{"id":48384,"date":"2019-01-13T11:45:27","date_gmt":"2019-01-13T10:45:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48384"},"modified":"2022-04-01T12:02:16","modified_gmt":"2022-04-01T10:02:16","slug":"von-journalistischen-coups-unterschiedlichen-blickwinkeln-und-der-abscheu-vor-luegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48384","title":{"rendered":"Von journalistischen Coups, unterschiedlichen Blickwinkeln und der Abscheu vor L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn von Russland und Pressefreiheit die Rede ist, geht es meist um die vermeintliche Behinderung regierungskritischer Berichterstattung durch den Kreml. Zum Thema geh&ouml;rt jedoch auch ein von arte und dem ZDF <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45269\">produzierter Dokumentarfilm<\/a> &uuml;ber einen zu Tode gekommenen Anwalt, der als Begr&uuml;ndung f&uuml;r die ersten US-Sanktionen gegen Russland herhalten musste; ein Film, dessen Ausstrahlung seit Jahren von der Anti-Russland-Lobby mit teils fragw&uuml;rdigen Mitteln verhindert wird. <strong>Andrea Drescher<\/strong> hatte die M&ouml;glichkeit, f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem Regisseur und Filmemacher <strong>Andrej Nekrasov<\/strong> zu sprechen, der den Film &bdquo;Der Fall Magnitzki&ldquo; drehte.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2447\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-48384-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=48384-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190113_Von_journalistischen_Coups_und_unterschiedlichen_Blickwinkeln_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\nWer die Wahrheit nicht wei&szlig;, der ist blo&szlig; ein Dummkopf. Aber wer sie wei&szlig; und sie eine L&uuml;ge nennt, der ist ein Verbrecher! Bertolt Brecht\n<\/p><\/blockquote><p><em>Dieses Brecht-Zitat sollte allen Journalisten ins Stammbuch geschrieben sein. Journalismus bedeutet, zu berichten, was man sieht, nicht was man sehen m&ouml;chte. Nicht jeder ist gleich ein Dummkopf, der nicht die ganze Wahrheit sieht. Jedes Sehen ist perspektivisches Sehen, gepr&auml;gt durch den eigenen pers&ouml;nlichen Hintergrund. Aber insbesondere Journalisten m&uuml;ssen alles daransetzen, &uuml;ber die Grenzen der &bdquo;eigenen&ldquo; Wahrheit zu gehen &ndash; um so im Sinne Brechts nicht zum Verbrecher zu werden.  <\/em><\/p><p><em>Als der 1958 in Leningrad geborene Andrej Nekrasov 2007 den Film &uuml;ber die Ermordung von Alexander Litvinenko publizierte, h&auml;tte niemand erwartet, dass er sich rund 10 Jahre sp&auml;ter w&uuml;rde anh&ouml;ren m&uuml;ssen, ein vom Kreml finanzierter Anh&auml;nger des Putin-Regimes zu sein &ndash; er selbst wohl am wenigsten. Er hatte am Bett seines Freundes gesessen, als dieser qualvoll an einer Polonium-Vergiftung starb, wof&uuml;r Nekrasov und viele andere der Regierung bzw. Putin selbst die Verantwortung gaben.<\/em><\/p><p><em>Er war auch 2014 als Vertreter der liberalen russischen Intelligenz davon &uuml;berzeugt, dass in Russland ein autorit&auml;res System herrsche, gegen das man sich wehren m&uuml;sse und das, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45269\">wie der Fall Magnitzki<\/a> belegte, seine Gegner gnadenlos ermorde. Als sich ihm die M&ouml;glichkeit bot, den Fall filmisch aufzubereiten, war er daher sofort Feuer und Flamme.