{"id":48354,"date":"2019-01-10T08:53:02","date_gmt":"2019-01-10T07:53:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48354"},"modified":"2020-08-05T18:31:49","modified_gmt":"2020-08-05T16:31:49","slug":"gegen-die-resignation-im-kampf-gegen-stuttgart-21-eine-rede-von-winfried-wolf-und-eine-skulptur-von-peter-lenk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48354","title":{"rendered":"Gegen die Resignation im Kampf gegen Stuttgart 21 \u2013 eine Rede von Winfried Wolf und eine Skulptur von Peter Lenk."},"content":{"rendered":"<p>Winfried Wolf hat am vergangenen Montag wieder mal auf Stuttgarts Montagsdemonstration gesprochen. Wir geben diese Rede unten wieder, weil sie eine gute Zusammenfassung der Vorg&auml;nge in den zehn Jahren des Widerstands bringt. Au&szlig;erdem tritt Winfried Wolf mit treffenden Argumenten gegen die Resignation an. Diese l&auml;uft nach dem Motto: Ja, wir sehen ein, das ist ein verkorkstes Projekt. Aber jetzt ist ja schon so viel investiert. Widerstand lohnt sich nicht mehr. Das halte ich wie Winfried Wolf f&uuml;r falsch. Widerstand lohnt sich auch wegen der Folgen des Projekts f&uuml;r Ihr Portmonee und f&uuml;r den Schienenverkehr insgesamt. Deshalb werden wir auf den NachDenkSeiten immer wieder auf das Wahnsinnsprojekt von Stuttgart zu sprechen kommen und au&szlig;erdem die Aktion des K&uuml;nstlers Peter Lenk unterst&uuml;tzen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Peter Lenk arbeitet an einer Skulptur zu Stuttgart 21.<\/strong><br>\nWir unterst&uuml;tzen diese Aktion und werden in den n&auml;chsten Monaten gelegentlich darauf zur&uuml;ckkommen und bitten um Ihre Unterst&uuml;tzung. Informationen dazu einschlie&szlig;lich der f&auml;lligen Sammelaktion <a href=\"https:\/\/lenk-in-stuttgart.de\/\">siehe hier<\/a>.<\/p><p>Die NachDenkSeiten hatten auf die Arbeiten des K&uuml;nstlers Peter Lenk am 24. Dezember 2018 schon einmal hingewiesen: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47986\">Peter Lenk &bdquo;Skulpturen&ldquo; und ein Tipp f&uuml;r die Tage zwischen den Jahren<\/a>. Winfried Wolf, Anette Sorg und ich haben ihn am vergangenen Freitag\/Samstag besucht. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190110-Peter-Lenk-WW-und-AM.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<small>Peter Lenk, Winfried Wolf und Albrecht M&uuml;ller<\/small><\/p><p>Wir sind beeindruckt von der sozial-kritischen Kompetenz des K&uuml;nstlers und von seiner Fantasie und Energie, das &bdquo;Narrenschiff&ldquo; zu beschreiben und zu analysieren, auf dem wir alle zwangsweise mitgeschleppt werden. <\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190110-Narrenschiff.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190110-Narrenschiff-klein.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><br>\n<small>Das Narrenschiff von Peter Lenk am Hafen in Bodmann am Bodensee<\/small><\/p><p>Davon bei n&auml;chster Gelegenheit mehr.