoch auf mehrere Bundesstaaten ausgedehnt wurden.<\/p><p><strong>Pers&ouml;nliche Askese<\/strong><\/p><p>Unabh&auml;ngige und progressive mexikanische Medien wie die Tageszeitung <a href=\"https:\/\/www.jornada.com.mx\/ultimas\/2018\/12\/01\/201cacepto-el-reto-no-tengo-derecho-a-fallar201d-amlo-8853.html\"><em>La Jornada<\/em><\/a> fragen sich bereits zu Recht, wie will AMLO seine hochgesteckten Ziele erreichen? Welche Herausforderung wird die US-amerikanische Administration Donald Trump f&uuml;r eine solche Agenda stellen? Kann die mexikanische Wirtschaft, die zweitgr&ouml;&szlig;te Lateinamerikas, in dem Tempo wachsen, wie dies zur Unterst&uuml;tzung solcher Reformen erforderlich ist? Kann die landesweite und tief verwurzelte Korruption so leicht wie geplant &bdquo;ausgerottet&ldquo; werden?<\/p><p>L&oacute;pez Obrador, so steht jedenfalls fest, pr&auml;sentierte mit seiner Vereidigungsrede eine k&uuml;hne Vision f&uuml;r die nahe Zukunft Mexikos. Umgeben von internationalen G&auml;sten &ndash; vom britischen Labour-F&uuml;hrer Jeremy Corbyn &uuml;ber die Trump-Tochter Ivanka, Kanadas Premier Justin Trudeau bis hin zu den Pr&auml;sidenten Kubas, Venezuelas und Boliviens (Miguel D&iacute;az-Canel, Nicol&aacute;s Maduro und Evo Morales), ein Prominenten-Aufgebot, in dem die deutschen SPD und Linken wieder einmal durch Abwesenheit gl&auml;nzten &ndash; zog der neue Pr&auml;sident mit einer and&auml;chtigen, jedoch scharfen Ansprache vom Leder.<\/p><p>&bdquo;Ein neues Zeitalter beginnt in Mexiko, und zwar mit einer radikalen Wende!&ldquo;, prophezeite AMLO und erhob w&auml;hrend seiner <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tB-ARwCdKE0\">eine Stunde und 22 Minuten langen Rede<\/a> mehrmals einen kalkuliert dramaturgischen Blick vom Rednerpult auf das tausendfach applaudierende Publikum auf den Trib&uuml;nen des mexikanischen Parlaments. Als sei er von der asketischen Lebens- und Verwaltungs-Philosophie des schon mythenhaften uruguayischen Pr&auml;sidenten Jos&eacute; &ldquo;Pepe&ldquo; Mujica befl&uuml;gelt, verk&uuml;ndete er als Erstes Selbstbescheidung und Selbstbeschr&auml;nkung.<\/p><p>So zum Beispiel, dass er den offiziellen Pr&auml;sidenten-Jet an die USA verkaufen und k&uuml;nftig seine Fl&uuml;ge als Staatsoberhaupt in der Economy-Klasse der normalen Sterblichen buchen lassen werde. Auch werde er nicht in den prunkvollen, im Chapultepec-Park Mexiko-Stadts gelegenen Regierungspalast Los Pinos einziehen, in dem L&aacute;zaro C&aacute;rdenas als erster in den 1930-er Jahren residierte. Nein, er, AMLO, werde weiterhin sein bescheidenes Eigentums-Appartment bewohnen &ndash; eine symbolische, jedoch h&ouml;chst publikumswirksame Ank&uuml;ndigung, denn am gleichen Tag str&ouml;mten bereits tausende Fu&szlig;volk-Mexikaner zu Los Pinos, um die seit &uuml;ber einem Jahrhundert unzug&auml;nglichen und geheimnisumwitterten <em>Interieurs<\/em> der Pr&auml;sidentenresidenz zu bestaunen, die durch offizielle Anweisung des Pr&auml;sidenten mit sofortiger Wirkung in ein Museum umgewandelt wurde.<\/p><p>Im &Uuml;brigen wolle er auch keine Leibgarde und keinen Personenschutz mehr. Der Generalstab des Pr&auml;sidenten (EMP) solle aufgel&ouml;st und seine 2.021 M&auml;nner und Frauen &ndash; darunter 1.586 Milit&auml;rs (12 Gener&auml;le und Admirale, 187 Hauptleute und 550 Offiziere), 52 Polizisten und 383 Zivilisten &ndash; in die neue Nationalgarde zur Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung eingegliedert werden. Ja, der mexikanische Staat wird von allerhand Anachronismen umrankt, denn mit der im Jahr 1952 gegr&uuml;ndeten und ihm unterstellten Pr&auml;sidentengarde (CGP) betr&auml;gt die &bdquo;Truppenst&auml;rke&ldquo; des EMP ausschweifend unn&ouml;tige und unt&auml;tige 6.026 M&auml;nner und Frauen.