<\/em><\/p><p><em>Es sollte ein Film &uuml;ber den Whistleblower Sergej Magnitzki werden, doch es kam anders als urspr&uuml;nglich geplant. Das Problem: Im Gegensatz zu vielen westlichen Journalisten konnte Nekrasov die vom involvierten US-Gesch&auml;ftsmann Bill Browder zur Verf&uuml;gung gestellten Belege und Dokumente des Falles selbst lesen. Mit erstaunlichen Folgen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung f&uuml;r ihn, festzustellen, dass die offizielle Story mit der Realit&auml;t wenig bis gar nichts zu tun hatte. Der daraus resultierende Film dokumentiert diesen Erkenntnisprozess und stellt einen anderen Whistleblower in den Mittelpunkt: Andrej Nekrasov selbst.<\/em><\/p><p><em>Im Interview berichtet Nekrasov, wie es zu dem Gesinnungswandel kam und was dieser Prozess f&uuml;r ihn bedeutete. Er gibt seine jetzige Einsch&auml;tzung auf Russland wieder und berichtet von Folgen, die diese Positionierung f&uuml;r ihn pers&ouml;nlich nach sich zog. Seine Erfahrungen zeugen davon, wie schwer Journalismus, der sich der Wahrheit und nicht den eigenen Glaubenss&auml;tzen verpflichtet f&uuml;hlt, es gerade hier im Westen inzwischen wieder hat. Andrej Nekrasov kann davon ein sehr pers&ouml;nliches Lied singen.<\/em><\/p><p><strong>Wie wird man vom gefeierten systemkritischen Dokumentationsfilmer zu einem Filmemacher, dem vorgeworfen wird, Anh&auml;nger der Regierung Russlands zu sein?<\/strong><\/p><p>Darauf gibt es keine kurze Antwort, das war ein sehr langer Prozess. Es ist nicht so, wie man es aus Filmen kennt, nicht die Entscheidung zwischen der roten und der blauen Pille. Es ist ein Weg der Erkenntnis. Eines habe ich auf diesem Weg gelernt: jede politische Analyse wird gepr&auml;gt durch den eigenen Blickwinkel. Die Art und Weise, wie man eine Situation betrachtet, h&auml;ngt immer auch von der eigenen Agenda, dem eigenen Standpunkt ab. Aber diesen kann man ver&auml;ndern &ndash; muss man ver&auml;ndern, wenn man merkt, dass die Fakten gegen den bisherigen Standpunkt sprechen.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, Sie wurden nicht vom Kreml f&uuml;r den Film bezahlt?<\/strong><\/p><p>NEIN!<\/p><p><strong>Als Sie den Film &uuml;ber die Ermordung Litvinenkos drehten, waren Sie ja ein entschiedener Kreml- und Putin-Kritiker. Wie kam es zu dieser Ver&auml;nderung?<\/strong><\/p><p>Der Mord an Alexander war f&uuml;r mich ein Schock. Ich war unendlich w&uuml;tend. Er war mein Freund, ich begleitete ihn bis zu seinem Tod. Jemandem bei dieser Art des Sterbens zusehen zu m&uuml;ssen, ist furchtbar. Ich war &uuml;berzeugt davon, zu wissen, wer ihn umgebracht hat und warum.<\/p><p><strong>Sie waren &uuml;berzeugt &ndash; sind Sie es nicht mehr?<\/strong><\/p><p>Ich habe es definitiv geglaubt. Inzwischen verf&uuml;ge ich &uuml;ber Informationen &uuml;ber seine Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten. Heute bin ich nicht mehr so sicher &hellip; Wobei ich &ndash; auch mir selbst gegen&uuml;ber &ndash; zugeben muss, dass ich bereits damals ganz leise Zweifel hatte. Die Motivation war mir unklar. Worin lag das Interesse der Regierung, des russischen Staates, jemanden wie Sascha zu ermorden? So bedeutend und gef&auml;hrlich war er letzten Endes nicht. Viele, auch regierungskritische Menschen haben das damals gesagt. Aber das Ganze hat mich so extrem mitgenommen, Zweifel hatten da keine Chance. Erst durch den Fall Magnitzki geriet mein Bild &uuml;ber Russland, &uuml;ber das &bdquo;Regime&ldquo;, ins Wanken.<\/p><p><strong>Wie sah Ihr Bild denn aus?