<\/p><p><strong>Der baden-w&uuml;rttembergische Verkehrsminister Winfried Hermann von den Gr&uuml;nen h&auml;lt &uuml;brigens einen Ausstieg aus dem Gro&szlig;projekt Stuttgart 21 f&uuml;r nicht realistisch. Siehe hier:<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/politik\/406\/s-21-bleibt-grandiose-fehlentscheidung-5640.html\">&bdquo;S 21 bleibt grandiose Fehlentscheidung&ldquo;<\/a><br>\nIm zweiten Teil des Kontext-Interviews erkl&auml;rt Landesverkehrsminister Winfried Hermann, warum er einen Ausstieg aus Stuttgart 21 f&uuml;r nicht realistisch h&auml;lt, wie er die Bahn-Klage zur Mehrkosten&uuml;bernahme beurteilt &ndash; und wie er mit der Kritik von Projekt-Gegnern umgeht. <\/p><p><strong>Und hier die Rede von Winfried Wolf:<\/strong><\/p><p><strong>Rede Winfried Wolf \/\/ Demonstration in Stuttgart, Montag, dem 7. Januar 2019 \/\/ Eine Bilanz zum Stand des Projekts auf Basis der 2018er Entwicklung<\/strong><\/p><p><strong>Die sieben Stationen des Stuttgart21-Kreuzwegs im Jahr 2018<\/strong><\/p><p>[Anrede]<\/p><p>Lassen wir doch auf der ersten Montagsdemonstration im neuen Jahr 2019  &ndash; gleichzeitig im Jahr zehn, seit es Montagsdemonstrationen gegen das Monsterprojekt gibt &ndash; das vergangene Jahr in Sachen Stuttgart 21 Revue passieren.<\/p><p>Als gelernter Katholik habe ich mich hier am klassischen Kreuzweg orientiert &ndash; an der <em>via dolorosa<\/em> &ndash;  der <em>schmerzenreichen<\/em> Stra&szlig;e. <\/p><p>2018 war f&uuml;r die S21-Macher ja auch eine <em>schmerzenreiche<\/em> Wegstrecke, wie im Folgenden aufzuzeigen sein wird. <\/p><p>Dazu vorab ein Hinweis: Ich beschr&auml;nke mich im Folgenden auf sieben Stationen, wie das im urspr&uuml;nglichen Kreuzweg &ndash; auch &bdquo;N&uuml;rnberger Kreuzweg&ldquo; genannt &ndash; auch so vorgesehen war. Eine Erweiterung auf die allseits bekannten 14 Stationen  ist nat&uuml;rlich jederzeit m&ouml;glich &ndash; gewisserma&szlig;en als Langfassung meines Referats. <\/p><p>Schlie&szlig;lich wurde ich nachdr&uuml;cklich gebeten, hier die Kurzfassung vorzutragen &ndash; auch mit R&uuml;cksicht auf die Veranstaltung um 19h im W&uuml;rttembergischen Kunstverein &ndash; bei der ich erneut Referent sein werde.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] <\/p><p>Die Stationen auf dem schmerzenreichen Weg 2018 sind die folgenden sieben:<\/p><p><strong>Erste schmerzensreiche Kreuzwegstation = Januar 2018: Die neu drastisch gestiegenen Kosten des Monsterprojekts<\/strong><\/p><p>Wir kennen alle die verschiedenen fr&uuml;heren Kostensteigerungen, die es bei Stuttgart 21 gab. Bei der Volksabstimmung garantierte die gr&uuml;n gef&uuml;hrte Landesregierung gemeinsam mit dem damaligen Bahn-Chef Grube: 4,5 Milliarden Euro seien der &bdquo;Deckel&ldquo;; alles andere ist &bdquo;unwirtschaftlich&ldquo;. Wie gesprochen so gebrochen: 2013 waren es bereits 6,8 Mrd. Euro. Anfang 2018 kam der neue Schlag: Die Deutsche Bahn AG geht inzwischen von 8,2 Milliarden Euro Gesamtkosten (und einer neuerlichen Verschiebung einer m&ouml;glichen Inbetriebnahme auf 2025) aus.  <\/p><p>Wir wissen: L&auml;ngst liegt der Pr&uuml;fbericht des Bundesrechnungshofs vor, der auf rund 10 Mrd. Euro Kosten kommt. Eine Inbetriebnahme kann nach unseren Berechnungen fr&uuml;hestens 2028, eher 2030 erfolgen.