{"id":47929,"date":"2018-12-19T10:40:45","date_gmt":"2018-12-19T09:40:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47929"},"modified":"2018-12-19T15:41:35","modified_gmt":"2018-12-19T14:41:35","slug":"es-tut-sich-was-in-ungarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47929","title":{"rendered":"Es tut sich was in Ungarn"},"content":{"rendered":"<p>Seit zehn Tagen wird Ungarn von einer Protestwelle &uuml;berzogen. Ausl&ouml;ser war ein von Viktor Orb&aacute;n eingebrachtes Gesetzespaket, in dem unter anderem die &Uuml;berstundenregelung dereguliert werden soll. Es ist anzunehmen, dass die gro&szlig;en deutschen Autobauer, die in Ungarn sehr aktiv sind, hier als Ideengeber fungiert haben und Ungarn k&uuml;nftig auch als Druckmittel gegen ihre deutsche Belegschaft ins Feld f&uuml;hren wollen. <strong>Marika Varga<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47929#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] von der IG Metall hat die Lage f&uuml;r die NachDenkSeiten aus Gewerkschaftssicht zusammengefasst.<br>\n<!--more--><br>\nSeit dem 8. Dezember gibt es sowohl in der ungarischen Hauptstadt Budapest als auch in mehreren Provinzst&auml;dten&nbsp;<strong>t&auml;glich Demonstrationen<\/strong>&nbsp;oder Autokorsos. Ausl&ouml;ser der Proteste war ein Gesetzesvorschlag zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Ab Januar 2019 sollen pro Jahr bis zu 400 &Uuml;berstunden pro Jahr m&ouml;glich sein. Das Problem: Diese &Uuml;berstunden sind eigentlich&nbsp;<strong>keine Mehrarbeitsstunden mit Zuschl&auml;gen mehr<\/strong>, die das Einkommen aufbessern, sondern die durchschnittliche Arbeitszeit muss erst im DREI-JAHRES-Zeitraum erreicht werden. Das Argument der Regierung, die Menschen wollen &Uuml;berstunden machen, um mehr zu verdienen, wird so ad absurdum gef&uuml;hrt. Denn die Bezahlung erfolgt &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nach drei Jahren.&nbsp;<\/p><p>Der eigentliche Hintergrund ist ein anderer: In Ungarn wird kr&auml;ftig investiert, insbesondere von der&nbsp;<strong>deutschen Automobilindustrie<\/strong>. Audi produziert dort seit &uuml;ber 20 Jahren, Daimler seit 2012 &ndash; ein zweites Daimlerwerk ist im Bau und BMW hat im Sommer 2018 den Bau eines Werkes in Debrecen angek&uuml;ndigt,&nbsp;Opel betreibt ein Komponentenwerk &ndash; um nur die bekanntesten zu nennen. Entsprechend siedeln sich Zulieferer und Dienstleister an.<\/p><p><strong>Ungarn ist auch nicht mehr nur verl&auml;ngerte Werkbank.<\/strong> Die neuen Werke der deutschen Premiumhersteller sollen technisch auf dem neuesten Stand sein und &ldquo;Ma&szlig;st&auml;be der Digitalisierung&rdquo; setzen (BMW-Homepage). ThyssenKrupp und Bosch zentralisieren Entwicklungsbereiche in Ungarn. Schon lange haben die Menschen die Nase voll davon, f&uuml;r ein Viertel oder ein Drittel des Lohns zu arbeiten, der im Westen bezahlt wird. Entsprechend werden sie inzwischen auch bei ihren Tarifverhandlungen in den Betrieben immer mutiger und erzielen inzwischen in einzelnen Betrieben Lohnerh&ouml;hungen bis zu 20 %.&nbsp;<\/p><p>Indes w&auml;hlen viele Menschen seit Jahren einen anderen Weg: Sie verlassen das Land oder pendeln nach &Ouml;sterreich, um dort in der Gastronomie oder in der Landwirtschaft zu arbeiten. Entsprechend herrscht in vielen Bereichen inzwischen ein massiver Mangel an ausgebildeten Arbeitskr&auml;ften. In einigen Unternehmen der Automobilindustrie h&ouml;ren wir von&nbsp;<strong>Fluktuationsraten von bis zu 50 Prozent<\/strong>&nbsp;im Jahr. Das wird nicht nur f&uuml;r die Unternehmen zum Problem, sondern und auch f&uuml;r die Belegschaften, die da bleiben und st&auml;ndig neue Leute anlernen m&uuml;ssen, und letztlich auch f&uuml;r die gewerkschaftliche Organisierung. Die neu gewonnenen Mitglieder verlassen das Unternehmen oft innerhalb weniger Wochen und gehen meist auch f&uuml;r die Gewerkschaften verloren, weil diese stark auf den betrieblichen Strukturen basieren. In Krankenh&auml;usern, Schulen, Beh&ouml;rden und Dienstleistungsbereichen ist die Lage nicht besser.