<\/strong><\/p><p>Vermutlich wie bei den meisten Liberalen, die das Russland unter Putin als eine Art Sowjetunion 2.0 einordnen. Unser Kampf gegen den Staat ist der Einsatz f&uuml;r das Gute. Gegen den unfreien Staat, der seine Kritiker bedroht, der die Medien steuert, gegen das System, das seine B&uuml;rger politisch unterdr&uuml;ckt. Das alles ist zwar auch nicht ganz falsch, aber es verschleiert die Tatsache, dass Russland Teil eines globalen, kapitalistischen Systems mit einer brutalen Wirtschaft geworden ist. Unterdr&uuml;ckung findet bei weitem nicht mehr nur politisch statt. Das Geld, die Wirtschaft, ja der Kapitalismus haben in Russland inzwischen viel st&auml;rkeren Einfluss als irgendeine Ideologie. Das wird aber von fast allen &uuml;bersehen &ndash; ob im Westen oder bei den Liberalen in Russland. Wer Russland verstehen will, muss das Finanzimperium in Russland unter die Lupe nehmen.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rden Sie die Situation in Russland heute einsch&auml;tzen?<\/strong><\/p><p>Russland ist ein autorit&auml;rer Staat. Aber der Herrscher ist das Geld, nicht Putin. Damit haben der Westen und Russland mehr gemeinsam, als es viele Menschen, auch sich selbst gegen&uuml;ber, zugeben wollen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hatte das Land schwach gemacht. In dieser Position der Schw&auml;che wurde es quasi in einer Art &bdquo;Blitz-Privatisierung&ldquo; vom Westen &uuml;bernommen. Die sogenannten Reformer unter Jelzin wurden vom Westen aus gesteuert. Keiner wusste, was es bedeutet, zu privatisieren, was es hei&szlig;t, das kollektive Verm&ouml;gen der Bev&ouml;lkerung zu verteilen. Privatisierung um jeden Preis, Privatisierung war der Fetisch, der Kapitalismus war fast gottgleich. Es galt beinahe als moralisch, in diesem Privatisierungsprozess die eigene Bev&ouml;lkerung auszurauben. Man war froh, dass die Jahre des sowjetischen Missmanagements vorbei waren &ndash; was dazu f&uuml;hrte, dass noch viel wildere kapitalistische Jahre folgten. W&auml;hrend dieser Jahre mussten breite Bev&ouml;lkerungsschichten viel mehr leiden, als das in der Sowjetunion zumindest in den post-stalinistischen Jahren der Fall gewesen war. Es war die Kombination von kindlicher Naivit&auml;t, Konfusion und brutaler neoliberaler Politik &ndash; mehrheitlich aus dem Westen &ndash; die dazu f&uuml;hrte, dass das Land ausblutete. Gleichzeitig sch&auml;mten sich viele Menschen f&uuml;r ihre eigene Vergangenheit. Die liberale Intelligenz schien dagegen in ihrer moralischen &Uuml;berlegenheit best&auml;tigt.  <\/p><p><strong>Welche Position nimmt die liberale Intelligenz in Russland ein?<\/strong><\/p><p>Sie steht schon seit Jahrhunderten f&uuml;r den Konflikt zwischen den Unterdr&uuml;ckten und dem russischem Staat. Viele unserer gr&ouml;&szlig;ten Dichter &ndash; Tolstoi oder Dostojewkski als Beispiele genannt &ndash; befassten sich in ihren Werken mit der Auseinandersetzung zwischen dem autorit&auml;ren Staat und dem gebildeten, intellektuellen Widerstand, der sich f&uuml;r die unterdr&uuml;ckten Massen engagierte. Autokraten als Feindbild der Intellektuellen, ob in der Zarenzeit, w&auml;hrend des Kommunismus oder heute unter der Pr&auml;sidentschaft von Putin. Diese Intelligenz forderte Freiheit und Demokratie und war begeistert von dem, was Jelzin und der Westen ihnen versprachen. Die Masse hatte zwar nicht genug zu essen &ndash; aber: &bdquo;Hey &ndash; endlich haben wir Demokratie!&ldquo;. Es kursierte der Spruch &bdquo;Selbst wenn die Mafia unsere Wirtschaft &uuml;bernimmt, alles ist besser als der Kommunismus&ldquo;.  