<\/p><p><strong>Zweite schmerzensreiche Kreuzwegstation = April 2018: Richard Lutz&acute; Eingest&auml;ndnis im Verkehrsausschuss: &bdquo;S21 ist absolut unwirtschaftlich&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im April 2018 war der damals noch relativ neue Bahnchef Richard Lutz im Verkehrsausschuss des Bundestags geladen. Hier r&auml;umte er ein: Stuttgart 21 sei &bdquo;absolut unwirtschaftlich&ldquo;. Er nannte auch eine konkrete Zahl und sprach von einem durch S21 bedingten Verlust in H&ouml;he von 2,28 Milliarden Euro. Das ist Unsinn, weil zu niedrig; darauf wird zur&uuml;ckzukommen sein.<\/p><p>Es gab dann den &uuml;blichen Zusatz vom Bahn-Chef. &bdquo;Mit dem heutigen Wissen w&uuml;rden wir S21 nicht wieder bauen.&ldquo; <\/p><p>Ein vergleichbares Wissen gab es allerdings auch bei Baubeginn &ndash; bei den S21-Gegnerinnen und -Gegnern &ndash; und dies immer wissenschaftlich unterlegt. Auch heute noch nachzulesen in unterschiedlichen Studien, so in den Studien, die die Gr&uuml;nen (Stand: vor einem Jahrzehnt) oder der BUND (Stand: vor einem Jahrzehnt) damals in Auftrag gaben. <\/p><p><strong>Dritte Kreuzwegstation = Mai 2018: Das &Uuml;berflutungsrisiko wird konkretisiert<\/strong><\/p><p>Im Mai ver&ouml;ffentlichte das Aktionskomitee gegen Stuttgart 21 eine neue &ndash; von Dipl.Ing. Hans Heydemann und Dr. Christoph Engelhardt erarbeitete &ndash; Studie zum Thema &Uuml;berflutungsrisiko und Stuttgart 21.<\/p><p>Danach reduzieren der S21-Trog und die damit erforderliche D&uuml;kerung die Leistung der Abwasserkan&auml;le. Christoph Engelhardt dazu auf der 418. Montagsdemo: &bdquo;An der engsten Stelle des Ausflusses aus dem Stuttgarter Talkessel baut man sich mit dem Stuttgart21-Tiefbahnhof einen Riegel, der den Hochwasser- und den Grundwasserabfluss weitgehend abriegelt.&ldquo; <\/p><p>Es gibt mit S21 einen drastischen R&uuml;ckbau der Starkregen-Vorsorge. Ausgerechnet eine gr&uuml;n regierte Stadt betreibt keine Vorsorge f&uuml;r den Klimawandel. Ja, es wird bestritten, dass Stuttgart trotz seiner allseits bekannten Kessellage einem besonderen Starkregenrisiko ausgesetzt ist.<\/p><p>Mehr noch: Dieser Tiefbahnhof wird so gebaut, dass er &ndash; und seine Zulauftunnel &ndash; im Fall von l&auml;ngeren, massiven Regenf&auml;llen <em>planm&auml;&szlig;ig unter Wasser gesetzt werden<\/em>. Steigt das Grundwasser deutlich, dann werden die Bahnhofshalle, die Bahnsteige und die Tunnel durch &bdquo;Notflut&ouml;ffnungen&ldquo;  geflutet. Damit soll das verhindert werden, was der S21-Architekt Frei Otto bef&uuml;rchtete &ndash; und weswegen er seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r das gesamte Projekt, das ja von ihm ma&szlig;geblich mit-entwickelt wurde, widerrief: dass der S21-Tiefbahnhof &bdquo;aufsteigt wie ein U-Boot&ldquo;.<\/p><p>Einmal unterstellt, ein solches Aufsteigen des S21-Bahnhofs kann durch das &bdquo;planm&auml;&szlig;ige Fluten&ldquo; verhindert werden. So wird damit aber doch ein Hauptbahnhof mit all seiner Elektronik und all seinen Infrastruktureinrichtungen &ndash; mit den ETCS-Signalanlagen und den Tunneln &ndash; schwer besch&auml;digt. Dann f&auml;llt in Stuttgart und weitgehend auch in der Region der gesamte Zugverkehr f&uuml;r viele Wochen komplett aus. Man plant also jetzt bereits, die damit verbundenen Sch&auml;den in H&ouml;he von Hunderten Millionen Euro in Kauf zu nehmen. Vergleichbares gibt es nirgendwo in Europa &ndash; das geplante Projekt, einen Gro&szlig;bahnhof, unter Wasser zu setzen.