<\/p><p>Als unerwartete Geste der Selbstbeschr&auml;nkung erlegte sich L&oacute;pez Obrador schlie&szlig;lich eine einzige Amtszeit auf. &bdquo;Ich habe kein Recht zu versagen und verzichte von vornherein auf meine eigene Wiederwahl!&ldquo;, erkl&auml;rte er mit herausforderndem Unterton, der von seinen Anh&auml;ngern mit gemischten Gef&uuml;hlen aufgenommen wurde; immerhin erwarte doch das Volk die Fortsetzung einer erfolgreichen, zudem fortschrittlichen Pr&auml;sidentschaft. Nein! Die Wende in Mexiko stehe auch im Zeichen einer respektableren, rechtschaffenen Demokratie, verteidigte AMLO seinen Entschluss.<\/p><p><strong>Gewalt und Amnestierung der Korrupten: die akuten Herausforderungen und die Konzilianz AMLOs<\/strong><\/p><p>Wie die NachDenkSeiten am 11. November 2017 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41025\">berichteten<\/a>, ist der mexikanische Alltag von haarstr&auml;ubender Gewalt-Bilanz gepr&auml;gt: 100.000 Tote und 30.000 Vermisste bis Mitte 2017; so viele Opfer, wie die ein Jahrzehnt andauernden B&uuml;rgerkriege im Mittelamerika der 1980-er Jahre forderten (&bdquo;A 10 a&ntilde;os de la guerra contra el narco: 100 mil muertos y 30 mil desaparecidos&ldquo; &ndash; <em>El Milenio<\/em>, 11.12.2016).<\/p><p>Nicht weniger dramatisch sind die Auswirkungen der landesweit tief und historisch verwurzelten Korruption auf Staat und Gesellschaft. Wie die kubanische Nachrichtenagentur im Gespr&auml;ch mit dem Vorsitzenden des mexikanischen Verbandes der Ethik- und Compliance-Experten (Ampec), Fernando Senties, ermittelte, belaufen sich die Kosten der <a href=\"https:\/\/www.prensa-latina.cu\/index.php?o=rn&amp;id=214685&amp;SEO=advierten-costos-de-la-corrupcion-en-mexico\">Korruption in Mexiko<\/a> auf beachtliche 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).<\/p><p>Senties warnt jedoch. Obwohl einige Studien diese Verluste zwischen 2 und 9 Prozent des BIP ansetzen, k&ouml;nnte der Verlust drastisch h&ouml;her sein, wenn der &bdquo;unregelm&auml;&szlig;ige Umgang mit Geld in Privatunternehmen&ldquo; (sic!) fundierter in Betracht gezogen w&uuml;rde. Nach Sch&auml;tzung Sent&iacute;es&lsquo; erreiche die tats&auml;chliche Korruption bis zu schwindelerregende 18 Prozent des BIP, einschlie&szlig;lich kleiner und mittlerer Unternehmen, von denen 82 Prozent zugeben, dass sie irgendwann Bestechungsgelder zahlen mussten.<\/p><p>Am Obersten Rechnungshof Mexikos wurden bis Mitte 2018 mindestens 800 Klagen, in der Hauptsache gegen Beamte von AMLOs Vorg&auml;nger-Regierung Pe&ntilde;a Nieto, eingereicht, jedoch sei fraglich, ob diese Klagen auch konsequent von der Justiz verfolgt w&uuml;rden. &bdquo;All&lsquo; diese Prozesse sollten aus meiner Sicht rigoros von der Justiz durchgefochten werden, was der kommenden Regierung viel Glaubw&uuml;rdigkeit verleihen w&uuml;rde&rdquo;, forderte Senties, doch der neue Pr&auml;sident denkt anders.