Und dann kam Putin, stellte sich gegen Teile der Oligarchie, sorgte f&uuml;r Ordnung, f&uuml;r die Einhaltung der nationalen Interessen Russlands. Von seiner Regierung gingen f&uuml;r uns damals &auml;hnliche Signale aus wie von der Sowjetunion. Oberfl&auml;chlich betrachtet, aber f&uuml;r uns &ndash; die liberale Intelligenz, zu der ich mich ja auch z&auml;hlte &ndash; &auml;u&szlig;erst bedrohlich. Wir wollten keine R&uuml;ckkehr in die dunklen Zeiten der Unfreiheit. F&uuml;r die breite Bev&ouml;lkerung stellte sich diese neue, starke Regierung v&ouml;llig anders dar. Sie hoffte auf einen starken F&uuml;hrer, der im Land wieder f&uuml;r Ordnung und wirtschaftliche Stabilit&auml;t sorgt und gleichzeitig sicherstellt, dass Russland seine W&uuml;rde wieder zur&uuml;ckbekommt. Das hat Putin erreicht. Zumindest in bestimmten Grenzen, denn nat&uuml;rlich haben die Oligarchen immer noch sehr viel Einfluss im Land. Wie weit dieser reicht und wie &uuml;berraschend gering die Macht der russischen Regierung wirklich ist, zeigt ja gerade der Fall Magnitzki mehr als deutlich.<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Bill Browder hat seine Geschichte &bdquo;Der russische Staat hat meinen Anwalt umgebracht und Putin ist letztlich daf&uuml;r verantwortlich&ldquo; &uuml;berall unter die Leute gebracht. Auch in Russland. Fast die gesamte russische Presse ist seiner Story gefolgt &ndash; obwohl Browder f&uuml;r die Regierung ja &bdquo;persona non grata&ldquo; sein sollte. Aber die Regierung verf&uuml;gt eben nicht &uuml;ber die durchg&auml;ngige Kontrolle der Medien, wie allgemein angenommen wird. Im Gegenteil: ich habe inzwischen den Eindruck, dass die russische Presse freier ist als die des Westens.<\/p><p><strong>Das widerspricht aber v&ouml;llig der g&auml;ngigen Meinung. Wie ist das m&ouml;glich?<\/strong><\/p><p>Im Westen &uuml;bertr&auml;gt man immer die eigenen Strukturen auf Russland. Das passt aber nicht. Es gibt in Russland keine &bdquo;medialen Institutionen&ldquo; wie ARD, ZDF, Zeit, S&uuml;ddeutsche oder FAZ, die die Medienlandschaft wesentlich pr&auml;gen. Die Dinge sind nicht so systematisch und organisiert, wie man das aus Deutschland kennt. Nat&uuml;rlich gibt es in Russland einige Kan&auml;le, die bestimmten Linien folgen. Aber dabei geht es nur um die wichtigsten Themen auf den gro&szlig;en Sendern. F&uuml;r die Russen spielt das Internet aber eine deutlich gr&ouml;&szlig;ere Rolle in der Informationsbeschaffung, als das in Deutschland der Fall ist. Und die gro&szlig;en Filterblasen sind mehrheitlich pro-westlich orientiert. Dar&uuml;ber hinaus gibt es zahlreiche einflussreiche Medien wie die Nowaja Gaseta, Echo von Moskau, oder Dozhd TV, die ausgesprochen regierungskritisch sind und ihre Meinung frei publizieren. Es ist in Russland beinahe lukrativ, die Regierung zu kritisieren, vieles wird direkt oder indirekt vom Westen aus finanziert. Das ist nur wenigen bewusst, die meisten denken, die Kritiker sind Idealisten, wenn nicht Helden. Als ich einmal einen russischen Freund und Kollegen fragte, warum er die aus dem Westen stammenden Unwahrheiten wiederhole, antwortete er mir, er h&auml;tte seine Familie zu ern&auml;hren. Nochmals: in der Magnitzki-Story folgten nahezu alle Medien der Browder-Version, auch die Organe, die man als regierungstreu einordnen k&ouml;nnte. Letztlich haben alle das eine Narrativ &uuml;bernommen. Wenn es eine Zensur gibt, dann kommt die eher von Seiten der liberalen pro-westlichen Seite und nat&uuml;rlich vom Westen.<\/p><p><strong>Wie kommen Sie darauf?