<\/p><p><strong>Vierte schmerzensreiche Kreuzwegstation = Juni 2018: Das Brandschutzkonzept f&uuml;r S21 &ndash; &bdquo;ein Staatsverbrechen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Am  7. Juni ver&ouml;ffentlichte das Magazin &bdquo;Der Stern&ldquo; ein Aufsehen erregendes &ndash; von Arno Luik gef&uuml;hrtes &ndash; Interview mit dem Brandschutzexperten Hans-Joachim Keim, einem international renommierten Brandschutzexperten. Er lieferte u.a. das Gutachten zur Tunnelkatastrophe von Kaprun, bei der 155 Personen ums Leben kamen. <\/p><p>Keim &auml;u&szlig;erte in dem Interview zum vorliegenden &ndash; nicht genehmigten! &ndash; Brandschutzkonzept der Deutschen Bahn: &bdquo;Das ist eine Katastrophe mit Ansage. Im Ungl&uuml;cksfall haben Sie die Wahl: Will ich ersticken? Oder zerquetscht werden? Oder verbrennen? [&hellip;] Es ist schlicht menschenverachtend, was die da machen.&ldquo; Kiem w&ouml;rtlich: Es handele sich bei Stuttgart 21 &bdquo;um ein Staatsverbrechen&ldquo;.<\/p><p>Im Oktober desgleichen Jahres wurde dann diese Aussage dick unterstrichen. Ein ICE geriet in voller Fahrt auf der Strecke K&ouml;ln &ndash; Frankfurt\/M. in Brand; zwei Wagen brannten vollkommen aus. Es war erheblich viel Gl&uuml;ck im Spiel, dass alle Fahrg&auml;ste evakuiert werden konnten und dass es keine Opfer gab. <\/p><p>Doch die Deutsche Bahn musste eingestehen, dass bei den ICE-Z&uuml;gen immer wieder ein f&uuml;r die Brandsicherheit wichtiges Element, das sogenannte Buchholz-Relais, &bdquo;&uuml;berbr&uuml;ckt&ldquo;, also ausgeschaltet wird. Beim vorliegenden ICE-Brand  sei das &ndash; nat&uuml;rlich &ndash; nicht der Fall gewesen. <\/p><p>Eine Recherche des ARD-Magazins Report-Mainz ergab: Im  vergangenen Jahrzehnt gab es 39 ICE-Br&auml;nde. Jeder in Stuttgart wei&szlig;: Ein Brand eines ICE im Tiefbahnhof oder in einem der 50 km langen Tunnel unter der Stadt w&uuml;rde mit sehr gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe darstellen &ndash; mit vielen Opfern.<\/p><p><strong>F&uuml;nfte schmerzensreiche Kreuzwegstation = Juni 2018: S21-Anh&ouml;rung ergibt: Bahnvorstand wei&szlig; seit 18 Jahren, dass S21 unwirtschaftlich ist<\/strong><\/p><p>Am 14. Juni 2018 fand eine neuerliche Anh&ouml;rung im Deutschen Bundestag statt. Bei den Experten, die den S21-Bahnhof bef&uuml;rworten (darunter Leger, Bopp, Prof. Martin) gab es buchst&auml;blich niemanden, der offensiv Stuttgart 21 verteidigte. Deren Auftritt wirkte wie eine l&auml;stige Pflicht&uuml;bung. Stattdessen gl&auml;nzte unsere Seite &ndash; durch einen &uuml;berzeugenden Auftritt von Hannes Rockenbauch.