<\/p><p>Die Exekutive werde keine Verfolgung gegen korruptionsverd&auml;chtigte oder angeklagte &bdquo;Beamte der Vergangenheit&rdquo; fordern. Die grundlegende Sache bestehe darin, &bdquo;die Verbrechen der Zukunft zu vermeiden&rdquo;, warnte AMLO. Die Justizbeh&ouml;rden sollten selbstverst&auml;ndlich freie Hand zur Bestrafung der Verantwortlichen haben, doch ziehe er es vor, &bdquo;niemanden zu verfolgen, um dem Zirkus und der Scheinheiligkeit ein Ende zu setzen&ldquo;. &bdquo;Seien wir doch ehrlich!&ldquo;, provozierte der neue Pr&auml;sident, der statt der Massenprozesse vielmehr eine Massenamnestie, die Befriedung und einen &bdquo;Neubeginn&ldquo; vorzieht. &bdquo;Wenn wir die Prozessdateien &ouml;ffnen, werden wir uns doch wieder nur auf einzelne S&uuml;ndenb&ouml;cke beschr&auml;nken, wie es immer der Fall war!&ldquo;.<\/p><p>Was jedoch Kritikern aus dem eigenen, progressiven Lager unangenehm aufst&ouml;&szlig;t, ist <a href=\"https:\/\/adnpolitico.com\/presidencia\/2018\/11\/15\/limpia-en-policias-y-mando-unico-militar-8-ejes-del-plan-de-seguridad-de-amlo\">das Vertrauen des neuen Pr&auml;sidenten<\/a> in die der Gewalt und Korruption vielfach angeklagten Streitkr&auml;fte, denen AMLO nach wie vor die zentrale Rolle in der Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung einr&auml;umt.<\/p><p><strong>Kampfansage an den Neoliberalismus und Burgfrieden mit Donald Trump: L&oacute;pez Obradors k&uuml;hne Mexiko-Vision<\/strong><\/p><p>&bdquo;Ich werde 16 Stunden am Tag arbeiten, um in sechs Jahren freiwillig die vollendete Transformation zu verlassen, die den R&uuml;ckfall in die Vergangenheit behinderte&ldquo;, verk&uuml;ndete prophetisch Mexikos neuer Pr&auml;sident. &bdquo;Warum geben Sie nicht zu, dass der Neoliberalismus versagt hat, dass es mehr Arme gibt, Gewalt und Schulden?&rdquo;, zog er sodann in seiner Vereidigungsrede gegen das marode Wirtschaftssystem und seine Repr&auml;sentanten vom Leder, ersparte jedoch auch &bdquo;einer bestimmten Presse&ldquo; nicht seine Kritik: &bdquo;In den vergangenen 30 Jahren widmeten sich einige Medien dem Beifall (der Herrschenden) und dem Schweigen, dem Gehorsam und dem Schweigen, der Beweihr&auml;ucherung des Regimes sowie dieser Partei oder jener Partei&rdquo;.<\/p><p>Zusammengefasst verspricht sein ehrgeiziges Regierungsprogramm au&szlig;er einer drakonischen Korruptionsbek&auml;mpfung:<\/p><ul>\n<li>eine 14,3-prozentige Erh&ouml;hung des Mindestlohns, der mit umgerechnet 80 Euro\/Monat ab 1. Januar 2019 Millionen Mexikaner aus extremer Armut befreien soll, doch nach wie vor zu den niedrigsten Lateinamerikas (z. Vgl. Argentinien: 500 Dollar\/Monat) geh&ouml;ren wird<\/li>\n<li>die Einstellung s&auml;mtlicher Privatisierungen<\/li>\n<li>massive Investitionen in Bildung, Infrastruktur und soziale Leistungen<\/li>\n<li>die Dezentralisierung von Regierung und Verwaltung<\/li>\n<li>den Ausbau der Infrastruktur, so z.B. mit der Expansion der mexikanischen &Ouml;lraffinerien und der Maya-Bahn (&bdquo;Tren Maya&ldquo;), die in 4 Jahren und zum Kostenaufwand von 6 bis 8 Milliarden Dollar die wichtigsten touristischen Ziele der Regionen Canc&uacute;n, Tulum, Calakmul, Palenque und Chichen Itz&aacute; mit modernen Hochgeschwindigkeitsz&uuml;gen zusammenschlie&szlig;en und tausende Arbeitspl&auml;tze schaffen soll; ein gleichsam chronisches und dramatisches Nachholbed&uuml;rfnis, leben zwar 130 Millionen Mexikaner im Heimatland, doch 20 Millionen &ldquo;Chicanos&ldquo; emigrierten auf der Suche nach Arbeit und dem t&auml;glich Brot in die USA.