<\/p><p>Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Sie h&ouml;hlt au&szlig;erdem die Mindeststandards der EU-Arbeitszeitrichtlinie sowie erk&auml;mpfte Tarifstandards in L&auml;ndern wie Deutschland aus. Entsprechend vermuten viele Medien und die sogenannte &ouml;ffentliche Meinung die&nbsp;<strong>deutschen Autobauer als Ideengeber<\/strong>&nbsp;f&uuml;r die &Auml;nderungen. Sie w&uuml;rden damit in zweierlei Hinsicht profitieren: Eventuell hilft es gegen Arbeitskr&auml;ftemangel (wobei Zweifel angebracht sind &ndash; weil die Arbeitsbedingungen noch weniger attraktiv werden). Mit Sicherheit besteht aber die M&ouml;glichkeit, dass &uuml;ber kurz oder lang die EU-Richtlinie an nationale Praxis angepasst wird und dass die Bedingungen in&nbsp;<strong>Ungarn als Druckmittel auf Tarifvertr&auml;ge in Deutschland<\/strong>&nbsp;verwendet werden. Schon jetzt l&auml;sst sich beobachten, wie Entgeltsysteme, Schichtmodelle, neue Technologien, duale Berufsausbildung in Ungarn eingef&uuml;hrt, weiterentwickelt und getestet werden,&nbsp;<strong>ohne dass ein Betriebsrat oder eine Gewerkschaft mitreden k&ouml;nnten<\/strong>. Das sieht das ungarische Arbeitsgesetzbuch n&auml;mlich nicht vor. Jegliche Beteiligung m&uuml;ssen sich die Gewerkschaften auf betrieblicher Ebene St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck erk&auml;mpfen. Die ungarischen Betriebsr&auml;te haben keinerlei ernstzunehmende Mitbestimmungsrechte, mit denen sie auch nur eine der Ma&szlig;nahmen wirksam verhindern k&ouml;nnten. Sie sind mit den deutschen Betriebsr&auml;ten nicht zu vergleichen. Bereits 2017 hatten FIDESZ-Abgeordnete einen &auml;hnlichen Gesetzentwurf eingebracht, diesen aber nach heftigen Protesten wieder zur&uuml;ckgezogen. Nach der gewonnenen Wahl im April 2018 war damit zu rechnen, dass ein neuer Vorsto&szlig; erfolgt.<\/p><p>In Ungarn hat sich viel Wut angestaut. Seit 2015 h&auml;lt sich Viktor Orb&aacute;n damit &uuml;ber Wasser, dass er gegen Migration polemisiert &ndash; er wurde im April 2018 daf&uuml;r erfolgreich wieder gew&auml;hlt. Inzwischen verstehen die Menschen, dass&nbsp;<strong>Auswanderung und Migration zwei Seiten derselben Medaille<\/strong>&nbsp;sind und dass die Probleme der Infrastruktur, des Gesundheitswesens, der Schulen, der viel zu niedrigen L&ouml;hne nicht dadurch gel&ouml;st werden k&ouml;nnen, dass Z&auml;une an der Grenze gebaut werden.<\/p><p>Ende November wurde der Gesetzesvorschlag erneut eingebracht, die Abstimmung im Parlament sollte am 12. Dezember erfolgen. Bereits am Verlauf der Abstimmung sind erhebliche Zweifel angebracht. Viele Oppositionspolitiker sprechen von technischen Problemen und dass das Gesetz unrechtm&auml;&szlig;ig zustande gekommen sei. Nun fehlt noch die Unterschrift des Staatspr&auml;sidenten. Aber die Regierung verf&uuml;gt &uuml;ber eine Zweidrittelmehrheit. Die Menschen wissen, dass sie das Gesetz nur &uuml;ber Aktionen verhindern k&ouml;nnen. Inzwischen hat sich ein breites gesellschaftliches B&uuml;ndnis gebildet und die Forderungen gehen l&auml;ngst &uuml;ber das sog. Sklavengesetz zur Flexibilisierung der Arbeitszeit hinaus. Es gibt 5 Punkte[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>] auf die sich das konzentriert: <\/p><ol>\n<li>Sofortige R&uuml;cknahme der so genannten &ldquo;Sklavengesetze&ldquo; (z.B. bis zu 400 &Uuml;berstunden pro Jahr, die auf drei Jahre gestreckt ausbezahlt werden k&ouml;nnen)!<\/li>\n<li>Einrichtung einer Obergrenze f&uuml;r die &Uuml;berstunden f&uuml;r Polizeikr&auml;fte in Einklang mit den europ&auml;ischen Standards!<\/li>\n<li>Wiedereinf&uuml;hrung einer unabh&auml;ngigen Justiz!<\/li>\n<li>Sofortiger Beitritt zur &bdquo;Europ&auml;ischen Staatsanwaltschaft&ldquo;!<\/li>\n<li>Wiedereinf&uuml;hrung unabh&auml;ngiger Medien und ein Stopp des Missbrauchs der staatlichen Medien f&uuml;r Partei-Propaganda!<\/li>\n<\/ol><p>Die Menschen machen auch die Erfahrung, dass die&nbsp;<strong>Medienkonzentration<\/strong>&nbsp;nun dazu f&uuml;hrt, dass &uuml;ber ihre eigenen Demonstrationen nicht berichtet wird &ndash; Aktionen in der Provinz werden totgeschwiegen. Die Infos verbreiten sich &uuml;ber soziale Medien und &uuml;ber die wenigen unabh&auml;ngigen Internetportale und Sender, die meist von Budapest aus betrieben werden. Auch wird Oppositionspolitikern der Zugang zum eigentlich &ouml;ffentlich-rechtlichen TV-Sender verwehrt, damit sie die 5 Punkte nicht &ouml;ffentlich vortragen k&ouml;nnen. Sicherheitsdienste im Sender zwingen Parlamentsabgeordnete der Opposition, sich auf den Boden zu legen, <a href=\"http:\/\/hungarianfreepress.com\/2018\/12\/17\/state-television-continues-to-ban-all-opposition-mps-hungary-moves-towards-national-strike\/?fbclid=IwAR31rVOxpDq5SuzFQE272Dops2GyVmAw1VSNU7Hl6ZONQXg201TDh3eag4M\">als w&auml;ren sie Terroristen<\/a>. Die Sicherheitsdienste bekommen ihre Anweisungen aus dem Innenministerium.