<\/p><p>Im Vorfeld dieser Anh&ouml;rung und in der Anh&ouml;rung selbst gab es spannende Aussagen von Thilo Sarrazin. Der Mann war 2000\/2001 Netzvorstand in der F&uuml;hrung der Deutschen Bahn AG, damals von Hartmut Mehdorn in dieses Gremium berufen. Sarrazin f&uuml;hrte im Ausschuss im Detail aus, wie er 2000 von Mehdorn den Auftrag erhielt, alle Infrastrukturprojekte der Bahn nach Wirtschaftlichkeit aufzulisten. Sarrazin w&ouml;rtlich: &bdquo;Da fielen dann viele Dinge [Projekte] raus. [&hellip;] Und ganz tief unten [auf der Liste] [&hellip;] stand das Projekt Stuttgart21.&ldquo;<\/p><p>Dennoch sei er kurz darauf von Mehdorn pers&ouml;nlich angewiesen worden, eben dieses Projekt in Auftrag zu geben. Auf seine Nachfrage, warum das &bdquo;v&ouml;llig unrentable&ldquo; Projekt Stuttgart21 doch gebaut werden m&uuml;sse, sei ihm, Sarrazin, geantwortet worden: &bdquo;Daf&uuml;r gewinnen wir den ganzen Nahverkehrsvertrag f&uuml;r Baden-W&uuml;rttemberg.&ldquo;<\/p><p>Ich verweile an dieser Kreuzweg-Station 4 etwas l&auml;nger, weil es die wirklich in sich hat; weil es hier zwei f&uuml;r die S21-Bef&uuml;rworter besonders schmerzensreiche Erkenntnisse gibt. Erstens wurde hier belegt, dass die Wiederaufnahme des Monsterprojektes Stuttgart 21 mit einem fetten De-facto-Schmiergeld verbunden war. Der Nahverkehrsauftrag wurde mit einer Milliarde Euro &uuml;berbezahlt, wie inzwischen das baden-w&uuml;rttembergische Verkehrsministerium mehrfach best&auml;tigte. Bereits dies macht die Wiederaufnahme des Projektes unrechtm&auml;&szlig;ig. Es geht um noch etwas anderes. <\/p><p>Zweitens besagt die Sarrazin-Aussage: Der Vorstand der Deutschen Bahn AG <em><strong>wusste IMMER, dass Stuttgart 21 absolut unwirtschaftlich ist<\/strong><\/em>. Das, was Sarrazin da &auml;u&szlig;erte, muss sich so 1:1 in den Unterlagen und Sitzungsprotokollen des Vorstands der Deutschen Bahn AG finden. <\/p><p>Die zuvor zitierte Aussage von Lutz im Verkehrsausschuss, wonach man ein Wissen um die Unwirtschaftlichkeit von S21 erst seit j&uuml;ngerer Zeit habe, ist schlicht die Unwahrheit.<\/p><p><strong>Sechste schmerzensreiche Kreuzwegstation = September 2018: Der Deutschlandtakt wird verk&uuml;ndet &ndash; doch es soll ihn in Stuttgart nicht geben<\/strong><\/p><p>Im September verk&uuml;ndeten die deutsche Bundesregierung, die Deutsche Bahn AG und der Bundesverkehrsminister Scheuer: Demn&auml;chst &ndash; sp&auml;testens 2030 &ndash; soll es in ganz Deutschland den &bdquo;Deutschlandtakt&ldquo; geben: ein bundesweit geltendes System von Taktverkehren im Fernverkehr, auch integraler Taktfahrplan genannt &ndash; und dies nach dem Muster der Schweizerischen Bundbahnen (SBB).<\/p><p>Nun fordern wir als B&uuml;ndnis Bahn f&uuml;r Alle und wir als Bahnexpertengruppe B&uuml;rgerbahn statt B&ouml;rsenbahn seit  15 Jahren einen solchen bundesweiten Taktfahrplan. Und seit mehr als einem Jahrzehnt antwortet die DB darauf, das sei in Deutschland nicht machbar. Wir haben auch die Neubaustrecke Wendlingen &ndash; Ulm vor diesem Hintergrund als unsinnig kritisiert. Mit der deutlich verk&uuml;rzten Fahrzeit w&uuml;rde ein Taktknoten Ulm verunm&ouml;glicht. Auch das wurde jahrelang vom Tisch gefegt &ndash; mit dem Argument, ein solcher Taktfahrplan stehe ja nicht an.