{"id":47936,"date":"2018-12-19T11:44:33","date_gmt":"2018-12-19T10:44:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47936"},"modified":"2026-01-27T11:31:19","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:19","slug":"petra-koepping-es-muss-eine-ueberarbeitung-des-sozialgesetzbuches-her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47936","title":{"rendered":"Petra K\u00f6pping: \u201eEs muss eine \u00dcberarbeitung des Sozialgesetzbuches her\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181219_koepping.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Die Menschen im Osten haben sich nach 1990 als Aufbaugeneration verstanden. Jetzt, nach 28 Jahren, gehen viele in Rente und m&uuml;ssen feststellen, dass ihre Lebensleistung nicht honoriert wird&ldquo;, sagt <strong><a href=\"http:\/\/www.petra-koepping.de\/\">Petra K&ouml;pping<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Die S&auml;chsische Staatsministerin f&uuml;r Gleichstellung und Integration, die vor Kurzem die Streitschrift &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47004\">Integriert doch erstmal uns<\/a>&ldquo; ver&ouml;ffentlicht hat, in der sie den Ursachen f&uuml;r die Frustration vieler Menschen in Ostdeutschland <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47262\">auf den Grund geht<\/a>, stellt klar: Wenn Menschen mit wirtschaftlichen Problemen und schweren Lebensbr&uuml;chen konfrontiert sind, fehlt ihnen die Kraft, die sie ben&ouml;tigen, um sich f&uuml;r die Demokratie einzusetzen. Ein Interview &uuml;ber das &bdquo;sensible&ldquo; politische Gesp&uuml;r der Ostdeutschen, Hartz IV, das an der SPD &bdquo;klebt wie ein Kaugummi&ldquo; und die &Uuml;berarbeitung des Sozialstaates. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1086\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-47936-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=47936-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"181219_Es_muss_eine_Ueberarbeitung_des_Sozialgesetzbuches_her_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau K&ouml;pping, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass man den Umgang mit Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung mit der neoliberalen Schocktherapie unter Thatcher vergleichen kann und merken an: &bdquo;Am Ende steht dann der Brexit.&ldquo;&nbsp; <\/strong><\/p><p>Ja, und das stimmt auch. Diejenigen, die dachten, sie w&uuml;ssten, wie man den Osten auf Vordermann bringt, sind auf eine Weise vorgegangen, die f&uuml;r viele B&uuml;rger einer Schocktherapie gleichgekommen ist. Den Preis f&uuml;r die &bdquo;Therapie&ldquo; haben dann die B&uuml;rger bezahlt. Es gab eine wahnsinnig hohe Arbeitslosigkeit, die Vernichtung oder massive Schleifung von rund 8500 Firmen und Kombinaten innerhalb von nur zwei, drei Jahren. <\/p><p>Die Konsequenz aus dieser Entwicklung war, dass sehr viele Menschen &uuml;ber Nacht &uuml;berlegen mussten, wie sie ihr Leben neu gestalten. Das hinterl&auml;sst Spuren. <\/p><p><strong>Warum war die Politik so ignorant gegen&uuml;ber der zu erwartenden Entwicklung?<\/strong><\/p><p>Nein, es war keine Ignoranz. Der Fokus lag einfach woanders. Zudem hatten die Bundespolitiker die Hoffnung, dass die Treuhand, besetzt mit Fachleuten aus der Wirtschaft, die richtigen Entscheidungen treffen w&uuml;rde. Daf&uuml;r erhielt die Treuhand weitreichende Befugnisse und wurde beinahe zu so einer Art &bdquo;Nebenregierung&ldquo; aufgebaut, wie neueste wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen. Erst 1992\/93 wurde begonnen, hier politisch einzugreifen. Und wahrscheinlich hat die Politik auch nicht erwartet, dass die B&uuml;rger sich mehr und schneller einbringen w&uuml;rden und k&ouml;nnten.   <\/p><p>Ich habe die Problematik in unserer Region, wo ich Landr&auml;tin war, selbst beobachtet und erlebt. Von denjenigen, die in Borna, also einer Braunkohleregion, in den Ruhestand oder in die Arbeitslosigkeit gegangen sind, haben &uuml;ber 30 Prozent nicht mehr an der gesellschaftlichen Entwicklung teilgenommen. Damals habe ich schon gesagt: Wer beachtet diese Menschen? Wer k&uuml;mmert sich um sie? <\/p><p><strong>Die Menschen im Osten mussten, wie Sie in Ihrem Buch schreiben,&nbsp; mit schweren Lebensbr&uuml;chen klarkommen. Da k&ouml;nnen Politiker&nbsp;zwar die Erwartung haben, dass diese B&uuml;rger sich einbringen, aber wenn jemandem &uuml;ber Nacht die Existenzgrundlage entzogen wird, dann wird er anderes im Kopf haben, als &bdquo;sich einzubringen&ldquo;, oder?<\/strong><\/p><p>Das ist absolut richtig. Bei mir gab es 1990 auch so einen Lebensbruch. <\/p><p>Wer damit besch&auml;ftigt ist, den pers&ouml;nlichen Bereich in Ordnung zu bringen, sich um die Familie zu k&uuml;mmern, eine neue Arbeit zu suchen usw., der muss viel Kraft aufbringen &ndash; die einem dann an anderer Stelle fehlt. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie es nachvollziehen, dass sich bei vielen B&uuml;rgern im Osten Frustration und vielleicht auch Wut angestaut hat? Die Kritik an den Eliten, an &bdquo;denen da oben&ldquo;, die immer wieder aus dem Osten kommt, d&uuml;rfte nicht ohne Grund angebracht werden.<\/strong><\/p><p>Das kann ich. Die Menschen im Osten haben sich nach 1990 als Aufbaugeneration verstanden. Jetzt, nach 28 Jahren, gehen viele in Rente und m&uuml;ssen feststellen, dass ihre Lebensleistung nicht honoriert wird. Jahrelange prek&auml;re Besch&auml;ftigung, ABM-Ma&szlig;nahmen, die Niedriglohnpolitik, zeigen ihre Auswirkungen. Ich sage nicht, dass es f&uuml;r diese Politik keine Gr&uuml;nde gab. Aber die negativen Effekte sind da. <\/p><p><strong>Wie beschreiben Sie das politische Bewusstsein der Menschen in Ostdeutschland?<\/strong><\/p><p>Als besonders sensibel. Sie haben 1989 erlebt und realisiert, wie schnell eine Ver&auml;nderung eintreten kann. <\/p><p><strong>Wer die Kritik an den B&uuml;rgern in Ostdeutschland in den Medien verfolgt, hat den Eindruck, man spricht ihnen regelrecht das politische Bewusstsein ab. Oder, anders gesagt: Die politische Stimme der B&uuml;rger im Osten wird, weil sie sich nicht so &auml;u&szlig;ert, wie es dem vorherrschenden politischen Wirklichkeitsverst&auml;ndnis in den Medien entspricht, abgewertet. T&auml;uscht dieser Eindruck? Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Der Eindruck ist richtig. Allerdings: Wenn Sie die Umfrageergebnisse des Sachsenmonitors betrachten, dann sehen sie, dass &uuml;ber 85 Prozent der Sachsen mit der Demokratie als Gesellschaftsform sehr zufrieden sind. Sie finden die Demokratie als beste Gesellschaftsform, die es gibt. Aber nur die H&auml;lfte ist bereit, an demokratischen Prozessen mitzuarbeiten. Aber das Einbringen in politische Prozesse trenne ich vom politischen Gesp&uuml;r. Manche B&uuml;rger haben Nachholbedarf, wenn es darum geht, auch demokratische Verantwortung zu &uuml;bernehmen.<\/p><p><strong>Nochmal: Was in der Zeit nach der Wiedervereinigung, wo Menschen die materielle Lebensgrundlage entzogen wurde, gegolten hat, d&uuml;rfte heute auch noch gelten. Wenn morgens der Gerichtsvollzieher vor der T&uuml;r steht, denken B&uuml;rger nicht daran, &bdquo;demokratische Verantwortung&ldquo; zu &uuml;bernehmen.