<\/li>\n<\/ul><p>Dem Beispiel der ehemaligen Pr&auml;sidenten Dilma Rousseff (Brasilien), Jos&eacute; Mujica (Uruguay) und des amtierenden bolivianischen Staatschefs Evo Morales folgend, beschnitt AMLO sein k&uuml;nftiges Pr&auml;sidenten-Sal&auml;r um 60 Prozent und forderte die Geh&auml;lter-Beschneidung hoher Staatsbeamter, insbesondere in der Justiz, die jedoch mit einer w&uuml;tenden Kampagne die Di&auml;tenk&uuml;rzung ablehnt.<\/p><p>&bdquo;Es beginnt die vierte Transformation des &ouml;ffentlichen Lebens in Mexiko. Ich werde mein Wort halten und Mexiko nicht entt&auml;uschen&rdquo;, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/lopezobrador_\/status\/1068880686134620162\">twitterte L&oacute;pez Obrador<\/a> wenige Stunden nach seiner Amtseinf&uuml;hrung.<\/p><p><strong>Mit und gegen Trump: AMLOs Chance f&uuml;r eine Geopolitik im Balance-Akt<\/strong><\/p><p>Den meisten Mexikanern ist selbstverst&auml;ndlich gegenw&auml;rtig, dass die USA in den vergangenen 170 Jahren den gr&ouml;&szlig;ten Landraub in der Geschichte gegen ihr Land ver&uuml;bten. Mit dem im Februar 1848 unterzeichneten Vertrag von Guadalupe Hidalgo, zur Beendigung des amerikanischen Interventionskriegs gegen Mexiko, b&uuml;&szlig;te das Land s&uuml;dlich des Rio Grande fast die H&auml;lfte seines Territoriums durch Abtretungen an die USA ein, die umgekehrt mit der Einverleibung Kaliforniens, Neu Mexikos, Arizonas und Texas rund 15 Prozent an Fl&auml;che dazugewannen.<\/p><p>Dass zus&auml;tzlich zu den 20 Millionen &ldquo;Chicanos&ldquo; im Jahr 2015 rund 3,4 Millionen Zentralamerikaner &ndash; etwa 8 Prozent der 43,3 Millionen Einwanderer &ndash; in den USA lebten, deren Heimatl&auml;nder El Salvador, Guatemala und Honduras ebenso wie Mexiko seit nahezu zwei Jahrhunderten von den USA kolonisiert, milit&auml;risch besetzt oder politisch interveniert wurden, ausgerechnet auf dem Boden ihres vermeintlichen Henkers existentielle Zuflucht suchen, mag so manch einer und einem als bittere Ironie erscheinen.<\/p><p>Wie bei seinem r&uuml;den Umgangsstil &uuml;blich, machte US-Pr&auml;sident Donald Trump sich in den vergangenen Monaten mit dem Spitznamen &bdquo;Juan Trump&ldquo; &uuml;ber AMLO lustig, der aus historischem und aktuellem Anlass &ndash; vor allem dem Bau der Mauer an der Grenze zu Mexiko, der Einsperrung von Migranten in K&auml;figen und dem Schussbefehl auf Migranten-Karawanen &ndash; umgekehrt den US-Amerikaner <a href=\"https:\/\/www.elnuevoherald.com\/opinion-es\/article222624670.html\">als &bdquo;Rassisten&ldquo; beschimpfte<\/a>. Dennoch schrieb der im Juli 2018 frisch gew&auml;hlte Pr&auml;sident Mexikos einen konzilianten Brief an seinen US-Kollegen, der wiederum mit unerwartet &uuml;berschw&auml;nglichem Tweet seinem linken Kontrahenten herzlich zu dessen Wahl gratulierte und einer Zusammenarbeit nahezu euphorisch entgegensah.<\/p><p>Zusammengefasst schlug AMLO der US-Regierung eine Kooperation in 5 Punkten vor:<\/p><ol>\n<li>Die L&ouml;sung des Migrationsproblems solle mit einem &bdquo;Entwicklungsplan, der die mittelamerikanischen L&auml;nder einbezieht&rdquo; einhergehen.<\/li>\n<li>Von mexikanischer Seite werde alles getan, damit die Mexikaner nicht aus Armut oder wegen Gewalt migrieren m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Es sollen Neuverhandlungen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) abgeschlossen werden.<\/li>\n<li>Die Bek&auml;mpfung der Korruption sei der Fokus der k&uuml;nftigen Regierung.