<\/strong><\/p><p>Seit ich aufgrund des Magnitzki-Filmes f&uuml;r viele &bdquo;die Seiten gewechselt&ldquo; habe und anfing, Bill Browder zu kritisieren, habe ich Schwierigkeiten, meine Texte auf bekannten und kritischen Webseiten in Russland zu publizieren. Das sind Seiten, auf denen vor vier Jahren noch 100.000 und mehr Leser meine Artikel verfolgt haben. Und meine Erfahrungen beim Versuch, den Film im Westen zu ver&ouml;ffentlichen, haben mich wirklich erschreckt. Es gibt eine sehr effiziente Zensur, still und leise, aber wirksam und konsequent. In den Mainstream-Medien bin ich &ndash; als bis dato sehr gesch&auml;tzter Dokumentarfilmer &ndash; nicht mehr von Interesse, werde ignoriert und totgeschwiegen. Nach au&szlig;en ist der Westen eine wundersch&ouml;ne Demokratie, die Realit&auml;t stellt sich mir allerdings anders dar. Die Chancen, als Putin-Kritiker im russischen Mainstream ver&ouml;ffentlichen zu k&ouml;nnen, sind deutlich gr&ouml;&szlig;er, als als Kritiker von US-Finanzoligarchen in f&uuml;hrenden westlichen Medien abgedruckt zu werden. Man kann sehr vieles im Westen kritisieren, aber wehe es tut dem Establishment wirklich weh. Die &bdquo;&uuml;blichen Verd&auml;chtigen&ldquo; in Politik und Gesellschaft &ndash; kein Thema. Browder pers&ouml;nlich ist eigentlich relativ unbekannt. Aber sein Fall ist zentral f&uuml;r ein Verst&auml;ndnis der heutigen Welt. Ein Kampf f&uuml;r die Menschenrechte in einem &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Land wie Russland l&auml;sst sich ironischerweise als Alibi f&uuml;r Betrug und Ausbeutung der Menschen dieses Landes missbrauchen. Und da mein Film genau das mit Zahlen, Daten und Fakten dokumentiert, muss die Ausstrahlung verhindert werden. Man merkt es nicht &ndash; oder will es nicht merken, dass gesellschaftliche Werte wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Solidarit&auml;t und Gerechtigkeit komplett untergraben werden. Ich bin weiterhin sehr kritisch, was die russische Regierung angeht. Ich habe einfach meinen Blick ge&ouml;ffnet und nenne Dinge beim Namen, die im Westen eben nicht so gern geh&ouml;rt werden. Ein Freund Browders bin ich jetzt auf jeden Fall nicht mehr.<\/p><p><strong>Waren Sie das &ndash; ein Freund von Bill Browder?<\/strong><\/p><p>In oberfl&auml;chlichem Sinne ja. Ich begann die Arbeiten an dem Film ja als typischer Vertreter der liberalen Intelligenz Russlands. Ich sah die klassischen Elemente: die autokratische Regierung, die unschuldige B&uuml;rger unterdr&uuml;ckt, die einen Whistleblower ermorden l&auml;sst, um ein korruptes System, das die freie Wirtschaft belastet, zu sch&uuml;tzen. Dann zum Schluss der grausame Tod in russischer Haft &ndash; ein hervorragender Plot f&uuml;r einen hervorragenden Film. Ich lernte alle wichtigen Leute rund um Browder kennen, traf auf den Partys die richtigen Leute, die Finanzierung war mit einem guten Budget gesichert. Mir standen alle wichtigen T&uuml;ren offen. In dem Sinne war ich sein Freund, aber das &auml;nderte sich sehr schnell, als ich begann, meine Zweifel zu formulieren.<\/p><p><strong>Wie kam es zu den Zweifeln?<\/strong><\/p><p>Der Film war ja nicht als investigative Dokumentation, sondern vielmehr als Tribut an einen Helden, als Doku-Drama geplant. Ich entwickelte ein Drehbuch, das ich meinen Schauspielern vermitteln musste. Die Motivation der handelnden Personen muss im Skript nachvollziehbar sein. Und auf einmal stellte ich fest, dass mir genau das nicht m&ouml;glich war. Laut der Browder-Story ging Magnitzki zur Polizei, um einen gravierenden Fall von Korruption bei der Polizei anzuzeigen. Welcher Whistleblower w&uuml;rde in Russland zur Polizei gehen? Welcher Whistleblower w&uuml;rde &uuml;berhaupt zur Polizei gehen? K&ouml;nnen Sie sich vorstellen, dass Snowden zum FBI geht, um dort zu berichten, dass er als