<\/p><p>Schaut man sich einzelne Videos zu den Demonstrationen an, so l&auml;sst sich beispielsweise aus Gy&ouml;r berichten, dass die Menschen sich f&uuml;r Demokratie, Freiheit, europ&auml;ische Werte aussprechen. Sie fordern auch, dass Polizisten nicht gezwungen werden k&ouml;nnen, &Uuml;berstunden zu machen.<\/p><p><strong>Die IG Metall<\/strong>&nbsp;und wichtige Spitzenfunktion&auml;r*innen aus Unternehmen, die Standorte in Ungarn haben, haben eine <a href=\"https:\/\/www.igmetall-bayern.de\/nachrichten\/ansicht\/datum\/2018\/12\/07\/titel\/400-ueberstunden-fuer-lau-solidaritaet-mit-protesten-in-ungarn\/\">Solidarit&auml;tserkl&auml;rung<\/a> verfasst. Die Gewerkschaften diskutieren derzeit ihre weitere Strategie in seltener Eintracht. Ein Punkt, der von ungarischen Kollegen derzeit diskutiert wird, ist ein m&ouml;glicher Generalstreik. Unterdessen tauchen schon Berichte von einzelnen Arbeitnehmern auf, die bereits jetzt ihre Vertrags&auml;nderungen im Briefkasten haben. Scheinbar wollen einige Arbeitgeber vollendete Tatsachen schaffen.<\/p><p>Titelbild: Zoltan Galantai\/shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Marika Varga<\/strong> ist im Bereich Transnationale Gewerkschaftspolitik beim IG-Metall-Vorstand t&auml;tig und arbeitet in dieser T&auml;tigkeit auch mit der ungarischen Metallgewerkschaft Vasas zusammen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] &Uuml;bersetzung aus dem Englischen:<br>\n1. Revoke the &lsquo;so called &ldquo;slave labour laws&rdquo; [ie. up to 400 hours of overtime \/ year paid over 3 years] with immediate effect!<br>\n2. Set a cap on overtime for the police forces in line with the European standards!<br>\n3. Reinstate the independent judiciary!<br>\n4. Join the European Public Prosecutor&rsquo;s Office immediately!<br>\n5. Reinstate independent media and stop using public media for party propaganda!<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zehn Tagen wird Ungarn von einer Protestwelle &uuml;berzogen. Ausl&ouml;ser war ein von Viktor Orb&aacute;n eingebrachtes Gesetzespaket, in dem unter anderem die &Uuml;berstundenregelung dereguliert werden soll. Es ist anzunehmen, dass die gro&szlig;en deutschen Autobauer, die in Ungarn sehr aktiv sind, hier als Ideengeber fungiert haben und Ungarn k&uuml;nftig auch als Druckmittel gegen ihre deutsche Belegschaft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47929\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":47931,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,20,182],"tags":[1652,2125,1565,2152,282,595,1699,1502,284,2214,742,930,554,670,421,1415,324,668,2542],"class_list":["post-47929","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-landerberichte","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-abwanderung","tag-audi","tag-automobilindustrie","tag-ueberstunden","tag-buergerproteste","tag-betriebliche-mitbestimmung","tag-bmw","tag-daimlermercedes","tag-deregulierung","tag-flexibilisierung","tag-ig-metall","tag-justiz","tag-opel","tag-orban-viktor","tag-polizei","tag-pressefreiheit","tag-tarifvertraege","tag-ungarn","tag-zuliefererindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/181219_ungarn.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47929","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47929"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47929\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47945,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47929\/revisions\/47945"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/47931"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47929"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47929"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47929"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}