<\/li>\n<li>Es sollen verschiedene wirtschaftliche Projekte entlang der mehr als 3.000 Kilometer langen Grenze zu den USA gemeinsam angegangen werden, die zur Verbesserung der Wirtschaft in Mexiko beitragen w&uuml;rden.<\/li>\n<\/ol><p>Im k&uuml;nftigen Verh&auml;ltnis zu den USA zieht Mexikos neuer Pr&auml;sident also einen ausgesprochen pragmatischen Kurs vor. Wie lange dieser konfliktlos h&auml;lt, h&auml;ngt u.a. von AMLOs au&szlig;enpolitischem Kurs gegen&uuml;ber der Europ&auml;ischen Union (EU) und China ab.<\/p><p>Christophe Ventura, Professor f&uuml;r Geopolitik, Mitglied von La France Insoumise und <a href=\"https:\/\/www.amazon.fr\/L%C3%A9veil-dun-continent-G%C3%A9opolitique-lAm%C3%A9rique\/dp\/2200291167\">Lateinamerika-Experte<\/a> des Institut de relations internationales et strat&eacute;gique (IRIS) in Paris wagt eine optimistische Prognose. Die EU und China werden sich um ein B&uuml;ndnis mit der neuen Regierung gegen Washington bem&uuml;hen, was die geopolitische Bedeutung Mexikos auf internationaler Ebene st&auml;rken wird, sch&auml;tzt der Analyst.<\/p><p>Obwohl in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten kaum bekannt, erblicken die Schaltstellen der EU in AMLO einen gem&auml;&szlig;igt linken Politiker und politischen F&uuml;hrer, dessen Agenda sozialer Reformen im Rahmen recht orthodoxer makro&ouml;konomischer Gleichgewichte stattfinden wird, und der sehr wohl ein lateinamerikanisches <a href=\"https:\/\/www.proceso.com.mx\/543079\/para-china-y-europa-amlo-podria-ser-el-contrapeso-de-trump\">Gegengewicht zum US-Pr&auml;sidenten Donald Trump<\/a> herstellen kann.<\/p><p>L&oacute;pez Obrador wird sich Donald Trump nicht unterordnen. Als Beispiel f&uuml;r seine Forderung nach au&szlig;enpolitischer Autonomie nennt Ventura die Nominierung Marcelo Ebrards zum mexikanischen Au&szlig;enminister, der daf&uuml;r bekannt ist, die Kampagne von Hillary Clinton unterst&uuml;tzt und die Latinos f&uuml;r die Wahl der Demokraten mobilisiert zu haben. Ventura warnt jedoch, dass diese Beziehung &bdquo;pragmatisch und nicht offen herausfordernd oder ideologisch sein wird. &bdquo;AMLO muss bilaterale Beziehungen entwickeln, die auch die Interessen des mexikanischen Privatsektors einschlie&szlig;en&ldquo;.<\/p><p>In gleicher Weise r&auml;umt AMLO der Beziehung zu China eine erstmalige und priorit&auml;re Rolle ein, zumal chinesische Investitionen in Mexiko zunehmen, das Land als Sprungbrett f&uuml;r Exporte in die USA nutzen und in diesem Punkt allerdings mit den Interessen der Trump-Administration konfrontiert sind. Um dies zu erreichen, muss AMLO allerdings widerspr&uuml;chliche Dynamiken umgehen, warnt weiterhin Ventura: Mexiko wird die wirtschaftliche Abh&auml;ngigkeit der Vereinigten Staaten nicht abstrakt abkoppeln k&ouml;nnen, muss daher gleichzeitig seine Beziehungen zu drei Akteuren &ndash; Lateinamerika, China und der EU &ndash; st&auml;rken. Gelingt es AMLO, so k&ouml;nnte Mexiko erneut eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen spielen; und zwar die Rolle einer gro&szlig;en Nation.<\/p><p>Titelbild: Carlos Tischler\/shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vergangenem 1. Dezember und f&uuml;r die kommenden sechs Jahre hat die Republik Mexiko einen neuen Pr&auml;sidenten. Den ersten &bdquo;genuinen Linken&ldquo; in ihrer Geschichte, so wird im Land selbst und weltweit angemerkt. 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