<\/p><p>Jetzt also doch: Er kommt &ndash; der Deutschland-Takt. Und er wird in den Medien gro&szlig; gefeiert. Es gilt: Was k&uuml;mmert uns unser Geschw&auml;tz von vorgestern.<\/p><p>Jetzt haut aber ein Taktfahrplan nicht nur in Ulm nicht hin. Er soll vor allem in Stuttgart <em><strong>erst gar nicht stattfinden<\/strong><\/em>. Es gibt n&auml;mlich bereits Vorstudien zum Deutschlandtakt, die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurden. Und in diesen konkreten Fahrplanentw&uuml;rfen kommen Stuttgart und Ulm als ITF-Knoten erst gar nicht vor. Dazu der Fahrplan-Spezialist Professor Wolfgang Hesse auf der 445. Montagsdemo, am 10. Dezember: <\/p><p>&bdquo;Das kann kaum verwundern, denn wie will man in einem zum Provinzbahnhof heruntergestuften Stuttgarter Tiefbahnhof 14 Z&uuml;ge gleichzeitig abfertigen?&ldquo; <\/p><p>Der heute noch bestehende Kopfbahnhof mit seinen 16 Gleisen allerdings w&auml;re pr&auml;destiniert, alle Anforderungen an einen DeutschlandTakt zu erf&uuml;llen. Wenn es also zum Deutschlandtakt um 2030 kommen sollte, dann soll kurz vorher die Gleiszahl in Stuttgart halbiert &ndash; und damit der gesamte S&uuml;dwesten von Deutschland von den Segnungen eines solchen Taktfahrplans ausgeschlossen werden.<\/p><p><strong>Siebte schmerzensreiche Kreuzweg-Station = Dezember 2018: Die neue Bahn-Krise ist in starkem Ma&szlig; von Stuttgart21 mitbestimmt<\/strong><\/p><p>Ende 2018 brach eine offene Krise der Deutschen Bahn auf. In den letzten Wochen des Jahres 2018 vergeht kein Tag, an dem es keine neuen Meldungen zu den steigenden Bahnschulden, zu der krass unzureichenden Instandhaltung, zu fehlendem Personal usw. gibt.<\/p><p>Am 20. Dezember ver&ouml;ffentlichte dann die <em>Stuttgarter Zeitung<\/em> einen Aufsehen erregenden Artikel, verfasst von Thomas W&uuml;pper.  Er zitiert dabei aus &bdquo;streng vertraulichen Unterlagen&ldquo; der DB. Danach &bdquo;wird das Megaprojekt im kommenden Jahr&ldquo; &ndash; also 2019 &ndash; &bdquo;ein Achtel der gesamten DB-Nettoinvestitionen von vier Milliarden Euro verschlingen, konkret rund 500 Millionen Euro. 2020 wird der Anteil auf ein Sechstel und 2021 sogar auf fast ein F&uuml;nftel steigen. [&hellip;] (Allein) 2020 und 2021 soll der Konzern zusammen rund 1,5 Milliarden Euro in das Projekt stecken. Das w&auml;ren so hohe Investitionen wie in die gesamte &uuml;brige Schieneninfrastruktur zusammen.&ldquo;<\/p><p>Das hei&szlig;t: Stuttgart 21 tr&auml;gt massiv zur Krise des Staatskonzerns bei. <\/p><p>Das aber hei&szlig;t im Umkehrschluss: Ein Stopp des Projekts ist ein wesentlicher Beitrag gegen die Bahn-Krise. Ohne einen S21-Stopp wird sich diese Krise immer mehr versch&auml;rfen. <\/p><p>[Anrede]<\/p><p>Der Ausschussvorsitzende Cem &Ouml;zdemir erkl&auml;rte im Vorfeld der angef&uuml;hrten Verkehrsausschuss-Sitzung im April 2018 &ouml;ffentlich, die S21-Gegner h&auml;tten &bdquo;in fast allen Punkten recht&ldquo; bekommen. Es sei an der Zeit, dass sich die Betreiber von S21 &bdquo;&ouml;ffentlich entschuldigen&ldquo;.<\/p><p>Er sagte jedoch auch &ndash; so in der Ausschusssitzung selbst:  &bdquo;Jetzt isch die Katz de Baum nauf.