CIA-Mitarbeiter wichtige Informationen an die &Ouml;ffentlichkeit bringen will? Whistleblower gehen zu den Medien und nicht zur korrupten und gewaltt&auml;tigen Polizei des repressiven Russlands. Das war eine von vielen Facetten, die mich an der Wahrheit zweifeln lie&szlig;en. Und nach den Zweifeln kamen die Fakten. Da ich neben Englisch und Deutsch eben Russisch beherrsche, konnte ich die von Browder vorgelegten Beweise selbst &uuml;berpr&uuml;fen. Um festzustellen, dass man dort nicht das las, was in der englischen Zusammenfassung pr&auml;sentiert wurde. Als ich dann ernsthaft begann zu recherchieren, kam eines zum anderen. Die Browder-Story war in zahlreichen Punkten, schlicht gesagt, falsch. Wenn man bedenkt, welche Konsequenzen dieser Fall auf politischer Ebene nach sich gezogen hat, war das ungeheuerlich. Der Name Magnitzki gilt ja inzwischen als ein Synonym f&uuml;r den Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen, und es gibt bereits mehrere Gesetze, die seinen Namen tragen. Und all das basierend auf &bdquo;Fakten&ldquo;, die keine sind. Als Journalist bin ich doch der Wahrheit verpflichtet&hellip;<\/p><p><strong>Die Wahrheit &ndash; war das der Grund, dass Sie den Film so v&ouml;llig anders realisierten als zun&auml;chst geplant?<\/strong><\/p><p>Nach einem sehr schwierigen Prozess, den ich im wesentlich mit mir allein ausmachen musste, war mir klar: das muss an die &Ouml;ffentlichkeit. Ich muss aber vor mir selbst zugeben, dass es nat&uuml;rlich auch etwas mit meinen beruflichen Ambitionen zu tun hatte. Es war einfach &bdquo;Wow &ndash; was f&uuml;r eine sensationelle Story!&ldquo;. Der journalistische Coup meines Lebens. Aber das war nicht der entscheidende Grund; entscheidend f&uuml;r mich war und ist, dass ich nicht belogen werden will. Wir wurden in den Zeiten der Sowjetunion belogen. Man sprach vom souver&auml;nen Volk, von Gerechtigkeit und Freiheit &ndash; und erlebte die Geheimpolizei, sah, wie das Volk belogen wurde, und dass es Gerechtigkeit und Freiheit nur f&uuml;r die M&auml;chtigen gab. Daran zerbrach das System in meinen Augen letzten Endes. Wird den Menschen bewusst, dass sie in wesentlichen Bereichen belogen werden, erwacht der Widerstand. Wenn man sich Bill Browder mit kritischen Augen ansieht, geht es um einen enorm gierigen westlichen Firmenboss, der keinerlei Steuern zahlen will, obwohl diese in Russland bereits sehr niedrig sind. Er nutzt jedes legale und illegale Schlupfloch aus und wird daf&uuml;r von der russischen Polizei bzw. vom Staat juristisch verfolgt. Als Teil der westlichen Machtelite betont dieser Firmenboss gleichzeitig die eigene moralische &Uuml;berlegenheit und sieht sich als einer derjenigen, die den Russen beibringen m&uuml;ssen, wie Demokratie, westliche Werte und Gesch&auml;ftsleben funktionieren. Die Zeit in der Sowjetunion war durch L&uuml;gen gepr&auml;gt, und das neue, neoliberal-kapitalistische System &ndash; f&uuml;r das Bill Browder und die Oligarchen um ihn herum stehen &ndash; basiert wiederum auf L&uuml;gen. Das hat mich richtig w&uuml;tend gemacht. Ich musste einfach handeln.<\/p><p><strong>Haben Sie mit den Folgen gerechnet, die anschlie&szlig;end auf Sie zukamen?<\/strong><\/p><p>Nein. Dass es Schwierigkeiten geben w&uuml;rde, habe ich erwartet. Aber diese Form der Zensur, diesen massiven Widerstand im demokratischen Westen &ndash; nein, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.  <\/p><p><strong>Mit welchen Folgen sind Sie denn konfrontiert?