<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Nat&uuml;rlich muss ich mich zuerst um wirtschaftliche Probleme k&uuml;mmern. Au&szlig;erdem gibt es viele Arbeitnehmer, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, &Uuml;berstunden machen m&uuml;ssen. Wir wissen um die M&ouml;glichkeiten, die Arbeitgeber haben, um Arbeitnehmer l&auml;nger arbeiten zu lassen. Dass einem da die Zeit fehlt, sich politisch einzubringen und demokratische Verantwortung zu &uuml;bernehmen, verstehe ich gut. Und dennoch: Wir k&ouml;nnen Verantwortung an niemand abgeben. Demokratie ist kein Pizzadienst, hat der stellvertretende Ministerpr&auml;sident Martin Dulig gesagt. Demokratie muss ich selbst gestalten. <\/p><p>Darum geht es mir auch mit meinem Buch, n&auml;mlich: Das Demokratiebewusstsein ein St&uuml;ck zu st&auml;rken. <\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Formel vom F&ouml;rdern und Fordern von vielen Menschen in Ostdeutschland als purer Zynismus aufgenommen wird und pl&auml;dieren au&szlig;erdem f&uuml;r eine grundlegende &Uuml;berarbeitung des Sozialgesetzbuches. Was meinen Sie damit? Was sind Ihre Vorstellungen?<\/strong><\/p><p>Es f&auml;ngt an mit Hartz IV. Ich sage immer: Dieses klebt an der SPD wie ein Kaugummi.<\/p><p><strong>Aber es klebt an ihr doch zurecht. Die SPD hat dieses Kaugummi selbst gekaut, ausgespuckt und ist dann reingetreten.<\/strong><\/p><p>Ich bin der Meinung, dass Hartz IV zu der Zeit der Einf&uuml;hrung richtig war. Es gab damals eine sehr hohe Arbeitslosenzahl. Nehmen wir nur mal die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Das war angebracht. Aber was ich kritisiere ist, dass sich der eingeschlagene Weg nicht ver&auml;ndert hat. Die Leiharbeit hatte durchaus positive Effekte. Aber in der Masse, wie wir sie vorfinden, ist sie sch&auml;dlich. Hinzu kommt: Auch &ouml;ffentliche Einrichtungen sind aus Tarifvertr&auml;gen ausgestiegen. Wir haben es mit einer Entwicklung zu tun, die massiv die Perspektiven der Menschen beeinflusst. Jeder Vierte in Ostdeutschland wird von Altersarmut betroffen sein. Auch deshalb sage ich: Es muss eine &Uuml;berarbeitung des Sozialgesetzbuches her. <\/p><p><strong>Sie sagen, dass Hartz IV damals unter den gegebenen Umst&auml;nden richtig war. Nur: Das ganze Hartz-IV-System war im Sinne des neoliberalen Zeitgeistes konzipiert. Es war unter anderem von Anfang an darauf ausgerichtet, Menschen zu g&auml;ngeln. Halten Sie es nicht f&uuml;r angebracht, zu sagen: Hartz IV war falsch.<\/strong><\/p><p>Es gibt SPD-Politiker , die das propagieren. Dazu z&auml;hle ich nicht. Falsch war, dass die Reform nie korrigiert und angepasst wurde. Und je l&auml;nger das so ist, umso st&auml;rker sind die negativen Auswirkungen. Deshalb bin ich daf&uuml;r, dass beispielsweise die Arbeitslosenhilfe massiv verl&auml;ngert wird, und zwar bis zu f&uuml;nf Jahre. Au&szlig;erdem m&uuml;ssen die Menschen finanziell besser unterst&uuml;tzt werden, um sie wieder in Arbeit zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/181219_koepping.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Die Menschen im Osten haben sich nach 1990 als Aufbaugeneration verstanden. Jetzt, nach 28 Jahren, gehen viele in Rente und m&uuml;ssen feststellen, dass ihre Lebensleistung nicht honoriert wird&ldquo;, sagt <strong><a href=\"http:\/\/www.petra-koepping.de\/\">Petra K&ouml;pping<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Die S&auml;chsische Staatsministerin f&uuml;r Gleichstellung und Integration, die vor Kurzem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47936\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,140,165,209,145],"tags":[635,1543,2508,1156,575,288,479,776,218,276],"class_list":["post-47936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-interviews","category-sozialstaat","tag-altersarmut","tag-deutsche-einheit","tag-koepping-petra","tag-leiharbeit","tag-ostdeutschland","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reservearmee","tag-schockstrategie","tag-teilhabe","tag-treuhand"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47936"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83041,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47936\/revisions\/83041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}