&ldquo; Und eben dies sagen auch alle diejenigen, die sich jetzt als &bdquo;nachdenklich&ldquo; geben, die behaupten, &bdquo;bei dem heutigen Wissen&ldquo; w&uuml;rde man S21 nicht mehr in Angriff nehmen. Doch inzwischen sei eben zu viel investiert  worden. Daher gelte jetzt die Devise &bdquo;Augen zu und durch&ldquo;.<\/p><p>Doch das ist schlicht unsinnig. Das ist eine Rechnung, die jedes Milchm&auml;dchen beleidigen muss &ndash; und Milchm&auml;dchen konnten rechnen. Wer diese Argumentation anf&uuml;hrt, der ignoriert bewusst die grundlegenden Erkenntnisse der Betriebswirtschaft &uuml;ber &bdquo;sunk costs&ldquo;, &uuml;ber &bdquo;versenkte Kosten&ldquo;. Danach gilt: Wenn ein Projekt als unwirtschaftlich identifiziert wird, dann muss es gestoppt werden. Denn es wird ja nicht nur einmalige Verluste produzieren. Es wird  im gesamten Verlauf des Betriebs, also Jahr ums Jahr, Verluste produzieren. Im Fall eines Bahnhofs also im Verlauf von 75 oder auch 100 Jahren. Eine halbierte Gleiszahl, ein Abbau der Kapazit&auml;t um 30 Prozent, erheblich h&ouml;here Energiekosten, fest eingebaute, regelm&auml;&szlig;ige Versp&auml;tungen, erh&ouml;hte Unfallgefahren durch das 15,2 Promille-Gef&auml;lle der Gleise und der Bahnsteige &ndash; von den zu erwartenden Sonderereignissen wie Brandgefahr oder &Uuml;berflutung jetzt einmal ganz abgesehen: All das wird in jedem Jahr hunderte Millionen Euro an Verlusten produzieren, insgesamt also Dutzende Milliarden Euro.<\/p><p>In der Privatwirtschaft wird die Lehre von den sunk costs durchaus akzeptiert. Thyssen hat vor zwei Jahren ein Investment in H&ouml;he von acht Milliarden Euro &ndash; Stahlwerke in Brasilien und in den USA, und zwar funktionierende, erbaute Stahlwerke &ndash; komplett aufgegeben und abgeschrieben &ndash; wegen &bdquo;sunk costs&ldquo;, weil sie &ndash; Jahr f&uuml;r Jahr im Betrieb &ndash; unwirtschaftlich sind.<\/p><p>Es gibt da in der Literatur Eselsbr&uuml;cken, wie man das verstehen sollte. Ein einleuchtendes Bild wird wie folgt beschrieben: <\/p><p>Wer ins Kino gehe, um einen Film anzuschauen &ndash; und dann feststellt, dass der Film grottig ist, der d&uuml;rfe auch nicht sagen: &bdquo;Aber ich hab die Kinokarte doch bereits bezahlt; jetzt bleibe ich bis zum Ende der Vorstellung sitzen.&ldquo; Der m&uuml;sse, wenn er vern&uuml;nftig sei, aufstehen und rausgehen. Weil ein weiteres Zuschauen schlicht Zeitverschwendung sei.<\/p><p>Gut, das Beispiel hinkt ein bisschen &ndash; jedenfalls hier bei uns in Stuttgart. Und zwar in doppelter Hinsicht. <\/p><p>Zum einen, weil wir als Schw&auml;binnen und Schwaben vielleicht dann doch dazu geneigt sind, das K&auml;rtchen jetzt halt abzusitzen.<\/p><p>Zum anderen hinkt das Beispiel, weil der Film, der mit S21 geboten wird, nicht nur schlecht ist. Das ist schlicht der falsche Film, in dem wir da sitzen. Es geht eben nicht, wie bei der Elbphilharmonie oder bei um BER in Berlin um zu viel Geld f&uuml;r ein suboptimales Projekt. In beiden problematischen F&auml;llen wird am Ende die Kapazit&auml;t erweitert &ndash; es gibt mehr Sitzpl&auml;tze f&uuml;r Kultur und mehr Abfertigungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Flugg&auml;ste.