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r meine Karriere ist es eine Katastrophe. Vom Grimme-Preistr&auml;ger, bekannt f&uuml;r russlandkritische Filme, zur kontroversen Person, der man unterstellt, von der russischen Regierung bezahlt zu werden, ist ein weiter Weg. Mein Ruf ist quasi ruiniert. Ich sp&uuml;re, dass Menschen mich als Risikofaktor wahrnehmen und mir eher verhalten bzw. sehr skeptisch gegen&uuml;bertreten. Selbst meine Kollegen in Norwegen, die mich unterst&uuml;tzen und zu mir stehen, sind dadurch belastet. Da ist ein Zweifel, ein Schatten, der &uuml;ber mir schwebt, das l&auml;uft wohl v&ouml;llig unbewusst. Mir nimmt es die M&ouml;glichkeit, wirklich frei zu arbeiten.<\/p><p><strong>Wie geht es jetzt weiter?<\/strong><\/p><p>Ich setze alles daran, dass &bdquo;The Magnitzki Act&ldquo; doch noch eine breite &Ouml;ffentlichkeit erreicht. Gleichzeitig arbeite ich an einem neuen Film &ndash; kritisch beobachtet von meinem Umfeld. Ich hoffe, dass der Schatten nicht zu einer Selbstzensur f&uuml;hrt, das w&auml;re f&uuml;r meine kreative Arbeit wirklich t&ouml;dlich. Kreatives Schaffen &ndash; jeder Artikel, jeder Film, jede Dokumentation &ndash; beinhaltet immer Risiken. Geht man diese Risiken nicht mehr ein, nimmt man R&uuml;cksicht, dann wird alles zur Routine &ndash; und damit nur noch Durchschnitt. Das ist meine gr&ouml;&szlig;te Bef&uuml;rchtung f&uuml;r meine pers&ouml;nliche Zukunft.<\/p><p><strong>Da k&ouml;nnen wir Ihnen alle nur w&uuml;nschen, dass das nicht eintritt! Viel Erfolg und weiter so!<\/strong><\/p><p><em>Ob Andrej Nekrasov in seinem Film &bdquo;The Magnitzki Act&ldquo; nun die ganze Wahrheit berichtet, kann ich nicht beurteilen. Das redliche Bem&uuml;hen, der Wahrheit so nah wie m&ouml;glich zu kommen, war f&uuml;r mich aber bereits im Film &uuml;berdeutlich sp&uuml;rbar. Ich w&uuml;rde mir w&uuml;nschen, dass es mehr Dokumentarfilmer und Journalisten gibt, die mir genau dieses Gef&uuml;hl vermitteln. Und nat&uuml;rlich, dass das dann auch von den gro&szlig;en Medien gew&uuml;rdigt wird.<\/em><\/p><p>Titelbild: Privat<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn von Russland und Pressefreiheit die Rede ist, geht es meist um die vermeintliche Behinderung regierungskritischer Berichterstattung durch den Kreml. Zum Thema geh&ouml;rt jedoch auch ein von arte und dem ZDF <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45269\">produzierter Dokumentarfilm<\/a> &uuml;ber einen zu Tode gekommenen Anwalt, der als Begr&uuml;ndung f&uuml;r die ersten US-Sanktionen gegen Russland herhalten musste; ein Film, dessen Ausstrahlung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48384\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":48385,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,35,209,123,20,41],"tags":[2407,909,2548,305,2520,2549,1337,1415,915,259,1087,1019,220],"class_list":["post-48384","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-landerberichte","category-medienanalyse","tag-jelzin-boris","tag-kapitalismus","tag-magnitzki-sergej","tag-menschenrechte","tag-mord","tag-nekrasov-andrej","tag-oligarchen","tag-pressefreiheit","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-whistleblower","tag-wirtschaftssanktionen","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/190113_nekrassov.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48384"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48384\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82546,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48384\/revisions\/82546"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/48385"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}