<\/p><p>Stuttgart 21 ist etwas anderes. Ist einmalig grottig. Damit soll ein funktionierender Bahnhof zerst&ouml;rt und dessen Kapazit&auml;t massiv abgebaut werden.<\/p><p>[Anrede]<\/p><p>Bei einem echten Kreuzweg, das wissen einige hier auf dem Platz und daran erinnere ich mich auch ganz gut, sind die einzelnen Stationen auch sogenannte &bdquo;Fu&szlig;fallstationen&ldquo;. Man kniet da nieder, um sich das Schmerzhafte des Dargestellten besser zu vergegenw&auml;rtigen.<\/p><p>Darauf verzichten wir hier &ndash; bereits aus grunds&auml;tzlichen Erw&auml;gungen. Einmal wegen des geb&uuml;hrenden Respekts vor der Religion. Zum anderen aber auch, weil unser Gru&szlig; ein ganz anderer ist.<\/p><p>Er lautet: <\/p><p>[Oben bleiben!]<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Winfried Wolf<\/strong> ist Chefredakteur der Zeitschrift Lunapark21. Von dieser Zeitschrift erschien soeben eine Sonderausgabe (Extra Heft 18\/19) mit 96 Seiten zur Krise der Bahn. Darunter viele Seiten zu Stuttgart 21. Das Heft ist an der Mahnwache gegen Spende erh&auml;ltlich.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Als Kreuzweg bezeichnet man einen Wallfahrtsweg, bei der  man den einzelnen Stationen des Wegs folgt. Klassischerweise sind dies auch <em>Fu&szlig;fallstationen<\/em>&nbsp;(zum jeweiligen Niederknien). Unter dem Einfluss der Passions<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mystik\">mystik<\/a> (sieben Tageszeiten des Stundengebets und sieben r&ouml;mische Stationskirchen) wurde der Kreuzweg im deutschen Sprachraum ebenfalls zun&auml;chst in sieben Stationen unterteilt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winfried Wolf hat am vergangenen Montag wieder mal auf Stuttgarts Montagsdemonstration gesprochen. Wir geben diese Rede unten wieder, weil sie eine gute Zusammenfassung der Vorg&auml;nge in den zehn Jahren des Widerstands bringt. Au&szlig;erdem tritt Winfried Wolf mit treffenden Argumenten gegen die Resignation an. Diese l&auml;uft nach dem Motto: Ja, wir sehen ein, das ist ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48354\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":48357,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,74,73],"tags":[282,2387,268,597,1444,2546,2385,596,694,705,801,2547,2479],"class_list":["post-48354","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-stuttgart-21","category-verkehrspolitik","tag-buergerproteste","tag-denkmal","tag-deutsche-bahn","tag-grube-ruediger","tag-hermann-winfried","tag-lenk-peter","tag-lutz-richard","tag-mehdorn-hartmut","tag-milliardengrab","tag-sarrazin-thilo","tag-schmiergeld","tag-taktfahrplan","tag-wolf-winfried"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/dlgdndgomloblkmp.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48354"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48354\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48360,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48354\/revisions\/48360"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/48357"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}